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    P. Robinson Rössner, Deflation – Devaluation – Rebellion (Christian Erb)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Philipp Robinson Rössner, Deflation – Devaluation – Rebellion: Geld im Zeitalter der Reformation, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2012, XXXIII–751 S. (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – Beihefte, 219), ISBN 978-3-515-10197-4, EUR 89,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christian Erb, Frankfurt am Main

    Von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts waren instabile Währungsverhältnisse ein wesentlicher Faktor für soziale, politische und kulturelle Umwälzungen im Heiligen Römischen Reich. Reformation und Bauernkriege sind von diesen instabilen Geldverhältnissen wesentlich beeinflusst worden. So lautet die Generalthese des zu besprechenden Buches. Die Zerrüttungen im Münzwesen erkennt der Autor in Verrufungen (einer Münzsorte wird die Zahlkraft aberkannt) und Abwertungen (Devaluationen, der offizielle Kurs und damit die Kaufkraft einer Münzsorte wird herabgesetzt), Klagen über Kleingeldmangel und allgemeine Deflation. Als Hauptursache für diese Probleme benennt Rössner für seinen Untersuchungshorizont eine im Trend anhaltende Deflation. Demnach wuchs auf der Nachfrageseite der Geldbedarf, weil der strukturelle Wandel in der Gesellschaft das monetäre Transaktionsaufkommen steigen ließ: Demografischer Wandel, Urbanisierung, Kommerzialisierung und Monetarisierung der Wirtschaftsbeziehungen führten dazu, dass immer mehr Austauschverhältnisse in Geld bewertet und mit Geld, vor allem mit Bargeld bestritten wurden. Das Geldwesen war jedoch ein rein metallistisches, nur die Edelmetalle Gold und vor allem Silber galten als »wahres« Geld. Gerade während der von ihm untersuchten Phase, so die These des Autors, konnte die wachsende Geldnachfrage nicht erfüllt werden, weil die Silberproduktion in Europa sank.

    Das Silber war im Untersuchungszeitraum zum zentralen Münzmetall geworden. Hier greift der Autor die These vom »Great Bullion Famine« auf, also einem sich verschärfenden relativen Silbermangel. Jahrhundertelang war wegen der anhaltend negativen Leistungsbilanz zwischen Europa und Fernost Silber von hier nach dort abgeflossen. Im späten 15. Jahrhundert, so die vom Autor aus seinen Quellen unterstützte »Bullion Famine«-These, verschärfte sich ein struktureller Silbermangel durch rückläufige Förderleistungen des mitteleuropäischen Silberbergbaus, seinerzeit der mit Abstand wichtigste der Welt. Der Autor schätzt, dass von dieser Förderung 70 bis 80% via Antwerpen und Lissabon nach Asien verschifft wurden.

    Den Münzherren war es demnach mangels Münzrohstoff Silber kaum möglich, die wachsende inländische Nachfrage nach gutem, d. h. hochlegiertem Silbergeld zu befriedigen. Stattdessen wurde Kleingeld geprägt, und die Münzfüße, also der Feingehalt pro Währungseinheit bzw. pro Währungsmünze, sanken im Trend. Das wiederum löste sinkende Wechselkurse für wichtige Leitmünzen aus, kursierende Münzsorten wurden devaluiert oder verrufen. Außerdem spricht der Autor allgemein von Deflation, die er für das späte 15. Jahrhundert besonders anhand sinkender Roggenpreise indiziert. Die berühmte Preisrevolution mit einem Umkippen zu einem allgemeinen inflationären Preistrends folgte erst in den 1520er Jahren. Dafür ist dann vornehmlich aus den spanischen Kolonien zufließendes amerikanisches Silber gemacht worden.

    Seine Thesen arbeitet der Autor in fünf Kapiteln aus, die rund 660 Seiten des insgesamt 750 Seiten umfassenden Bandes einnehmen, nicht gerechnet die vorangestellte englische Zusammenfassung. Alle Kapitel sind von dem Versuch geprägt, den historischen Befund, die Quellen und deren Aussage immer wieder mit moderner geldtheoretischer Begrifflichkeit und Theoriesicht zu fassen, denen der Autor eine Reihe von Erläuterungen und Exkurse widmet. Allerdings hält er sich stets an die Lehrbuchansätze der neoquantitativen Geldtheorie, die mit ihrer simplen Mechanistik schon länger vor allem didaktischen Wert haben. Der Autor nutzt die Definitionen der monetären Quantitätstheorie als »heuristisches Konzept«. Er erklärt sehr plausibel, warum man im frühneuzeitlichen Münzwesen kaum etwas seriös quantifizieren kann. Allerdings fragt man sich, wozu diese Ansätze dann dienen sollen. Schon der Geldtheorie im späten 19. Jahrhundert war klar, dass quantitätstheoretische Sichtweisen kaum zur Analyse historischer Sortengeldsysteme taugen, die damals ja zum Teil noch existierten.

    Eigentlich braucht der Autor diese Terminologie auch gar nicht, um die Strukturprobleme der frühneuzeitlichen Geldwirtschaft herauszuarbeiten und seine Thesen zu entwickeln. Vor allem in der Fragmentierung der Münzemission arbeitet er ein zentrales Problem heraus: einerseits die große Münze, also hochwertiges Silberkurant, andererseits eine Flut minderwertigen Klein- und Scheidegeldes. Vor dem Hintergrund des sinkenden relativen Rohsilberangebotes sind es wohl hauptsächlich die Gewinninteressen der Münzherren und betriebswirtschaftliche Kalküle der Münzstätten gewesen, die diese Verhältnisse bewirkt haben. Konsequenterweise sanken auch die Münzfüße kontinuierlich. Die zeitgenössische Diskussion der Frage, wie der Verfall der Münzfüße zu stoppen sei, erörtert Rössner beispielhaft anhand sächsischer Archivquellen. Dabei bezieht er den in der ökonomischen Dogmengeschichte berühmten ernestinisch-albertinischen Münzstreit ein.

    Sehr plausibel zeigt der Autor anhand seiner Quellen, wie der Barzahlungsverkehr in der Frühen Neuzeit in verschiedene Sphären zerfiel, wie in bestimmten Wirtschaftszweigen bestimmte Münzsorten vorherrschten, andere Münzsorten hingegen ausgeschlossen oder verdrängt wurden. Der Geldverkehr war nicht nur regional, sondern auch nach Wirtschaftsbereichen, -sektoren und -ebenen fragmentiert. Dies übersetzte sich in eine soziale Fragmentierung. Während der Großverkehr auf »grobe Münze«, also hochwertiges Silbergeld oder Gold ausweichen konnte, blieb den unteren Schichten das schlechte, sich im Wert laufend vermindernde und von Devaluationen bedrohte unterwertige Kleingeld. Namentlich die ländlichen Schichten litten besonders unter der »bösen Müntz«. Diese sozialgeschichtliche Auswirkung der Münzzerrüttung zeigt Rössner in Quellen zu den Bauernaufständen auf.

    Rössners Forschungskonzept ist auf Transdisziplinarität angelegt. Er verknüpft Methoden der historischen Frühneuzeitforschung, der Sozialgeschichte, der numismatischen Münzkunde und der Soziologie, dazu kommen, wie erwähnt, Grundbegriffe der Geldtheorie insbesondere quantitätstheoretisch-monetaristischer Prägung. Methodisch wie argumentativ wechselt der Autor jeweils von rein systematischen apriorischen Überlegungen zu historiografischen Einzelbefunden, die von Quellendetails oder Zitaten bis zu peniblen Aufzählungen reichen. Ihm in der Darstellung zu folgen, ist nicht immer leicht, zumal das Buch auf seinen mehr als 660 Textseiten mit erheblichen Redundanzen, Exkursen und Assoziationen aufwartet. Es werden immens viele Dinge angesprochen, die vom Quellendetail bis zum Weltwissen reichen. Dann können schon in kurzer Folge die Heilige Schrift, Lenin, James Steuart und das Geldmengenkonzept zitiert werden (Seite 14f.). Dabei geht der Autor bemerkenswert affiziert zu Werke. Der breite methodische Anspruch und die Heterogenität von Quellen, Literatur und Fachwissenschaften erklären wahrscheinlich die semantischen wie stilistischen Brüche im Text. Das macht das Werk relativ schwer erschließbar, zumal man mangels eines Registers Einzelfragen kaum gezielt nachschlagen kann. Erwähnt soll sein, dass die Leserin und der Leser im Text immer wieder auf, freundlich ausgedrückt, axiologische Anmerkungen treffen, über deren Nutzen man ebenso sinnieren kann wie über deren Angemessenheit.

    Die historiografisch beschreibenden und erklärenden Ausführungen sind erhellend. Zu diskutieren geben aber die – anders als vom Autor sicher gewünscht – unklaren Definitionen, und die Kernprämissen, auf die er seine Thesen insbesondere zur sozioökonomischen Transmission von einem Silberzufuhrproblem zur Deflation stellt. Schon dieser Kernbegriff bleibt unklar: Was ist mit Deflation gemeint? Quantitätstheorie und Monetarismus gehen kurzerhand davon aus, dass steigende Preise stets durch eine über das Produktionspotenzial hinaus wachsende Geldmenge begründet sind. Deshalb sind in dieser ökonomischen Gedankenwelt Ursache (Aufblähung, also Inflation der Geldmenge) und Wirkung (Teuerung) begrifflich dasselbe. Das gilt analog für das adverse Phänomen: Deflation gleich sinkende Preise gleich quantitative Unterversorgung mit Geld. Rössner führt nun aber eine Reihe wichtiger o. g. historischer Aspekte ein, die genau diesen begrifflichen Kurzschluss eigentlich ausschließen. So wird Deflation zu einem diffusen Begriff, der zugleich Ursachen, Wirkungen und Transmission beschreiben kann.

    In diesem Sinn kann man auch andere elementare ökonomische Prämissen der Arbeit hinterfragen. Kann man heute wirklich noch Märkte als reine Mengenanpassungssysteme betrachten? Ausgerechnet Geld- bzw. Sortenmärkte? Ist die Indikation von Deflation über Einzelpreise zulässig? Gerade in einer agrarischen Gesellschaft? Wenn es eine Distinktion zwischen Metall und Münze gibt, und eine im Trend marginal nachlaufende Nettosilberzufuhr zu einer wachsenden Nominalgeldmenge (Kleingeldflut) führt, müssten dann die Preise nicht steigen statt sinken? Preise wurden schließlich nicht in Silber, sondern in Kurant (Währungsmünze) fakturiert, und der Autor führt selbst sehr gut aus, wie Kurant und Spezies ständig auseinanderdrifteten. So spannend und anregend die Einzelausführungen des Werkes sind, so trefflich lässt sich darüber streiten, wie plausibel und stichhaltig bei diesem Thema die gewählte ökonomische Mechanistik ist.

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    PSJ Metadata
    Christian Erb
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Deflation – Devaluation – Rebellion
    Geld im Zeitalter der Reformation
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Wirtschaftsgeschichte
    16. Jh.
    1450-1525
    Europa (4015701-5), Deflation (4124773-5), Abwertung (4141203-5), Bauernkrieg 1525 (4069173-1)
    PDF document roessner_erb.doc.pdf — PDF document, 269 KB
    P. Robinson Rössner, Deflation – Devaluation – Rebellion (Christian Erb)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/roessner_erb
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:30
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