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    L. Palmer Wandel (ed.), A Companion to the Eucharist in the Reformation (Peter Walter)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Lee Palmer Wandel (ed.), A Companion to the Eucharist in the Reformation, Leiden (Brill Academic Publishers) 2014, XX–518 p., 64 ill. (Brill’s Companions to the Christian Tradition, 46), ISBN 978-90-04-20410-2, EUR 185,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Walter, Freiburg i. Br.


    Von einem Konsens über Eucharistietheologie und -praxis scheinen die christlichen Konfessionen gegenwärtig noch weit entfernt. Die Auseinandersetzungen darum begannen jedoch nicht erst in der Reformationszeit. Das rechte Verständnis der Eucharistie ist umstritten, seit man dieses mit Hilfe von philosophischen Begriffen und Vorstellungsmodellen zu klären versuchte. Der vorliegende Band, der unterschiedliche Facetten des Eucharistieverständnisses im Reformationsjahrhundert vorstellt, setzt mit einem ebenso knappen wie erhellenden Überblick über das »mittelalterliche Erbe« ein, den Gary Macy verfasst hat. Er legt den Schwerpunkt auf die sog. Gregorianische Reform des 12. Jahrhunderts, die in dem wirkmächtigsten der hochmittelalterlichen Papstkonzilien, dem 4. Laterankonzil (1215), kirchenrechtlich umgesetzt wurde. Die Eucharistiefeier wird zur Domäne des Priesters, der aufgrund seiner Weihe die Vollmacht besitzt, Christi Leib und Blut auf dem Altar gegenwärtig werden zu lassen. Zur Erklärung für das, was dabei mit Brot und Wein geschieht, griff man auf die aristotelischen Kategorien von Substanz und Akzidenzien zurück. Von den unterschiedlichen, mit ihrer Hilfe ausgearbeiteten Theorien setzte sich die Auffassung einer Transsubstantiation (Wesensverwandlung) durch, nach der die Substanz von Brot und Wein in diejenige des Leibes und Blutes Christi verwandelt wird, während die äußere Erscheinung unverändert bleibt. Dabei stellte sich allerdings das Problem, dass im Augenblick der Wandlung die äußeren Erscheinungsformen keine Trägersubstanz haben, was philosophisch als unmöglich angesehen wurde und von den Vertretern dieser Theorie durch den Rekurs auf ein Wunder gelöst werden musste. Konkurrierende Theorien wie die Auffassung, dass sowohl die Substanz der Mahlgaben als auch des Leibes und Blutes Christi gegenwärtig sind (Konsubstantiation), wurden zunächst nicht verurteilt. Für die eucharistische Frömmigkeit spielten das 1264 eingeführte Fronleichnamsfest und zahlreiche Wunder, die die Realität der Anwesenheit Christi in der Eucharistie beweisen sollten, ebenso eine Rolle wie die sich immer mehr etablierende Auffassung, dass jedes Messopfer für unterschiedliche Anliegen, vor allem auch für die Befreiung der Seelen aus dem Fegfeuer, eingesetzt werden kann.

    Vor diesem Hintergrund werden im ersten Teil die unterschiedlichen Eucharistietheologien des 16. und frühen 17. Jahrhunderts vorgestellt. Volker Leppin zeigt, dass Luthers Kritik an der zeitgenössischen Eucharistietheologie und -praxis und das von diesem entwickelte Gegenmodell zutiefst von dessen Rechtfertigungslehre geprägt waren: Da Gott für Luther der allein Handelnde ist, entfallen alle Formen menschlicher Mitwirkung wie etwa die Messe als Opfer; ersteres ist für ihn auch der Grund, die Realpräsenz Christi »in und unter Brot und Wein« gegen andere reformatorische Ansätze festzuhalten. Vom Scheitern der Einigung zwischen Luther und den oberdeutschen und Schweizer Reformatoren, die 1529 beim Marburger Religionsgespräch versucht wurde, ist auch im Folgenden die Rede. In ihrer Darstellung der Zürcher Reformatoren Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger legt Carrie Euler Wert darauf, dass deren Position sich nicht in der Ablehnung der leiblichen Gegenwart Christi unter den Mahlgaben samt der dafür von Luther und den Katholiken angeführten Argumente erschöpft, sondern durchaus eine geistige Gegenwart annimmt und das »Nachtmahl« als Gedächtnisfeier wie als Mittel zur Glaubensstärkung würdigt. Da Martin Bucer zwischen den unterschiedlichen Positionen vermitteln wollte, erscheint er als ein unsicherer Kantonist, zu Unrecht, wie Nicholas Thompson meint. Nachdem man Nicholas Wolterstorffs Beitrag gelesen hat, der nicht nur den performativen Charakter der Eucharistietheologie Johannes Calvins, sondern auch die einzigartige Bedeutung herausarbeitet, die für diesen dabei der Heilige Geist spielt, stellt man mit Bedauern fest, dass im Register das Stichwort »Holy Spirit« fehlt, das einen schnellen Überblick darüber erlaubte, wie die anderen hier vertretenen Theologen das sehen. In dem Beitrag von John D. Rempel über die Täufer stößt man allenthalben auf deren Pneumatologie, die für deren Eucharistieauffassung und -praxis ebenso wichtig ist wie deren Christologie und Verständnis der Kirche als überschaubare Gemeinschaft von Menschen, die bewusst ihren Glauben leben. Bei den Vertretern dieser vor allem in den Niederlanden, der Schweiz, Mähren, der Slowakei und Österreich gelebten Spielart der Reformation trat deshalb der Mahlcharakter des Abendmahls in den Vordergrund. In seinem Überblick über die anglikanische Eucharistielehre greift James F. Turrell bis ins 17. Jahrhundert aus, um am Beispiel der verschiedenen Ausgaben des »Book of Common Prayer« und der dafür maßgeblichen Theologen das Oszillieren zwischen einer mehr katholischen und einer mehr reformierten Sicht zu beschreiben. Auch Robert J. Daly, der die Eucharistiedekrete des Konzils von Trient vorstellt, bezieht die Entwicklung bis ins frühe 17. Jahrhundert mit ein, wenn er zeigt, dass die katholischen Theologen der nachtridentinischen Epoche sich an einem Opferverständnis abarbeiteten, das gerade nicht dasjenige des Neuen Testamentes war, sondern ein religionsgeschichtliches mit der Zerstörung der Opfergabe als Zentrum. Während das Tridentinum hier nicht festgelegt war, war es das Hauptbestreben der genannten Theologen, dieses in der Messe wiederzufinden, wodurch sie sich der protestantischen Position diametral entgegenstellten. Von allen Beiträgen ist derjenige Dalys der einzige, der danach fragt, ob dieser und ähnliche Gegensätze der Reformationszeit heute noch die Konfessionen spalten müssen, und er meint, dass gerade die liturgie- und theologiegeschichtliche Forschung zeige, dass jene Divergenzen überwindbar seien. Schade, dass er das nicht auch im Hinblick auf die Kompatibilität der unterschiedlichen Vorstellungen der Gegenwart Christi im Abendmahl durchgeführt hat.

    Aus Platzgründen können die teilweise mit Abbildungen versehenen übrigen Teile des Bandes nicht in gleicher Weise gewürdigt werden. Der 2. Teil behandelt die liturgische Praxis der vorgestellten Konfessionen, wobei der Blick auf die Neue Welt besondere Aufmerksamkeit verdient. Die drei folgenden Teile zeigen, wie die unterschiedliche Gestalt der Eucharistiefeier sich auf den Kirchenbau, auf Kunst und Kirchenmusik auswirkt. Der abschließende 6. Teil würdigt die poetische Auseinandersetzung mit dem Thema der Eucharistie bis zur Aufklärung.

    Ein Manko des verdienstvollen Werkes ist das unvollständige Personen- und Sachregister, das das vorhandene Material nicht adäquat erschließt. So fehlen hier etwa zahlreiche Theologen, die in dem Buch durchaus vorgestellt werden. Dem Tridentinum ist ein eigener Beitrag gewidmet, aber im Register, wo Bezugnahmen darauf in anderen Artikeln hätten verzeichnet werden können, fehlt ein Eintrag. Ein Bibelstellenregister wäre hilfreich, um die unterschiedlichen Interpretationen, die die klassischen Belegstellen für die Eucharistielehre gefunden haben, miteinander vergleichen zu können. Alles in allem bietet das Handbuch eine zuverlässige, von einschlägigen Fachleuten verfasste Übersicht über die Eucharistietheologie und -praxis des Reformationsjahrhunderts und darüber hinaus.

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    PSJ Metadata
    Peter Walter
    Deutsches Historisches Institut Paris
    A Companion to the Eucharist in the Reformation
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh.
    1500-1600
    Abendmahl (4000081-3), Eucharistie (4015644-8)
    PDF document palmerwandel_walter.doc.pdf — PDF document, 261 KB
    L. Palmer Wandel (ed.), A Companion to the Eucharist in the Reformation (Peter Walter)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/palmerwandel_walter
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:26
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