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J. McKee, R. Vigne (ed.), The Huguenots (Ulrich Niggemann)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jane McKee, Randolph Vigne (ed.), The Huguenots. France, Exile & Diaspora, Brighton (Sussex Academic Press) 2013, X–255 p., ISBN 978-1-84519-463-5, GBP 55,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ulrich Niggemann, Marburg

Alle fünf Jahre findet der International Huguenot Congress statt. Unter dem Titel »The Huguenots. France, Exile & Diaspora« liegen nun die Beiträge zum 5. Kongress von 2010 in Buchform vor. Dem seinerzeitigen Veranstaltungsort Londonderry entsprechend lässt sich ansatzweise eine Schwerpunktbildung der Beiträge im Bereich des irischen Refuge feststellen, doch ansonsten vermittelt der Band einen eher heterogenen Eindruck. Die Dreiteilung in »France«, »Exile« und »Diaspora« erlaubt die Aufnahme eines breiten thematischen Spektrums, wobei, wie die Herausgeber eingangs feststellen, der Abschnitt zu Frankreich sich allein auf die Zeit vor der Revokation des Edikts von Nantes (1685) bezieht und somit der Fortexistenz des Protestantismus im Königreich nach 1685 kaum Aufmerksamkeit schenkt. Stattdessen rücken mit dem Revokationsedikt – eher konventionell – die Auswanderung und das Refuge in den Fokus.

Der erste Teil – »France« – versammelt eine Reihe recht unterschiedlicher Beiträge, die sich mit der Erinnerungskultur (Jean-Paul Pittion), dem Umgang mit Sterben und Tod (Yves Krumenacker), der Idee religiöser Freiheit (Pieter Coertzen, Christina L. Griffiths) sowie einzelnen Familien und Personen beschäftigen (Vivien Costello, Jane McKee, Andreas Flick). Die Auseinandersetzung mit hugenottischen Erinnerungskulturen ist zweifellos eine in den letzten Jahren verstärkt verfolgte und zugleich sehr fruchtbare Forschungsperspektive, eröffnet sie doch Einblicke in hugenottische Identitäten und Kollektivierungsprozesse. Was Pittion hier bietet, bleibt allerdings recht vage. Ohne Auseinandersetzung mit der bereits vorhandenen Forschungsliteratur stellt er lediglich einige bildliche und textliche Publikationen vor (darunter die allseits bekannten von Jean Crespin und Pierre Jurieu) und präsentiert knapp die darin entwickelten Narrative. Interessant wären allerdings gerade die Verbindungen zwischen den zeitlich weit auseinanderliegenden Darstellungen gewesen, zumal Erinnerungskulturen sich eben gerade dadurch auszeichnen, dass vorhandene Bilder und Narrative aktualisiert und an neue Kontexte angepasst werden. Etwas unterkomplex wirken auch die Erörterungen von Krumenacker zu Sterben und Tod. Die Unterscheidung zwischen einem idealisierten Bild des Todes und einer Sterbepraxis, die wiederum aus Berichten vom Sterbebett gewonnen wird, wirft Fragen nach der Quellenkritik und dem grundsätzlichen »Realitätsgehalt« der verwendeten Quellen auf. Coertzens Beitrag setzt bereits bei der sogenannten »Konstantinischen Wende« von 312 n. Chr. an, um in ganz knapper – und insgesamt wohl doch eher oberflächlicher – Weise das Verhältnis von Kirche und Staat bis in die Frühe Neuzeit hinein zu erörtern. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Darstellung der hugenottischen Toleranzforderung sowie des Edikts von Nantes etwas einseitig.

Weit gelungener sind eine Reihe von Aufsätzen im zweiten Teil – »Exile«. So weist Carolyn Lougee Chappell auf den hochinteressanten Fall eines protestantischen Spions der französischen Krone im Herzen des niederländischen Refuge hin. Der Sieur de Tilliers versorgte offenbar den französischen Botschafter in Den Haag, d’Avaux, regelmäßig mit Informationen über die Aktivitäten der Refugiés sowie über geplante Fluchtversuche von noch in Frankreich befindlichen Hugenotten. Lougee Chappell kann herausarbeiten, dass offenbar nicht nur die Bezahlung, sondern auch eine Art innere Befriedigung über erfolgreiche Denunziationen de Tilliers’ Handlungen motivierten. Verstärkt wurden diese Motive offenbar auch durch den Rückkehrwunsch de Tilliers. Hier zeigt sich erneut die Vielfalt von Motiven und Handlungsmustern unter den Emigranten. Zu den gelungenen Beiträgen gehört zweifellos auch derjenige von David van der Linden, der die mittlerweile nicht mehr ganz neue Feststellung pluraler Auswanderungsmotive anhand von Quellenmaterial über eine Gruppe von aus Dieppe nach Rotterdam ausgewanderten Hugenotten untermauert. Auch hier wird deutlich, dass zwar die religiöse Verfolgung ein wichtiger Mobilisierungsfaktor war, dass aber die individuelle Entscheidung zur Flucht bzw. zum Verbleib in Frankreich von einer Reihe weiterer Faktoren abhing. Van der Linden betont dabei den sozialen Charakter von Migration, die Existenz von Netzwerken und von Informationstransfers. Das Wissen um die bestehenden Möglichkeiten und eine realistische Chance auf ein Auskommen im Ausland begünstigten ganz offensichtlich die Auswanderungsentscheidung. Mit dem hochinteressanten Fall von zum Protestantismus konvertierten katholischen Geistlichen im Londoner Exil beschäftigt sich der leider viel zu knapp geratene Beitrag von Didier Boisson. Diese kleine Personengruppe sah sich einer besonderen Integrationsschwierigkeit gegenüber, musste sie doch wie alle anderen Immigranten in der Fremde Fuß fassen, war aber zugleich dem Misstrauen insbesondere der hugenottischen Refugiés ausgesetzt.

Im dritten Teil – »Diaspora« – geht es zunächst erneut um einzelne Familien und Individuen, darunter der bereits vielfach dargestellte Henri de Massue de Ruvigny, Earl of Galway (Marie Léoutre). Der Irland-Schwerpunkt des Bandes, der sich gerade in diesem Teil deutlich zeigt, mag die erneute Beschäftigung mit dem Initiator der Ansiedlung von Portarlington rechtfertigen. Weitaus ergiebiger ist indes die Beschäftigung von Máire Kennedy mit hugenottischen Lesern im Irland des 18. Jahrhunderts. Hier erhält man Aufschluss über den Buchhandel in Dublin und die intellektuellen Verbindungen irischer Hugenotten zu den Diskussionen der Zeit. Auch der Anhang mit einer Liste von Druckerzeugnissen hugenottischer Verfasser zwischen 1700 und 1755 mag als Anregung für weitere ideengeschichtliche Forschungen dienen. Das Buch schließt mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis, das freilich losgelöst von den Einzelbeiträgen wenig zur Dokumentation beiträgt.

Insgesamt enthält der Band zwar einige lesenswerte Beiträge, doch ist zu befürchten, dass diese in dem eher heterogenen und wenig zielgerichteten Band untergehen. Bedauerlich ist das Fehlen einer übergreifenden Konzeption und einer den Band zusammenhaltenden Fragestellung. Vieles wirkt allzu bekannt, und gerade den personen- und familienbezogenen Beiträgen gelingt es nicht, allgemeinere und weiterführende Ergebnisse oder Perspektiven zu formulieren.

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PSJ Metadata
Ulrich Niggemann
Deutsches Historisches Institut Paris
The Huguenots
France, Exile & Diaspora
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco, Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte
Neuzeit bis 1900
Hugenotten (4026112-8)
PDF document mckee_niggemann.doc.pdf — PDF document, 327 KB
J. McKee, R. Vigne (ed.), The Huguenots (Ulrich Niggemann)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/mckee_niggemann
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
Zugriff vom: 23.07.2017 06:31
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