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B. Krulic (dir.), L’ennemi en regard(s) (Silvia Richter)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Brigitte Krulic (dir.), L’ennemi en regard(s). Images, usages et interprétations dans l’histoire et la littérature, Bern, Berlin, Bruxelles et al. (Peter Lang) 2012, VIII–293 p. (Travaux interdisciplinaires et plurilingues en langues étrangères, 18), ISBN 978-3-0343-1144-1, EUR 78,40.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Silvia Richter, Berlin

Der vorliegende Band versammelt Beiträge einer internationalen Tagung, die im November 2011 an der Université Paris-Nanterre unter der Leitung von Brigitte Krulic (Université Paris-Ouest), Vladislav Rjéoutski (University of Bristol) und Katja Schubert (Université Paris-Ouest) stattfand. Im Mittelpunkt stand eine interdisziplinäre Annäherung an die Funktionen und Genealogien des »Feind«-Bildes vom 18. bis 21. Jahrhundert, mit dem Ziel sich anhand historischer Quellen sowie literarischer Texte auseinanderzusetzen mit der Konstruktion, Verbreitung und Instrumentalisierung von Feindbildern. Das Besondere dieses Tagungsbandes liegt dabei nicht nur in der interdisziplinären Herangehensweise, sondern auch in der fruchtbaren Gegenüberstellung verschiedener geographischer, gesellschaftlicher und politischer Bereiche. So ergänzen sich die Aufsätze thematisch in sehr guter Weise, indem sie jeweils sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen: zu Frankreich, Deutschland und Russland, aber auch zum deutsch-französischen und französisch-russischen Verhältnis sowie zu den Beziehungen der BRD und DDR. Warum und in welcher Weise in diesen unterschiedlichen Konstellationen jeweils das Aufkommen, die Verbreitung und Konsolidierung von Feindbildern Gestalt annahm, beantwortet dieser Band in sehr interessanter und anschaulicher Weise.

In ihrer einleitenden Themenvorstellung hinterfragt die Herausgeberin Brigitte Krulic das Konzept des »Feind(bildes)« und legt es als ein notwendiges und zugleich konstruiertes Konzept dar, dessen Funktion insbesondere darin besteht, zu klassifizieren und zu differenzieren, womit implizit eine Stärkung und Sicherung der eigenen Identität einhergeht. In der Tat sagt das Bild des Feindes meist wenig über den Feind selbst aus, dafür aber um so mehr über denjenigen, der das Bild entwirft; d. h. der Sender offenbart sich selbst im Bild des Feindes, das er konstruiert und mit dem er seine eigene Identität zu festigen versucht. Dieses Schema – »Wir versus die Anderen« – und das damit korrelierende Begriffspaar »Freund/Feind« ist eng verbunden mit dem Begriff der Identität: In einem dialektischen Prozess, so Brigitte Krulic, werden die negativen Vorstellungen, die auf das Bild des Gegenübers bzw. des Empfängers projiziert werden, als umgekehrte, d. h. positive, Eigenschaften der eigenen Sender-Gemeinschaft/Gruppe zugeschrieben. Insofern ist die eigene Identitätsbildung immer auch angewiesen auf eine Abgrenzung gegenüber dem Anderen und Fremden. Das entworfene, stilisierte Feindbild, mit dem der Fremde bzw. der Andere charakterisiert wird, lässt auf diese Weise indirekt die Schwierigkeiten, Differenzen und Brüche der eigenen Identität zutage treten1.

Die fünfzehn Beiträge des Bandes, von deutschen, französischen sowie russischen Wissenschaftlern, behandeln grob umrissen drei thematische Bereiche: Sie entwickeln ihre Analysen des jeweiligen Feindbildes bezüglich (1) den deutsch-französischen Beziehungen, (2) der Beziehungen zwischen Frankreich und Russland sowie (3) der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Da es im Rahmen dieser Rezension nicht möglich ist auf die thematische Vielfalt der unterschiedlichen Beiträge gleichermaßen einzugehen, muss es genügen im Folgenden anhand von fünf ausgewählten Beiträgen die inhaltliche Tiefe des Bandes näher zu veranschaulichen.

Zunächst ist auf den ersten Beitrag von Sergueï Sakhno (Université Paris-Ouest) hinzuweisen, der die linguistischen Prämissen auslotet nach denen das Wort »Feind« in unterschiedlichen indogermanischen Sprachen gebildet wird. In seiner Analyse zeigt er auf, dass es trotz der großen Verschiedenartigkeit der unterschiedlichen Sprachen, semantische Gemeinsamkeiten gibt, die auf eine ähnliche Bedeutung des Wortes »Feind« als »nicht Freund« (ennemi = non-ami) hinweisen. Gleiches gilt auch für andere Wortgruppen, die mit dem Wort »Feind« in Assoziationszusammenhängen auftauchen, wie z. B. dem »Gehassten«, dem »Ausgestoßenen«, dem »Fremden« u.a.

Die Beziehungen zwischen Frankreich und Russland in Bezug auf die Konstruktion von Feindbildern untersucht Vladislav Rjéoutski (University of Bristol) in seinem Beitrag anhand des Beispiels französischer Hauslehrer in Russland Ende des 18. Jahrhunderts bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Funktion als Mittlerfiguren in der Kulturgeschichte zeigt sich insbesondere im Hinblick auf die Herausarbeitung einer eigenständigen, russischen Identität: Vor allem in russischen Adelskreisen war der französische Hauslehrer in der genannten Periode die feste Konstante einer Kontrastfigur, anhand derer die gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten um universale Werte, moralische Vorstellungen sowie die Verhältnisse zwischen »Volk« und »Elite«, »Westen« (Frankreich) und »Osten« (Russland), u .a. sich entzündeten.

Die angespannten ideologischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR und die damit einhergehenden Stilisierungen verschiedener Feindbilder zwischen Ost und West legt Bernd Zielinski (Université Paris-Ouest) auf anschauliche Weise dar. Er analysiert in seinem Beitrag auf welche Weise die stereotypen Bilder des Feindes, wie sie im Kalten Krieg entworfen und gefestigt wurden, im Wandel der Nachkriegszeit beträchtlichen Veränderungen unterlagen und sich im Zuge einer zunehmenden Entspannungspolitik immer mehr abschwächten. Nichtsdestotrotz fanden diese Spannungen nach der Wiedervereinigung dennoch einen gewissen Widerhall und ein spätes Echo in der historischen Interpretation der Geschichte der DDR.

Die ideologischen Differenzen zwischen Ost und West nahmen auch Einfluss auf die Beziehungen der beiden jüdischen Gemeinden diesseits und jenseits der Mauer: So untersucht Laurence Guillon (Université Paris-Ouest) die Beziehungen der jüdischen Gemeinden in der BRD und der DDR, um die gemeinsame und doch unterschiedliche – da vor einem anderen politisch-ideologischen Hintergrund stattfindende – Ver- und Aufarbeitung der geschichtlichen Katastrophe des Holocaust sowie des schwierigen Neuanfangs auf deutschen Boden für Juden auf beiden Seiten des geteilten Deutschlands aufzuzeigen.

Darüber hinaus sei noch ein fünfter Beitrag erwähnt, der sich mit den deutsch-französischen Beziehungen und der Auseinandersetzung der in diesem Kontext entworfenen, spezifischen Feindbilder beschäftigt. Charles Brion (Université de la Rochelle) stützt sich hierbei in seinem Beitrag auf einen Korpus von Kriegsberichten aus der Feder von deutschen und französischen Autoren (Barbusse, Céline, Genevoix, Jünger, Remarque, u.a.), wobei er ergänzend auch essayistische Texte heranzieht (Thomas Mann, Romain Rolland) sowie kinematografische Referenzen (Lubitsch, Renoir) einfließen lässt. Brion zeigt mittels einer detaillierten Untersuchung auf, dass hinter den kriegstreiberischen Bildern der »ewigen Widersacher« (adversaires éternels) bei Henri Barbusse bzw. der »wahren Feinde« (vrais ennemis) bei Romain Rolland sich auch ein anderes Bild abzeichnet und die Idee einer möglichen Annäherung und Überwindung der feindlichen Sphäre zunehmend Raum gewinnt. So spricht beispielsweise der gleiche Romain Rolland, der vorher von vrais ennemis sprach an anderer Stelle von frères ennemis (feindlichen Brüdern), um das deutsch-französische Verhältnis zu charakterisieren. In ähnlicher Weise spricht auch Thomas Mann von einem »Streit unter Brüdern« (querelle entre frères). Man sieht an diesen Beispielen sehr gut die Durchlässigkeit und Wandelbarkeit des Diskurses sowie die permanente Fluktuation bzw. semantische Verschiebung eines festgelegten Feindbildes: Aus »ewigen Widersachern« und nationalen Erbfeinden werden mit der Zeit »streitende Brüder« und somit quasi familiäre Zwistigkeiten, deren Beilegung nicht mehr unmöglich erscheint.

Abschließend ist anzumerken, dass der Tagungsband einen repräsentativen und aktuellen Querschnitt durch die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte um den Begriff des »Feindes« und des »Feindbildes« bietet. Durch seinen konsequent interdisziplinären Zugang zur Thematik stellt er darüber hinaus keineswegs nur für Historiker, sondern ebenso für Literaturwissenschaftler, Soziologen, Judaisten und Kulturwissenschaftler eine bereichernde Lektüre dar.

1 Brigitte Krulic verweist in ihrer Einführung auf zwei Ausstellungskataloge, die exemplarisch dafür stehen können, wie Feindbilder entworfen und zur eigenen Identitätsstiftung benutzt wurden: Marie-Louise von Plessen Heidemarie Anderlik, Marianne und Germania 1789–1889. Frankreich und Deutschland, zwei Welten – eine Revue, Berlin 1996; sowie Andrea Kamp u.a., Unsere Russen, unsere Deutschen. Bilder vom Anderen, 1800 bis 2000, Berlin 2007.

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PSJ Metadata
Silvia Richter
Deutsches Historisches Institut Paris
L’ennemi en regard(s)
Images, usages et interprétations dans l’histoire et la littérature
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Frankreich und Monaco, Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Russland
Sozial- und Kulturgeschichte
Neuzeit bis 1900, 20. Jh., 21. Jh.
1700-2000
Frankreich (4018145-5), Deutschland (4011882-4), Russland (4076899-5), Feindbild (4016641-7), Öffentliche Meinung (4043152-6), Französisch (4113615-9), Literatur (4035964-5), Fremdheit Motiv (4212059-7), Russisch (4051038-4), Deutschlandbild (4011893-9), Frankreichbild (4018146-7), Feind Motiv (4315011-1)
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B. Krulic (dir.), L’ennemi en regard(s) (Silvia Richter)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/krulic_richter
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
Zugriff vom: 27.07.2017 06:39
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