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    K. Harloe, Winckelmann and the Invention of Antiquity (Martin Dönike)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Katherine Harloe, Winckelmann and the Invention of Antiquity. History and Aesthetics in the Age of Altertumswissenschaft, Oxford (Oxford University Press) 2013, XXVI–275 p. (Classical Presences), ISBN 978-0-19-969584-3, GBP 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Martin Dönike, Halle (Saale)

    Man sollte sich von dem Titel des vorliegenden Buches nicht täuschen lassen: »Winckelmann and the Invention of Antiquity« ist mehr als nur eine weitere Arbeit über Johann Joachim Winckelmann (1717–1764) als Begründer der modernen Altertumswissenschaften. Seine Verfasserin, die am Department of Classics der Universität Reading lehrende Katherine Harloe, richtet den Blick vielmehr auf die frühe Rezeption Winckelmanns in den Jahren zwischen ca. 1770 und 1800 und verfolgt dabei die Frage, welche Rolle Winckelmanns »ideas« in der »disciplination of Altertumswissenschaft« sowie der »constitution of its ›field of knowledge‹ and ›set of methods‹« (S. 23) gespielt haben.

    Diese Frage nach dem Ausmaß, in dem das Werk Winckelmanns die Konstitution der »Antike« als disziplinäres Forschungsfeld beeinflusst hat, wird anhand der Schriften Christian Gottlob Heynes und Friedrich August Wolfs auf der einen, und Johann Gottfried Herders auf der anderen Seite untersucht. Das Buch ist damit als ein Beitrag zur Früh- bzw. Formierungsgeschichte der klassischen Altertumswissenschaft als eigenständiger Disziplin zu verstehen, die in Friedrich August Wolfs Schrift »Darstellung der Altertumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Wert« (1807) ihre wohl bekannteste Ausformulierung erhalten sollte. Harloe rückt Begriff und Disziplin der Altertumswissenschaft jedoch nicht in eine teleologische Perspektive, sondern konzentriert sich statt dessen auf die »complexities and contestations of Altertumswissenschaft during the decades when it was increasing in cultural and institutional significance in Germany but had not yet received its canonical, nineteenth-century configuration« (S. XXII).

    Methodisch verortet sie ihre Untersuchung im Kontext der Arbeiten von Ian Morris (»Archeologies of Greece«, 1994) und Suzanne Marchand (»Down from Olympus. Archeology and Philhellenism in Germany 1750–1970«, 1996); anders als die beiden Genannten richtet Harloe den Blick jedoch weniger auf die spezifische Disziplin der Archäologie als vielmehr auf die ihrem Anspruch nach viel breiter angelegte Altertumswissenschaft, die auf eine umfassende interdisziplinäre Rekonstruktion der griechisch-römischen Vergangenheit abzielt (S. XX). Wenn Harloe dabei ihrer Hoffnung Ausdruck gibt, dass ihre Darlegungen jenseits des »bloß« historischen Wertes auch dazu beitragen mögen, heutigen »classicists« die Geschichte ihrer eigenen disziplinären Entwicklung und Ideale besser begreiflich zu machen (S. XXVI), so entspricht dies dem Anliegen der Reihe »Classical Presences«, in der Harloes Studie erschienen ist.

    Harloes Buch ist dreigeteilt: Einer Einleitung, die »Winckelmann and the imagined community of classical scholarship« zwischen 1790 und 1930 gewidmet ist und das allmähliche Verblassen des einstigen »Symbols« der deutschen Altertumswissenschaft bis in die 1960er Jahre verfolgt, schließen sich drei große Kapitel zu Winckelmann, Heyne und Wolf sowie Herder an. Der erste und zugleich längste Teil, »Winckelmann in Context« (S. 29–130), gibt einen konzisen Überblick über die intellektuellen Biografie Winckelmanns zwischen seiner Studienzeit in Halle und Jena (1738–1741) und der Veröffentlichung der in Rom konzipierten »Geschichte der Kunst des Altertums« (1764). Die Verfasserin kann hier u. a. auf die grundlegenden Arbeiten von Alex Potts (»Flesh and the Ideal«, 1994), Élisabeth Décultot (»J. J. W. Enquête sur la genèse de l’histoire de l’art«, 2000) und Édouard Pommier (»Winckelmann, inventeur de l’histoire de l’art«, 2003) zurückgreifen. Harloes vornehmlich altertumswissenschaftliche Perspektive führt allerdings mitunter dazu, dass einschlägige Beiträge, die in den letzten Jahren insbesondere von der deutschsprachigen Literaturwissenschaft zu Winckelmann vorgelegt wurden (u. a. von Martin Disselkamp, Thomas Franke, Norbert Miller, Ernst Osterkamp, Helmut Pfotenhauer), fehlen. Grundsätzlich zu unterstreichen ist jedoch Harloes Einschätzung, dass Winckelmann mit seiner »Geschichte der Kunst« keineswegs einen völlig neuen Zugang zum Studium der Antike begründet hat, sondern diese eine »new synthesis« (S. 107) bereits vorliegender Ansätze und Ideen von Cicero, Quintilian und Plinius über Vasari bis zu Voltaire und Montesquieu, Caylus und Mariette darstelle (S. 107ff.). Großen Wert legt Harloe dabei auf die Bedeutung, die Verfahren der Konjektur und der Imagination bei Winckelmanns Konstruktion eines kontinuierlichen Narrativs der nur lückenhaft überlieferten antiken Kunstgeschichte geradezu zwangsläufig zugekommen sei: »By emphasizing his reliance upon conjecture, and professing the importance of imagination and desire in the construction of his Lehrgebäude, Winckelmann paraded and dramatized the openness and uncertainties inherent in the process of investigating and reconstructing antiquity« (S. 127)

    Ausgangspunkt des zweiten Teils (»On the Contours of Das Altertum and the Possibility of its Recovery«) ist der Streit zwischen Christian Gottlob Heyne und Friedrich August Wolf, der sich an Wolfs Rekonstruktion der Geschichte der Homerischen Dichtungen in den »Prolegomena ad Homerum« (1795) entzündet hatte. Im Hintergrund von Heynes kritischer Rezension der Wolfschen Prolegomena sieht Harloe eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit der beiden Forscher über die zulässigen Methoden historischer Forschung verborgen: Während Heyne den nur wenig älteren Winckelmann für dessen wissenschaftlich nicht gedeckten Mutmaßungen kritisierte und seine Werke durch eine »unrestrained imaginative speculation« (S. 188) beeinträchtigt sah, habe Wolf, so Harloe, sich in Fragen der Textkritik zwar an die strengen methodischen Vorgaben seines Lehrers Heyne gehalten, sich als Kulturhistoriker aber gleich Winckelmann auf Konjekturen verlassen, um die schriftlich nicht dokumentierte Entstehung der Homerischen Werke imaginativ (re-)konstruieren zu können: »In different areas of research on the ancient world, Wolf and Winckelmann both attempted to fashion explanatory narratives, and both were gripped by the ideal of fashioning a comprehensive picture of a long-vanished past« (S. 201) Es ist dieser durch das Streben nach narrativer Kontinuität und Vollständigkeit bedingte Rückgriff auf Imagination und Konjektur, der Harloe zufolge Wolf und Winckelmann eint, sie damit jedoch zugleich von Heynes Konzept einer kritischen Altertumswissenschaft trennt. Dass ihr Nachweis der Gemeinsamkeiten, die Wolf trotz aller Kritik mit Winckelmann teilt, auf ein Desiderat der anglophonen, weniger jedoch der deutschsprachigen Forschung zielt, ist Harloe durchaus bewusst (vgl. S. 193–202); ihre genaue Lektüre der Schiften Heynes, Wolfs und Winckelmanns ist gleichwohl auch für deutsche Leser und Leserinnen äußerst erhellend.

    Unter der Überschrift »Altertumswissenschaft and the Amateur« wendet sich der dritte und abschließende Teil des Buches Johann Gottfried Herder zu und versucht mit diesem einen Blick von außen auf die zeitgenössische Diskussion um die Aufgaben und Möglichkeiten der Altertumswissenschaft zu gewinnen. Einer genaueren Analyse unterzogen werden zu diesem Zweck Herders »Kritische Wälder, die Fragmente über die neuere deutsche Literatur« sowie die Lobschrift »Denkmal Johann Winckelmann’s«, mit der er sich 1778 um den Preis der Kasseler Akademie bewarb, den dann allerdings niemand anderes als Heyne erhalten sollte.

    Für Harloe nimmt Herder eine differenzierende Position ein, indem er einerseits Winckelmanns idealistischen Entwurf der Geschichte als systematisches Lehrgebäude kritisiert, andererseits aber mit »Einfühlung« und »Divination« gerade diejenigen hermeneutischen Verfahren als notwendig für die Rekonstruktion der Vergangenheit anerkennt, die Heyne an Winckelmann und Wolf als unwissenschaftlich kritisiert hatte. Die These Harloes, der zufolge »Herder offers a theorization of some unacknowledged dilemmas of Altertumswissenschaft as practised by his contemporaries, and diagnoses an imaginative orientation to the past as a constitutive element of classical studies« (S. 212), ist mehr als plausibel und zeigt das Potential der vorliegenden Studie. Anstatt ihr Buch jedoch mit der versöhnlichen »conclusion« enden zu lassen, dass »[w]ithin Herder’s human and fallible conception of knowledge there is […] room for Winckelmanns as well as Heynes: enthusiastic seers, and careful revisers« (S. 243), wäre es zu begrüßen gewesen, wenn Harloe den Fortgang der von ihr rekonstruierten Diskussion und Argumente in einer Art Ausblick über die Schwelle des 19. Jahrhunderts hinaus verfolgt hätte, in den Zeitraum hinein also, in dem sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Antike noch einmal intensivieren und weiter ausdifferenzieren sollte.

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    PSJ Metadata
    Martin Dönike
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Winckelmann and the Invention of Antiquity
    History and Aesthetics in the Age of Altertumswissenschaft
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Griechenland / Alte Welt, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften, Künste
    18. Jh.
    1750-1800
    Winckelmann, Johann Joachim (118633600), Deutschland (4011882-4), Altertumswissenschaft (4134281-1)
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    K. Harloe, Winckelmann and the Invention of Antiquity (Martin Dönike)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/harloe_doenike
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:00
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