Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

A. Gotthard, Der liebe und werthe Fried (Albert Schirrmeister)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Axel Gotthard, Der liebe und werthe Fried. Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2014, 964 S. (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht, 32), ISBN 978-3-412-22142-3, EUR 126,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Albert Schirrmeister, Berlin

Wichtige Themen sind es, die Axel Gotthard in seinem Buch behandelt. In einem ersten Teil will er herausarbeiten, wie Krieg und Frieden in der Vormoderne wahrgenommen wurden. Hauptthemen sollen dabei die Diskussionen über erlaubten oder gebotenen Krieg und zur Säkularisierung der Kriegskonzepte darstellen. Im Mittelteil behandelt Gotthard den »böhmischen Aufstand« – also den Beginn des Dreißigjährigen Kriegs – und dessen Wahrnehmung in Europa zwischen »Staatskrieg« und »Religionskrieg«. Der dritte Teil behandelt vorklassische Neutralität vornehmlich anhand diplomatischer Akten.

Man könnte also behaupten, dass Axel Gotthard hier mehrere Bücher in einem vorlegt. Dies würde ein wenig erklären, warum dieses Werk so unübersichtlich geworden ist. Doch die Vielzahl an grundlegenden Fragen, denen im Buch nachgegangen werden soll, begründet nicht die Ratlosigkeit, mit der man nach einer Lektüre von Gotthards Werk zurückbleibt.

Das Problem liegt an seiner Arbeitsweise: Im Buch werden Vorwort und Fragestellungen zusammen, auf sechs Seiten abgehandelt, die aber nur sein vortheoretisches Erstaunen über die fehlende Forschung zu vormodernen Neutralitätskonzepten artikulieren, keinesfalls analytisch verfahren und abschweifend erzählen. Damit ist das Muster für das Folgende vorgegeben. Die systematische Ordnung des detaillierten Inhaltsverzeichnisses verhindert nicht eine grundsätzliche (man möchte meinen: barocke) Weitschweifigkeit und Wiederholung, die sich schon in Kapitelüberschriften wie »Noch einmal …« äußert. Auch Gotthards an sich begrüßenswerte Bereitschaft, tatsächlich Fragen zu formulieren, trägt nicht zu einer besseren Lesbarkeit bei. Pseudoaktuelle Abschweifungen im Text und in ellenlangen Fußnoten stören die argumentative Stringenz. Erst auf Seite 279 folgen »einige methodische Bemerkungen« zum theoretischen Rahmen, die sein Interesse an Denkkategorien, Werten und Normen artikulieren, auf Seite 285 benennt er methodische Schwierigkeiten. Seite 555 werden die Rechercheschwerpunkte zur Praxis der Neutralität genannt. So verteilen sich Aussagen zu Anlage, Interesse und Verfahren der Untersuchung über das ganze Buch. Seite 286 fordert Gotthard, ohne Berührungsängste zu Kulturwissenschaften, Anthropologie, Systemtheorie und Wissenssoziologie zu arbeiten – was angesichts des modernen Diskussionsstandes in den Geschichtswissenschaften absolut überflüssig ist: Auf Seite 312 konstruiert er eine soziologische Schimäre, um seine Deutung des Verhältnisses von Wahrnehmungsmustern, traditioneller Denkrahmen und subjektiver Wahrnehmung besonders herausstreichen zu können. Leider bleibt aber umgekehrt seine Evokation methodischer »Leitplanken« eine reine Anrufung. Sie zieht keine Konsequenzen nach sich. In anderen Fällen mag dies nur eine Randbemerkung wert sein: Angesichts des auftrumpfenden Stils des Autors ist jedoch seine Behauptung, französische Geschichtswissenschaft arbeite nicht zu den Themen Außenpolitik und Krieg (S. 281), bezeichnend. Dass dieses Urteil nicht haltbar ist, bedarf kaum eines Belegs1. Ähnlich geht Gotthard mit der Forschung zu Publizistik oder zu anderen Teilgebieten seiner Arbeit um.

Trotz dieser grundsätzlichen Kritik an methodisch-theoretischer Grundlage, analytischer Arbeit und darstellerischer Qualität ist jedem, der sich mit frühneuzeitlicher Kriegsgeschichte im weiteren Sinne beschäftigt, eine ernsthafte Beschäftigung mit Gotthards Buch anzuraten. Denn es bleiben die Unmengen an Quellen unterschiedlichster Art, die der Autor in seinem Werk anführt und nutzt: Archivalien und Handschriften aus 14 Archiven und der Österreichischen Nationalbibliothek, allein 14 Seiten anonym bzw. unter Pseudonym erschienener gedruckter Schriften füllen nicht nur das Literaturverzeichnis, sondern werden tatsächlich in der Untersuchung herangezogen. Gotthard gewinnt aus ihnen – vor allem, so scheint es mir, im dritten Teil – neue Aussagen zu Kriegskonzepten und zur Geschichte der Neutralitätsvorstellungen und -praktiken. Folgende These belegt Gotthard in der Tat eindrucksvoll: Neutralität sei in der Vormoderne von der modernen Neutralität fundamental unterschieden, sie sei im 16. und 17. Jahrhundert kein von jedem Gemeinwesen abrufbarer Rechtstitel (637) und unterliege moralischem Rechtfertigungszwang. Neutralität werde z.B. unter den Verdacht der Trägheit oder der Verschlagenheit gestellt. Im dritten Teil also finden sich eine Reihe bemerkenswerter Beobachtungen und Ausführungen. So bietet Gotthard detaillierte Schilderungen, wie in den diplomatischen Akten um das Recht auf Neutralität gerungen wird und dass der moralisch suspekte Status verteidigt werden musste (S. 620ff). Die inhaltliche Füllung der Neutralität changiert mangels völkerrechtlicher Vorgaben. Neutralität steht (fast) immer unter dem drohenden Vorbehalt der mächtigeren Fürsten, die ihren Anliegen mit Geschütz und Truppen Nachdruck verleihen, Durchzugsgenehmigungen stehen sowieso außerhalb der Neutralitätsrahmen. Wie deutlich Neutralitätsfragen Machtfragen sind, zeigt die Weigerung Ludwigs XIV., einseitige Neutralitätserklärungen zu akzeptieren und sie im Gegensatz, z. B. im Jahr 1674, in Speyer als Gnadenerweis zuzugestehen (S. 636). Auffällig ist deshalb die privilegierte Position des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm im Dreißigjährigen Krieg, der sich auf gewohnheitsmäßige Neutralität berufen kann und ein Aushandeln der Neutralitätsbedingungen »auf Augenhöhe« (S. 648) durchsetzt. Aus der politikwissenschaftlichen Literatur verweist Gotthard insbesondere auf Giovanni Boteros 1598 erste gedruckte Spezialabhandlung »Discorso della neutralita«, verzichtet aber leider, ohne eine Begründung zu nennen, auf die umfassende Würdigung der 1620 erschienenen, nach seinem eigenem Urteil einzigen frühneuzeitlichen Monografie zur Neutralität aus der Feder des Johann Wilhelm Neumayr von Ramsla – obwohl sie dies, wie er schreibt, wegen ihrer Wirkungsgeschichte verdient hätte. Die heute geradezu sprichwörtliche Neutralität der Eidgenossenschaft ist hingegen in den zeitgenössischen Diskussionen wenig präsent und wird nicht als exzeptionell wahrgenommen (S. 542), gerade für sie belegt Gotthard eindrücklich das dringende Desiderat, endlich die Quellen und nicht allein die Regesten zu studieren, um dem ideologischen Konstrukt späterer Editoren (bzw. Regestenautoren) zu entgehen.

Für das 18. Jahrhundert sieht Gotthard einen zeitlich auseinanderfallenden Neuanfang in der Auffassung von Neutralität als Unparteilichkeit in Theorie und politischer Praxis: Vertragstreue erhalte ein stärkeres Gewicht und Neutralität werde zunehmend als eigener Rechtsstatus angesehen(497-503). Insgesamt aber erzählt er die Entwicklung des Neutralitätsgedanken im 18. Jahrhundert als Fortschrittsgeschichte, die eine »Erwartungssicherheit« auf der Basis der Unparteilichkeit ermögliche (S. 496, 503), die den auch publizistisch ausgesprochenen Warnungen des 17. Jahrhunderts vor Parteilichkeit entgegenstehen.

Die lange Inkubationszeit der Neutralität sieht Gotthard als ein wichtiges Indiz dafür, dass die Entwicklung des horizontalen europäischen Staatensystems ebenfalls ein langer Transformationsprozess gewesen sei (S. 827) – wäre dies das einzige Ergebnis seiner Studie, wären es viele Worte für eine dürftige Ernte. Doch mit einiger Geduld lassen sich auch weitere klare Sätze finden, die den Wandel von Neutralitätsauffassungen als Belege für eine Subjektivierung und Entsubstantialisierung von Ordnung (S. 870) darstellen und damit Beispiele für eine umkämpfte Ausdifferenzierung nach Sachlogiken in zentralen Bereichen der europäischen Gesellschaften liefern.

Neutralität in dieser Weise als ein wesentliches Element in der Evolution neuzeitlicher Staatlichkeiten äußerst detailliert beschrieben zu haben und ihre eigene Entwicklung grundlegend problematisiert zu haben bleibt das Verdienst dieses in seiner Gestalt und Durchführung so angreifbaren Werks.

1 Nur einige Beispiele mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Lucien Bély, Espions et ambassadeurs au temps de Louis XIV, Paris 1990; Joël Cornette, Le roi de guerre. Essai sur la souveraineté dans la France du Grand Siècle. Paris 2010 (Petite bibliothèque Payot, 391); Hervé Drévillon, L'impôt du sang. Le métier des armes sous Louis XIV, Paris 2005; Jean Garapon (Hg.) Armées, guerre et société dans la France du XVIIe siècle. Actes du VIIIe colloque du Centre international de rencontres sur le XVIIe siècle. Nantes, 18–20 mars 2004, Tübingen 2006 (Biblio 17, 167); Nicolas Le Roux, Joël Cornette, Les guerres de religion. 1559–1629, Paris 2009 (Histoire de France).

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Albert Schirrmeister
Deutsches Historisches Institut Paris
Der liebe und werthe Fried
Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Militär- und Kriegsgeschichte
Neuzeit bis 1900
1450-1800
Europa (4015701-5), Krieg (4033114-3), Neutralität (4041958-7)
PDF document gotthard_schirrmeister.doc.pdf — PDF document, 273 KB
A. Gotthard, Der liebe und werthe Fried (Albert Schirrmeister)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/gotthard_schirrmeister
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
Zugriff vom: 25.03.2017 03:00
abgelegt unter: