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C. Gerstenmayer, Spitzbuben und Erzbösewichter (Jonas Bechtold)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Christina Gerstenmayer, Spitzbuben und Erzbösewichter. Räuberbanden in Sachsen zwischen Strafverfolgung und medialer Repräsentation, Konstanz (UVK) 2013 (Konflikte und Kultur – Historische Perspektiven, 27), 386 S., ISBN 978-3-86764-403-7, EUR 44,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jonas Bechtold, Bonn

Räuber im frühneuzeitlichen Sachsen lassen zunächst an Namen wie Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller denken. Dass aber Sachsens Räuberbanden nicht nur in der Literatur ihre Spuren hinterlassen haben, sondern Gegenstand sozialer Wirklichkeit und medialer Darstellung waren, zeigt Christina Gerstenmayer in ihrer Trierer Dissertation. Sie geht das Thema der sächsischen Räuberbanden zwischen 1685 und 1803 neu an und untersucht den Diskurs in und zwischen normativen, verfahrensbedingten und medialen Quellen, um deren »Repräsentationen« herauszuarbeiten. Damit schlägt sie einen Bogen von der kriminalitätsgeschichtlichen Auswertung der Straf- und Verfolgungsverfahren hin zu einer Analyse der zeitgenössischen medialen Rezeption sächsischer Räuberbanden.

Ihre Arbeit ist, ausgehend von einer übersichtlichen Einleitung, klar strukturiert und obwohl manche Kapitel sehr eigenständig wirken, gelingt es der Autorin sinnvolle Verbindungen zu schaffen und bereits formulierte Resultate in die weitere Analyse einzubinden.

Ihrer Untersuchung stellt Gerstenmayer einen knappen Überblick über die entscheidenden Rahmenbedingungen im Kurfürstentum Sachsen voran. Sie geht dabei auf den politischen Rahmen, die ökonomische Situation der wachsenden Bevölkerung, die vielfältige Medienlandschaft sowie die Institutionen der strafrechtlichen Verfolgung und deren Interaktion ein.

Im anschließenden Kapitel beginnt die Untersuchung des obrigkeitlichen Räuberbildes in Normsetzung und Strafverfolgung. Die Autorin hebt anhand der intensivierten Verfolgungs- und Strafpraxis und der kurfürstlichen Mandatspolitik, deren Entstehen durch Analyse von Regierungskorrespondenzen kontextualisiert wird, Tendenzen in der Gesetzgebung und im obrigkeitlichen Umgang mit dem juristischen und praktischen Problem der Räuberbanden hervor. Für Kursachsen konstatiert sie dabei ein bis 1768 strenges normatives Vorgehen, welches durchaus auf Umsetzungsschwierigkeiten stieß. In der Frage nach dem obrigkeitlichen Räuberbild, das sich auch in der Verfolgungspraxis manifestiert, untersucht sie das Medium der »Gaunerlisten«, auf Grundlage der nominatio socii geständiger Krimineller entstandene Personenlisten, deren Kategorisierung vermeintliche Bandenzusammengehörigkeiten suggerierten.

Aufbauend auf dem Befund einer fehlenden zeitgenössischen Definition der »Bande« und nach Widerlegung der Hypothese eines Zusammenhangs von Struktur- oder Wirtschaftsschwäche und vermehrter Bandenaktivität (S. 115f.), erfährt der Leser – freilich aus der Deduktion der Autorin – was Konstituierungsbedingungen und Merkmalen von Räuberbanden als »soziale Kleingruppen« waren: An erster Stelle stand dabei die Familie, die nicht nur in der Rekrutierung, sondern auch in der Strukturbildung einer »Bande« bestimmend war. Auch die exklusive »Spitzbubensprache« und die lediglich »deliktbezogene« Strukturbildung (S. 126) arbeitet die Autorin als Merkmale heraus. Das Kapitel endet mit einem umfassenden Überblick über Überfallsorte und räuberischer Praktiken.

Im fünften Kapitel werden Argumentationsmodi der Prozessakteure herausgearbeitet. Die Autorin untersucht hierbei Strategien der Argumentation, was bei den angeklagten Räubern nicht selten auf geständige Kooperation hinauslief, da dies Aussichten auf eine Begnadigung zu bieten schien. Die Behörden machten sich dies zu Nutze, indem sie auf die effektiven Konfrontationen zurückgriffen, wobei bereits geständige Täter mit mutmaßlichen Mittätern gemeinsam verhört wurden. In 24% der Fälle kam bis zur ihrer Abschaffung 1770 die Folter zur Anwendung – die Autorin schätzt diesen Anteil gering ein, wobei ein tiefer gehender Vergleich mit anderen Prozesstypen sicher ertragreich gewesen wäre.

Mit Blick auf die Strafpraxis zeigt sich eine Kohärenz von Normenvorgabe und Urteilspraxis; die letzte Hinrichtung erfolgte allerdings 1775. Zunehmend wurden Tötung oder Landesverweis durch Freiheitsstrafen abgelöst (S. 221). Die Autorin sieht hier eine allmähliche Umformung einer Rechtspraxis (S. 210–232) zu einer – auch durch die Regierungsbehörden initiierten – Begnadigungspolitik. Die Begnadigung im Kurfürstentum Sachsen war den Inquisiten über die lebensweltlich-persönlich geprägten Suppliken an den Landesherrn oder über die vom entlohnten Juristen verfassten Verteidigungsschriften erreichbar. In der Argumentationsanalyse dieser Schriften fällt neben der Verbindlichkeit gewisser »Kommunikationsregeln« als textliche Bedingungen einer Begnadigung auf, dass überzeugende juristische Argumentationsmodi gegenüber ökonomischen oder lebensweltlichen Argumenten in den Urteilen im Vordergrund standen. Verteilungsdiskussionen und Gerechtigkeitsargumente spielten dabei keine Rolle (S. 244) – der raubende »Sozialrebell« wird auch durch diese Studie widerlegt.

Das letzte inhaltliche und mit Blick auf die Fragestellung der Dissertation bedeutsame Kapitel über das mediale Räuberbild arbeitet auf die Kernthese der Dissertation hin, der zufolge ein Zusammenhang von medialer und obrigkeitlicher Räuber-Repräsentation darin bestand, dass zunächst eine abschreckende, bedrohlich erscheinende Repräsentation Teil einer sächsischen Herrschaftskonsolidierung wurde. In der zweiten Jahrhunderthälfte kamen dann mit der zunehmend »gnädigeren« Herrschaftspraxis auch die idealisierenden, individualzentrierten Räuberdarstellungen in den Medien auf.

Gerstenmayer untersucht die mediale Darstellung anhand des Vergleichs mit Prozessmaterialien und benutzt dabei Flugschriften, Bilder, Predigten und Reden und vor allem die aktenmäßigen Berichte, veröffentlichte Aktensammlungen über abgeschlossene Gerichtsverfahren. Im Fall dieser Berichte deckt sie deutliche inhaltliche Diskrepanzen von Prozessakte und »aktenmäßigem« Bericht auf (S. 265f.).

Insgesamt sieht die Autorin in der Analyse der Medienberichte im 18. Jahrhundert eine bereits in der Jahrhundertmitte ansetzende (S. 268) Tendenz zur Darstellung von (idealisierten) Einzelschicksalen. Dass Medien im Sinne der »Wechselwirkung« auch auf den Prozess einwirken konnten, wird etwas weniger deutlich: Abgesehen davon, dass aktenmäßige Berichte auch den Räubern als Anleitungen dienen konnten, nutzten sie die Behörden auch zur Faktenprüfung und als Erkenntnismittel für Beispielfälle und -argumentationen. Inwiefern die beschriebenen inhaltlichen Diskrepanzen von Bericht und tatsächlicher Prozessakte dabei von Bedeutung waren, wird aber nicht hinterfragt. Die periodischen Zeitungen im Kurfürstentum, deren Bedeutung die Autorin anfangs hervorhebt (S. 39), werden in der Untersuchung der Mediendarstellungen anschließend ohne weitere Begründung aber ausgelassen (S. 262). Zwar wird die Rolle der Periodika in der Fahndung dennoch kurz herausgehoben (306f.), doch wünschte man sich an dieser Stelle – nicht zuletzt der breiten Leserschaft der Zeitungen wegen – eine ausführlichere Untersuchung des vorhandenen Quellenmaterials und eine tiefergehende Begründung der zugeschriebenen »Randposition« (S. 274).

Mit dieser Dissertation liegt ein wichtiger Schritt in der kriminalitätshistorischen Forschung zu Sachsen und dem Reich vor, der durch seine auf die Repräsentationsmodi ausgeweitete Fragestellung weitere Ansätze bietet: Verständlicherweise haben belletristische Darstellungen keinen Eingang mehr gefunden, doch bietet die Feststellung einer bereits idealisierenden Räuber-Darstellung in Medien des 18. Jahrhunderts interessante Anknüpfungspunkte für die historisch arbeitende Literaturwissenschaft. Um zu prüfen, inwiefern Gerstenmayers vorsichtig umrissener »sächsischer Räubertyp« (S. 337) reichsweit Vergleichspunkte findet, sollten weitere geschichtswissenschaftliche Studien folgen. Die vorliegende Arbeit, die gerade durch ihre Quellennähe besticht, wird dafür ein gutes Vorbild sein.

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PSJ Metadata
Jonas Bechtold
Deutsches Historisches Institut Paris
Spitzbuben und Erzbösewichter
Räuberbanden in Sachsen zwischen Strafverfolgung und medialer Repräsentation
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Sachsen
Rechtsgeschichte
Neuzeit bis 1900
1700-1800
Sachsen (4051176-5), Bande (4132577-1), Medien (4169187-8), Berichterstattung (4005709-4), Strafverfolgung (4057803-3), Strafverfahren (4116634-6)
PDF document gerstenmayer_bechtold.doc.pdf — PDF document, 330 KB
C. Gerstenmayer, Spitzbuben und Erzbösewichter (Jonas Bechtold)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/gerstenmayer_bechtold
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
Zugriff vom: 25.03.2017 03:00
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