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M. Gerber, Bastards (Regine Maritz)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Matthew Gerber, Bastards. Politics, Family, and Law in Early Modern France, Oxford, New York (Oxford University Press) 2012, X–274 p., ISBN 978-0-19-975537-0, USD 74,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Regine Maritz, Paris

Matthew Gerber legt eine äußerst lesbare und gerundete Studie vor, die sich mit dem legalen und gesellschaftlichen Umgang mit außerehelichen Kindern auseinandersetzt. Dabei geht es ihm vor allem um Fragen der Erbfähigkeit und den Grad der sozialen Integration dieser demografischen Gruppe. Dazu wird eine Vielzahl von juristischen Quellen bearbeitet, sowie Fallsammlungen, Legitimationsbriefe und administrative Dokumente der parlements mit einem Schwerpunkt auf Paris, aber unter Einbeziehung der anderen Provinzen des frühneuzeitlichen Frankreichs. Dem Autor gelingt es mit klarer und angenehm verdichteter Sprache einen Spannungsbogen in seiner Abhandlung aufzuzeigen, welcher von stärkerer Stigmatisierung von »Bastarden« im 16. und 17.Jahrhundert über verschiedene Krisen und Verwicklungen zu einer zu einer Verlagerung dieses Stigmas auf die Eltern, im Besonderen die Mütter, von solchen Kindern führte.

Gerber steigt im 16. Jahrhundert ein und beschreibt, wie die Vielfältigkeit der legalen Traditionen der Zeit sowohl Römisches und Kirchliches Recht, aber auch königliche Erlasse und spezifisch französische legale Bräuche beinhaltete und so die Rechtsprechung zu einer unüberschaubaren Landschaft werden ließ. Der avocat du roi Jean Bacquet versuchte um 1577 die juristische Situation von außerehelichen Kindern zu klären. Er bestand darauf, dass in Frankreich alle so geborenen Personen den gleichen Status hätten, ohne dass man zwischen Kindern, die verlobten aber unverheirateten Paaren geboren wurden, oder denjenigen, die aus ehebrüchigen Verhältnissen hervorgingen, unterscheiden sollte. Für ihn hatten sie alle den gleichen »Geburtsdefekt«, der es ihnen unmöglich machte jemals eine volle Erbschaft anzutreten. Wohlwollende Eltern konnten ihnen nur ein Grundeinkommen sichern. In der Analyse dieses juristischen Mechanismus baut Gerber auf Sarah Hanley’s Arbeit zum »Family-State-Compact« auf, in der die Autorin bereits zeigte, wie die Justiz zu dieser Zeit in Frankreich Familien zu stärken suchte, indem Eltern mehr Entscheidungsgewalt über die Verheiratung und Erbschaft ihrer Kinder zugesprochen wurde1. Wenn Erbgut innerhalb einer Linie konsolidiert wurde, so profitierte auch der Staat von der größeren Stabilität und dem Wohlstand von spezifischen Häusern. Wenn unehelichen Kindern größere Erbschaften verweigert wurden, so trug dies zu dieser Festigung bei. Gerber betont aber, dass Bacquet’s Doktrin sich nie gänzlich durchsetzte und dass weiterhin ein Pluralismus von rechtlichen Normen in Gerichtsverfahren herangezogen wurde.

Im dritten Kapitel zeigt Gerber dann auch wie der Sonnenkönig höchstpersönlich gegen die Grenzen dieser Rechtsprechung drängte. Dabei verweist er auf den Konflikt zwischen den princes du sang und den von Ludwig XIV. legitimierten, aber außerehelich geborenen, Prinzen. Im Jahre 1714 hatte Ludwig ein Edikt erlassen, das besagte dass diese legitimierten Söhne den Thron Frankreichs erben würden, sollte bei seinem Tod kein legitimer Erbe mehr am Leben sein. Dazu kam es schlussendlich nicht, doch die Debatte, die sich zur Zeit dieser Sukzession um das Edikt und seine schließliche Annullierung entwickelte, zeigt auf, dass sogar der König Frankreichs gewissen fundamentalen Gesetzen unterworfen war. Wenn das Königtum durch göttlichen Willen im Blut der herrschenden Dynastie weitergereicht wurde, so schloss dies dennoch legitimierte, uneheliche Kinder nicht mit ein. Gerber zeigt, dass Monarchen diesen Impuls im 18. Jahrhundert wahrnahmen und von nun an ihren außerehelichen Nachwuchs nicht mehr offiziell anerkannten.

Dagegen zeigt der Autor im vierten Kapitel, dass der Kauf von Legitimationsbriefen von etwa 1735 an stetig zunahm und die den Briefen beigelegten Depositionen zeigen, dass Eltern diese Briefe oft dafür verwenden wollten ihren außerehelichen Kindern Güter abzutreten, obwohl dies ja eine von der Rechtsprechung umstrittene Praktik war. Gerber argumentiert, dass dies einer der Orte war an dem die fortschreitende Staatsbildung von einer breiteren Öffentlichkeit zu ihren eigenen Zwecken adaptiert wurde.

Die Studie findet ihren intellektuellen Höhepunkt im fünften und sechsten Kapitel. Hier macht Gerber die Verschränkung seines Themas mit sozialen, legalen und politischen Prozessen deutlich durch sein überzeugendes Argument, dass die Findlingskrise des achtzehnten Jahrhunderts in Paris einen deutlichen Einfluss auf die Behandlung von illegitimen Kindern in legalen Traditionen und in der weiteren Gesellschaft hatte. Das hôpital des Enfans-Trouvés existierte in Paris seit 1640, doch es war erst im 18. Jahrhundert, dass es seine intensivste Betriebsphase erreichte. Dafür gab es laut Gerber eine Kombination von Gründen, wie der zunehmende gesellschaftliche Druck auf Mütter von unehelichen Kindern, die Existenz des hôpital als eine Alternative zu Kindestötung, wie auch die wachsende Armut der Bevölkerung. Mehr und mehr Findlinge wurden dem hôpital überlassen, welches bald an seine finanziellen und materiellen Grenzen getrieben wurde. Mit der Frage nach der Finanzierung wurden Verantwortlichkeiten ausgehandelt und in einer wegweisenden Entscheidung war es schlussendlich der König, der diese Verantwortung wahrnahm. In 1779 wurde ein neues Edikt erlassen, um zu erwirken, dass die Provinz von nun an davon absehen würde Findlinge nach Paris zu schicken und anstatt dessen selber für diese Kinder sorgen würde. Die Krone versprach die Kosten hierfür zu übernehmen und so wurde es klar, dass der Staat nun die Verantwortung für Findlinge übernahm, welche früher klar in den Aufgabenbereich der religiösen Wohltätigkeit fielen. Findlinge wurden nun als Kinder des Königs stilisiert, denen eine Zukunft im Dienste des Staates als Soldaten oder Siedler in französischen Kolonien bestimmt war, und der Makel der illegitimen Geburt wurde weniger stark diskutiert. Die Aufklärungsphilosophie unterstützte diese Entwicklung indem betont wurde, dass man nicht unschuldige Kinder für die Fehler ihrer Eltern büßen lassen sollte, und so kam es, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Stigmatisierung von unehelichen Kindern stärker auf ihre Mütter verlagert wurde.

Da das Geschlecht in dieser Schlüsselentwicklung eine so große Rolle spielte, wäre es interessant gewesen die Frage zu vertiefen, warum es gerade Frauen waren, die in diesem Normenwandel verloren. Gerber beschreibt Prozesse, die eng mit der Entwicklung einer Trennung von öffentlicher und privater Sphäre zu tun haben, und so hätte es sich angeboten, diese auch geschlechtlich zu verorten. Diese Bemerkung soll aber dem Verdienst dieser Studie nicht abträglich sein, die ihr klar gestecktes Ziel voll und ganz erreicht und die rechtlichen Veränderungen eine kontroverse, soziale Gruppe betreffend aufzeigt und gewinnbringend analysiert. Dies tut Matthew Gerber mit Eleganz und Geschick, und so ist sein Werk sowohl einem wissenschaftlichen als auch einem allgemeinen Publikum zu empfehlen.

1 Sarah Hanley, Engendering the State: Family Formation and State Building in Early Modern France, French Historical Studies 16 (1989), S. 4–27, insb. S. 7–15.

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PSJ Metadata
Regine Maritz
Deutsches Historisches Institut Paris
Bastards
Politics, Family, and Law in Early Modern France
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Sozial- und Kulturgeschichte, Rechtsgeschichte
Neuzeit bis 1900
Frankreich (4018145-5), Nichteheliches Kind (4042062-0), Rechtsstellung (4134078-4)
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M. Gerber, Bastards (Regine Maritz)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/gerber_maritz
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
Zugriff vom: 30.05.2017 05:25
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