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    P. Friedemann, Die Politische Philosophie des Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785) (Ariane Fichtl)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Peter Friedemann, Die Politische Philosophie des Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785). Eine Studie zur Geschichte des republikanischen und des sozialen Freiheitsbegriffs, Münster (LIT-Verlag) 2014, 360 S. (Politische Theorie und Kultur, 4), ISBN 978-3-643-12680-1, EUR 34,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ariane Fichtl, Hohenfurch

    Das im Januar diesen Jahres beim LIT-Verlag in Berlin herausgegebene Buch von Peter Friedemann über »Die Politische Philosophie des Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785). Eine Studie zur Geschichte des republikanischen und des sozialen Freiheitsbegriffs« bietet eine begriffsgeschichtlich ausgerichtete Herangehensweise, die sich bewusst von der bisherigen Mably-Forschung abgrenzt.

    Einer Darstellung des aktuellen Forschungsstandes, der sich größtenteils aus vielen Einzelbeiträgen über Mably zusammensetzt, in denen jeweils unterschiedliche Methodiken angewendet wurden, folgt eine biografisch eingebundene Erläuterung der Person Mablys und des Entstehungsprozesses seiner Werke, womit auch der Versuch unternommen wird, den Prozess seiner Ideenbildung und ihrer semantischen Verknüpfung nachzuverfolgen.

    Dabei wird die grundlegende Bedeutung des klassischen Republikanismus für die Entwicklung von Mablys politischer Theorie zwar herausgestellt, jedoch widmet Peter Friedemann den Großteil seiner Analyse den praktischen Erfahrungen im völkerrechtlichen Bereich, die dieser in seiner Funktion als Diplomat zeit seines Lebens erworben hat. Hierdurch wird aufgezeigt, dass sich Mably (anders als Rousseau) viel eher von pragmatischen Überlegungen leiten ließ, als von philosophisch-metaphysischen. Friedemann bezeichnet ihn daher sinngemäß als »Realisten«, dessen pessimistisches Menschen- und Geschichtsbild ihn nicht zur mechanischen Übernahme antik-historischer Modelle als Alternative zur zeitgenössischen kommerziellen Zivilisation verleitete, welche eher als regulative Elemente in seinem politischen Denken einzuschätzen sind. Gleichzeitig diente ihm der Rückblick auf die Geschichte als Interpretations- und Orientierungswissenschaft und förderte sein permanentes Misstrauen gegen Machtmissbrauch und den daraus folgenden Gedanken der Kontrolle politischer Macht als Hauptanliegen.

    Peter Friedemann zeigt insbesondere Mablys Meinungskonflikt mit der reinen Vernunftlehre der »philosophes« auf, sowie dessen Furcht vor einem schleichenden Wertezerfall mit globaler Dimension. Dem setzte er Legitimitätskriterien politischer Herrschaft entgegen, welche im Prozess eines politischen und sozialen Wandels zur Herausbildung eines modernen, säkularen Verfassungsstaates führen sollten.

    Zum besseren Verständnis seiner fortschreitenden Analyse verweist Peter Friedemann an dieser Stelle auf die Positionen von vier wichtigen Vertretern der modernen Ideengeschichte: Machiavelli, Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jacques Rousseau. Diese setzt er in Relation zu der Mablys und arbeitet dabei vor allem die konzeptionellen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen ihm und seinem Zeitgenossen Rousseau heraus. Gemeinsame Ansätze beider führen hierbei zu unterschiedlichen Lösungswegen. Die politische Philosophie Mablys lässt sich gerade durch diesen Vergleich noch genauer definieren und ermöglicht eine Lösung von bisherigen Denkmodellen.

    Vor allem die Ambivalenz von Mablys kommerzieller Gesellschaftskritik wird von Friedemann herausgehoben und als konstruktiv auch für heutige wirtschaftliche Fragestellungen gewertet.

    Auf der Basis von sieben Thesen Mablys schlussfolgert er dessen Auffassung von sozialem Frieden als höchstem Gut und dem einzigen Garanten von staatlicher Stabilität und zeigt damit auf, dass in Mablys »Lehre« innovative Überlegungen überlagert wurden von der Tradition moralphilosophischer Werte als Grundlage der Politik, die seit Aristoteles ihren festen Platz im europäischen politischen Denken hat. Als wirksamstes Mittel, um diesen sozialen Frieden zu erreichen, steht nach Mablys Konzept eine Wirtschaftspolitik der Mäßigung im Vordergrund, die das notwendige soziale Gleichgewicht schafft, um den politischen Frieden nach innen und außen zu sichern. Die Akteure der Französischen Revolution fanden daher, auf ihrer Suche nach neuen politischen Bedeutungsorientierungen, in Mablys Theorien einen offenen Zugang zu Ideen von Prozessen einer schrittweisen Veränderung von Identifikations- und Legitimationsmustern und dem Konzept der permanenten Kontrolle politischer Macht in einem Staat mit demokratisch-republikanischer Verfassung als Alternative zu den expansiven Fürstenstaaten als vorherrschende Staatsgebilde des 18. Jahrhunderts. In einer Zeit der Krise von absoluter Monarchie und kommerzieller Gesellschaft wurde Mablys »ethischer Republikanismus«, wie er von Peter Friedemann bezeichnet wird, mit Interesse aufgenommen. Mablys Perspektiven waren nicht nur zukunftsweisend, sondern boten auch einen alternativen Weg zwischen den Konzeptionen Montesquieus und Rousseaus. Seine Popularität als Referenzquelle im Nationalkonvent war zwar mitnichten vergleichbar mit der des Letzteren, dennoch war die Autorität seiner Schriften in den Augen der Abgeordneten unbestreitbar. Als möglichen Grund, warum die Mably-Forschung bis in die Gegenwart eher vernachlässigt wurde, benennt Peter Friedemann eine bisherige interpretatorische Engführung der Historiker, und gibt, mit Verweis auf die Vorgehensweise seines eigenen Werkes, Ideen und Anregungen für die Richtung der zukünftigen Forschung zu Mably.

    In Peter Friedemanns Werk ist Mably kein rückwärtsgewandter, moralisierender Ideologe, sondern ein für den Wandel politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse sensibler Spezialist des Völkerrechts, der durch seine dialektische Methode zwar keine Lehre mit einer einheitlichen politischen Botschaft bieten konnte, dafür aber, gerade in seiner Rolle als Vordenker sozialpolitischer Fragen, auch heute noch aktuell ist.

    Peter Friedemanns Werk besticht durch seine Ausführlichkeit, deren Komplexität sich jedoch an so mancher Stelle zu Ungunsten der Übersichtlichkeit auswirkt. In die Darstellung eingebundene Tabellen mit Angaben zu Mablys Lebensdaten beheben dies leider nicht vollständig.

    Der Autor setzt zudem ein gewisses Vorwissen über die politische Entwicklung des 18. sowie der darauffolgenden Jahrhunderte voraus, ohne welches es zu Verständnisproblemen seitens der Leserinnen und Leser kommen kann. Wer sich hiervon nicht abhalten läßt, dem wird eine reflexionsreiche und in vielerlei Hinsicht anregende Studie über einen Mann geboten, der größtenteils in Vergessenheit geraten sein mag, dessen Denkmodelle jedoch zahlreiche Anknüpfungspunkte an epochenübergreifende politische und soziale Herausforderungen menschlicher Gesellschaften bieten.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Ariane Fichtl
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Die Politische Philosophie des Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785)
    Eine Studie zur Geschichte des republikanischen und des sozialen Freiheitsbegriffs
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Ideen- und Geistesgeschichte
    18. Jh.
    1709-1785
    Mably, Gabriel Bonnot de (118575643), Politische Philosophie (4076226-9)
    PDF document friedemann_fichtl.doc.pdf — PDF document, 260 KB
    P. Friedemann, Die Politische Philosophie des Gabriel Bonnot de Mably (1709–1785) (Ariane Fichtl)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/friedemann_fichtl
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 25.04.2017 01:05
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