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M. Darlow, Staging the French Revolution (Matthias Middell)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Mark Darlow, Staging the French Revolution. Cultural Politics and the Paris Opéra, 1789–1794, Oxford (Oxford University Press) 2012, X–421 p. (The New Cultural History of Music), ISBN 978-0-19-977372-5, EUR 40,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Matthias Middell, Leipzig

Die Pariser Oper gehörte zu den Vorzeigeinstitutionen des Ancien Régime, kräftig subventioniert durch die Krone und ein Symbol für sozialen Elitismus, Luxus und eine vom Alltag vieler Franzosen abgewandte Ästhetik. Insofern wäre ihre Schließung während der Revolutionszeit (ähnlich zu den königlichen Akademien) zu erwarten gewesen. Entgegen solchen Prognosen (und damit zunächst einmal Tocquevilles These von der Rekonfiguration der französischen Gesellschaft aus den Trümmersteinen des Absolutismus scheinbar bestätigend) erfreute sich die Oper jedoch ungebrochenen Zuspruchs, nun als nationale Institution, und einer fortgesetzten finanziellen Zuwendung durch Regierung und Pariser Stadtverwaltung.

Nach der vor einigen Jahren erschienenen Studie von Victoria Johnson1 ist auch Mark Darlow in die Archive getaucht, um die »full story« (S. 6) als Kombination aus Musik-, Kultur- und Institutionengeschichte zu erzählen, die wiederum als Paradefall für die allgemeinere Kulturgeschichte der Revolutionsdekade gelten könne. Mit dem Interesse an den Institutionen schließt Darlow explizit an Untersuchungen zu Institutionen als Quelle für das überindividuelle Prestige von Künsten und Künstlern (Marc Fumaroli) und zur Entfaltung moderner Soziabilität (Antoine Lilti, Jean-Luc Chappey) an. Es geht ihm allerdings weniger um die Oper als Ort sozialer Interaktion als vielmehr um die Oper als ein relevanter Spieler im Institutionengefüge der Kulturpolitik, womit er den Fokus gegenüber älteren Studien weg von Einschätzungen der ästhetischen Qualität der Produktion hin zur gesellschaftlichen Rolle des Programms verschiebt. Er grenzt sich dabei von einer langen Tradition des Schreibens über das Theater der Revolutionsperiode ab, in der Musik- und Sprechtheater ausschließlich als Ausdrucksformen revolutionärer Ideologie und Propaganda betrachtet und meist wegen geringer ästhetischer Originalität be- oder verurteilt wurden. Inspiration bezieht Darlow vor allem aus den Untersuchungen Everists über das Odéon-Theater und Baras über die Opéra-Comique in der Restaurationszeit2.

Eine Analyse des Repertoires allein, wie es Emmett Kennedys Team für alle Pariser Theater während der Revolutionsdekade vorgelegt und aus dem quantitativen Überwiegen vorrevolutionärer Stücke auf einen wenig politisierten Publikumsgeschmack gefolgert hat (bestätigt durch die völlig andere Repertoirepolitik unter der jakobinischen Revolutionsregierung)3, erscheint dem Verfasser aufgrund der indirekten Beweisführung als unzureichend. Darlow plädiert dagegen für das Zusammenführen von drei Untersuchungsebenen: Erstens die verschiedenen Instanzen, die Kontrolle über die Theater ausübten, einschließlich ihrer Zuständigkeitskonflikte und interinstitutionellen Kommunikation; zweitens der Spielraum der Theater gegenüber dieser Kontrolle bei der Wahl ihres Repertoriums und die Faktoren, die das Nutzen solcher Spielräume möglicherweise beförderten sowie drittens die Resonanz beim Publikum und die Rückwirkung der Zuschauerreaktionen auf die Repertoirewahl. Für alle drei Ebenen hat er in Bezug auf die Opéra exzellentes Material gefunden, mit dem zumindest an Beispielen das Funktionieren der Entscheidungen zwischen diesen drei Ebenen nachvollzogen werden kann.

Die acht Kapitel haben jeweils einen klaren Fokus bei der Einlösung dieses Programms. Kapitel 1 gibt einen Überblick zur Ausgangssituation im Jahr 1789 mit den in dieses Jahr aus dem Ancien Régime herüberreichenden Debatten um die Rolle und Freiheitsgrade der königlichen Oper, in denen zwar viele Reformvorschläge zirkulierten, aber am Ende doch eine große Unsicherheit über das weitere Schicksal der Oper bestand. Nachdem ein Privatisierungsversuch des Violinisten Viotti gescheitert war, übernahm die Pariser Munizipalität im April 1790 die Verantwortung für die Oper, woraus Diskussionen über freies Unternehmertum und Kulturpolitik »durch und für das Volk« resultierten. (Kapitel 2) In Kapitel 3 geht es um die Wirkung der »loi Le Chapelier«, die mit der Privilegienwirtschaft aufzuräumen versprach, aber damit auch in Konflikt mit einem Diskurs geriet, der eine moralische Richtlinie für die Künste (und durch die Künste) hervorhob. Darlow kann die publizistische Unterstützung für Le Chapeliers Deregulierung des Theatermarktes vor allem im linksjakobinischen Milieu ermitteln und schlussfolgert, dass damit auf die spätere Kulturpolitik unter der Terreur vorbereitet werden sollte – im Reich der absoluten Wirtschaftsfreiheit blieb nur der Staat als Garant der Kunst, so dass paradoxerweise die »befreiten Theater« später einer stärkeren staatlichen Kontrolle unterlagen als zu Beginn der Revolution. In der Folge wendet sich Darlow in Kapitel 4 den Jahren 1793/1794 zu, als die Oper durch ein Komitee aus Künstlern verwaltet wurde. Sein Befund ist überraschend, denn er kann zeigen, dass die oft behauptete jakobinische Kulturpolitik, die die wöchentliche Aufführung patriotisch-revolutionärer Stücke wie »Brutus« oder »Wilhelm Tell« verlangte, weit seltener befolgt wurde, als oft kolportiert. Als einen Grund zeigt der Verfasser ein Kompetenzwirrwarr auf, bei dem im Alltag gar nicht klar war, wessen Vorschriften zu beachten waren. Daneben spielten die wenig voraussehbaren Interventionen von Volksgesellschaften und Pressereaktionen eine Rolle. Erregte sich niemand über das Repertoire, blieben Eingriffe der Revolutionsregierung und ihrer verschiedenen Komitees eher aus. Darlow kann eindrucksvoll zeigen, dass gründliche empirische Arbeit manche schwarze Legende aushebelt.

Im zweiten Teil wendet er sich der Repertoireanalyse und dem internen Funktionieren des Opernmanagements zu, mit einer kompletten Auswertung der aufgeführten Stücke, die Darlow nach Genre, Entstehungszeitraum (alt vs. neu), Premiere oder Wiederaufführung, Kombination verschiedener Stücke in einer Art Kombiticket und Gelegenheitsaufführungen sortiert. In Kapitel 6 bis 8 werden die einzelnen Stücke und das Repertoire, das in einer Saison zur Aufführung kam, ausführlich vorgestellt. Dies erlaubt, die künstlerische Produktion ins Verhältnis zu den finanziellen Verhältnissen und den Bemühungen des Managements zu setzen, beide Aspekte unter einen Hut zu bekommen.

Entgegen der Erwartung, dass eine zentrale Institution der Kunstproduktion des Ancien Régime mit dem Ausbruch der Revolution in Schwierigkeiten geraten würde, zeigt die vorzügliche Monografie Darlows, dass die rasch wechselnden revolutionären Autoritäten mit ihren Vorgängern in der Wertschätzung der Oper als Eckstein der nationalen Kultur einig waren. Gleichwohl ist dies kein Freibrief für Spekulationen über eine durchgehende Kontinuität herrschaftlicher Kontrolle über die Oper vom 17. bis zum späten 19. Jahrhundert. Vielmehr zeigt Darlow ebenso eindrucksvoll wie minutiös die Mechanismen einer Anpassung an einen neuen gesellschaftlichen Kontext nach dem Bastillesturm auf, unter der konstitutionellen Monarchie und während der Jakobinerherrschaft. Gegenüber einem Narrativ, das den unaufhaltsamen Weg zur Freiheit der Kunst durch die kurze Phase staatlicher Repression unter den Robespierristen unterbrochen sieht, führt Darlow seine Befunde ins Feld, die eine durchgehende Aushandlung zwischen behördlicher Aufsicht (und Subventionierung sowie Erwartung an eine bedeutungsvolle Kunstproduktion) und Selbstmanagement der Oper auch anhand der Publikumsreaktionen nahe legen. Seine Ergebnisse reichen damit in methodischer Hinsicht weit über den untersuchten Fall hinaus und sollten für eine Historiografie kultureller Institutionen allgemein Beachtung finden.

Eine vorbildliche Handreichung für die spezialisierte und nicht so spezialisierte Leserschaft ist die begleitende Website (www.oup.com/us/stagingthefrenchrevolution), die einerseits Zeitleiste und Glossar von typischen Begriffen der Revolutionszeit liefert, andererseits aber auch die ins Englische übertragenen längeren Zitate im Original sowie die vollständigen Titel der Libretti wiedergibt.

1 Victoria Johnson, Backstage at the Revolution. How the Royal Paris Opera Survived the French Revolution, Chicago 2008.

2 Mark Everist, Music Drama at the Paris Odéon, 1824–1828, Berkeley 2002; Olivier Bara, Le théâtre de l’Opéra-Comique sous la Restauration. Enquête autour d’un genre moyen, Hildesheim, Zürich, New York 2000 (Musikwissenschaftliche Publikationen, 14).

3 Emmet Kennedy, Marie-Laurence Netter, James MacGregor, Mark Olsen, Theatre, Opera and Audiences in Revolutionary Paris, Westport, CT 1996.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Matthias Middell
Deutsches Historisches Institut Paris
Staging the French Revolution
Cultural Politics and the Paris Opéra, 1789–1794
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Sozial- und Kulturgeschichte
18. Jh.
1789-1794
Théâtre National de l'Opéra Paris (1035023-8), Frankreich (4018145-5), Kulturpolitik (4033581-1), Musiktheater (4040874-7)
PDF document darlow_middell.doc.pdf — PDF document, 337 KB
M. Darlow, Staging the French Revolution (Matthias Middell)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/darlow_middell
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
Zugriff vom: 23.07.2017 06:30
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