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P. Chopelin, S. Édouard (dir.), Le sang des princes (Ronald Asch)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Paul Chopelin, Sylvène Édouard (dir.), Le sang des princes. Cultes et mémoires des souverains suppliciés (XVIe–XXIe siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2014, 328 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-3461-2, EUR 21,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ronald Asch, Freiburg i. Br.

Dass Monarchen abgesetzt wurden und dabei oder schon im Kampf um die Krone ihr Leben verloren, war auch im Mittelalter nichts Ungewöhnliches, man denke an Richard III. von England, dessen Leichnam vor kurzem unter der Asphaltdecke eines Parkplatzes wiederentdeckt wurde, oder an Richard II., der ebenfalls die englische Krone und damit sein Leben verlor. Aber erst in der Frühen Neuzeit kam es zu regelrechten Prozessen gegen gekrönte Könige, an deren Ende deren Hinrichtung stand, nämlich im Fall Karls I. von England und Ludwigs XVI. von Frankreich. Maria Stuart wurde zwar ebenfalls nach einer Verurteilung 1587 hingerichtet, aber diese Hinrichtung fand nicht in Schottland statt, sondern in England. Der Sammelband untersucht, wie die Anhänger der abgesetzten Monarchen, aber auch die Öffentlichkeit allgemein mit der Erinnerung an diese Märtyrer des Gottesgnadentums umging. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf die klassischen frühneuzeitlichen Fälle, die schon genannt wurden, sondern auch auf die Erinnerung an ermordete respektive hingerichtete Monarchen des 19. und 20. Jahrhunderts. Dazu gehört etwa der letzte Zar oder der in Mexiko erschossene Erzherzog Maximilian von Österreich. So geht der Beitrag von Christian Joschke über Maximilian sowohl auf das berühmte Gemälde Manets ein, das dessen Erschießung darstellt, wie auch auf eine Reihe von Fotografien, die der Fotograf Aubert in Mexiko selber gemacht hatte; u. a. sah man hier den toten Erzherzog in seinem Sarg liegen. Beide Bilder wurden jedoch schon rasch der Zensur unterworfen. Das Bild Manets, weil es faktisch Napoleon III. für den Tod des mexikanischen Kaisers verantwortlich machte, die Fotos, weil sie als unvereinbar mit dem Idealbild eines kaiserlichen Märtyrers und als entwürdigend empfunden wurden. Interessant ist dieser Fall auch deshalb, weil hier zum ersten Mal traditionelle künstlerische Strategien der Heroisierung respektive der Sakralisierung eines fürstlichen Märtyrers sich mit dem konkurrierenden Medium der Fotografie auseinandersetzen mussten, das tendenziell dazu geeignet war, solche Strategien zu unterlaufen. Andererseits konnte die Fotografie natürlich bei geschickter Inszenierung auch selbst wieder eingesetzt werden, um die dargestellte Person zu überhöhen. Der Beitrag von Kathy Rousselet über die Romanows zeigt hingegen, dass auch in einem Land, in dem es heute nur noch sehr wenige Monarchisten gibt, der ermordete Zar und seine Familie doch zu einem Symbol geworden sind für das Leiden des russischen Volkes ganz allgemein. Zugleich versuchen die Menschen, die an den Ort der Ermordung des Zaren pilgern – gar so wenige sind es nicht – ihrem Selbstverständnis nach Buße zu tun für die Sünden ihrer Vorfahren oder des Volkes insgesamt. Die orthodoxe Kirche, die schon die Kanonisation der letzten Romanovs nur mit Vorbehalten und nach langem Zögern vollzog, lehnt diese Art von Märtyrerkult an sich ab, kann ihn aber nur begrenzt steuern.

Immerhin ist Russland im Abstand von fast 100 Jahren nicht mit dem Problem konfrontiert, wie es mit den Zarenmördern umgehen will. In anderen Ländern stellte sich nach einer Restauration die Frage, wie Königsmörder und Royalisten zusammenleben sollten, durchaus. Das galt nicht nur für England nach 1660, sondern auch für Frankreich nach 1814. In ihrem Beitrag macht Bettina Frederking deutlich, dass sich in Frankreich nach den sogenannten 100 Tagen die Haltung gegenüber denjenigen, die an der Hinrichtung Ludwigs XVI. in irgendeiner Form beteiligt gewesen waren, deutlich verhärtete. Zum Teil wurde die Erinnerung an den Königsmord auch bewusst instrumentalisiert, entweder mit dem Ziel eine Liberalisierung des politischen Systems zu verhindern, oder mit der Absicht, die Königsmörder auszugrenzen, um so die Unschuld der Nation als Ganzer an dem Verbrechen glaubhaft verkünden zu können. Dass der Royalismus des frühen 19. Jahrhunderts in Frankreich zutiefst durch die Erinnerung an den Königsmord geprägt war, überrascht im Übrigen nicht. Frühzeitig wurde aus Ludwig XVI. ein Monarch, der nicht nur für das Recht seiner Dynastie gestorben war, sondern vor allem für die Kirche, die durch ihre »gottlosen Feinde« schon vor Ausbruch der Revolution bedroht war. Wie Bernhard Hours im vorliegenden Band zeigt, prägte u. a. der Abbé Liévin-Bonaventure Proyart durch seine mehrbändige Biografie des hingerichteten Königs, die 1808 in Paris erschien, dieses Bild. Für Proyart stellten schon die Auflösung des Jesuitenordens in den 1770 Jahren und erst recht das Toleranzedikt zu Gunsten der Nicht-Katholiken, das 1787 erging, einen Angriff auf die Grundfesten des Ancien Régime und einer christlichen politischen Ordnung dar. Die Ermordung des Monarchen war dann nur der konsequente Kulminationspunkt einer Revolte der Gottlosigkeit. Dementsprechend erschienen die Bourbonen kollektiv als treue Verteidiger der wahren Kirche und einer traditionellen Frömmigkeit. Um dieses Bild glaubwürdig erscheinen zu lassen, waren allerdings gewisse Retuschen in der Biografie nicht nur Ludwigs XVI., sondern auch seiner Familie notwendig. Es überrascht daher auch nicht, dass alle Versuche, den hingerichteten Monarchen heilig sprechen zu lassen, im 19. und 20. Jahrhundert scheiterten, obwohl gerade unter der Dritten Republik nach 1890 von konservativen französischen Katholiken noch einmal erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, Rom zur Aufnahme eines Kanonisationsprozesse zu bewegen, wie Paul Chopelin darlegt. Hätte schon Ludwig XVI. einen problematischen und politisch höchst kontroversen Heiligen abgegeben, so hätte das noch viel stärker für Maria Stuart gegolten, die 1587 in England unter dem Beil des Henkers starb. In einer für Zeit, die für politisch motivierte Heiligsprechungen günstig war, zwischen den 1880er und den 1920er Jahren, gab es dennoch schottische Katholiken, die ernsthaft eine solche Kanonisation anstrebten, doch verliefen diese Bemühungen wie bei Ludwig XVI. rasch im Sande, wie Michael Turnbull in seinem Beitrag darlegt. Karl I. von England erlangte hingegen nach dem Bürgerkrieg in der Anglikanischen Kirche wirklich den Status eines Heiligen. Die Bedeutung des kirchlichen Feiertages am 30. Januar (dem Tag der Hinrichtung des Monarchen) nahm jedoch schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stark ab, wie Andrew Lacey deutlich macht. Erst für die Anglo-Katholiken des 19. Jahrhunderts wurde Karl I. erneut zu einer wichtigen Symbolfigur, auch wenn die Gebete, die am. 30 Januar an seinen Tod erinnern sollten, 1859 endgültig aus der Liturgie der Staatskirche verschwanden, da eine striktere Trennung zwischen Politik und Religion nun als wünschenswert galt.

Die insgesamt 20 Kapitel dieses Bandes, die durch eine Einleitung und ein Schlusswort ergänzt werden, bieten einen guten Einblick in die royalistische Erinnerungskultur der Frühen Neuzeit und der Moderne namentlich in Großbritannien und Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern. Man hätte sich vielleicht gewünscht, dass die Herausgeber mehr Raum für längere Beiträge gelassen hätten, um das Thema zu vertiefen; so wirkt vieles doch eher impressionistisch. Anregungen für die weitere Auseinandersetzung mit dem Problem des Königsmordes erhält man dennoch auf vielfältige Weise.

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PSJ Metadata
Ronald G. Asch
Deutsches Historisches Institut Paris
Le sang des princes
Cultes et mémoires des souverains suppliciés (XVIe–XXIe siècle)
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Europa
Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter, Neuzeit bis 1900, 20. Jh., 21. Jh.
1550-2010
Herrscherkult (4159652-3)
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P. Chopelin, S. Édouard (dir.), Le sang des princes (Ronald Asch)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/chopelin_asch
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
Zugriff vom: 25.03.2017 03:00
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