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    M. Caesar, M. Schnyder (dir.), Religion et pouvoir (Eberhard Isenmann)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Mathieu Caesar, Marco Schnyder (dir.), Religion et pouvoir. Citoyenneté, ordre social et discipline morale dans les villes de l’espace suisse (XIVe–XVIIIe siècles), Neuchâtel (Éditions Alphil-Presses universitaires suisses) 2014, 262 p. (Colloquium), ISBN 978-2-88930-025-9, EUR 31,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Eberhard Isenmann, Köln


    Das Generalthema »Religion et pouvoir« des Sammelbandes, der aus einer Tagung an der Universität Genf im Jahr 2013 mit dem Obertitel »Former un bon citoyen« hervorgegangen ist, wird zu einem Teil an der etwas älteren Auseinandersetzung um die Begriffsprägung »religion civique« (André Vauchez) abgearbeitet. Der Ausdruck ist zwar mit »bürgerliche« oder »städtische Religion« – nicht aber mit »Zivilreligion« – durchaus übersetzbar, ergibt jedoch begrifflich keinen einleuchtenden Sinn. Das liegt bereits an der Vieldeutigkeit des Wortes »Religion«, das Aspekte des Glaubens (fides), die kirchliche Kultausübung und Formen der kollektiven wie privaten Frömmigkeit abdeckt. Der Zusatz »bürgerlich« oder »städtisch« würde die Spezifizierung des Genus bedeuten, also die jeweiligen bürgerlichen oder städtischen Ausprägungen etwa im Unterschied zu den dörflichen oder höfischen. Gemeint ist aber etwas, das der Begriff selbst nicht zu vermitteln vermag: Es sind dies die bestimmenden Einflüsse des »pouvoir civil«, d. h. in erster Linie der bürgerlich-laikalen städtischen Gewalt, auf das breite Feld der Religion, ferner die Aneignung von Werten, die dem religiösen Leben innewohnen durch »pouvoirs urbains«, d. h. in der Stadt vorhandene Gewalten, zu denen eigentlich auch die kirchlich-geistlichen gehören würden, und zwar zum Zweck ihrer Legitimierung, der Veranstaltung von Feierlichkeiten und zugunsten des Gemeinwohls. Ein Teil nur der heterogenen definitorischen Füllung des Begriffs wurde bislang als »Kommunalisierung« kirchlich-geistlicher Zuständigkeiten und Befugnisse sowie als vorreformatorisches oder reformatorisches »Kirchenregiment« bezeichnet (vgl. auch Kathrin Utz Tremp). Den Begriff durch »civisme religieux« (Pierre Monnet) zu ersetzen, würde das Problem der Undeutlichkeit des Ausdrucks und das begriffslogische Dilemma einer nachgereichten Überdeterminierung nicht lösen. Ferner von einer »cléricalisation des élites« (Mathieu Caesar) zu sprechen, ist für das Mittelalter insofern problematisch, als der Klerus eben präzise der geweihte Klerus mit seiner exklusiven geistlichen Heilsvermittlung ist, »Klerikalisierung« als Geisteshaltung aber eine säkulare Gesellschaft voraussetzt und zum negativ konnotierten Klerikalismus tendiert. Der Vorschlag hat einen Vorläufer in dem gleichfalls problematischen Ausdruck der »Sakaralisierung« des städtischen Rats.

    Die meisten der in den 13 Einzelbeiträgen des Bandes behandelten Phänomene haben zunächst ihren einfachen Grund darin, dass sich die Bürger (und Einwohner) als christliche Gesellschaft und Gemeinde verstehen und der aus der Bürgerschaft gebildete Rat, wenn er zur abgehobenen Obrigkeit avanciert, sich als eine paternalistische oder autoritative christliche Obrigkeit versteht, die grundsätzlich christlichen Geboten unterworfen ist, und mit seiner Regierung christliche Ziele zu verfolgen hat. Als weltliche Gewalt ist er daher im Zuge seiner police, der »guten Polizei«, nicht nur für Frieden, Ordnung und Gefahrenabwehr, sondern auch für das Seelenheil der Bürger und die sittliche Gesamtverfassung der Stadt, die unter dem Menetekel der Strafe Gottes steht, verantwortlich. Deshalb müssen die Ratsherren am Jüngsten Tag Rechenschaft über die Erfüllung ihrer Pflichten ablegen. Der Rat hat für die Ordnung auch im kirchlich-geistlichen Bereich zu sorgen, indem er Aufsicht übt und Vermögen verwaltet, Prozessionen ordnet und anordnet, reformatorisch gegen Verwahrlosung in Klöstern einschreitet, für einen guten Gottesdienst und eine gute Predigt sorgt, bis er sich sogar in Glaubensfragen für die reformatorische Lehre des reinen Evangeliums einsetzt. Zu seiner christlichen Legitimierung und Überhöhung sucht er die Nähe zu sakralen Bezügen, während auf der anderen Seite die Geistlichkeit auf die Sittengesetzgebung des Rats einzuwirken versucht. Daneben treffen sich Laien und Kleriker in den Bruderschaften mit ihren karitativen und religiösen Belangen.

    Diese Bemerkungen seien vorausgeschickt, da sich die Einzelbeiträge zur empirischen Ausfüllung des Rahmenthemas – regional auf schweizerische Städte begrenzt – aus einem breiten Spektrum auf relativ eng gefasste Fragestellungen konzentrieren, zeitlich weit gespannt vom Mittelalter über die Reformationszeit bis ins aufgeklärte 18. und frühe 19. Jahrhundert reichen und nicht stets auf allgemeine Grundbedingungen rekurrieren können. Auch wird in der Regel vernünftigerweise vermieden, die substantiellen Beiträge mit allgemeiner und dann, wie nicht selten üblich, doch nicht diskutierter Literatur zu überladen.

    Behandelt werden: Patronatsrecht und laikale Pfarrerwahl in Fribourg (Kathrin Utz Tremp) – Humanismus und Reformation mit inneren und außengeleiteten Konflikten in Mulhouse (Odile Kammerer) – Einflussnahme auf kirchlich-geistliche Institutionen und Bruderschaften sowie Sittengesetzgebung in Genf (Mathieu Caesar) – die Bedeutung des politischen Eides und die Funktion anderer eidlicher Bindungen anhand verschiedener Städte (Olivier Richard) – Bettelordenskonvente in Lausanne (Stéphanie Manzi) und Lugano (Antonietta Moretti), Bruderschaften und Prädikaturen in Lugano (Davide Adamoli, Marco Schnyder), Theologenkritik an Magistrat, Klerus und Gesellschaft in Neuchâtel (Pierre-Olivier Léchot) – konsistoriale Sittenzucht in Lausanne (Nicole Staremberg). Unter den Städten befinden sich eher kleinere Städte, die hinsichtlich ihrer Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten besonderes Interesse beanspruchen können, da Modellhaftes an großen Städten entwickelt wurde. Die Herausgeber skizzieren in einem Vorwort Fragestellungen und charakterisieren knapp die einzelnen Beiträge. Pierre Monnet greift in einer Einführung Fragestellungen auf und gibt vor allem im Hinblick auf deutsche Städte in einem Literaturüberblick, teilweise vorausgegangenen Synthesen folgend, Einsichten in die Forschungen zu den Wesensbestimmungen und zum zeitgenössischen Selbstverständnis von Stadt und Bürgern sowie zu einzelnen stadtgeschichtlichen Themenfeldern. Zu der von ihm angesprochenen, durchaus auf den Kern des Urbanen zielenden Frage nach Vormodernität und Modernität des Mittelalters gibt es, das sei am Rande bemerkt, hinsichtlich der Städte allerdings einschlägigere Arbeiten als die zitierten. François Walter resümiert abschließend die Beiträge des vielgestaltigen Bandes mit einigen weiterführenden Bemerkungen.

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    PSJ Metadata
    Eberhard Isenmann
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Religion et pouvoir
    Citoyenneté, ordre social et discipline morale dans les villes de l’espace suisse (XIVe–XVIIIe siècles)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    Europa (4015701-5), Religion (4049396-9), Kirchliches Leben (4114204-4), Religiöses Leben (4115741-2), Frömmigkeit (4018672-6), Christliche Gemeinschaft (4129640-0)
    PDF document caesar_isenmann.doc.pdf — PDF document, 336 KB
    M. Caesar, M. Schnyder (dir.), Religion et pouvoir (Eberhard Isenmann)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/caesar_isenmann
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
    Zugriff vom: 25.04.2017 01:05
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