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    J. Brademann, K. Thies (Hg.), Liturgisches Handeln als soziale Praxis (Michael Quisinsky)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jan Brademann, Kristina Thies (Hg.), Liturgisches Handeln als soziale Praxis. Kirchliche Rituale in der Frühen Neuzeit, Münster (Rhema) 2014, 464 S. (Symbolische Kommunikation und Gesellschaftliche Wertesysteme – Schriftenreihe des Sonderforschungsbereich 496, 47), ISBN 978-3-86887-023-7, EUR 52,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Michael Quisinsky, Meyrin.

    Schlagzeilen machte der christliche Gottesdienst in den vergangenen Jahren immer wieder: sei es katholischerseits aufgrund des Streits um die Deutung des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) mit den damit zusammenhängenden grundsätzlichen Optionen in Fragen des Kirchen- und Weltverständnisses, der freilich v. a. vordergründig ein Streit um die Feierform des Gottesdienstes ist, sei es aufgrund des Rückgangs zumindest der allsonntäglichen Gottesdienstmitfeier, den etwa die kirchliche Statistik für die katholischen Bistümer in Deutschland verzeichnet. Einerseits zeigt sich in beiden Fällen, dass die Feier des Gottesdienstes in unserer Gesellschaft eine epochale Transformation erlebt. Andererseits zeigt noch eine wenn man so will Krise gottesdienstlicher Praxis, dass es hierbei neben individuellen religiösen Äußerungsformen um eine »soziale Praxis« geht. Da eine solchermaßen verstandene Liturgie, anders, als es der Begriff »Gottesdienstbesuch« nahelegt, nicht zuletzt vom Liturgiebegriff gerade des II. Vatikanischen Konzils her immer auch eine Handlungskomponente beinhaltet, verdient der Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Bandes höchste Beachtung. Gerade auch in der Kontrastierung der Gegenwart mit der Frühen Neuzeit sind aufschlussreiche Erkenntnisse von interdisziplinärer Tragweite zu erwarten, wie die Definition Jan Brademanns in seiner i. Ü. glänzenden, international ausgerichteten und ungemein informativen Einleitung (mit dem Titel »Anstelle einer Einleitung. Liturgisches Handeln als soziale Praxis – Konfessionalisierung als ritueller Prozess?«) insinuiert: liturgisches Handeln versteht er als »den regelmäßigen, an die Kirchen gebundenen Vollzug formal geregelter, kollektiver sprachlicher wie nichtsprachlicher Aktions- und Kommunikationsformen, die sich auf die christliche Offenbarung beziehen, von Laien und Geistlichen« (S. 13). Dem Forschungsgegenstand wird dieser dichten Definition nach also nur gerecht, wer Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung der Kirchen (insbesondere auch nach der Reformation), Sozial- und Mentalitätsgeschichte, Symbol- und Kommunikationsforschung, Soziologie und Anthropologie, Psychologie und Verhaltensforschung, Religionsgeschichte und christliche Theologie u.a.m. zusammenführt. Wo die »geschichtswissenschaftliche Liturgieforschung« (ibid.) bzw. »Liturgiegeschichtsforschung« (ibid.) dies tut, ist sie, wie von Brademann gefordert, in der Tat eine »Form der Kulturgeschichte der Religion« (ibid.), die ihrerseits die im interdisziplinären Austausch stehenden Einzelwissenschaften mit spezifischen konkreten und grundsätzlichen Einsichten bereichert und deren Horizont entsprechend fundiert erweitert. Als höchst anregendes und in seinen Konsequenzen weitreichendes Beispiel für eine solche Fundierung und Erweiterung sei nur auf Brademanns Anmerkungen zum geschichtswissenschaftlichen Konzept der »Konfessionalisierung« (S. 20) verwiesen. Nicht zuletzt für Theologinnen und Theologen stellt aber auch seine Analyse der biographischen Situierung gegenwärtiger Forschungen eine methodische und inhaltliche Herausforderung dar, wonach es eine »Entfremdung einer jüngeren Historikergeneration gegenüber der ›christlichen Kulturtradition‹« (S. 23) gebe. Übrigens sind auch bzgl. der sog. »Säkularisierung« (S. 53) der westeuropäischen Gesellschaften Brademanns Ausführungen hinsichtlich der Aussagekraft des Untersuchungsgegenstandes von größtem Interesse und zeigen, dass man auch das Gegenwartseuropa nicht versteht, wenn man nicht um dessen Prägung durch das Christentum weiß.

    Der Aufbau des Bandes folgt einer stringenten und überzeugenden Logik. In sechs Kapiteln sind jeweils drei Beiträge vereint, die sich »Liturgie als Ritual«, »Bekenntnis und Symbol«, »Liturgische(m) Handeln und (der) gesellschaftliche(n) Formierung der Konfessionen«, »Liturgie, soziale(r) Integration und Distinktion«, »Liturgische(m) Handeln und (der) Differenz konfessioneller Wertvorstellungen«, und schließlich dem »Interkonfessionelle(n) Konflikt, Ambiguität und Anpassung« widmen. Zunächst stellen Volkhard Krech einen soziologischen sowie Edmund Arens und Andreas Odenthal je einen theologischen Zugriff vor, wobei letzterer »ein zeitgenössisches Theoriemodell einer praktisch-theologischen Liturgiewissenschaft auf historischer Stationen der Liturgie zu übertragen versucht« (S. 106) und damit die Notwendigkeit einer je neu notwendigen Verhältnisbestimmung von Geschichte und Gegenwart als intrinsischem Bestandteil kulturtheoretischer Zugriffe auf Liturgie als gegenwartsübergreifendem Phänomen aufzeigt. Sodann bieten Dorothea Wendebourg aus lutherischer, Ralph Kunz aus zwinglianischer und Benedikt Kranemann aus katholisch-nachtridentinischer Sicht einen Einblick in die bis heute prägenden Entwicklungen der Frühen Neuzeit. Während protestantischerseits mit der Reformation liturgische Ordnungen zu schaffen waren, zeichnete sich der nachtridentinische Katholizismus durch liturgische Vereinheitlichungsbestrebungen aus, die, wie Kranemann eindrücklich aufzeigt, allerdings keineswegs unmittelbar eine faktische Vereinheitlichung mit sich brachten. Mit den Stichworten »Gottesdienstordnung«, »Konstruktion einer katholischen Identität« und »Konfessionalisierung des kollektiven Bewusstseins« arbeiten Natalie Krentz am Beispiel Wittenbergs, Philippe Martin am Beispiel Frankreichs und Christian Grosse am Beispiel Genfs (womit auch die calvinistische Komponente der Reformation in den Blick kommt) zentrale Aspekte der Liturgie als sozialer Praxis heraus und zeigen dabei nicht zuletzt auch die jeweils konkrete »Verortung« allgemeiner Dimensionen auf. David M. Luebkes Beitrag widmet sich Taufe und Eheschließung und damit sog. »Passageriten«, durch die die Religion mit ihrer Liturgie unmittelbar im persönlichen Leben eine zentrale Rolle spielt – dies allerdings über die rein religiöse Dimension hinaus nicht zuletzt mit »Auswirkungen auf das Verhältnis des Individuums zu der bürgerlichen Gemeinschaft als Ganzes« (S. 252). Dass das Individuum gerade auch als Teil einer Kirche nicht individualistisch misszuverstehen ist, zeigen eindrücklich die beiden Beiträge von Kristian Thies und Lena Krull zur Großen Prozession in Münster – wobei Krull zwar mit dem 19. bzw. 20. Jh. den Untersuchungszeitraum »Frühe Neuzeit« hinter sich lässt, dafür aber mit dem Geschlechterverhältnis eine entscheidende Komponente von Religion einbezieht und damit die »potentielle Integrationsleistung« (S. 303) der Großen Prozession nicht einfach als Ergebnis einer fiktiven historischer Konstanz betrachtet, sondern auch als Ergebnis spezifischer Traditionswahrnehmung des 19. Jahrhunderts. Jürgen Bärsch vergleicht katholische und protestantische Begräbnisordnungen und damit die gerade auch langfristig kulturell in hohem Maße prägenden Auswirkungen der Konfessionalisierung hinsichtlich der angebotenen bzw. später und bis heute dann auch jenseits institutionalisierter Religiosität kulturell unterschwellig weiterwirkenden Deutungskategorien von Leid und Tod. Mareike Menne widmet sich mit der Visitation einem nicht zu unterschätzenden Faktor im liturgischen Leben der Kirchen, das immer auch von Institutionalisierung bis hin zur Bürokratisierung geprägt ist. Auf Irmgard Scheitlers Beitrag zum Kirchengesang wird gleich noch einmal zurückzukommen sein. Andreas Pietsch zeigt an der »verflixten Uneindeutigkeit« (S. 365), die der reformierte Theologe Adrianus Saravia bei Justus Lipsius ausmachte, wie schwierig bei allen Abgrenzungsversuchen und -tendenzen letztlich Grenzziehungen aller Art waren und sind. Diesen widmet sich auch Laurent Jalabert ausgehend vom »labile(n) Gleichgewicht« (S. 398) konfessioneller Koexistenz im deutsch-französischen Grenzgebiet und legt dabei aufschlussreiche Beobachtungen zur Verschränkung der Wahrnehmung von Zeit und Raum vor. Die im Titel erwähnte »sakrale Gewalt« ist seinem Beitrag zufolge nicht zuletzt auch eine »symbolische Gewalt« (S. 386) und damit umso komplexer. Martin Scheutz untersucht eine gänzlich andere Konstellation des Konfessionsverhältnisses in den österreichischen Erblanden, wo sich im 18. Jh. die katholische Mehrheitskonfession und der immer weniger versteckt agierende Geheim- oder Kryptoprotestantismus eine Art »konfessionelle(s) Mimikry« (S. 404) lieferten, die Deutungsmuster freilich im Gefolge des Josephinismus dann auch nochmals kräftig durcheinandergewirbelt wurden.

    Die starke Konzentration auf Fragestellungen, die mit der Reformation und der sog. Konfessionalisierung zusammenhängen, stellt einerseits eine Stärke dar, darf aber andererseits auch nicht den Blick dafür verstellen, dass eine liturgische Praxis immer auch einer Binnenlogik bzw. der Binnenlogik einer Gruppe, Gemeinde, Konfessionskirche etc. folgt, die ebenso eine Eigendynamik entfalten kann wie die in diesem Band insgesamt etwas stärker betrachtete abgrenzende oder sozialregulative Dimension der Liturgie. Gerade bzgl. dieser Eigendynamik ist bei aller Interdisziplinarität und hier wohl mehr denn je das Knowhow der Theologie unverzichtbar, ohne die der von Brademann herausgestellte und zentrale kulturgeschichtlich je neu situierte Bezug auf die christliche Offenbarung (s.o.) unverständlich bleiben muss. Zugleich bietet sich hier aber auch für die Theologie ein Lernfeld erster Güte an, sind doch auch Binnenlogik und Eigendynamik einer Religion und speziell der christlichen mit ihrem spezifischen Zueinander von Gott und Welt eben nie für sich zu betrachten.

    Mit Martin Luther gewannen muttersprachliche Lieder im Gottesdienst »einen völlig neuen Stellenwert« (D. Wendebourg, S. 121), die Reformation wurde der Kirchengeschichtlerin zufolge eine »Singbewegung« (ibid.). Damit kommt Irmgard Scheitlers bereits erwähntem Beitrag über »Kirchengesang und Konfession« eine herausgehobene Bedeutung zu, die nicht zuletzt auch akustisch unterstrichen wird durch eine vorzügliche, dem Band beigefügte CD mit 24 Hörbeispielen aus verschiedenen Jahrhunderten. Scheitler gelingt es eindrücklich, diverse Entwicklungslinien aufzuzeigen, die hier nicht nachgezeichnet werden können. Hervorgehoben sei angesichts der internationalen Ausrichtung von Brademanns programmatischer Einleitung lediglich eine Beobachtung: »Die identitätsstiftende Funktion geistlichen Singens ist für das deutschsprachige Gebiet besonders bezeichnend. Zwar gab es immer Lieder, die den verschiedenen Konfessionen gemeinsam waren, doch wurde dieses Faktum eher verschwiegen als betont. So sehr der Kirchengesang über Jahrhunderte hinweg konfessionsbestimmend und oft genug konfessionstrennend wirkte, so wenig gilt dies freilich heute noch. Das 20. Jahrhundert hat in der katholischen Kirche eine beispiellose Öffnung für den volkssprachlichen liturgischen Gesang gebracht. Sehr viele Lieder sind über die Grenzen der Denominationen hinweg gewandert und neue Gesänge kennen diese Demarkationslinie nicht mehr. Längst gibt [sic] ein offizielles Korpus gemeinsamer Kirchenlieder. Ist einerseits Luthers Name und der Verweis auf den Genfer Psalter im katholischen Gesangbuch zu lesen, so entdeckten andererseits die Kirchen der Reformation die Gregorianik. So ist just auf dem Gebiet, das früher die Konfessionen spürbar trennte, die Ökumene am weitesten fortgeschritten« (S. 361). Und hier zeigt sich denn auch die aktuelle Relevanz historisch ausgerichteter interdisziplinärer Erforschung der Liturgie als Teil der Kulturgeschichte: Wer etwa katholische Messfeiern im deutsch- und französischsprachigen Raum und speziell ihre kirchenmusikalische Gestaltung kennt und vergleicht, wird die von Scheitler für den deutschsprachigen Raum gemachte Beobachtung in einen größeren Zusammenhang stellen können. Von diesem Zusammenhang her wäre im Sinne der Vertiefung von Erkenntnissen in Einzeldisziplinen durch interdisziplinäre Perspektivenverschränkung, wie sie eingangs als methodische Chance des vorliegenden Bandes aufgezeigt wurde, beispielsweise in der Theologie ausgehend von Scheitlers Beobachtung zu fragen, wie sich die Rezeption des eingangs erwähnten II. Vatikanischen Konzils im liturgischen Handeln als sozialer Praxis je nach Sprachraum unterscheidet. Konkret könnte man die These überprüfen, wonach die national und sprachraummäßig jeweils höchst unterschiedlich ausgeprägte Resonanz auf die gerade in den letzten Jahren wieder in die Schlagzeilen gekommene und dabei nicht nur für die Entwicklung der römisch-katholischen Kirche folgenreiche Bewegung der Piusbrüder neben je national geprägten politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Ursachen auch mit der im deutschen Sprachraum offensichtlich auch aus kirchenmusikalischen Traditionen heraus weniger stark gegebenen Möglichkeit zusammenhängt, die Liturgie nach dem II. Vatikanum gegen dieses und damit gegen dessen Verhältnisbestimmung von Kirche und Welt sowie Gott und Mensch in Stellung zu bringen. Denn, so ein Unterpunkt der These, das nicht zuletzt seit der Reformation entstandene gottesdienstliche Liedgut stellt einen wichtigen Baustein für eine im Vergleich mit anderen Regionen relativ organische Entwicklung der liturgischen Veränderungen im deutschen Katholizismus bereits vor dem Konzil dar, die dann ihrerseits auf dem Konzil aufgegriffen wurden und Teil einer umfassenden Erneuerungsbewegung der katholischen Kirche wurden.

    Dieses Beispiel möge genügen, um die zahlreichen Implikationen des in diesem ausgezeichneten Band (der allerdings leider kein Personenregister, dafür immerhin eine englischsprachige Zusammenfassung der Beiträge und, last, not least, zahlreiche Abbildungen, beinhaltet) verhandelten Gegenstandes aufzuzeigen. Wie hier am Beispiel der Frühen Neuzeit mit ihren zahlreichen Entwicklungslinien bis in die Gegenwart nachgewiesen wird, stellt das »noch zu wenig profilierte Schnittfeld von Liturgie- und Geschichtswissenschaft« (Jan Brademann, S. 17) einen wichtigen Baustein für das Verständnis von Religion und Gesellschaft dar.

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    PSJ Metadata
    Michael Quisinsky
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Liturgisches Handeln als soziale Praxis
    Kirchliche Rituale in der Frühen Neuzeit
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., Neuzeit bis 1900
    1450-1800
    Deutsches Sprachgebiet (4070370-8), Frankreich (4018145-5), Ritus (4124068-6), Liturgie (4036050-7), Kirchliches Leben (4114204-4), Konfessionalisierung (4136343-7), Sozialgeschichte (4055772-8)
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    J. Brademann, K. Thies (Hg.), Liturgisches Handeln als soziale Praxis (Michael Quisinsky)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/brademann_quisinsky
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
    Zugriff vom: 25.03.2017 02:59
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