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    J. Black, Politics and Foreign Policy in the Age of George I, 1714–1727 (Hermann Wellenreuther)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jeremy Black, Politics and Foreign Policy in the Age of George I, 1714–1727, Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2014, XVIII–279 p., ISBN 978-1-4094-3139-8, GBP 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hermann Wellenreuther, Göttingen

    Der Katalog der Göttinger Universitätsbibliothek listet, gibt man den Namen des Autors ein, 140 Bücher auf; allein für das Jahr 2015 werden drei Monografien genannt. Zugegeben, unter diesen Titeln befinden sich einige, die Black nur herausgegeben hat. Aber insgesamt ist das Oeuvre des englischen Historikers, der dieses Jahr 60 Jahre alt wird, in Oxford und Cambridge studierte, aber in Durham promovierte, Furcht einflößend – auch und gerade für den Spezialisten zum 18. Jahrhundert. Aber dies ist nicht sein einziges Spezialgebiet. Auf seiner Homepage nennt er als seine Interessensgebiete als Historiker »post 1500 military history and also on eighteenth-century British history, international relations, cartographic history and newspaper history«. Für seine unglaubliche Produktivität gibt es sicherlich viele Gründe; einer davon mag sein, dass Black nach nur zwei Jahren in Durham seit 1996 an der University of Exeter im idyllischen Devonshire lebt und lehrt, weit ab vom Getriebe und Wirbel Londons und der Midlands.

    Mit »Politics and Foreign Policy in the Age of George I« kehrt Black zu seinen akademischen Anfängen zurück. Wenn ich die Kataloge richtig lese, dann war Blacks erste Monografie »British Foreign Policy, 1727–1731« (1982), gefolgt von »British Foreign Policy in the Age of Walpole« (1985), und »The British and the Grand Tour«(1985). Er ist der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis etwa 1990 treu geblieben, erst dann wandte er sich der Militärgeschichte, der Geschichte der Kartografie, der des 20. Jahrhunderts und endlich auch der Geschichte des Britischen Reiches im 18. Jahrhunderts zu.

    Eine solche Produktivität hat natürlich auch ihren Preis, was allerdings weder die tiefgegründete Kenntnis seiner Themen, die stupende archivalische Basis seiner Arbeiten, noch die breitgespannten Interessen, mit denen Black seine Themen angeht, betrifft. Gerade hier gelingt es dem Autor gelegentlich in beeindruckender Weise, früher erarbeitete Kenntnisse z. B. zum englischen Pressewesen auch in diese Studie einzuarbeiten (so z. B. S. 42ff.). Der Preis wird im Formalen gezahlt: Black schreibt, und dies gilt für einige seiner neueren Arbeiten, einen »atemlosen« Stil, bei dem man sich oft den folgenden Satz hinzudenken muss, um den vorangehenden wirklich zu verstehen. Und dies erschwert zunehmend die Lektüre seiner Bücher. Angenehmer empfindet zumindest dieser Rezensent dagegen Black’s Theorieferne, wenn diese auch gelegentlich etwas naive Sätze produziert wie den folgenden: »History is both the past and the process by which we provide accounts of the past« (S. IX).

    Die Arbeit ist chronologisch aufgebaut und versucht, das im Vorwort gemachte Versprechen, »this book links foreign policy to domestic politics« (S. VII) auch umzusetzen. Dies wird in sieben Kapiteln versucht, wobei das erste Kapitel der Analyse der Debatten und Streitkultur in der gesamten Herrschaftszeit von Georg I. gewidmet ist. Diese habe sich, so das Ergebnis, in dieser Zeit deutlich gewandelt, wobei die Debatte der Außenpolitik zunehmend an Bedeutung gewonnen habe. Überhaupt scheint Außenpolitik, folgt man Black, die öffentliche Debatte nicht nur in der Presse, sondern auch im Parlament weitgehend beherrscht zu haben (S. 40 und passim). Folgt man allerdings dem Argument von Karl T. Winkler, dem sicherlich größten Kenner der englischen Debattenkultur in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dann waren die großen Themen dieser Zeit eher verbunden mit der Loyalitätsfrage, dem Jakobitismus, dem Parteienwesen, der Korruption der Parteien und der Redefreiheit1. Black erwähnt in späteren Kapiteln ein weiteres großes Thema, das öffentlich debattiert wurde, nämlich der Aktienverfall der South Sea Company, diskutiert aber auch dies vornehmlich unter außenpolitischen Gesichtspunkten im Unterschied zu Winkler und Kathleen Wilson2.

    Im zweiten Kapitel werden die Ereignisse zwischen 1714 und 1717 erörtert. Aber auch hier beherrschen Außenpolitik und klassische Intrigen innerhalb der Regierung und der winzigen, hofnahen aristokratischen Elite die Darstellung. Die folgenden Kapitel behandeln jeweils zwei oder drei Jahre, wobei die Überschriften – »War and Political Division, 1718–1719«, »Failure Abroad and at Home, 1720–1721«, »New Beginnings, 1722–1724«, »Crisis Anew 1725–1726«, und »Resolution? 1726–1727« – auf den grundsätzlichen Ansatz der Studie insgesamt hinweisen. Für Black ist »politics« Intrige, Debatte, Kontroverse und Interaktion in der kleinen Welt des Hofes, der aristokratischen Politik und mit ausländischen Monarchen und deren Botschaftern. Damit ist auch gesagt, was in Blacks Begriff von »Politik« nicht enthalten ist: die politische Welt der Stadtbürger sowie der freeholder und freemen auf dem Land. Die zum Teil heftigen Konflikte in umstrittenen Wahlen zwischen 1715 und 1722 bleiben weitgehend ausgespart – sie werden erwähnt (S. 148), aber ihre Inhalte sind dem Autor nicht interessant. Wahlen aber waren die Knotenpunkte, in denen die Wähler am intensivsten am politischen Prozess teilhatten. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den Titeln der ausgewählten Bibliografie (S. 267–268) ebenso wie in den zahlreichen archivalischen Quellen der Arbeit. Eine solche Beschränkung der politischen Analyse auf den winzigen Teil der politischen Elite wäre für beinahe jedes andere europäische Land im 18. Jahrhundert gerechtfertigt gewesen – nicht aber für England, wo, wie der Verfasser in seinem ersten Kapitel auch andeutet, eine viel breitere Öffentlichkeit sowohl durch ihre Wahlentscheidungen als auch durch Flugblätter, Presseerzeugnisse und Pamphlete teilhatte an der Politik.

    »This book links foreign policy to domestic politics in a work that throws new light on both«(S. VII), so lautet der erste Satz von Blacks Buch. Als Vorsatz ist dies löblich, aber leider wird die Absicht nur sehr gelegentlich verwirklicht. Das Buch ist eher eine nicht immer leicht verständliche Analyse der englischen Außenpolitik und ihrer Rolle in den Debatten innerhalb eines sehr kleinen Kreises von englischen Politikern. Als solche leistet es einen durchaus respektablen Beitrag zu unserer Kenntnis der englischen Außenpolitik und Debattenkultur in der Herrschaftszeit von Georg I.

    1 Karl Tilman Winkler, Wörterkrieg. Politische Debattenkultur in England 1689–1750, Stuttgart 1998, S. 323–424.

    2 Id., Wörterkrieg, S. 333–348; Kathleen Wilson, The Sense of the People. Politics, Culture and Imperialism in England, 1715–1785, Cambridge 1998, S. 118–119. Beide Autoren verknüpften die Diskussion über den Aktienverfall vor allem mit dem Atterbury Plot.

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    PSJ Metadata
    Hermann Wellenreuther
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Politics and Foreign Policy in the Age of George I, 1714–1727
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Großbritannien
    Politikgeschichte
    18. Jh.
    1714-1727
    Großbritannien (4022153-2), Außenpolitik (4003846-4), Innenpolitik (4027058-0)
    PDF document black_wellenreuther.doc.pdf — PDF document, 336 KB
    J. Black, Politics and Foreign Policy in the Age of George I, 1714–1727 (Hermann Wellenreuther)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/black_wellenreuther
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:00
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