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    H. van den Belt (ed.), Restoration through Redemption: John Calvin Revisited (Eberhard Busch)

    Francia-Recensio 2015/3

    Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Henk van den Belt (ed.), Restoration through Redemption: John Calvin Revisited, Leiden (Brill Academic Publishers) 2013, X–288 p. (Studies in Reformed Theology, 23), ISBN 978-90-04-24466-5, EUR 131,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Eberhard Busch, Göttingen

    Der Verlag Brill hat in der für ihn bezeichnend sorgfältigen Weise einen Band mit 16 Vorträgen anlässlich des Calvin-Jubiläums 2009 veröffentlicht. Die Vorträge wurden an einem dafür passenden Ort gehalten: in Aix-en-Provence, an der heute so genannten Faculté Jean Calvin. Auffallend ist, dass fast die Hälfte der Referenten südafrikanische Theologen sind. Sie beweisen in ihren Beiträgen ein beachtliches Niveau bei der Mitsprache auf dem Feld der Calvinforschung.

    Was einem bei der Lektüre in die Augen sticht, ist, dass die deutsche Forschung – geschweige zu Calvin! – hier keine Rolle spielt. Mehr noch, auch Martin Luther wird allenfalls beiläufig erwähnt. Auch das, was in Deutschland als typisch reformatorisch gilt, tritt thematisch nicht hervor. Wir tauchen hier bei dieser rund um den Namen Jean Calvin fokussierten Theologie in eine eigene Welt, wobei dieser auch durchaus kritisch gesehen wird. Doch es wird keineswegs in Frage gestellt, dass er in seiner Eigenprägung ein evangelischer Reformator war. So erinnert das Buch daran, dass man dies bei der Reformationsfeier 2017 doch nicht vergessen möge. Zugleich wirft es die Frage auf, die durchaus noch nicht beantwortet ist: was denn eigentlich als »reformatorisch« zu verstehen sei.

    In den Band führt der Groninger Experte für reformierte Theologie Henk van den Belt umsichtig ein und weckt Interesse für die folgenden Beiträge. Sie sind nach drei Gesichtspunkten geordnet: der Analyse verschiedener Themen Calvins in ihrem historischen Kontext, sodann der Frage, in welcher Weise sich seine Theologie heute noch bejahen und eventuell fruchtbar machen lässt, sowie einer Erkundung, wie neuere reformierte Theologen ihn aufgefasst haben. Schon in der Einleitung lesen wir starke Sätze, die offenbar alle Beiträge im Blick haben: »Calvin’s whole theology hinges on Christology, but then, from that central point on, it extends to the whole creation«, woraus der Autor schließt, dass die folgenden Beiträge »can be clustered around the theme of the restoration of fallen creation through the redemption by Christ« (S. 5).

    Der »central point«, die Christologie, wird etwa in dem Aufsatz von Jaeseung Cha über das stellvertretende Strafleiden Christi zur Beseitigung des Zornes Gottes des Vaters über die Sünde thematisiert. Dies dürfe nicht durch einen »modern sentimentalism« weggeredet werden (S.  133), ohne dass hier gefragt wird, ob darin ein zorniger Gott besänftigt werden müsse und nicht vielmehr die Trennung beseitigt, werde die der Mensch durch seine Sünde herbeigeführt hat. Man lese hierzu den Aufsatz von Gijsbert van den Brink über Calvins Trinitätslehre (S. 15–30), gegen die dieser zunächst zurückhaltend war, bis ihm aufging, dass es in ihr um den Einsatz Gottes selbst zur Rettung des durch sich selbst bedrohten Menschen geht. Die Antitrinitarier, die das nicht verstanden haben, hätten wie die Muslime heute gedacht (S. 30). Den descensus ad inferos habe Calvin als tiefste Stufe der Erniedrigung Christi verstanden, statt wie die Lutheraner als Beginn seines Sieges über die »Hölle«, so Johan Buitendag (S. 147–157). Ob das so verkehrt gedacht war? Der Sieg Christi über die Unterwelt laut 1. Petr. 3,19 ist nach Calvin wohl im Verborgenen geschehen. Wie Phillipe Theron darlegt, ist die Geschichte Christi auf Erden im Ganzen eine »Offenbarung«, die als solche »Verhüllung« ist (S. 203).

    Diese Aussage wird begreiflich, wenn wir hinzunehmen, was in anderen Aufsätzen ausgeführt wird. Nach Cornelis van der Kooi versteht Calvin das Leben im Glauben als ein Unterwegssein in der Hoffnung, als eine peregrinatio von Pilgern. Sie glauben schon, aber noch schauen sie nicht, was sie glauben. Sie leben in einer Spannung zwischen dem Jetzt und dem Dann. Sie leben jetzt in einem Kampf, vor dem sie nicht fliehen dürfen (S. 189). Sie sind schon jetzt Kind Gottes, aber sie sind noch nicht am Ziel, noch nicht im Frieden. Das missachten die Anabaptisten. Die Verheißungen des Alten Testaments bleiben auch im Neuen Verheißungen (S. 193).

    Dass von jenem zentralen Punkt in Calvins Theologie her Wirkungen bis in den Bereich des Denkens über die Schöpfung ausgehen, zeigt zum einen Ernest Conradie im Blick auf das Verhältnis von Charles Darwin zu Calvin. Zu dessen These von der Auslese in der Natur zum Überleben der Besten erkennt der Verfasser in Calvins Abstinenz im Gebrauch vieler Güter einen Hinweis auf ein vorbildliches Verhalten zum Überleben möglichst vieler (109f.). Zum anderen bemerkt Nico Vorster, dass Calvin zwar noch nicht die Begriffe »human dignitas« und »human rights« gekannt, aber Grundlagen für eine Humanität unter der Direktive von »compassion« geliefert habe. Diese sei ein nötiges Korrektiv zu einer modernen Sicht des Menschseins, das auf Rassismus, Fremdenhass und Sexismus begründet ist (S. 229).

    Andere Beiträge in dem Band zeigen allerdings auch, dass es im reformierten Bereich Erscheinungen gab, in denen man über Calvins theologische Grundlinien hinaus und von ihnen weggegangen ist. Am stärksten tritt das in Paul Wells Text »Calvin and France: a paradoxical legacy« hervor. Er möchte die Entwicklung eines »non-calvinistic Protestantism« in Frankreich zeigen und tut es anhand des Faktums, dass der häufige Druck der »Institutio« nach dem Tod des Reformators abbrach (S. 278f.). Der Grund dafür sei ein freiheitliches Denken im Zeichen der Aufklärung, dessen Vater man Calvin nun einmal nicht nennen könne (S. 281). Aber was ist dann wohl der Grund dafür, dass dann im 20. Jahrhundert ein so umfassendes Interesse an Calvin und seinen Werken – bis hin zu dem internationalen Calvin-Kongress an der Faculté Jean Calvin in Frankreich – erwacht ist?

    Zwischen den einzelnen Aufsätzen gibt es auch Unterschiede hinsichtlich der Standpunkte, wie schon aus dem Dargelegten deutlich wird. Darüber wird es bei dem Kongress zweifellos Diskussionen gegeben haben, worüber in diesem Band aber nicht berichtet wird. Gerade darum wird er bei den Leserinnen und Lesern solche Diskussionen provozieren. Aber auch im Blick auf das, worin die Autoren dieses Buchs sich einig sind, wird man die von ihnen vorgestellte These, dass Calvin durch sein Denken, Wollen und Wirken eine Bereicherung des Begriffs »evangelische Reformation« bedeutet, zu diskutieren und auf jeden Fall wahrzunehmen haben.

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    PSJ Metadata
    Eberhard Busch
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Restoration through Redemption: John Calvin Revisited
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh.
    1509-1564
    Calvin, Jean (118518534), Theologie (4059758-1)
    PDF document belt_busch.doc.pdf — PDF document, 257 KB
    H. van den Belt (ed.), Restoration through Redemption: John Calvin Revisited (Eberhard Busch)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/belt_busch
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:50
    Zugriff vom: 25.04.2017 01:05
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