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M. Alpaugh, Non-Violence and the French Revolution (Pascal Firges)

Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Micah Alpaugh, Non-Violence and the French Revolution. Political Demonstrations in Paris, 1787–1795, Cambridge (Cambridge University Press) 2015, 292 p. ISBN 978-1-107-08279-3, 58,50 GBP.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Pascal Firges, Paris


Das vorliegende Buch von Micah Alpaugh beschäftigt sich auf innovative Weise mit einem bereits ausgiebig behandelten Thema der Historiographie der Französischen Revolution, nämlich dem revolutionären Massenprotest in Paris. Während die bisherige Forschung allerdings stark die gewaltsame Seite der Proteste betonte, schlägt Alpaugh den umgekehrten Weg ein und hebt den Aspekt der Gewaltlosigkeit hervor. Der Autor möchte somit mit einer Untersuchung zu politischen Demonstrationen während der Revolutionszeit einen Beitrag zur Erforschung der Genese nicht-gewalttätiger Protestformen leisten, die bis heute zum politischen Alltag und zu einem Grundelement der politischen Kultur liberaler Demokratien gehören (S. 8). Die Innovationen der Pariser Protestbewegungen, so Alpaugh, können als eine der wichtigsten Hinterlassenschaften der Französischen Revolution gelten (S. 2).

Alpaughs zentrale These besagt, dass die Pariser Demonstrationen der Revolutionszeit sich nicht durch ein Übermaß an Gewalt, sondern ganz im Gegenteil, überwiegend durch Gewaltlosigkeit auszeichneten. So endeten lediglich 7% der 251 von ihm untersuchten Protestmärsche zwischen 1787 und 1795 in Blutvergießen. Auch bei der Analyse der Gesamtheit aller Formen des Straßenprotests (also Märsche und ortsgebundene Proteste) blieben, so Alpaugh 88% der 754 dokumentierten Fälle friedlich (S. 3). »With the noted exception of early September 1792’s week-long purge, violence appears not more than an occasional tactic, usually employed either by a small minority within a movement, or as part of an escalating dialogue with state violence« (S. 205). Für seine Untersuchung nutzte der Autor vor allem Zeitungen, Flugblätter, Zeitschriften und Korrespondenzen als Quellen – weniger die Polizeiarchive, da die dortigen Dokumente eine beschränkte Perspektive hätten und einen zu starken Akzent auf Aufruhr und Kriminalität legen würden (S. 20).

Kapitel 1 beschäftigt sich mit (oft religiösen) Prozessionen während des Ancien Régimes und den ersten Protestmärschen der Vorrevolution 1787-1788. Die Pariser Polizei sah bis in die 1780er Jahre in allen Versammlungen potenzielle Störungen der Ordnung, die es zu unterbinden galt (S. 37–38). Dies änderte sich im Verlauf der Vorrevolution. Polizei und Protestierende achteten immer mehr auf die öffentliche Meinung, wodurch, so die These Alpaughs, Proteste tendenziell friedlicher wurden: »Unjustified use of force could have greatly diminished either side’s popularity and political legitimacy. While inaugurating modes of protest that would become models for Revolutionary demonstrations, pre-Revolutionary protests did incorporate physical violence somewhat more regularly than their Revolutionary successors.« (S. 46)

In Kapitel 2 zeigt Alpaugh auf, wie im Verlauf des Jahres 1789 Protestmärsche zu einer der zentralen Ausdrucksformen der revolutionären Bewegung wurden. Im Zentrum der Untersuchung stehen hier der sogenannte Réveillon-Aufstand im April, der Sturm auf die Bastille im Juli und der Zug der Marktfrauen nach Versailles im Oktober. Dabei vertritt der Autor die These, dass erst der Versuch, diese Proteste zu unterdrücken, zu den Gewalttätigkeiten der grandes journées des ersten Revolutionsjahres führte. »None began as outright insurrections; significant violent escalation only occurred in confrontations with state forces, and all required ultimate reconciliation with authorities to achieve their goals.« (S. 74)

Die Kapitel 3 und 4 beschäftigen mit sich der »republican campaign«, die 1791 nach der Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes die Abschaffung der Monarchie forderte und die, so Alpaugh, die erste politische Kampagne der Revolution war, die sich zunächst fast ausschließlich nicht-gewalttätiger Formen des Protests bediente, um sich Gehör zu verschaffen. Ab etwa der Kriegserklärung von April 1792 häuften sich Konfrontationen, aber erst als die Schweizer Garden das Feuer auf die Demonstranten des 10. August 1792 eröffneten, sei es zu den großen revolutionären Gewalttaten des Jahres 1792 gekommen.

In Kapitel 5 beschreibt der Autor, wie nach den Septembermassakern und der Ausrufung der Republik Pariser Demonstranten den Schulterschluss mit den Abgeordneten des Nationalkonvents suchten. Dass dieser letztendlich scheiterte und in der Terreur auch die Proteste der Sansculotten unterdrückt wurden, erklärt Alpaugh in Kapitel 6 u.a. damit, dass die politischen Eliten inzwischen das Interesse an einer Kooperation mit ›der Straße‹ verloren hätten.

Das letzte Kapitel wendet sich schließlich dem ›konservativen‹ Protest zu. Hier sieht Alpaugh in den Protestaktionen der jugendlichen Muscadins einen Vorläufer konservativer Protestbewegungen des 19. Jahrhunderts: »In contesting radical sans-culottes’control of the streets, Muscadins created a new kind of conservative social movement.« (S. 195)

Sicherlich kann man dem Autor vorwerfen, dass seine Sympathien für die Protestierenden stellenweise apologetische Züge annehmen, so zum Beispiel wenn die Lynchmorde an mutmaßlichen Polizeispionen am Tag des Massakers auf dem Marsfeld ohne Beleg als normale Verhaltensform des 18. Jahrhunderts dargestellt werden: »Violence against informants across the eighteenth century had commonly been regarded as acceptable equalizer against governmental intrusion.« (S. 98). Auch Paris während der Terreur als »relatively peaceful eye of the storm« (S. 154) zu bezeichnen, nur weil die Gewalt von staatlichen Stellen ausgeübt wurde und es keine Straßenschlachten gegeben hat, ist vielleicht doch etwas abwegig.

Dennoch ist es das große Verdienst dieses Werkes, die Thematik des revolutionären Protests aus einer frischen Perspektive beleuchtet zu haben und mit einer fundierten Analyse eine sehr interessante Argumentation zu untermauern. Alpaugh bestreitet nicht, dass Gewalt und Einschüchterung durch die implizite oder explizite Drohung mit Gewalt ein zentraler Faktor des revolutionären Protests war, allerdings wendet er sich gegen eine Interpretation der »Revolution als Gewalt« (S. 204), indem er aufzeigt, dass die Strategien der Protestbewegungen die Tendenz hatten, auf Gewalt zu verzichten, um nicht Gewalt von Staatsseite zu provozieren.

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PSJ Metadata
Pascal Firges
Deutsches Historisches Institut Paris
Non-Violence and the French Revolution
Political Demonstrations in Paris
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Politikgeschichte, Geschichte allgemein
18. Jh.
1787-1795
Frankreich (4018145-5), Paris (4044660-8), Protestbewegung (4226404-2), Gewaltlosigkeit (4020835-7), Französische Revolution (4018183-2)
PDF document alpaugh_firges.doc.pdf — PDF document, 324 KB
M. Alpaugh, Non-Violence and the French Revolution (Pascal Firges)
In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/alpaugh_firges
Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
Zugriff vom: 30.05.2017 05:26
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