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    M. Albertone, National Identity and the Agrarian Republic (Friedemann Pestel)

    Francia-Recensio 2015/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Manuela Albertone, National Identity and the Agrarian Republic. The Transatlantic Commerce of Ideas between America and France (1750–1830), Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2014, XII–324 p. (Modern Economic and Social History), ISBN 978-1-4724-2136-4, GBP 75,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Friedemann Pestel, Freiburg im Breisgau

    Nicht nur Jonathan Israels höchst kontrovers aufgenommene Geschichte der Französischen Revolution1, auch die jüngste Monografie der Turiner Historikerin Manuela Albertone schließt das »Zeitalter der Revolutionen« mit dem methodischen Instrumentarium der Ideengeschichte auf. Im Unterschied zum sonst dominanten Fokus auf politischen Ideenwelten bildet ihr Ausgangspunkt allerdings das ökonomische Denken im atlantischen Raum des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Konkret widmet sich Albertone den Auswirkungen französischer ökonomischer Theorien auf nationale Identitätskonzepte in den jungen Vereinigten Staaten und damit der Integration politisch-ökonomischen Denkens in das Selbstbild einer jungen demokratischen Agrarrepublik. Dazu präsentiert Albertone einen von der Cambridge School und der Kulturtransferforschung inspirierten Analyserahmen von Ideenzirkulationen, der über eine traditionelle einseitige Einflussgeschichte klar hinausgeht. Ökonomische Vorstellungen, allen voran die Theorien der französischen Physiokraten, so die stringente Argumentationsachse des Buches, wurden von den frankophilen und antibritischen frühen Republikanern um Benjamin Franklin und vor allem Thomas Jefferson zu einer modernen politischen Sprache weiterentwickelt, mittels derer sie die Vereinigten Staaten ideologisch als agrarisches Gegenmodell vom merkantilen Großbritannien abgrenzen wollten. Das Ideal des patriotischen Amerikaners als farmer-citizen sowie der ökonomische Primat der Landwirtschaft beruhten auf einer amerikanischen Aneignung der spätaufklärerischen physiokratischen Literatur aus Frankreich und dienten im Gegenzug in der Krise des späten Ancien Régime und den Revolutionsjahren französischen américanistes als Vorlage für ein egalitär-agrarisches Gemeinwesen.

    Mit ihrer Quellenbasis beschränkt sich Albertone keineswegs auf eine Relektüre der Klassiker, sondern wertet in großem Umfang auch Zeitschriften und Korrespondenzen aus, hält aber in ihrer Argumentation an einem eher autoren- als netzwerkzentrierten Zugriff fest. Insbesondere anhand der instruktiven Kapitel zu Thomas Jefferson sowie George Logan und John Taylor vermag sie zu zeigen, welche konkreten Interessen und Strategien hinter dem atlantischen Ideentransfer standen, dessen Kanäle die zahlreichen und langjährigen Frankreichaufenthalte seiner amerikanischen Protagonisten bildeten. In der ideologischen Gestalt des Jeffersonianism zum politischen Programm weiterentwickelt, wurde der physiokratisch verwurzelte Agrarrepublikanismus in den 1790er Jahren zur Waffe der Republikaner gegenüber den anglophileren Federalists um Alexander Hamilton und bediente in Ansätzen auch den Antagonismus zwischen Süd- und Nordstaaten. Folgt man Albertone, so waren es ökonomische Vorstellungen und konkrete Reformprojekte, die das politische Handeln Jeffersons und seiner Gefolgsleute prägten.

    Dass der franko-amerikanische Transfer sowohl multilateral als auch reziprok verlief, demonstriert eine Fallstudie zu den »englischen Jakobinern« in den 1790er Jahren – eine Kategorie, die am ehesten auf Thomas Paine zutrifft. Richard Price und Joseph Priestley wären dagegen treffender als britische Radikale einzuordnen. Vor der Erfahrung der Französischen Revolution erblickten sie alle in den Vereinigten Staaten einen Testfall für die gleichzeitige Verwirklichung von ökonomischer Freiheit und republikanischer Gleichheit, der unmittelbare Chancen für Frankreich und mittelbar auch für Großbritannien bot.

    Gerade der Fokus auf diesen Dreieckstransfer stellt ein wichtiges historiografisches Anliegen Albertones heraus, nämlich die atlantische Perspektive auf die Revolutionen um 1800 über die angloamerikanische Achse hinaus zu erweitern und somit das in den 1950er Jahren von Robert Palmer und Jacques Godechot unter den Vorzeichen des Kalten Krieges entwickelte Konzept eines »Age of Democratic Revolutions« neu zu beleben2. Dafür eignet sich die ökonomische Ideenzirkulation zwischen Frankreich und den USA als fruchtbare Sonde. Für deren diskursive Grenzen und geografische Ränder interessiert sich Albertone freilich weniger. Implizit liegt darin eine durchaus weiter diskussionswürdige Spitze gegenüber denjenigen Arbeiten zur »Atlantic History«, die statt der nordatlantischen Zirkulationen die Karibik als Drehkreuz zwischen Europa, amerikanischem Festland und Afrika ins Zentrum rücken. Dass in dem breit entfalteten agrarrepublikanischen Panorama die Themen Plantagensystem und Sklaverei bei John Taylor lediglich knapp angerissen, bei Jefferson bestenfalls gestreift werden, erscheint erklärungsbedürftig. Die kosmopolitische Emphase eines aufklärerischen Emanzipationsdiskurses, den Albertone zur transatlantischen lingua franca (S. 273) erhebt, läuft auf diese Weise Gefahr, zur historiografischen Idealisierung zu werden.

    Überhaupt scheint der politische Kontext der mindestens drei (und eben nicht nur zwei!) großen Revolutionsherde Amerika, Frankreich – und Haiti – mitsamt den von ihnen ausgehenden Kriegen eher blass auf. Auch die Rezeption von Physiokratismus und Agrarrepublikanismus in der Wirtschaftspolitik der Französischen Revolution oder die politischen Handlungsfelder der achtjährigen Amtsperiode Jeffersons als US-Präsident ab 1801 klammert Albertone jenseits des Expertendiskurses weitgehend aus. Die nicht weiter ausgeführte Auseinandersetzung mit den »englischeren« Wirtschafts- und Finanzkonzepten der Federalists wie Manufakturwesen, Bankensystem und Staatsschulden, an denen spätestens der Präsident Jefferson nicht vorbeikam, ist dafür symptomatisch. Insofern hält der abschließende Ausblick auf ein long eighteenth century erhellende Einblicke in die ideengeschichtliche Verwandtschaft von Physiokraten, »idéologues« und Nationalökonomen wie Jean Baptiste Say und Pierre Samuel Du Pont de Nemours im transatlantischen Austausch bereit. Weniger Überraschendes aber bietet er zum – möglicherweise sogar lagerübergreifenden – Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität im Zeitalter der Revolutionen.

    Insgesamt legt Manuela Albertone ein detailreich recherchiertes, souverän argumentiertes und zugleich voraussetzungsreich geschriebenes Buch vor, das die Innenperspektive eines Transferkanals an der Schnittstelle von (Land-)Wirtschaft und Politik beleuchtet, ohne allen weiteren Verflechtungen nachzugehen. Den grundlegenden Spannungen und Ambivalenzen der economic culture im politischen Tagesgeschehen oder den Polysemien politischer Vokabulare gilt jedenfalls nicht ihr Augenmerk. Der an ökonomischer Theorie interessierte Leser findet dafür einen neuen, transatlantischen Blick auf den maßgeblichen Stellenwert des französischen Physiokratismus für den republikanischen Selbstentwurf der Vereinigten Staaten. Der stärker in politischen Fragestellungen der »Atlantic History« beheimatete Leser gewinnt aus der Lektüre die wichtige Einsicht, auf welche Weise ökonomische Schlüsselkonzepte wie die »republican agrarian democracy« nationale politische Identitäten prägten. Ideengeschichte, wie im Untertitel des Buches, als Geschichte eines »commerce of ideas« zu verstehen und damit über den Rahmen des Politischen hinaus zu weiten, erweist sich für beide Leser als ein gewinnbringender Ansatz.

    1 Jonathan Israel, Revolutionary Ideas. An Intellectual History of the French Revolution from the Rights of Man to Robespierre; zur Kontroverse siehe die Rezensionen Lynn Hunts und Jeremy Popkins sowie die Repliken Israels;
    http://www.newrepublic.com/article/118044/revolutionary-ideas-jonathan-israel-reviewed; http://www.h-france.net/vol15reviews/vol15no66popkin.pdf; http://www.newrepublic.com/article/118811/jonathan-israel-response-lynn-hunts-review; http://www.h-france.net/vol15reviews/vol15no67israelresponse.pdf.

    2 Vgl. Robert Palmer, The Age of the Democratic Revolution. A Political History of Europe and America, 1760–1800, 2 Bde., Princeton 1959, 1964. Siehe zu diesem Anliegen auch den programmatischen Sammelband: Manuela Albertone, Antonino De Francesco (Hg.), Rethinking the Atlantic World. Europe and America in the Age of Democratic Revolutions, Basingstoke, New York 2009.

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    PSJ Metadata
    Friedemann Pestel
    Deutsches Historisches Institut Paris
    National Identity and the Agrarian Republic
    The Transatlantic Commerce of Ideas between America and France (1750–1830)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Agrargeschichte, Politikgeschichte
    18. Jh., 19. Jh.
    1750-1830
    Frankreich (4018145-5), Wirtschaftstheorie (4079351-5), Physiokraten (4045980-9), Rezeption (4049716-1), USA (4078704-7), Republikanismus (4115751-5), Agrarpolitik (4000771-6), Nationalbewusstsein (4041282-9)
    PDF document albertone_pestel.doc.pdf — PDF document, 339 KB
    M. Albertone, National Identity and the Agrarian Republic (Friedemann Pestel)
    In: Francia-Recensio 2015/3 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-3/fn/albertone_pestel
    Veröffentlicht am: 11.09.2015 16:49
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:36
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