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    J. Whaley, Germany and the Holy Roman Empire 2 Bde. (Friedrich Beiderbeck)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Joachim Whaley, Germany and the Holy Roman Empire. Vol I: Maximilian I to the Peace of Westphalia 1493–1648, Oxford (Oxford University Press) 2012, XVI–722 p., 2 b&w maps (Oxford History of Early Modern Europe), ISBN 978-0-19-873101-6, GBP 94,00; Joachim Whaley, Germany and the Holy Roman Empire. Volume II: The Peace of Westphalia to the Dissolution of the Reich 1648–1806, Oxford (Oxford University Press) 2012, XXVI–747 p. (Oxford History of Early Modern Europe), ISBN 978-0-19-969307-8, GBP 94,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Friedrich Beiderbeck, Berlin

    Der Verfasser der vorliegenden zwei Bände mit ihren nahezu 1700 Seiten (dt. Übersetzung)1 ist senior lecturer an der Universität Cambridge (German History and Thought). Seine »Deutsche Geschichte« deckt den gesamten frühneuzeitlichen Zeitraum vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis zum Ende des Alten Reiches 1806 ab: eine insgesamt chronologisch angelegte Gesamtschau, durchsetzt mit zahlreichen, systematische bzw. strukturelle Gesichtspunkte thematisierenden Kapiteln. Als Werk eines einzelnen und noch dazu fremdsprachigen Verfassers handelt es sich um ein zweifellos singuläres Unternehmen. Nach der Publikation der beiden englischen Originalbände 2012 ist in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt (Philipp von Zabern) im Dezember 2014 nun zeitnah eine deutsche Übersetzung erschienen, die die große Publizität des Werkes weiter befördern dürfte.

    Joachim Whaley hat auf der Grundlage des aktuellen Forschungstandes eine Synthese vorgelegt, die – ausgehend vom politisch-institutionellen Rahmen – eine beeindruckende Vielfalt administrativer, ökonomischer, demografischer, kultureller, konfessioneller und selbst mentalitätsgeschichtlicher Aspekte präsentiert: »Das erste Hauptthema dieser Arbeit geht also von der Frage nach der Funktionsweise des Reiches aus und leitet von dort den Umgang mit geistigen und kulturellen wie auch mit wirtschaftlichen und sozialen Phänomenen ab. Geistige und kulturelle Phänomene sind auch für das zweite Hauptthema – kollektive historische Erfahrung und Identität – von Bedeutung« (Bd. I, S. 32; engl. Ausg. Bd. I, S. 12).

    Seine Darstellung basiert auf einer breiten Kenntnis der frühneuzeitlichen deutschsprachigen Forschungslandschaft der letzten Jahrzehnte und ihrer grundlegenden Debatten, wie z. B. in Hinblick auf die Kommunalismus-These, das Konfessionalisierungskonzept, die Kontroverse um den »Reichsstaat«, die Neubewertung des Westfälischen Friedens oder die Kritik des Absolutismus-Modells.

    Die Verfassungsrealitäten des Reiches kommen in ihrer Komplexität und auf ihren diversen Ebenen zur Geltung. Zwischen Reichstag, Reichskreisen und der Reichsgerichtsbarkeit, dem Lehnssystem mit der kaiserlicher Oberherrschaft und den Territorialregierungen entfaltet der Verfasser spezielle deutsche politische Traditionen, ohne dass dabei der Einfluss kollektiver Erfahrungen und historischer Identitäten bis in die Gegenwart hinein vernachlässigt würde.

    »Meine Einschätzung hebt diverse Kontinuitäten hervor, die die frühneuzeitliche Epoche mit der Moderne verbinden: Das moderne Deutschland ging auf unterschiedlichen Wegen aus dem Heiligen Römischen Reich hervor, durch dessen Institutionen und historische Erfahrungen es zugleich geformt wurde. Allein das Vorhandensein solcher Kontinuitäten reicht aus, um all jene negativen Interpretationen der letzten drei Jahrhunderte des Reichs, die sich der nationalistischen Tradition der deutschen Geschichtsschreibung verdanken, ad acta zu legen« (Bd. 1, S. 25; engl.: S. 6).

    Whaley schließt sich einem Diktum von Hans-Ulrich Wehler über das Fehlen einer Revolution im vormodernen Deutschland an (engl. Ausg. Bd. 1, S. 11; dt. Bd. 1, S. 30). Umso erstaunter nimmt der Leser dann das Auftauchen des Revolutionsbegriffs im Zusammenhang mit der Reformation zur Kenntnis, wobei es sich wohl um eine Eigenmächtigkeit des Übersetzers handeln dürfte (Überschrift »Die Revolution wird gezähmt«, Bd. 1, S. 319 – engl. Original »Mastering The Reformation«, Bd. I, S. 253). Ungeachtet des Ausbleibens einer deutschen Revolution bescheinigt Whaley dem Reich und seinen Territorien »eine bemerkenswert dichte Folge von Reformphasen« um die Jahre 1517, 1555, 1648, 1700, 1740–1750, 1789 herum, die er als Ausgangspunkte für den Aufbau seines Werkes wählt.

    Die instruktive Einleitung zu Band I öffnet einen historiografischen Horizont und positioniert die eigene Fragestellungen in Abgrenzung zu einflussreichen Narrativen der deutschen frühneuzeitlichen Geschichte mit ihren je eigenen Bezügen zum politisch-sozialen Kontext. Für die unerlässlichen landeskundlichen Grundlagen sorgen geografische und begriffliche Definitionen von »Deutschland« und seinem politischen und territorialen Bestand zu Beginn des Untersuchungszeitraumes (Kap. I.). Dabei bildeten sich im Zusammenhang mit der humanistischen Beschäftigung mit deutscher Sprache und der Auseinandersetzung um das Erbe des Römischen Reiches (translatio imperii) Umrisse eines deutschen Nationsbegriffes, der sich dann auch im Zuge von Reformation und Bauernkrieg als Forderung nach der Reform von Reich und Kirche artikulierte (Kap. I.4).

    Die Frage, warum die Reformation nicht zum Auseinanderbrechen des Reiches, sondern zu einer für das Wesen des Reiches eigentümlichen Institutionalisierung führte, weist auf dessen Integrationsvermögen hin (Kap. II.5). »Die Reform von Reich und Kirche« 1490–1519 (Kap. II.) schließt eine Darstellung ökonomischer, kultureller (Buchdruck und Medien) und biografischer Aspekte (Luther) ein. Die komplexe politische Entwicklung wird in ihrer Verflechtung mit den religiösen, sozio-kulturellen und reichsständischen Komponenten auf konzise Weise in den Kapiteln III. bis IV. aufgezeigt, wobei die Herrscherfigur Karls V. nicht zuletzt auch Interdependenzen zwischen dem Reich und Europa verkörpert.

    Die lange Phase zwischen 1555 und dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges erhält breiten Raum (Kap. V.–VI.), wobei neben dynastie-, verfassungs- und kulturpolitischen Akzenten auch territoriale und kommunale Strukturprobleme thematisiert werden.

    Besonders anschaulich werden Zusammenhänge zwischen Gelehrtenwelt und Reformpolitik sichtbar: elitäre Erneuerungsbewegungen wie Spiritualismus, Späthumanismus, Sprachreform oder Staatsrechtstheorie erhalten mit Persönlichkeiten wie Andreae, Goldast, Opitz, Ratke und Limnaeus exemplarische Gesichter.

    Kapitel XLVIII. »Der Dreißigjährige Krieg in der deutschen Geschichte« hätte ausführlicher ausfallen können, führte doch diese singuläre Erschütterung zu »klassischen« Darstellungen auch in der Geschichtsschreibung (Bogislaw Philipp von Chemnitz, Friedrich Schiller, Moriz Ritter). In der westdeutschen Nachkriegshistoriografie spiegelte die Erforschung des Dreißigjährigen Krieges in mancher Hinsicht die Debatten der historischen Frühneuzeitwissenschaft (Dickmann, Repgen, Medick, Burkhardt, Schilling, Schormann, (Georg) Schmidt, Asch, Kampmann u. a.).

    Bei der Frage nach den Strukturen der Reichsverfassung in der nachwestfälischen Epoche sympathisiert Whaley mit der »Reichsstaat«-These Georg Schmidts (Bd. 1, S. 779). Der Blick auf das Ganze begünstigt eine die Integrität und Funktionalität des Systems favorisierende Sichtweise, die sich bewusst dem modernen Staatsbegriff entgegenstellt.

    Der zweite Band führt diese Linie fort, indem er die Funktionsfähigkeit des Reiches und seiner Institutionen in den Mittelpunkt rückt und von entsprechenden territorial-partikularen Bestrebungen abhebt. In Verbindung damit stellt der Verfasser die Frage nach der Existenz eines deutschen Nationalgefühls, um zu dem Schluss zu gelangen, »dass seine [des Reiches] politische Kultur und die nationale Identität, die aus ihr entstand, die Entwicklung der deutschsprachigen Teile Europas bis heute prägt« (Bd. II, S. 12).

    Die Entwicklung der Reichshistoriografie der letzten Jahrzehnte trifft auf Resonanz: Die Widerlegung der These vom Zerfall des Reiches nach 1648, die Korrektur der Vorstellung von der Unabhängigkeit der Territorien und der Machtlosigkeit von Kaiser und Reichsinstitutionen. Im Gegenteil brachte die Abwehr äußerer Bedrohung durch Frankreich bzw. das Osmanische Reich eine Wiederbelebung der Reichsidee und einer Idealisierung des Systems der »deutschen Freiheit«. Im Zuge der Regierung Leopolds I. gelang der Wiederaufstieg von Ansehen und Autorität des Kaisers als Reichsoberhaupt und maßgeblicher Rechtsinstanz, letzteres zugunsten kleinerer Reichsstände, Landstände und Untertanen des Reiches (Kap. I.–XI.).

    In Abgrenzung zur traditionellen, preußisch dominierten Perspektive wird die Bedeutung Wiens in reichsideologischer, kultureller und dynastischer Hinsicht deutlich. Das zielorientierte Ausgreifen der kunstvollen leopoldinischen Interessenpolitik wird hier in einem konzentrierten Überblick geliefert, nicht zuletzt in der Kühnheit ihrer dynastischen, bis nach Norddeutschland ausgreifenden Verbindungen und ihrer Bedeutung für die habsburgische Reichspolitik (Kap. IX.). Leopold I. passte sich geschickt einer Entwicklung an, die auch andere deutsche Fürstenhäuser wie die Welfen, Hohenzollern oder Wettiner zu frühmodernen Global Playern werden ließ.

    Der Wiener Hof wurde um 1700 zu einem Sammelpunkt für Adel und Intellektuelle, die in kaiserliche Dienste strebten und die Metropole zu einem Pool militärischer, administrativer, kameralistischer und konfessioneller Reformideen machten.

    Eine Persönlichkeit, deren Wirken diese Verflechtungen mit den zugehörigen Netzwerken spiegelt, ist der Gelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz. Whaley lässt die Stationen und Felder von Leibniz‘ Wirken zugleich als Schaltstellen wichtiger reichspolitischer Prozesse und Reformprojekte erscheinen: die Reunion der Konfessionen, das welfisch-habsburgische Bündnis, der institutionelle Ausbau von Geschichtsforschung, Bildung und Wissenschaft, administrative und ökonomische Reformen, die Stärkung der Wehrhaftigkeit von Kaiser und Reich. Das zu den entsprechenden Netzwerken gehörende Persönlichkeitsspektrum (Boineburg, Ernst von Hessen-Rheinfels, Becher, Hörnigk, Spínola, Molanus, Hugo, Ludolf, Mencke, Pufendorf, Prinz Eugen ...) illustriert nicht nur die erstaunliche sozio-kulturelle Heterogenität der Eliten des Reiches um 1700, es zeugt auch von außergewöhnlichen Kenntnissen des Verfassers.

    Ähnliches lässt sich von den Kapiteln sagen, die die Entwicklung des Reiches von der Aufklärung bis zu seinem Ende 1806 behandeln. Auch liegt neben dem Blick auf Staatsstrukturen und den preußisch-österreichischen Dualismus der Fokus auf kulturellen Fragen: Öffentlichkeit und Selbstwahrnehmung, Reichspatriotismus und -publizistik, fürstlich-repräsentative und bürgerlich-städtische Kulturformen, Frankophilie und -phobie, Migration und Gesellschaft, Konfessionskulturen, die zahllosen Reformdebatten auf praktisch allen politisch-gesellschaftlichen Ebenen.

    Aufschlussreich ist, dass der Verfasser – ungeachtet der territorialen Provinzialismen – auf der Grundlage der Gesetze von 1648 eine Toleranzkultur ausmacht, für die sich – ausgehend von der ursprünglich in Konfessionsfragen zugestandenen Gewissensfreiheit – vor 1789 eine wachsende gesellschaftliche Akzeptanz von Individualrechten feststellen lasse (Kap. XXXVII.).

    Nach der Lektüre beider Bände wundert man sich nicht mehr über die – trotz aller inneren Gegensätze – erstaunlich lange Lebensfähigkeit des Alten Reiches. Es wird zudem gut nachvollziehbar, wie tiefgreifend sich das historische Bild des römisch-deutschen Reiches in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

    Das sehr nützliche verfassungs- und rechtsgeschichtliche Glossar der englischen Originalfassung hätte auch in die deutsche Übersetzung aufgenommen werden sollen. Überhaupt hätte die deutsche Übersetzung ein sorgfältiges Lektorat verdient gehabt, wie einige Beispiele belegen. Johann Stephan Pütter erscheint in Bd. I (dt. Ausg. S. 24, 33) irrtümlich als Stephan Heinrich Pütter. In Bd. I (S. 779) handelt es sich um Wolfgang Reinhard, nicht um (Volker) Reinhardt, zudem fehlt der Eintrag im Register. Das Register der dt. Ausgabe führt Johann Arndt fälschlich S. 471 statt S. 571; in Bd. II, S. 793 Z. 2, muss es Klueting statt Kleuting heißen, Bd. II, S. 107, Z. 9, »synkretistische« statt »synkretische«.

    Diese beiden Bände verdienen größten Respekt: Die gelungene Verbindung von außergewöhnlichem Detailwissen, umfassender Kenntnis der Forschung und kompetenter, erzählerisch anspruchsvoller Darstellung stellt das Werk in die große Tradition englischsprachiger Geschichtsschreibung.

    1 Joachim Whaley, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und seine Territorien, Aus dem Engl. von Michael Haupt und Michael Sailer. Mit einem Vorwort von Axel Gotthard, Bd. 1: Von Maximilian I. bis zum Westfälischen Frieden: 1493–1648; Bd. 2: Vom Westfälischen Frieden zur Auflösung des Reichs: 1648–1806, Darmstadt 2014.

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    PSJ Metadata
    Friedrich Beiderbeck
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Germany and the Holy Roman Empire. Vol I: Maximilian I to the Peace of Westphalia 1493–1648/ Germany and the Holy Roman Empire. Volume II: The Peace of Westphalia to the Dissolution of the Reich 1648–1806
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Geschichte allgemein
    Neuzeit bis 1900
    1493-1806
    Deutschland (4011882-4), Geschichte (4020517-4)
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    J. Whaley, Germany and the Holy Roman Empire 2 Bde. (Friedrich Beiderbeck)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/whaley_beiderbeck
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
    Zugriff vom: 25.04.2017 01:01
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