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    A. Westermann, Die vorderösterreichischen Montanregionen in der Frühen Neuzeit (Philipp Robinson Rössner)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Angelika Westermann, Die vorderösterreichischen Montanregionen in der Frühen Neuzeit, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2009, 395 S. (Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte, 202), ISBN 978-3-515-09306-4, EUR 64,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Philipp Robinson Rössner, Manchester/Leipzig

    Dass sich Montangeschichte einer gegenwärtigen Konjunktur erfreut, zählt zu den angenehmeren Aspekten der auch an Zumutbarkeiten nicht armen aktuellen historischen Forschung. Wer bislang erfolglos nach einer methodologischen und konzeptionellen Pilotstudie abseits der zumeist thematisch und konzeptionell eng geführten rechts- und geologisch-historischen Fachpublikationen gesucht hat (die es seit den wegweisenden Studien etwa von Möllenberg zum mansfeldischen Berg- und Hüttenwesen zuhauf und buchstäblich für alle bekannten Reviere gibt), dem sei gesagt: hier ist sie.

    In insgesamt sieben (davon fünf thematischen) Kapiteln entwirft die Verfasserin ein reiches Panoptikum frühneuzeitlicher Montangeschichte, das kaum Fragen offen und keine Wünsche übriglässt. Dabei stellen die hier behandelten Bergbaureviere der historischen Landschaft Vorderösterreich (v. a. Sundgau und Lebertal) vornehmlich die empirische Basis dar; konzeptionell greift die Studie freilich weit über diesen geografischen Rahmen hinaus (Kapitel I/Einleitung). Westermann definiert (Kapitel II) in einem originellen Konzept Montanregionen als Sozial-, Kultur- und Rechtsräume neu, indem sie sie zunächst als Leitregionen – in historischer wie auch historiografischer Perspektive – sieht. So seien diese Leitregionen doch stets durch eine besondere soziale Dynamik und ökonomischen Entwicklungsstand, technischen Fortschritt, Innovationsprozesse und auch verdichtete staatliche Zugriffs- und Regulierungsbestrebungen gekennzeichnet gewesen, die in vielerlei Hinsicht Charakteristika des »modernen« Staates und »moderner« Ökonomien aufweisen. Montanreviere waren rechtliche, soziale wie auch ökonomische und kulturelle Sonderbereiche. Hier verdichtete sich gewissermaßen die frühmoderne Schriftlichkeit, was sich v. a. in der vergleichsweise guten quantitativen Quellenlage hinsichtlich grundlegender soziologischer und ökonomischer Daten (Bevölkerung, Einkommen, Löhne, Preise, Silber- und Metallproduktion, Marktverflechtungen etc.) niederschlägt. Vor allem stützt sich die Studie auf die reichhaltige Überlieferung der Habsburger Landesherrschaft in Tirol, der Kammerraitbücher, ferner der dokumentierten Berggerichtsordnungen und der aus den umliegenden Städten und Münzstätten, v. a. des Rappenmünzbunds, stammenden Unterlagen die Münzprägung betreffend. Westermann entwickelt aus der doppelten Raumbeziehung menschlichen Handelns als ökonomisch begründete, aber sich innerhalb der jeweiligen sozialen Netzwerke der Akteure und ihrer Sinnstrukturen entfaltende Aktivität ein Alternativkonzept der Montanregion als »Sozialregion«. Letztere ist ein Konzept, welches weder – wie in der traditionellen Forschung üblich – entweder eng geologisch-geografisch oder rechtshistorisch eingefasst ist, oder sich auf wirtschaftsgeografische Parameter beschränkt; sondern vielmehr über diese Rahmenbedingungen hinausweist und den sozialen und kulturellen »Koordinaten« menschlichen Interagierens gleichwertigen Rang in der Konfiguration frühneuzeitlicher Montanregionen einräumt. Freilich sind aufgrund ihrer typischen Entstehungsbedingungen Montanregionen als »Sonderwirtschaftszonen« einzustufen (rechtliche Sonderstellung; Absenz feudalrechtlicher Herrschafts- und Wirtschaftsbeziehungen; durch Zollbefreiung und Privilegien subventionierte und dennoch vergleichsweise »freie« Marktwirtschaften; Dominanz urbaner Lebensformen um die ertragreichen Silbergruben herum). Daher sind, so Westermann, die ökonomischen Faktoren stets ausschlaggebend für Entstehung, Wachstum und Mutationen von Montanregionen gewesen; die anderen Faktoren (Recht, Kultur, soziale Netzwerke etc.) sind demgegenüber analytisch nachgeordnet – doch nicht zweitrangig – gewesen. Montanregionen konnten schließlich nur dort entstehen, wo es rentabel zu erschließende Erzvorkommen gab, darüber hinaus kostengünstige Roh-, Hilfs- und Brennstoffe (v. a. Holz), sowie eine entsprechende Transportinfrastruktur (Straßen, Flüsse). War dies jedoch gegeben, entstand in den Montanregionen eine sehr spezifische und eigentümliche Dynamik, welche die Verfasserin treffend als »Antipoden von Sesshaftigkeit und Mobilität« (S. 47) bezeichnet, also im Prinzip die Antagonismen einer urbanen Dynamik und eines arbeitsteiligen Mikrokosmos innerhalb eines vom eher statisch-sesshaften Element gekennzeichneten produktionstechnischen Makrokosmos der umliegenden grundherrschaftlichen oder gar erbuntertänigen Agrarwirtschaften. Migration, Mobilität, aber auch religiöse Konflikte sowie die immer schärfere Ausformung des landesherrlichen Regals auf die Schätze der Berge stehen im Zentrum der Formierung (und stetigen Rekonfiguration) der vorderösterreichischen Montanregionen, gewissermaßen als »Fremdkörper in der Agrargesellschaft« (S. 122). Dem schließt sich Kapitel III mit einem Fokus auf der Rechtsnormierung an. Zum einen ging es um die genaue juristische Definition des Regals v. a. der Habsburger; v. a. aber die Rechtsetzung der Berggemeinden und ihrer Vorsteher, der Bergrichter, durch die Landesherrschaft mit dem Zweck der Schaffung eines einheitlichen und nach Maßgabe konfliktfreien Rechtsraums, der durch eine hohe soziale und kulturelle (Herkunft und Konfession) Inhomogenität und damit auch Individualität der Bergleute gekennzeichnet gewesen ist. Ein interspatialer und intertemporärer Vergleich mehrerer Bergordnungen erlaubt es, verschiedene Aspekte zu konturieren, die für die Konfiguration einer Montanregion charakteristisch bis essenziell waren (Dienste, Abgaben, Mindestlöhne; aber auch Sicherung der Rohstoffzufuhr wie Holz und Nahrungsmittel für die Bergleute, Unschlitt und weitere Betriebsstoffe etc.; Organisation der Arbeit und Produktion im Bergbau; Anlage und technische Ausstattung der Gruben; Anlage von Häusern und Siedlungen für die Bergleute, Marktordnungen usw.). Kapitel IV diskutiert die stärker ökonomisch gefasste Komponente der Versorgungssituation, wobei es der Autorin in hier nicht allein um Betriebs- und Hilfsmittel, Holz und Wasser usw. geht, sondern auch die Versorgung mit Zahlungsmitteln sowie immateriellen Gütern wie Rechtsordnung, Institutionen, aber auch religiöse bzw. seelsorgerische Versorgung durch Pflege des Kirchen- und Pfarreiwesens – alles Aspekte, welche im beginnenden »Konfessionellen Zeitalter« eine immer größere Bedeutung einnahmen. Konflikte entstanden bspw. immer wieder durch das Überhandnehmen schlechter, fremder Kleinmünze – ein Problem, welches neuere Forschungen als zentral innerhalb der Ressourcenkonflikte und Beschwerdefelder der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft identifiziert haben. Kapitel V thematisiert die »Organisation des Schmelzwesens« – neben den Silbergruben (die häufig zubußpflichtig waren, d. h. für sich gesehen ökonomisch unrentabel) standen die Schmelzhütten im nachgelagerten Produktionsprozess: Hauptgut und Fokus der Erzeugung waren stets das Silber (obgleich Eisen und Buntmetalle eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten). Hier lässt sich zwischen landesherrlichen Eigenbetrieben, verpachteten (Abgabe einer fixierten Pachtgebühr) und von den Gewerken selber betriebenen Gruben (gegen Abgabe eines fixierten Prozentbetrags, dem Silberzehnt) verliehene Eigenbetriebe scheiden. Ein interessanter Befund Westermanns ist, dass die landesherrlichen Betriebe meistens grundsätzliche Innovationsprozesse und ein gewisses streamlining der Produktion eher begünstigten als die dezentral und in Eigenregie betriebenen Hütten der Gewerken. Dieser Befund deckt sich mit neuen, und auf die aktuelle Weltwirtschaft bezogenen ökonomischen Studien, dass sich ohne eine starke Beteiligung des Staates im Wirtschaftsprozess langfristig-nachhaltig weder Innovation noch Wachstum generieren lässt. Vielmehr hat der »Staat« als Unternehmer, hier in Gestalt der von den Habsburgern selber betriebenen Hütten und Schmelzwerke, durch seine spill-over-Effekte stets als Katalysator für Entwicklung und Innovation im gesamten Montanwesen (Silberbergbau) fungiert. Kapitel VI bietet eine sauber und aus einer Vielzahl versprengter Quellen erhobene Statistik der Silber- und Kupferproduktion in dem von der Verfasserin in gewählten Untersuchungsraum, der die Fundamentalgrundlage für zukünftige, dieses Revier betreffende Studien zu liefern geeignet ist. Es folgt ein Resümee (Kapitel VII), sowie eine Transkription der Bergordnung für das Lebertal 1527/30, sowie einer Hüttenordnung für die landesherrliche Hütte in Oberried.

    Die Arbeit besticht durch ihre klare Argumentation, sachliche und konzise Sprache, die breite Untermauerung mit empirischem Material und die stets dicht an der eingangs skizzierten Agenda entlanggeführte Analyse. Was fehlt, sind Bildquellen und Illustrationen – diese gibt es aber in anderen einschlägigen (und meist heimatgeschichtlich oder geologisch orientierten Publikationen) zuhauf.

    Vielmehr ist Angelika Westermann in ihrer Studie (für welche die Bezeichnung »Fallstudie« eine drastische Untertreibung wäre) ein beeindruckendes und überzeugendes Panorama einer frühneuzeitlichen Montanregion in all ihren Facetten – rechtlich, sozial, kulturell, ökonomisch, finanziell – gelungen, v. a. durch einen innovativen methodologischen Zugriff, welcher sich unschwer auch auf andere Montanregionen (Harz; Erzgebirge; Vogesen) ausdehnen lässt und an dem sich zukünftige Studien nicht nur abarbeiten, sondern messen lassen müssen.

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    PSJ Metadata
    Philip Rössner
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Die vorderösterreichischen Montanregionen in der Frühen Neuzeit
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Österreich und Liechtenstein
    Theorie und Methode der Geschichtswissenschaften
    16. Jh., 17. Jh.
    1517-1638
    Bergbau (4005614-4), Vorderösterreich (4063961-7), Hüttenindustrie (4160760-0)
    PDF document westermann_roessner.doc.pdf — PDF document, 338 KB
    A. Westermann, Die vorderösterreichischen Montanregionen in der Frühen Neuzeit (Philipp Robinson Rössner)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/westermann_robinson-roessner
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:34
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