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J. Van Amberg, A Real Presence (Michael Quisinsky)

Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Joel Van Amberg, A Real Presence. Religious and Social Dynamics of the Eucharistic Conflicts in Early Modern Augsburg 1520–1530, Leiden, Boston (Brill Academic Publishers) 2012, X–270 p. (Studies in the History of Christian Traditions, 158), ISBN 978-90-04-21698-3, EUR 105,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Michael Quisinsky, Meyrin

Im Mittelpunkt kirchlichen Lebens und ökumenischer Bemühungen steht nach wie vor die Messfeier bzw. das Abendmahl. Dass sich in der Deutung der Eucharistie religiöse, ökonomische, politische und soziale Fragen bündeln und dies in einer Weise, die die Strukturen gesellschaftlichen Zusammenlebens unmittelbar und umfassend prägt, wird man hingegen heute kaum behaupten können – im Unterschied zum Reformationszeitalter. In der Stadt Augsburg, die nicht zuletzt durch den nach ihr benannten Religionsfrieden bekannt wurde, herrschten in der Anfangsphase der Reformation politische und ökonomische Bedingungen, die einen weitreichenden sozialen, anhand religiöser Fragen artikulierten und ausgetragenen Konflikt begünstigten. Diesen Bedingungen, diesem Konflikt und in deren Zentrum den religiösen bzw. theologischen Diskussionen widmet sich die von Heiko A. Oberman an der University of Arizona angeregte und nach dessen Tod an der dortigen Division for Late Medieval and Reformation Studies durch Susan Karant-Nunn betreute Dissertationsschrift von Joel Van Amberg.

In einem ersten Kapitel zeichnet Joel Van Amberg die politischen, ökonomischen und religiösen Entwicklungen in Augsburg nach, sekundiert von einer Synopse der eucharistietheologischen Debatten, die bis zum ergebnislosen Marburger Religionsgespräch von 1529 stattfanden. Das zweite Kapitel ist der »Schilling-Affäre« gewidmet. An der von Franziskanern betreuten Barfüßerkirche – übrigens Bertold Brechts Taufkirche –, die in der Bischofsstadt als eine Art »civic counterpart to the cathedral« (S. 46) fungierte, wirkte seit 1524 der aus dem Württembergischen stammende Johannes Schilling, der trotz geringer rhetorischer Begabung mit seinen radikalen und kritischen, von reformatorischem Gedankengut bestimmten, Predigten einen Nerv traf. Seine Kritik an der Priesterschaft traf einerseits in Theorie und Praxis den von den Priestern geleiteten Gottesdienst (wenngleich dem Christen Schilling selbst das Abendmahl durchaus viel bedeutete), andererseits aber auch die übrigen gesellschaftlichen und politischen Eliten, denen er die Priester zurechnete. Sein Lebenswandel und sein wenig konfliktscheues Naturell führten dazu, dass Schilling die Stadt verließ. Sein Nachfolger an der Barfüßerkirche, Michael Keller, dem als »Builder of the Sacramentarian Church in Augsburg« das dritte Kapitel gewidmet ist, war zunächst stark von Andreas Bodenstein von Karlstadt, später zunehmend von Huldrych Zwingli geprägt. Kellers Wirken trug ausgehend von eucharistietheologischen Fragen zu einer rasanten Veränderung im gesamten sozialen und politischen Kräftegefüge der Stadt bei. Es gelingt Amberg vorzüglich, die dabei waltende Dynamik aufzuzeigen. Der zunehmenden Radikalisierung, gespeist nicht zuletzt aus der Unzufriedenheit mit den als zu wenig weitreichend empfundenen Ergebnissen der Reformation, wendet sich das vierte Kapitel der Studie zu. Dabei kommen v. a. die Täufer in den Blick, aber auch Protagonisten wie Urbanus Rhegius, an denen sich aufschlussreiche inhaltliche wie prozedurale Querverbindungen aufzeigen lassen. Das fünfte Kapitel hat nicht zuletzt eine die Methodologie reflektierende Absicht, wobei Van Amberg einen Dialog mit Positionen insbesondere Bernd Moellers, Peter Blickles und Heinz Schillings führt. Könnte man hier im Einzelnen auch andere Akzente und Perspektiven stark machen, schmälert dies nicht die Gesamtleistung der Untersuchung und ihre Bedeutung.

Geografisch nicht ganz auf halbem Weg zwischen Wittenberg und Zürich gelegen, stellt Augsburg in der Tat einen interessanten Fall des Aufeinandertreffens theologischer Einflüsse lutherischer und reformierter Provenienz dar. Van Ambergs sozial- und ideengeschichtlicher Ansatz bietet das nötige methodologische Rüstzeug, dieses Aufeinandertreffen vom lokalgeschichtlichen Zugang ausgehend in grundsätzliche Einsichten zur Reformationsgeschichtsschreibung münden zu lassen. Von dort aus stellen sich – eingedenk des unter veränderten Vorzeichen nach wie vor zentralen Verständnisses der Eucharistie für das christliche Leben und Denken – potentiell höchst anregende theologische Fragen hinsichtlich des Zusammenhangs von Gott und Welt, Kirche und Gesellschaft, Laien und Priestern, individuellem und gemeinschaftlichem Christsein. Dies gilt selbstredend nicht nur für die Reformationszeit, sondern auch mit Blick auf die Bedeutung, die davon ausgehend dem Umgang mit diesen Fragen im heutigen ökumenischen Gespräch beigemessen wird - erinnert sei daran, dass in Augsburg 1999 die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" unterzeichnet wurde.

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PSJ Metadata
Michael Quisinsky
Deutsches Historisches Institut Paris
A Real Presence
Religious and Social Dynamics of the Eucharistic Conflicts in Early Modern Augsburg 1520–1530
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Bayern
Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
16. Jh.
1500-1548
Augsburg (4003614-5), Sozialer Konflikt (4055747-9), Sozioökonomischer Wandel (4318539-3), Politischer Wandel (4175047-0), Schilling, Johann (1037124677), Keller, Michael (129477230), Abendmahlsstreit (4141012-9)
PDF document van-amberg_quisinsky.doc.pdf — PDF document, 262 KB
J. Van Amberg, A Real Presence (Michael Quisinsky)
In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/van-amberg_quisinsky
Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
Zugriff vom: 23.07.2017 06:33
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