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B. Steiner, Colberts Afrika (Jutta Wimmler)

Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Benjamin Steiner, Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV., München (De Gruyter Oldenbourg) 2014, VIII–483 S., 10 Abb., ISBN 978-3-486-76505-2, EUR 79,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jutta Wimmler, Frankfurt (Oder)

Wer zur frühneuzeitlichen Expansion arbeitet und unter »Atlantic History« nicht nur die Verbindung zwischen Amerika und Europa versteht, sondern Afrika als essentielles Element dieses Raumes betrachtet, wird in »Colberts Afrika« viel Inspiration finden. Gerade das Frankreich Ludwigs XIV. wurde in dieser Hinsicht bisher in der Forschung stiefmütterlich behandelt und der Mythos von den ständig scheiternden und nicht gewinnbringenden französischen Handelskompanien und ihren peripheren und wirtschaftlich wie politisch irrelevanten afrikanischen Niederlassungen ist nach wie vor dominant. Durch eine detaillierte und reflektierte Analyse der französischen Korrespondenz und Berichterstattung zu Ost- und insbesondere Westafrika zeigt Steiner auf, wie sich unter Colbert und seinen Nachfolgern eine ausgedehnte Bürokratie entwickelte, deren Ziel Informationssammlung und Wissenserwerb zu Zwecken der Ausübung zentralisierter Herrschaft und Macht war. Seinen Fokus legt er dabei einerseits auf die Akteure dieser Informationsnetzwerke und andererseits auf die Begegnungssituationen mit afrikanischen Gesellschaften, die der Informationsbeschaffung zu Grunde lagen.

Benjamin Steiner gliedert seine Analyse in drei große Themenbereiche, die jeweils drei bis vier Kapitel beinhalten. In »Das verhinderte Imperium. Frankreich in der Epoche europäischer Expansion« behandelt er mit den Teilbereichen Macht – Glaube – Krieg – Industria die vier grundlegenden Aspekte französischer Expansion im 16. und 17. Jahrhundert, die er mit der Ausbildung eines zunehmend zentralistisch agierenden Staates in Verbindung bringt. Dabei zeigt er anschaulich, dass gerade in den Bereichen Religion und Handel unterschiedliche Interessen wirksam wurden, die mit jenen des Staates häufig nicht deckungsgleich waren und diesen sogar oftmals diametral entgegenstanden. Während der Westafrikahandel (und damit die Wissensproduktion über diese Region) im 16. Jahrhundert noch von städtischen Handelshäusern finanziert und getragen wurde, tritt der Staat unter Colbert und Louis XIV. zunehmend in Aktion und versucht, durch die Handelskompanien Macht und Wissen zentral zu bündeln. Staatliche und ökonomische Informationssysteme verknüpfen sich dadurch allmählich und werden zur Basis eines neuen, auf Information basierenden, zentralisierten Wissenssystems.

Ein »globales Handelssystem« wie es Colbert vorschwebte, machte allerdings Steiner zufolge eine »andere Form der Gewinnung und Ordnung von Wissen« (S. 124) notwendig, worauf er im zweiten Teilbereich »Der informierte Staat. Herrschaft und Wissen im Frankreich des 17. Jahrhunderts« genauer eingeht. Steiner stellt sich die Frage, wie die Oberhoheit des Königs von Frankreich in den weit entfernten französischen Niederlassungen Afrikas garantiert werden konnte und findet auch hier den Schlüssel in Verwaltungstechniken und Informationspraktiken. Diese hatten Steiner zufolge zwei Funktionen: Zum einen sollten sie die königlichen Herrschaftsansprüche über die Handelsniederlassungen und Kolonien untermauern und zum anderen »das private Profitstreben der Städte in den Dienst des souveränen Staats« stellen (S. 126f.). Steiner postuliert somit eine Verbindung zwischen Kolonialpolitik und Absolutismus.

In diesem zweiten Themenbereich kommt Steiner zu einem der bemerkenswertesten Schlüsse seines Buches. Er verweist darauf, dass die personelle Kontinuität in Westafrika in der Forschung häufig vom »Chaos« der sich ablösenden Handelskompanien verdeckt wird, was er am Beispiel André Brües veranschaulicht. Obwohl sich im Senegal zwischen 1686 und 1720 drei unterschiedliche Kompanien die Klinke in die Hand gaben, war Brüe mehrmals Direktor der jeweils tätigen Kompanie (S. 168). Während also die traditionelle Historiografie argumentiert, dass die Kurzlebigkeit der Handelsgesellschaften auf ein Scheitern des französischen Staates in der Überseepolitik (insbesondere in Afrika) schließen lässt, zeigt Steiner mit seiner Akteurs-zentrierten Analyse, dass die »Infrastruktur der Administration« stabil blieb und der Staat die Kompanien als Instrument zur Durchsetzung der eigenen Interessen einsetzte (siehe auch S. 217). Über die Handelsgesellschaften kanalisierte der Staat die Beschaffung von Wissen und bündelte den Informationsfluss im Zentrum. In der Schlussfolgerung bringt Steiner dieses Argument auf den Punkt: Der Erfolg der Minister Ludwigs XIV sei die »Nutzbarmachung der Monopolgesellschaften« gewesen und nicht die Durchsetzung einer »merkantilistischen Utopie« (S. 430).

Der dritte Teil des Buches trägt den Titel »Begegnungen. Reisen und Erkundungen an der westafrikanischen Küste« und ist dem »Kulturkontakt« zwischen französischen Reisenden und afrikanischen Einwohnerinnen und Einwohnern gewidmet. Steiner illustriert anhand der Expeditionen des 16. Jahrhunderts, dass sich die Franzosen erst am portugiesischen Kontaktmodell orientierten, bevor sie eigene Strategien des Umgangs entwickelten. Hier macht Steiner eine andere spannende Entdeckung, die zu einer näheren Analyse einlädt: Die französischen Reisenden formulierten ihre Kritik an afrikanischen Gesellschaften im Grunde als Patriarchats- und Männlichkeitskritik (S. 313–315). Kindern und Frauen – so es sich nicht um Prostituierte handelte – wurde eine höhere Fähigkeit zu Moral und Sittlichkeit zugesprochen als Männern, die als »unmoralisch/unsittlich« und daher zur Bekehrung ungeeignet eingestuft wurden. Im letzten Unterkapitel bringt Steiner schließlich nochmals auf den Punkt, was in seinen Ausführungen bereits deutlich wurde: die einzelnen Angestellten der Kompanien wollten ihren Aufenthalt im Senegal vornehmlich dazu nutzen, entweder hierarchisch aufzusteigen oder zu Reichtum zu gelangen, weswegen sich ihre Interessen häufig nicht mit jenen der französischen Kolonialpolitik deckten (S. 370). Wiederum am Beispiel Brües argumentiert Steiner, dass der Karriere-Erfolg in erster Linie im erfolgreichen Einsatz und insbesondere der strategischen Kontrolle von Informationen lag. Brüe gelang seine Selbstinszenierung dermaßen gut, dass sie bis heute in der Historiografie nachwirkt.

Dies und noch vieles mehr findet sich in »Colberts Afrika«. Hervorzuheben ist Steiners ausgezeichnete Kenntnis der mehrsprachigen Sekundärliteratur, die er kritisch in ihre jeweiligen historiografischen Tendenzen einordnet. Die Quellen interessieren ihn nicht nur aufgrund ihrer Aussagekraft über ereignishistorische Geschehnisse, sondern auch als Typ der Informations- und Wissenssammlung. Eindrücklich beschreibt er die aufkommende und fast auswuchernde »Memorandumskultur«, mit der Historikerinnen und Historiker französischer Niederlassungen in Afrika zwar bestens vertraut sind, weil sie einen Großteil der existenten Quellen ausmachen, die aber bisher kaum als Instrument der Wissensspeicherung und Machtsicherung wahrgenommen wurden. Steiner bietet nebenbei aber auch einige ereignishistorische Klärungen an. Die Überblicksdarstellung zum Schauplatz Westafrika im holländischen Krieg findet man meines Wissens in keiner anderen Publikation in dieser Vollständigkeit – bisher musste man sich derlei Informationen vornehmlich aus der Karibik-Literatur zusammenbasteln. Dies ist insgesamt eine große Stärke des Werkes: Afrika (und seine Beziehung zu Europa) steht bei Steiner im Zentrum, und ist nicht nur ein »Anhang« Amerikas. Ebenfalls positiv anzumerken ist, dass der Autor Quellenzitate zwar für gewöhnlich in deutscher Übersetzung anbietet, der interessierten Leserin aber das französische Original in der Fußnote zur Verfügung stellt und dadurch Raum für kritische Reflexion lässt.

Steiners Beitrag lässt sich dennoch an einigen Stellen kritisch hinterfragen. So vermisst man schmerzlich eine Definition des Kolonie-Begriffs sowie die Auseinandersetzung mit der hohen europäischen Sterblichkeit in Westafrika, die sicherlich auch Einfluss auf Erfolg und Misserfolg von Informationsflüssen gehabt hat. Auch die Vergleichbarkeit Ost- mit Westafrikas ist zweifelhaft und wird nicht erklärt. Schließlich muss ich Steiners Schlussfolgerung widersprechen, in der er die Konzession in Senegambien als »Territorialkolonie« bezeichnet und mit den karibischen Besitzungen vergleicht, was nicht zufriedenstellend begründet wird und m. E. auch nicht begründet werden kann. Noch problematischer ist die darauf folgende Aussage, dass die »koloniale Ausdehnung« auf Grund fehlender finanzieller Mittel stagnierte (S. 434) und die daran angelehnte Behauptung, dass die Europäer erst ein bestimmtes Selbstverständnis entwickeln mussten, bevor die Franzosen »sich trauen« konnten, Westafrika »zu unterwerfen« (S. 438f.). Mit diesen Überlegungen widerspricht sich Steiner selbst, wenn er zuvor die komplexen Machtgefüge an der westafrikanischen Küste und die fehlende technologische und militärische Überlegenheit der Europäer hervorhebt. Steiner reiht sich hier plötzlich in eben jene veraltete eurozentrische Historiografie ein, gegen die er in seinem Werk eigentlich zu argumentieren versucht. Von hier ist es nur ein kleiner Sprung zu der Behauptung, Afrika wäre erst im 19. Jahrhundert kolonialisiert worden, weil die Europäer zuvor kein Interesse daran gehabt hätten. Es mag sein, dass die von Steiner dargestellten Informationspraktiken und die Bürokratisierung des »Kolonialapparats« zur später erfolgreichen Kolonialisierung des Kontinents beigetragen haben, aber die beiden zentralen Gründe – Fortschritte in der europäischen Waffentechnik und die Entwicklung eines potenten Anti-Malaria-Wirkstoffs – dürfen nicht so einfach übergangen werden.

Ob man seinen Schlussfolgerungen folgt oder diesen widerspricht – »Colberts Afrika« ist insgesamt eine herausragende Leistung, die viel Grundlagenwissen zu einem bisher schlecht behandelten Thema anbietet und gleichzeitig den größeren Kontext nicht außer Acht lässt. Für Historikerinnen und Historiker, die sich mit den französischen Niederlassungen in Afrika unter Ludwig XIV. beschäftigen, ist das Werk jedenfalls unerlässlich.

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PSJ Metadata
Jutta Wimmler
Deutsches Historisches Institut Paris
Colberts Afrika
Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV.
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Afrika, Frankreich und Monaco
Politikgeschichte
17. Jh., 18. Jh.
1648-1730
Frankreich (4018145-5), Westafrika (4079203-1), Madagaskar (4074425-5), Kolonialismus (4073624-6), Staat (4056618-3), Entstehung (4156614-2), Maskarenen (4037844-5)
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B. Steiner, Colberts Afrika (Jutta Wimmler)
In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/steiner_wimmler
Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
Zugriff vom: 25.03.2017 03:02
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