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P. Neu, Margaretha von der Marck (1527–1599) (Nils Bock)

Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Peter Neu, Margaretha von der Marck (1527–1599). Landesmutter, Geschäftsfrau und Händlerin, Katholikin: eine gefürstete Gräfin in einer Zeit großer Umbrüche, Essen (Arenberg-Stiftung) 2013, 190 S., ISBN 978-3-00-044454-8, keine Preisangabe.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Nils Bock, Münster

Kooperation ist ein Begriff, der sich auf zwei wesentliche Aspekte des hier zu besprechenden Buchs anwenden lässt. Dies betrifft zunächst das Arenberger Archiv in Enghien/Belgien, auf das der Autor zurückgreifen konnte und bei dem es sich um das Privatarchiv der Familie von Arenberg handelt, welche sich unter anderem auf Margaretha von der Marck zurückführen lässt. Des Weiteren tritt die Arenberg-Stiftung als Herausgeber auf und der Einleitung lässt sich entnehmen, dass Herzog Leopold von Arenberg persönlich als Unterstützer des Werks aufgetreten ist. Aus dieser Kooperation entstanden ist ein exquisites Werk, das in Druck und in bildlicher sowie kartografischer Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Der Inhalt ist aber nicht beliebig, es handelt sich nicht etwa einfach um die Biografie einer Urahnin. Das wissenschaftliche Interesse des Autors und Bitburger Stadtarchivars nimmt seinen Ursprung in den Geschäfts- und Handelstätigkeiten der Margaretha von der Marck und der Frage, ob die Fürstin bewusst einen gesellschaftlichen Wandel gestaltete, den der Autor an der Ausbreitung eines »modernen« Kapitalismus, der Reformation und des Aufkommens einer »selbstbewussten« Bürgerschicht festmacht. In diesem Kontext fallen vor allem die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Gräfin, ihr politischer Aufstieg und ihr Beziehungsnetzwerk auf. Neu geht dabei in drei großen Schritten vor: Die soziale Herkunft und Entwicklung, die ökonomische Betätigung der Gräfin und schließlich ihre Anstrengungen in der Bewältigung gesellschaftlicher und religiöser Spannungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die Gräfin wurde als Margaretha von der Marck im Februar 1527 geboren und folgte bereits 1544 im Alter von 17 Jahren ihrem kinderlosen Bruder im Erbe, das aus beachtlichem Landbesitz in der Eifel und den Ardennen bestand. Da anscheinend keine vorherigen Heiratsabsprachen bestanden hatten, war die Eheschließung eine offene Frage, die möglicherweise durch die eigenständige Wahl des ihr verwandten, aber im Rang niedriger stehenden Jean de Ligne, Baron von Barbançon, durch Margaretha in Einvernehmen mit den beiden Vormündern entschieden wurde. Am Wohnsitz eines der Vormünder, Maximilian von Egmond, fanden auch die Hochzeitsfeierlichkeiten statt. Aus der Ehe sind sechs Kindern hervorgegangen. Durch die Vermählung erhielt der alte Familienname »von Arenberg« neue Bedeutung, da dieser zur Bezeichnung der Linie »de Ligne-Arenberg« gewählt wurde. Als »von Arenberg« in zahlreichen Dokumenten angesprochen, signierte Margaratha aber mit »von der Marck«. Ganz ähnlich verhielt es sich bei ihrem Ehemann, der dank kaiserlicher Gunst seinen Rang und sein Wappen verbessern konnte, da er nun »Graf von Arenberg« war. Tatsächlich zeichnet er seine Briefe aber weiterhin als Jean de Ligne. Der Titel »von Arenberg« wurde von beiden zur Manifestation von Herrschaftsrechten genutzt, so wie es Margaretha ab 1576 mit der Würde der »gefürsteten Gräfin« praktizierte.

Jean de Ligne-Arenberg wurde 1548 von Kaiser Karl V. zum Statthalter von Friesland, Overijssel und Groningen bestellt, was einen Umzug der Familie mit sich brachte. Aufgrund seiner Ämter und als Parteigänger der Spanier nahm Jean de Ligne an den Kämpfen gegen die sich in Unruhe befindlichen Nordprovinzen teil. Zur gleichen Zeit unterhielt Margaretha Kontakt zu männlichen und weiblichen politischen Entscheidungsträgern in den spanischen Niederlanden. Die familiäre und politische Situation änderte sich im Zuge der Schlacht bei Heiligerlee im Jahr 1568, in der Jean de Ligne starb und aus der die Nassauische Partei gefestigt hervor ging.

Margaretha musste sich zunächst mit zwei Problemen beschäftigen: Ausstehende Schulden und die Belagerung von Arenberg. Letztere konnte durch weitere Zahlungsverpflichtungen aufgelöst werden. Dieser Herausforderung konnte die Gräfin durch kaiserliche und spanische Unterstützung dadurch begegnen, dass ein Schuldenschnitt durchgesetzt wurde. De jure waren die Schulden dadurch aufgelöst, de facto bedrängten die Gläubiger die Gräfin aber noch über Jahre, ohne Genugtuung zu erfahren. Zur gleichen Zeit nahmen die Auswirkungen des Kriegs zwischen den Parteien in den Niederlanden immer größere Ausmaße an, was eine klare Positionierung der Familie nötig machte, die nun durch den Sohn, Karl von Arenberg, der spanischen Partei diente. Dies ermöglichte Margaretha zugleich die Möglichkeit den Kontakt zum Kaiserhof zu intensivieren und weitere Verbindungen aufzubauen.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich dem Leben Margarethas unter dem Aspekt der »adligen Geschäftsfrau und Beraterin in Modefragen«. Einen möglichen Anlass im Aufbau ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit sieht der Autor in der erneuten Schuldenlast, der sich Margaretha stellen musste, als ihr Sohn 1573 vom spanischen Hof zurückkam. Seit 1560 liegen Informationen darüber vor, dass Margaretha in Fragen zu Tuchen, Mode und Schmuck mit anderen Adligen im Austausch stand. Wurde die Gräfin zunächst mit dem Kauf einzelner Stücke beauftragt, scheint sich dies im Umfang und in Hinblick auf den Stand der Empfänger immer stärker ausgeweitet zu haben. Dabei waren es vor allem Spitzen und Kleider aus den Niederlanden, die sich am Kaiserhof und an Höfe in Brandenburg, Braunschweig, im Rheinland, Süddeutschland und in Italien großer Beliebtheit erfreuten. Für die Herstellung der Produkte unterhielt die Gräfin ihr eigenes Netz von Fachkräften. Ein zentraler Umschlagplatz für die Waren war Köln, wo die Gräfin mit verschiedenen Kaufleuten intensive Kontakte unterhielt. In Köln kamen auch die Bestellungen aus Dodrecht, Antwerpen und Zevenbergen zusammen. In geringerem Maße kamen Beziehungen nach England, Brabant, Lüttich und Lothringen hinzu. Neben Spitzenprodukte im Bereich der Mode waren die Warenströme (illustriert anhand von Karten) viel diversifizierter und es wurden mit einer ganzen Brandbreite von Waren gehandelt, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt anboten, um die verschiedenen Ströme in der Summe auszugleichen. Den Abschnitt schließt Neu mit der Frage nach Notwendigkeit oder Leidenschaft als Motivation für die geschäftlichen Aktivitäten Margarethas. Der erste Antrieb scheinen die Schulden und die immer wieder fehlenden Barmittel gewesen zu sein. Von hier aus scheint Margaretha im Rahmen der gräflichen Wirtschaft und ihrer Kontakte jene Chancen genutzt zu haben, die sich ihr boten. Spuren temporärer Liquidität finden sich in den Inventaren, die davon zeugen, dass ein Teil der Barmittel in religiöse und weltliche Wertgegenstände und Schmuckstücke umgesetzt wurden.

Der dritte und kürzeste Teil behandelt Margaretha als »Landesmutter und Katholikin im Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher Geisteswelt«. In einer Folge von Abrissen werden die konfessionelle Haltung, die Rolle in Hexenprozessen, die Förderung der Erziehung und des Schulwesens, der Schutz von Frauen vor gewalttätigen Überschreitungen durch die Gräfin dargestellt. Das Unterkapitel Margarethas »weise Regierung« wiederrum bietet zum einen eine Betrachtung der letzten Regierungsjahre der Gräfin in den ambivalenten Verhältnisse der Niederlande zwischen spanischer Krone und Eigenständigkeit und zum anderen eine abschließende Bewertung unter Bezugnahme auf das Korpus herrscherlicher Tugenden der Mild- und Wohltätigkeit. Margaretha von der Marck starb 1594 und wurde zunächst in Antwerpen begraben, um dann nach Enghien überführt zu werden – der Ort, der auch heute mit dem Haus Arenberg verbunden ist.

Der Autor erschließt mit seinem Band, der sich in seine Beschäftigung mit der Familie Arenberg einfügt, unterschiedliche private und öffentliche Bestände und stellt sie klar gegliedert und kenntnisreich dar. Die würdigende Beschreibung der Herrschaft, des Wirtschaftens und der Person der Margaretha von der Marck mag breitere Aufnahme finden und in der Breite von möglichen Forschungsfragen Anlass zur differenzierteren Betrachtung der Befunde geben.

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PSJ Metadata
Nils Bock
Deutsches Historisches Institut Paris
Margaretha von der Marck (1527–1599)
Landesmutter, Geschäftsfrau und Händlerin, Katholikin: eine gefürstete Gräfin in einer Zeit großer Umbrüche
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Geschichte allgemein
16. Jh.
1527-1599
Margaretha Arenberg, Fürstin (135980445)
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P. Neu, Margaretha von der Marck (1527–1599) (Nils Bock)
In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/neu_bock
Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
Zugriff vom: 30.05.2017 05:29
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