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    N. Maillard Álvarez (ed.), Books in the Catholic World during the Early Modern Period (Anne Conrad)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Natalia Maillard Álvarez (ed.), Books in the Catholic World during the Early Modern Period, Leiden (Brill Academic Publishers) 2013, XIV–240 p. (Library of the Written Word, 33/The Handpress World, 25), ISBN 978-90-04-26289-8, EUR 109,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anne Conrad, Saarbrücken

    Während der enge Zusammenhang zwischen Reformation und Buchdruck traditionell zu den Standardthemen der Frühneuzeitforschung gehört, gerät der Buchdruck als Medium des frühneuzeitlichen Katholizismus erst allmählich in den Blick. Das katholische Druck- und Verlagswesen hat seine Wurzeln im vorreformatorischen Buchdruck, z. B. in der Devotio moderna anknüpfend, erhielt darüber hinaus aber durch das Konzil von Trient und die anschließende Konfessionalisierung einen besonderen, in seinen Auswirkungen allerdings sehr ambivalenten Schub. Zum einen wurden katholische Druckerzeugnisse, die seit dem 17. Jahrhundert in Massen produziert und vertrieben wurden, zu einem wesentlichen Instrument der Gegenreformation und Rekatholisierung; vor allem die missionarischen Aktivitäten der Orden, etwa der Jesuiten, trugen dabei zu einer internationalen Verbreitung auch in Übersee bei. Zum anderen war die enge Orientierung an Rom verbunden mit restriktiven Maßnahmen der Zensur; der »Index librorum prohibitorum« und die Inquisition versuchten dem expandierenden Buchmarkt Grenzen zu setzen.

    Der vorliegende Band, hervorgegangen aus einem Workshop, der 2012 in Florenz am European University Institute stattfand, dokumentiert diese Prozesse und fragt nach der inhaltlichen wie geographischen Reichweite, nach Netzwerken und Mechanismen der Verbreitung und Rezeption von Büchern, aber auch nach den Einschränkungen, die mit der Kontrolle und konfessionalistischen Instrumentalisierung des katholischen Buchwesens verbunden waren. Der zeitliche Rahmen reicht vom 15. bis zum späten 18. Jahrhundert. Im Blick sind dabei nicht nur Werke in lateinischer Sprache, deren Internationalisierung im Milieu der Gelehrten unproblematisch war, sondern auch solche, die in einer Landessprache, vor allem in Spanisch, verfasst, aber grenzüberschreitend verkauft wurden, sowie jene Literatur, die in Übersetzungen verbreitet wurde. Die Beiträge im Einzelnen bieten sehr lesenswerte Fallstudien. Allen gemeinsam ist die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden im Buchkonsum in verschiedenen katholischen Territorien und Milieus.

    Stijn Van Rossem präsentiert die flämische Druckerdynastie Verdussen, die im 17. Jahrhundert in Antwerpen neben dem Offizin Plantin-Moretus tonangebend war, und zeigt, welche geschäftlichen Chancen sich jenen boten, die sich auf die Gegenreformation einließen. Verdussen war gut nach Spanien und Portugal vernetzt, und über die Jesuitenmissionen öffnete sich für ihn der Markt in Lateinamerika. Die Fallstudie von Pedro Rueda Ramírez befasst sich mit dem »Catalogus Librorum« (1680 in Sevilla gedruckt) des flämischen Druckers und Verlegers Diego Crance. Er verzeichnet erstmals Bücher, die in Europa gedruckt und in Mexiko verkauft wurden, und illustriert zugleich die kommerziellen Strategien im transatlantischen Buchhandel. Rafael M. Pérez García setzt in seinem Beitrag in vorreformatorischer Zeit an und zeigt am Beispiel der kastilischen Literatur auf, dass und wie Traditionslinien von common readings des 15. und frühen 16. Jahrhunderts die katholische Spiritualität beeinflussten. Der Beitrag ist aufschlussreich für die Prägungen der spanischen Mystik und eröffnet einen Blick auf deren Wirkmächtigkeit im frühneuzeitlichen Katholizismus. Einblick in den (transatlantischen) Literatur-Transfer zwischen Ländern und Sprachen im 16. und 17. Jahrhundert gibt Natalia Maillard Álvarez, deren Beitrag sich mit dem Interesse an italienischer Literatur in den spanischsprachigen Städten Sevilla und Mexiko-City befasst. Die Inventarlisten privater Bibliotheken spiegeln ähnliche Lesegewohnheiten in Spanien und Übersee wider. Geschlechtergeschichtlich ist hier zu berücksichtigen, dass fast ausschließlich Männer als Besitzer der Bibliotheken genannt werden, die Lesepraxis von Frauen darüber also nicht zu erschließen ist. Bianca Lindorfer widmet sich dem Konsum von spanischer Literatur unter österreichischen Adligen im 17. Jahrhundert und bringt damit die Netzwerke zwischen Wien und Madrid ins Spiel. Auffallend ist die thematische Breite des Buchbestands der von ihr untersuchten Adelsbibliotheken. Neben traditionellen theologischen und hagiographischen Schriften finden sich Werke zur Naturkunde, Geschichte und Medizin ebenso wie Handbücher zur Rhetorik und Wörterbücher; nur noch ein relativ kleiner Anteil der Werke ist in Latein verfasst. Der Beitrag von Idalia García Aguilar betrachtet den katholisch-konfessionalisierten Buchmarkt aus einer ganz anderen Perspektive und fragt nach der Rolle der Inquisition und deren Einfluss auf die Lektürepraxis im Vizekönigreich Neu-Spanien. Adrien Delmas untersucht schließlich die besondere Situation in der Kap-Kolonie, die 1652 von der Niederländischen Ostindien-Kompanie gegründet worden war, und ermöglicht damit einen konfessionellen Brückenschlag: Die hier vorgestellten kalvinistischen Verhältnisse sind, was Alphabetisierung, Bücherangebot und politische Instrumentalisierung der Lesepraxis betrifft, in vieler Hinsicht mit den katholischen Ländern vergleichbar.

    Insgesamt bietet der Band ein breites Spektrum an Themen und Schwerpunkten, die doch durch die Fokussierung auf die Frage nach der Rolle des Buchdrucks im Kontext von Gegenreformation und katholischer Konfessionalisierung überzeugend zusammengehalten werden. Ein wesentliches Ergebnis ist die Erkenntnis, dass sich tatsächlich über die geographische und chronologische Distanz hinweg grundlegende Gemeinsamkeiten (common readings) feststellen lassen, die für den katholischen Bücherkonsum kennzeichnend wurden. Die Netzwerke zwischen den katholischen Ländern auf dem Kontinent und den transatlantischen Kolonien stehen zudem für eine Variante frühneuzeitlicher »Globalisierung«, deren Wirkmächtigkeit nicht zu unterschätzen ist. Zu fragen ist vor diesem Hintergrund aber auch, wie weit Bücher – sei es Erbauliches, Wissenschaftliches oder Schöne Literatur – als Statussymbole zu sehen sind, wie stark der Lektürekonsum – gerade auch im religiösen Bereich – von Moden geleitet war, und ob überhaupt von Buchproduktion und Buchkonsum auf Lesen zu schließen ist. Die einzelnen Beiträge des vorliegenden Bandes bieten vielversprechende Ansätze, die dazu anregen, solchen Fragen weiter nachzugehen und die Buch- und Verlagsgeschichte, wie hier geschehen, nicht nur wirtschaftsgeschichtlich, sondern gerade auch kultur- und religionsgeschichtlich fruchtbar zu machen.

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    PSJ Metadata
    Anne Conrad
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Books in the Catholic World during the Early Modern Period
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Südafrika, Südamerika
    Geschichte allgemein
    15. Jh., 16. Jh., 17. Jh.
    1400-1800
    Europa (4015701-5), Katholik (4163454-8), Buchmarkt (4121054-2), Buchhandel (4008626-4), Südamerika (4078014-4), Südafrika Kontinent (4058393-4)
    PDF document maillard-alvarez_conrad.doc.pdf — PDF document, 326 KB
    N. Maillard Álvarez (ed.), Books in the Catholic World during the Early Modern Period (Anne Conrad)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/maillard-alvarez_conrad
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
    Zugriff vom: 25.05.2017 04:55
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