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    A. Lobenstein-Reichmann, Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit (Winfried Frey)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)


    Anja Lobenstein-Reichmann, Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit, Berlin, Boston (De Gruyter) 2013, XI–448 S. (Studia Linguistica Germanica, 117), ISBN 978-3-11-033101-1, EUR 119,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Winfried Frey, Kriftel/Taunus

    Eines ist sicher: Historiker, die diese Arbeit gelesen haben, werden künftig neben der unerlässlichen Suche nach historischen Fakten noch genauer als bisher darauf achten, mit welchen sprachlichen Mitteln die Autoren – gleich welcher Provenienz – die Fakten darbieten, mit welcher Intention sie ihre Texte gestalten, oder anders: wie aus Sprache Fakten werden!

    Anja Lobenstein-Reichmann hat aus dem riesigen Corpus der sprachlichen Überlieferung den Sektor der »Sprache der Entehrung, der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung und oft genug auch der psychischen wie physischen Vernichtung« (S. 3) ausgewählt und zum Gegenstand ihrer Untersuchung gemacht mit dem Ziel, eine »pragmatische Überblicksgrammatik« zu entwerfen, die »sogar zu einer Sprachgeschichte der Gewalt werden könnte« (S. 30).

    Dies ist ein anspruchsvolles Programm, das kaum von einer einzelnen Person in einer einzelnen Arbeit zu verwirklichen ist, und so wundert es auch nicht, dass die die Verfasserin in ihren »Schlussbetrachtungen« von ihrer Arbeit als einem »Fragment« spricht und von einem »Versuch, der als Anfang gedacht ist und mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet« (S. 398).

    Zuvor aber versucht die Autorin, in einem umfangreichen Kapitel (II.) eine Pragmagrammatik und eine Pragmasemantik ausgrenzenden Sprechens und der Strategien seiner Sprecher zu entwerfen. Schon da werden Schwierigkeiten sichtbar, die für die gesamte Abhandlung bestimmend werden.

    Es beginnt schon mit dem untersuchten Zeitraum und seiner Benennung. Ist im Titel vom späten Mittelalter und der frühen Neuzeit die Rede, so wird bald fast nur noch vom »Frühneuhochdeutschen« gesprochen, auch von »frühneuhochdeutscher Zeit«. Es findet also eine Verlagerung von der historischen zur sprachhistorischen Betrachtungsweise statt, die jedoch nirgends begründet wird. Allerdings wird sehr bald deutlich, dass die Verschiebung eher materielle als theoretische Gründe hat.

    In mehreren Anläufen wird mitgeteilt, was zu der Verengung der Perspektive geführt hat: Zunächst spricht die Verfasserin vom »gesamten onomasiologische[n] Feld«, das genutzt werden müsse, um das gewählte Wort einordnen und interpretieren zu können (S. 37); erst 20 Seiten später (S. 59, Anm. 75) nennt sie ihre hauptsächliche Quelle, das »Frühneuhochdeutsche Wörterbuch« (FWB), benennt auch die Schwachstelle dieser Quelle, die vor allem darin bestehe, dass jenes Wörterbuch nur buche, was »unter irgendeinem Aspekt als besonders, als abweichend, als interessant erscheint«. Doch sie meint, diesen »Fallstricken« entkommen zu können, »die die Wörterbücher von der ›Realität‹ trennen«. Zur Gewissheit wird ihr das nach einer eingehenden Darstellung der »Syntagmen als Stereotypenorganisatoren« (S. 97ff.), aus der sie – über die eingestandenen Unwägbarkeiten des eigenen Verfahrens geradezu triumphierend – folgert: »Syntagmen sind […] der Ort, an dem der Lexikograph die Urteile einer historischen Gesellschaft ablesen kann. Sie sind die Tatorte, an denen die Urteile überhaupt erst von der Gesellschaft gesprochen, immer wieder repetiert und damit verankert werden« (S. 102).

    Das führt dazu, dass große und wichtige Textsorten fast ganz ausgeblendet werden, weil sie für das FWB nicht verfügbar waren oder der Autorin nicht als »les- und bearbeitbare Fassung« (S. VI) vorlagen. Das blinde Vertrauen in die Syntagmen scheint A. Lobenstein-Reichmann nicht nur der Lektüre vollständiger Texte und ihrer Kontexte zu entheben (was sie weidlich ausnutzt), es kann auch dazu führen, dass der Kontext von Äußerungen eben nur in solcherart vorsortierten Texten gesucht und gefunden wird, nicht aber in der (wie auch immer schwierig erfassbaren) Realität.

    Erstens: Diskriminierende, verletzende Äußerungen und Darstellungen sind nicht nur in den Texten des FWB zu finden, sondern auch in der Architektur, in der Malerei und Plastik, in der Liturgie, im Theater, in Bräuchen des Mittelalters. Darauf geht die Autorin nicht ein. Dies ist zwar verständlich, sie hätte jedoch diesen Mangel in seinen Auswirkungen auf die Relevanz ihrer Ergebnisse wenigstens diskutieren müssen!

    Zweitens: Das Leben der Menschen, die sprachlicher Ausgrenzung unterworfen werden, bleibt weitgehend außerhalb ihrer Betrachtungsweise. Das beste Beispiel dafür ist ihre Darstellung von Judendiskriminierung und Judenhass, vor allem am Beispiel der Kontroverse zwischen Andreas Osiander und Johannes Eck (schon vorher ansatzweise in der Darstellung des Reuchlin-Pfefferkornstreites, der der Autorin zum »intellektuellen ›Experten‹diskurs« wird; die Gefahr für Johannes Reuchlin, die größere Gefahr für Leib und Leben der Juden wird nicht Thema (S. 200, insb. 204f.).

    Mit Osiander argumentiert ein Vertreter der Reformation gegen Johannes Eck als einem Vertreter der alten Kirche über »die« Juden. Osiander spielt in der Darstellung der Verfasserin den Part des »Guten«, Eck (nicht ohne Grund, dieser hätte jedoch dargestellt werden müssen!) den des »Prärassisten« (S. 254), oder, wie die Verfasserin resümiert: »Eck agitiert, Osiander gutachtet.« Was diese Darstellung riskant macht, ist die Reduktion der Auseinandersetzung auf einen innerchristlichen Zwist. A. Lobenstein-Reichmann benutzt dafür den vorher von ihr entwickelten Begriff der »Sekundärstigmatisierung«: Es gehe den beiden nicht um die Juden und schon gar nicht um deren Existenz, es gehe vor allem Johannes Eck darum, in Osiander auch alle anderen Reformatoren zu treffen, einschließlich Martin Luther. Ecks Angriff gegen Luther ziele »letztlich auf seine [Luthers] gesamte theologische wie gesellschaftliche Existenz« (S. 218). Ecks Absicht sei es, »den protestantischen Gegner zu vernichten« (S. 220). Von entsprechenden Schriften von protestantischer Seite erfahren die Leserin und der Leser nichts. Das ist nicht nur eine Reduktion, sondern schon eine Verharmlosung. Indem Eck, so die Verfasserin, »die Geschichte der Ritualmorde« [sic!] in die Geschichte der Reformation einbette, erhalte sie »ein neues gesellschaftspolitisches Gewicht« (S. 226). Es geht also auch ihr nicht mehr um die Juden. Um das zu begründen, greift sie zu einem merkwürdigen Argument: Die Verlagerung auf den innerchristlichen Streit hält sie für möglich und erklärbar, da man »kaum von einer wirklichen Gefahr durch die Juden spreche« (S. 249) könne. Von einer solchen ist sowieso seit der Zeit des Frühchristentums nur von Seiten der antijüdisch agitierenden christlichen Autoren die Rede. Mit ihrem Argument übergeht die Verfasserin aber auch die real existierende Gefahr für die Juden durch eben diese nur scheinbar innerchristliche Fehde. Sie erwähnt nicht die Judenordnungen der protestantischen Fürsten und deren meist theologischer Autoren (herausragend: Martin Bucer!); sie erwähnt nicht die derentwegen immer unsicherer werdende Existenz der Judengemeinden in protestantischen Territorien – und sie behandelt nicht jene Schrift des Reformators Luther, die wie keine andere der Zeit bis in unsere Zeit wirkungsmächtig geblieben ist: die fürchterliche Schrift des Reformators von 1543: »Von den Juden und ihren Lügen«.

    Warum das so ist, erfahren die irritierte Leserin und der irritierte Leser in einem Exkurs (S. 255–257): Martin Luther und seine Adepten seien durch die giftigen Polemiken der Reformationsgegner erst in den Judenhass getrieben worden (S. 257)! In der Rückschau wirkt diese »These« der Autorin wie eine Begründung für ihre schon früher (S. 181) geradezu euphorische Apologie des Reformators: »Mit der Bibel in der Hand, das Wort Gottes zitierend und mit ihm argumentierend[,] reißt der Reformator die metaphorisch als Mauern gedachten Machtbastionen der Kirche ein und wird dabei auch durchaus beißend gegenüber den katholischen Gegnern.«

    Eine letzte Bemerkung: Das lexikografische Verfahren verführt dazu, Beispiele aus jeweils räumlich, zeitlich und sachlich unterschiedlichsten Bereichen der Sprachüberlieferung zusammenzustellen und (manchmal auch dazu, diese ad hoc, ohne den Kontext, daher manchmal falsch) zu interpretieren.

    Mag es auch Ecks, Luthers und vieler anderer Kontroverstheologen Absicht gewesen sein, den »Gegner zu vernichten«, in der Realität ist aus dem damaligen Heiligen Römischen Deutscher Nation (bis auf den armen Michel Servet am 27. Oktober 1553 in Genf) glücklicherweise kein erfolgreicher Versuch bekannt. Das lag nicht an der Toleranz der Gegner, sondern an den Machtverhältnissen. Im Reich, das (anders als andere Länder des damaligen Europa) territorial stark zersplittert war, konnte ein theologischer Abweichler (aber kaum je ein »normaler« Untertan, bei dem die Gewaltdrohung durchaus real blieb, vgl. die Darstellung der Verfasserin auf den Seiten 260–389!) bei Gefahr schnell in ein anderes Territorium ausweichen, wo er halbwegs sicher war, vielleicht sogar willkommen.

    Das heißt aber auch, dass ein heute so gefeiertes (und meist kritiklos verteidigtes) Recht wie die Meinungs- und Redefreiheit, das oft auch als eine Art Grundrecht auf Herabsetzung, Beleidigung, Stigmatisierung, Diskriminierung verstanden wird, einen Ursprung in der Zeit der Reformation hatte, in der (zumindest in Deutschland) die Macht des Staates, die Macht der (jeweiligen) Kirchen nicht weiter reichte als bis zur Grenze des nächsten Territoriums.

    Diesen Aspekt hat A. Lobenstein-Reichmann – wohl aufgrund ihrer sachlichen und methodischen Prämissen – nicht behandelt. Das ist schade.

    Nach der oft mühsamen Lektüre dieses umfangreichen Buches legt es der Rezensent beiseite, einerseits bereichert durch die vielen nützlichen und berechtigten Hinweise auf das oft problematische Tun des Historikers, andererseits enttäuscht ob der methodischen Schwächen des Ansatzes. Gelohnt hat sich die Lektüre dennoch.

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    PSJ Metadata
    Winfried Frey
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500), Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sprachgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., 16. Jh.
    1450-1650
    Sprechakt (4077747-9), Ehrverletzung (4013699-1), Ausgrenzung (4300539-1), Sprache (4056449-6), Frühneuhochdeutsch (4129491-9)
    PDF document lobenstein-reichmann_frey.doc.pdf — PDF document, 341 KB
    A. Lobenstein-Reichmann, Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit (Winfried Frey)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/lobenstein-reichmann_frey
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:35
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