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H. A. Lloyd (ed.), The Reception of Bodin (Albrecht Cremer)

Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Howell A. Lloyd (ed.), The Reception of Bodin, Leiden (Brill Academic Publishers) 2013, XI–467 p. (Brill’s Studies in Intellectual History, 223), ISBN 978-90-04-23608-0, EUR 139,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Albert Cremer, Göttingen

Die Theorie von der Souveränität der Staaten, entwickelt im bedeutendsten Werk Bodins, den »Six livres de la République« (1576) hat eine kaum zu überschätzende theoretische und politische Wirkung zur Folge gehabt. Der Autor hat ferner ein überaus erfolgreiches Werk über die Dämonenlehre verfasst, ebenso einen Traktat über die Methode historischer Erkenntnis, Schriften zur Naturphilosophie, Monetärtheorie, Jurisprudenz, Politik. Die Literatur über ihn ist beeindruckend. Zwar gibt es kaum Monographien über ihn, dagegen ist er sehr präsent in Werken über die Staatstheorie, und geradezu zahllose Einzeluntersuchungen beschäftigen sich mit diversen Aspekten seiner Schriften, wie auch etliche Kolloquien seinem Œuvre gewidmet wurden. Die wichtigsten der publizierten waren die in München, Perugia, Angers, Lyon. Jetzt also Hull. Organistor von zwei Arbeitstreffen und Herausgeber einer Website »The Bodin Project« sowie des vorliegenden Bandes ist Howell A. Lloyd, Verfasser von Monografien über die Rouen-Kampagne 1590–1592 (1973), den Staat und Frankreich im 16. Jahrhundert (1983), das europäische politische Denken, 1450–1700 (2007).

In 16 Beiträgen widmen sich die Autoren des Bandes – zehn aus dem angloamerikanischen Bereich –im Wesentlichen drei Werken Bodins, dem »die Methodus ad facilem historiarum cognitionem« (1566), der »Démonomanie des sorciers« (1580) und den schon erwähnten »Six livres de la République«. Nach einer Einleitung des Herausgebers erörtert Peter Burke (Cambridge) sozusagen als Fundament des Bandes die Geschichte und Theorie der Rezeption. Von der passiven Rezeption zieht er den Bogen zur aktiven, produktiven und hybriden, der Rekontextualisation. Marie-Dominique Couzinet (Univ. Paris I) nimmt in ihrem Beitrag die Thematik ihrer thèse über den»die Methodus« wieder auf: die Einbindung der Geografie, die Rolle von Analyse, Klassifikation, Vergleich, um zu einer universalen Jurisprudenz vorzudringen (gegen die mittelalterliche pestis grammaticalis). Ebenso in den anderen Werken kommt der Methode eine bedeutende Rolle zu. Basierend auf der Intelligibilität der Natur, der göttlichen und natürlichen Harmonie, der Natur der Menschen, erschließen sich neue Fächer: Geschichte und Recht. Marc Greengrass (Sheffield) umreißt die »experimental world« Bodins anhand des »Bodin Sources Index«, der online verfügbar ist. Die persönliche Erfahrung, die Auseinandersetzung mit der Konkurrenz, Archive, die Konfrontation mit der realen Welt, Botschafterberichte, Experimente, Sammlungen königlicher Edikte, allgemeine Literatur, logisches Denken und Erfahrung werden rhetorisch, aber auch polemisch vorgetragen. Es gibt keine Möglichkeit, die Entstehung eines Werks nachzuzeichnen. Die beiden folgenden Artikel widmen sich der »Démonomanie«. Virginia Krause (Brown University), »Listening to Witches«, weist auf die Bekenntnisse der Hexen als einer weiteren zentralen Quellengruppe Bodins hin, hier gewiss in einem speziellen Kontext. Die Wahrscheinlichkeit war für ihn kein Problem, da die Zauberei der Metaphysik angehörte, deren verborgene Wahrheiten geoffenbart wurden. Christian Martin (Easton, MA) analysiert die Kontroverse Weyer-Bodin. Während ersterer das Phänomen der Hexen eher in einem medizinisch-psychologischen Kontext verortete, insistierte Bodin auf den juridisch-theologischen Aspekt, den er mit Vehemenz und auch mit persönlichen diffamierenden Angriffen vertrat.

Wie wehrte sich Bodin gegen andere Kritiker seiner Werke? Ann Blair (Harvard) erläutert dies an Beispielen. Nachdem bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung der République in Genf eine unautorisierte Ausgabe erschienen war, in der neben Korrekturen zum politischen System Genfs, die Beziehungen zum Kanton Bern und das Problem der Legitimität einer Rebellion gegen den Herrscher thematisiert wurden, erfolgte die Erwiderung von Autor und Verleger in der dritten Auflage der République von 1578. Bodin fügte eine nunmehr in lateinischer Sprache abgefasste »Epistola« ein, der Verleger Jacques Du Puys ein »petit mot« an den Leser. Insbesondere gegen den Vorwurf, dem Souverän zuviel Macht zuzuerkennen, wehrte sich Bodin und verwies auf sein eigenes Wirken auf den Generalständen von 1576. Angriffe kamen jedoch auch von nicht reformierter Seite. Michel de La Serre verdächtigte Bodin der Sympathie für die Monarchomachen sowie einer möglichen ausländischen Intervention in Frankreich, André Frankenberger griff die Prophetien Daniels auf, Pierre de L’Ostal die arithmetischen und harmonischen und Auger Ferrier die astrologichen Ausführungen. Die Kritiken wurden zurückgewiesen in der »Apologie de René Herpin« (1581), die in der Folge häufig, jedoch keineswegs immer, der »République« ab 1583 als Appendix angefügt wurde. Die Autorschaft Bodins ist jedoch nicht gesichert. Johann Weyer erfuhr in einem Appendix der »Démonomanie« eine »giftige« Abfuhr: »Réfutation des opinions de Jean Wier«.

Jan Michielsen (British Academy, Oxford) spürt dem Widerspruch zwischen gemischter Verfassung und unteilbarer Souveränität bei Bodin nach, als dieser in der Entourage des Herzogs von Anjou sich in den Niederlanden aufhielt. Sara Miglietti (Warwick) geht in ihrem Artikel »Reading from the Margins« zurück zur »Methodus«. Besitzervermerke, Marginalien, Unterstreichungen u. ä. sowie die Präsenz der Werke in den Depots der Bibliotheken, hier besonders der Colleges, geben Auskunft über die Verbreitung eines Buches – Exemplare in Privatbesitz werden nicht erfasst – wie auch der Verwendung, z. B. als Unterrichtsmaterial. Michaela Valente (Molise) befasst sich mit dem komplexen Verhältnis römischer Theologen und der Inquisition zu Bodin. Sie stützt sich auf die Korrespondenz gutachtender Personen (oft Kardinäle) sowie die Bestände des Archivio della Congregazione per la dottrina della fede. Bodin stand im Verdacht, ein Krypto-Jude zu sein, aber ebenso die Erwähnungen Luthers, die Benutzung protestantischer Quellen waren Ärgernis. Als wesentlich gravierender wurden sein Eintreten für religiöse Toleranz – Folge einer solchen war der französische Bürgerkrieg – und die Unterordnung der päpstlichen Jurisdiktion unter die säkulare gewertet, während andere Theorien weniger Beachtung fanden. Nur zögernd fand die »République «auf den Index: 1592, donec corrigatur, 1596, omnino; das letzte Werk, das »Universae naturae Theatrum«, erst 1628. Immer bestand die Möglichkeit, Ausnahmegenehmigungen zur Konsultation der Werke zu erlangen. Die Verfasserin erklärt dieses zurückhaltende Vorgehen mit dem Bestreben, Einflussmöglichkeiten der Kirche und des Papstes in Frankreich zu wahren.

Der folgende Artikel von Jonathan Schüz (Berlin FU) hebt in den deutschsprachigen »Démonomanie«-Ausgaben den protestantischen und antisemitischen Charakter der Übertragungen und Kommentare hervor. Von der »Démonomanie« geht es zurück zur »République«, deren Rezeption im politischen Denken Kastiliens Harald E. Braun (Liverpool) untersucht. Der Einfluss Bodins war begrenzt, da zum einen die Justiz bereits die Fülle königlicher Macht aus römischen und mittelalterlichen spanischen Gesetzen herausgearbeitet hatte. Die spanische Version der »République« von Añastro erschien erst 1590 in Savoyen. Die Inquisition, gespalten zwischen Anerkennung der Nützlicheit und Vorwürfen des Machiavellismus, verlangte 1594 lediglich Korrekturen, orientierte sich 1612 aber an der strengen römischen Linie, verzeichnete 1640 endlich die »République« in der Liste der expurgierten Bücher. Aus der politischen Literatur stellt Braun drei Autoren vor, Babadilla, Mariana und Marquéz.

Die Bedeutung Bodins im Heiligen Römischen Reich war sehr begrenzt, wie Robert von Friedeburg (Rotterdam) ausführt. Die Entwicklung zum Fürstenstaat erfolgte ohne Rekurs auf das Bodinsche System. Dem Verhältnis von Souveränität und Staatsräson widmet Luc Foisneau (CNRS/EHSS) seinen Beitrag. Während Bodin die raison d’État geradezu ignorierte, erfuhr sie in der folgenden Generation, so bei Botero und Richelieu, eine theologische Fundierung. Hobbes, »De Cive«, befreite sie von dieser Bindung und knüpfte somit an zentrale Elemente der »République« an: Betonung der Rechte des Souveräns im Interesse des zivilen Friedens, die Ablehnung eines Widerstandsrechts, die Ablehnung der Gesetzesübertretung aufgrund einer raison d’État, der strikte Respekt der juristischen Prozeduren – darin lag die »authentic legacy of Bodin«. Den italienischen Lesern des 17./18. Jahrhunderts sind zwei Beiträge vorbehalten. Im ersteren, von Albergati bis Filangeri, erörtert Vittor Ivo Comparato (Perugia) zunächst das Problem der Souveränität als Konzept und politische Realität in Italien, hatte doch Bodin allen »Staaten« außer Venedig überhaupt ihren legalen Status abgesprochen. Während die Vertreter der ragion di stato bestens bekannt sind, legt der Verfasser den Schwerpunkt auf die neapolitanischen Autoren des endenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts, als Verfassungsfragen im Kontext der spanischen Sukzession besonders virulent waren. Die weniger bekannten Verfasser »adopted Bodin’s lexicon selectively«. In einem weiteren Artikel über Italien hebt Diego Quaglione (Trento) die Bedeutung Bodins für Alberico Gentiles »De iure belli«, hervor. In die Debatten der Englischen Revolution führt Glenn Burgess (Hull). Bodin der Gelehrte, der Maßvolle, der moderate Papist, wird zitiert von Royalisten, Parlamentariern, den Commonwealthmen, dem Quäker William Penn. Er steht für Souveränität, die absolute Monarchie, ebenso wie für deren Begrenzung (z. B. in Steuerfragen).

Nach der Lektüre des Bandes hat der Leser gewiss viele neue Einsichten in den politischen Diskurs der Epoche gewonnen. Dennoch ist der Gesamteindruck keineswegs befriedigend. Neben formalen Aspekten sprechen ein gewisses Durcheinander der behandelten Werke Bodins und der ins Auge gefassten Länder für wenig Koordination. Die Ausklammerung oder bestenfalls Marginalisierung zentraler Thematiken (Machiavellismus) oder politischer Autoren (Justus Lipsius) in einer Debatte über die Rezeption eines der bedeutendsten Werke über den Staatsbegriff ist kaum nachvollziehbar. Bei allem Gewinn, den man aus dem Band zieht, hätte man sich ein gründlicheres Eingehen auf präziser umrissene Themenpunkte gewünscht.

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PSJ Metadata
Albrecht Cremer
Deutsches Historisches Institut Paris
The Reception of Bodin
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Ideen- und Geistesgeschichte
16. Jh.
1500-1600
Bodin, Jean (118512307), Rezeption (4049716-1), Geistesgeschichte (4071653-3)
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H. A. Lloyd (ed.), The Reception of Bodin (Albrecht Cremer)
In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/lloyd_cremer
Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:21
Zugriff vom: 23.07.2017 06:32
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