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    S. Le Clech-Charton, Les Vies de Jacques Amyot (Anne Begenat-Neuschäfer)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Silvie Le Clech-Charton, Les Vies de Jacques Amyot. Édition commentée de documents inédits, Paris (Éditions du CTHS) 2013, 263 p. (CTHS Format, 73), ISBN 978-2-7355-0800-6, EUR 16,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anne Begenat-Neuschäfer, Aachen

    Der vorliegende Band unternimmt es, anhand bisher unzugänglicher Dokumente, die hier erstmals publiziert und kommentiert werden, die zweite Lebenshälfte des berühmten Humanisten und Plutarch-Übersetzers als Bischof von Auxerre bis zu seinem Tode zu erhellen. Jacques Amyot hat einen Großteil des 16. Jahrhunderts durchlebt (1513–1593) und einen brillanten gesellschaftlichen Aufstieg erfahren. Als Sohn eines Weißgerbers aus Melun erhielt er die Chance, am Collège des Kardinal Lemoine in Paris zu studieren, an dem berühmte Humanisten wie Jacques Lefèvre d’Étaples und François Vatable gelehrt hatten. Gleichzeitig belegte er auch Griechischkurse bei Pierre Danès am Collège Royal Trilingue, das François I. ins Leben gerufen hatte (S. 6f.), dem späteren Collège de France. Später setzte er seine Studien an der Universität Bourges fort und war als Hauslehrer tätig, dann als Lehrer für Latein und Griechisch. Gönner wie Jacques Colin, Guillaume Bochetel und Jean de Morvilliers führten ihn bei Hofe ein, 1547 erschien seine Übersetzung des Romans von Heliodor, »Aithiopika«. Diplomatische Aufträge führten ihn nach Rom und Venedig; die Italienaufenthalte nutzte er auch zur Suche nach Codices und Manuskripten in den reich ausgestatteten italienischen Bibliotheken. 1557 wurde er zum Hauslehrer der künftigen Könige Frankreichs, Charles IX. und Henri III., bestellt, 1559 veröffentlichte er sein berühmtestes Werk, »Die parallelen Lebensbeschreibungen« (»Les Vies des hommes illustres grecs et romains«) des Plutarch. Mit der Machtübernahme durch Charles IX. wird er Hofgeistlicher und Ratgeber des Königs, auf dem Höhepunkt seines Einflusses findet er sich in der Ära von Henri III., in der er seine Vorstellungen von der Erziehung des Fürsten zur Weisheit, die seiner Herrschaft langjährigen Frieden sichern soll, in die Arbeit der Hofakademie einfließen lässt. Rhetorik, Kenntnis der antiken Werke und christliche Moral bilden die Grundlage dieser Bildungsvision (S. 8). Diese Grundgedanken machen ihn auch zu einem Bischof, der sich der Reform der Kirche nach dem Konzil von Trient verpflichtet weiß. Ab 1571 übernimmt er das Bistum Auxerre und widmet sich der Reform der Kirche und dem Aufbau sozialer Einrichtungen (S. 9). Die Ordnung des Krankenhauses von Auxerre beruht auf seinen Erfahrungen als Vorgesetzter des Pariser Blindenhospitals Quinze-Vingts, er richtet die Kathedrale neu her und betreibt den Bau einer Schule, die von Jesuiten geführt werden soll, die Einrichtung eines Priesterseminars ist geplant, das Gelände dafür vererbt Amyot der Stadt. 1589 gerät er in seiner Diözese in die Wirren, die der Ermordung der Guise in Blois folgen, weil er Henri III. die Stange hält, indem er für den exkommunizierten König eine Messe liest, obwohl er sich politisch keinem Lager zuschlägt (Henri IV. verweigert er die Gefolgschaft).

    Bei den vorgelegten Archivmaterialien handelt es sich um die Ordnung des Krankenhauses von Auxerre (1579), um das Verzeichnis seines Besitzstandes nach seinem Tode (1593), innerhalb dessen die Inventarliste seiner persönlichen Bibliothek einen besonderen Stellenwert einnimmt, sowie um sein zweites handschriftliches Testament (niedergeschrieben um 1589). Ein erstes autografes Testament wurde im Pariser Blindenkrankenhaus Quinze-Vingts verfasst und ist auf den 16. Mai 1588 datiert. Es ist in den Notariatsakten des Châtelet verzeichnet (S. 233ff.) und sah eine großzügigere Aufteilung des Vermögens unter den Angehörigen Amyots vor. Stattdessen belegt das zweite Testament, in dem sein Autor auch die Bestattungsfeierlichkeiten in würdigem, angemessenem, aber nicht luxuriösem Umfang festlegt und den Grabplatz in der Kathedrale von Auxerre wählt, wie er kirchlichen Würdenträgern zusteht, den Wunsch Amyots, der Stadt und den von ihm geschaffenen Einrichtungen etwas dauerhaft zu hinterlassen.

    Sylvie Le Clech-Charton begründet ihre Publikation unter Bezug auf die bereits zu Jacques Amyot vorliegenden biografischen Arbeiten mit dem Argument, dass hier erstmals der für die Gemeinschaft tätige Bischof in den Blick gerückt wird, während zuvor der Humanist und Übersetzer im Mittelpunkt des Interesses stand: »Pour notre étude, ces références préalables (sc. les biographies) permettent de retrouver l’humaniste à l’automne de sa vie, à une période où son réseau familial et professionnel est à son apogée et où les dernières années à Auxerre voient l’éclosion, par des réalisations concrètes, des ‛œuvres’ envers son prochain, auxquelles il n’a cessé de se consacrer, d’abord de manière théorique, par l’étude et les fonctions de conseil auprès des rois, puis par une charge ecclésiastique de terrain, car l’évêque doit résider en son diocèse, aux termes d’obligations nées de la réforme de l’Église catholique. Les documents édités et commentés éclairent non seulement des faits, mais les intentions d’Amyot quand il souhaite agir sur son environnement« (S. 19). Die Dokumente, die sie transkribiert, publiziert und kommentiert, sind zwar grundsätzlich in den Archiven zugänglich gewesen, wurden aber bisher niemals im makro- und mikrohistorischen Kontext gedeutet bzw. für die Wahrnehmung der Lebensumstände des großen Humanisten herangezogen. Dabei stützt sie sich auf vorausgegangene Arbeiten zur Regional- und Sozialgeschichte (S. 24). Wie vielleicht bei keiner anderen Region in Frankreich muss im Fall Burgunds, das spät an die französische Krone kam und eine Grenze mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation hatte, in ein Vorher und ein Nachher der Bartholomäus-Nacht unterschieden werden, weil hier bis zum Anschluss an Henri IV. immer wieder Hoffnungen auf die Rückkehr zur Unabhängigkeit des Herzogtums aufflackern. Sicher hat diese Nostalgie in den Auseinandersetzungen zwischen der Ligue und den Protestanten eine Rolle gespielt. Auf der anderen Seite haben die Kriegswirren zur Destabilisierung der sozialen Ordnung und zu einer Verarmung zahlreicher Bevölkerungsschichten geführt, die eines ausgewogenen Beistands und einer gesellschaftlichen Restrukturierung bedürfen: »La Bourgogne met du temps à se remettre des troubles plus anciens de la fin de la guerre de Cent Ans et le souvenir des conflits entre Armagnacs et Bourguignons fait partie de l’imaginaire de référence« (S. 21). Die publizierten Dokumente sollen dies in den Maßnahmen des Humanisten und Bischofs Amyot belegen: »Nous nous trouvons à l’origine des grandes politiques publiques dans une société inégalitaire où les allégeances et protections sont régulièrement renégociées ou réaffirmées pour compenser les disparités«. Zugleich illustriert Amyots gesellschaftliches Handeln aber auch die Herausbildung einer neuen Elite zwischen dem König und seinen Untertanen, ein wenig vorausweisend auf die spätere noblesse de robe: »Jacques Amyot incarne la naissance d’une élite, intermédiaire, obligé entre le roi et ses sujets dans l’administration des actions publiques sur deniers souvent privés, mais aussi l’exposition sociale de dignitaires munificents et influents, qui deviennent rapidement des boucs émissaires en période de crise« (S. 28).

    Neben der Analyse der Ordnung des Krankenhauses und des Zweiten Testamentes gilt das Augenmerk der Autorin dem Inventar von Amyots persönlicher Bibliothek, die sich in einem Arbeitszimmer neben dem Schlafzimmer befand und 164 Titel umfasste (S. 139). Verglichen mit der des Freundes und gleichfalls Bischofs Pontus de Tyard, der 1605 verstarb und dessen Bibliothek nach einer unvollständigen Aufstellung 600 Titel umfasste, darf sie als bedeutend, aber nicht außergewöhnlich gelten. Es ist durchaus möglich, dass sie unvollständig ist, da bereits Teile vor dem Tode des Bischofs an Dritte weitergegeben worden sein können. Als Zeitzeugnis ist sie die Bibliothek eines Mannes, der zu Beginn des Jahrhunderts geboren wurde und mit dem paulinischen Gedankengut des innerkirchlichen Reformkreises um den Bischof von Meaux, Guillaume Briçonnet vertraut war. Erasmus, Lefèvre d’Étaples, Melanchthon und Vatable gehören zu seinen Autoren (S. 144). Eigene Übersetzungen sowie wenige nicht-theologische Werke gehören gleichfalls zum Bestand. Es gilt der Autorin als wahrscheinlich, dass Amyot mit dem Zusammenstellen dieser Bibliothek um 1570 begonnen und sich – sofern diese mittelalterliche Praxis noch in Gebrauch war – zusätzliche Texte aus der Klosterbibliothek von Saint-Germain entliehen haben mag. Sie kommt zu dem Schluss: »Il s’agit donc de la bibliothèque de l’évêque Amyot et non pas de toute la bibliothèque de Jacques Amyot auteur« (S. 146).

    Mit der Zusammenfassung am Schluss versucht die Autorin, ein nuanciertes Persönlichkeitsbild des großen Humanisten zu erstellen, das ihn in seiner Zeit verankert erscheinen lässt: »Le règlement de l’hôtel-Dieu nous montre un évêque prenant à cœur son rôle d’administrateur de l’assistance sur un territoire où coexistent des autorités qui peuvent se trouver en concurrence. [...] L’inventaire après décès [...] montre [...] que la mort d’un évêque est un événement fort. Et dans le cas d’Amyot, le soin extrême apporté à la confection du document indique que sa fin le place parmi les personnages dont la renommée, la fama de l’Antiquité, est l’un des biens les plus précieux. [...] Sur les ›œuvres‹ de l’évêque, on constate qu’Amyot est un prélat volontaire, organisé, fin politique dans la répartition des pouvoirs de l’hôtel-Dieu. Il propose aux administrateurs, sœurs et bénéficiaires une morale de l’action, conforme à ce qu’il a toujours prôné dans les traductions de biographies antiques. Le règlement est l’occasion de mettre en pratique les vertus humanistes chrétiennes dont les deux piliers sont les qualités humaines et le pragmatisme, sur fond de prudence, de discipline collective et responsabilité individuelle. Sans ces valeurs, aucune organisation humaine ne saurait se hisser à des ambitions dignes du projet qu’Amyot forme pour la petite société auxerroise de la fin du XVIe siècle« (S. 245–247).

    So erscheint Jacques Amyot in diesem Band als ein typischer Vertreter seiner Zeit, herausgehoben durch seinen persönlichen Aufstieg bis in den engsten Kreis der letzten Valois und als Bischof, der über sein Handeln für die Gesellschaft, in der er lebte, durch die Jesuitenschule, die Verwaltung des Bistums und das Hilfswerk des Krankenhauses weiterwirkte. Ein insgesamt sehr gut konzipierter, reich dokumentierter und spannend zu lesender Band, den eine Biografie und eine Bibliografie abrunden.

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    PSJ Metadata
    Anne Begenat-Neuschäfer
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Les Vies de Jacques Amyot
    Édition commentée de documents inédits
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh.
    1513-1593
    Amyot, Jacques (118502697)
    S. Le Clech-Charton, Les Vies de Jacques Amyot (Anne Begenat-Neuschäfer)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/le-clech-charton_begenat-neuschaefer
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:20
    Zugriff vom: 25.05.2017 04:54
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