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    S. Laqua-O’Donnell, Women and the Counter-Reformation in Early Modern Münster (Hillard von Thiessen)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Simone Laqua-O’Donnell, Women and the Counter-Reformation in Early Modern Münster, Oxford (Oxford University Press) 2014, 214 p., 3 b&w ill. (Oxford Historical Monographs), ISBN 978-0-19-968331-4, GBP 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hillard von Thiessen, Rostock

    Zur Implementation der Dekrete des Konzils von Trient im Alten Reich liegen mittlerweile zahlreiche Regionalstudien vor, die uns vielfältige Einblicke in Prozesse religiösen Wandels nach der Konfessionsspaltung erlauben. Mit der Stadt Münster hat Simone Laqua-O’Donnell einen Ort ausgewählt, in dem die Katholische Reform schon recht früh in Mikroperspektive untersucht worden ist, und zwar 1982 von Ronnie Po-chia Hsia in seiner Dissertation »Between Reformation and Counter-Reformation. Religion and Society in Münster, 1535–1618«. Das heißt keineswegs, dass auf diesem Feld – zumal nach Jahrzehnten der Diskussion über das Konfessionalisierungsparadigma – nicht noch methodisch wie inhaltlich viel Raum für weitere Regionalstudien bestünde. Die Autorin fragt danach, wie Frauen von den religiösen Reformen, die das Trienter Konzil anstieß, berührt wurden, wie sich ihre Religiosität, ihre Handlungsspielräume, ihre sozialen Beziehungen und das Geschlechterverhältnis wandelten. Dabei geht es nicht einfach um die Implementation der Konzilsdekrete, sondern um die Gestaltung und die Folgen eines langfristigen kulturellen Wandlungsprozesses – das prozessuale Kulturverständnis der jüngeren Forschung spiegelt sich hier deutlich. Die Verfasserin untersucht die Regierungszeit der beiden Bischöfe aus dem Haus Wittelsbach, Ernst (1585–1612) und Ferdinand (1612–1650), mithin zweier energischer Protagonisten der Katholischen Reform. Für die Untersuchung der Konfessionalisierung als langfristiger Transformation religiöser Denk- und Verhaltensrahmen ist dieser Zeitraum allerdings zu kurz angesetzt.

    Zu Recht betont die Autorin, dass die Katholische Konfessionalisierung keineswegs durch einen simplen Antagonismus zwischen kirchlichen Vertretern und der Masse der Laien gekennzeichnet war. Vielmehr waren auf kirchlicher Seite sehr unterschiedliche, teilweise gegensätzliche und keineswegs nur religiöse Interessen vertretende Akteure beteiligt. Neben dem Bischof und seinem Stab sind vor allem das Domkapitel, Männer- wie Frauenklöster und der lokale Klerus zu nennen. Weiterhin verstanden sich auch der städtische Rat und verschiedene Gruppen in der Stadt, etwa die Gilden und Bruderschaften, als Akteure, die religiöse Praktiken gestalteten und ihren Interessen Geltung verschafften. Es ist eine Stärke des Buchs, diesem komplexen Kräftefeld Rechnung zu tragen, das weit in das Feld des Sozialen reichte. Auf diese Weise kommen auch weibliche Akteure in den Blick, darunter auch solche, die bislang zumeist als Zielgruppen kirchlicher Disziplinierung angesehen wurden, etwa Priesterkonkubinen.

    Simone Laqua O’Donnell widmet sich in ihrer quellennahen und mit vielen Beispielen arbeitenden Untersuchung zunächst den Frauenklöstern in der Stadt, die nach Trient unter erheblichen Reformdruck gerieten. Dies betraf vor allem eine strengere Handhabung der Klausur. Insbesondere die Nonnen vornehmerer Klöster sahen indes ihre Beziehungen in die Stadtgesellschaft und ihre Reputation in Gefahr. Entsprechend wurden strengere Klausurregelungen erst nach langem Tauziehen bis in die 1620er Jahre durchgesetzt, dann aber flächendeckend. Soziale Herkunft blieb im Übrigen eine wichtige Größe im Selbstverständnis der Ordensfrauen. Über karitative Leistungen, Gebete und Seelmessen blieb der Kontakt zu den Laien auch nach den Reformen erhalten, ja nahm vom Umfang her sogar zu. Die Nonnenklöster – darunter auch Neugründungen – fanden also eine neue, an die Katholische Reform angepasste Rolle in der Stadtgesellschaft. Dass Regelstrenge und Abgeschlossenheit durchaus den Erwartungen der Laien entsprachen, wird auch aus der Analyse von Testamenten deutlich. Die besonders regelstrengen Klarissen, die erst 1614 nach Münster gekommen waren, wurden auffallend häufig in Testamenten von Frauen bedacht. Trotz der Moralisierung der Armenfürsorgepolitik der Stadt bedachten ihre Einwohner unverdrossen die Armen in ihren Testamenten; Witwen berücksichtigen dabei auffallend häufig die Armenhäuser, die viele ältere Frauen aufnahmen.

    Mit der Bestätigung des Sakramentscharakters der Ehe erfassten die tridentinischen Reformen auch Frauen außerhalb der Klöster. Allerdings lässt sich für Münster die andernorts nachgewiesene Zunahme an moralischer Repression nicht in vergleichbarem Umfang feststellen, jedenfalls nicht auf Seiten des städtischen Gerichts. Es folgte nicht der Linie der kirchlichen Gerichte, die vorehelichen Geschlechtsverkehr härter bestraften. Auch in der Verfolgung von Kindsmord lässt sich eine erstaunliche Passivität feststellen. Scheint hier auf Seiten des kommunalen Gerichts eine gewisse Laissez-faire-Haltung durch, betont Laqua-O’Donnell doch zu Recht, dass die Handlungsspielräume von Frauen in ihrer jeweiligen sozialen Stellung und damit Rolle sehr begrenzt waren. Soziale Handlungserwartungen waren sehr wirkmächtig, zumal, wie die Autorin treffend formuliert: »Early modern society had an elephantine memory.«

    Eine offenbar im 16. Jahrhundert noch weit verbreitete und eher mehr als weniger akzeptierte weibliche Rolle geriet in das Visier der Reformbischöfe: die der Konkubine eines Priesters. Die Verfasserin beschreibt diese soziale Beziehungsform und den Kampf gegen sie sehr überzeugend aus drei Perspektiven – der des Bischofs, für den das Konkubinat Dreh- und Angelpunkt der Durchsetzung der Katholischen Reform wurde; der der Priester, die dem diözesanen Disziplinierungsprogramm sehr reserviert gegenüber standen; und der der betroffenen Frauen, die sich oft in einer ehrenhaften, mitunter eheähnlichen Rolle sahen. Die Analyse des letztlich weitgehend erfolgreichen, aber gut hundert Jahre in Anspruch nehmenden Kampfes des Bistums gegen die Konkubinen stellt einen Höhepunkt des Buches dar und beschreibt ein Feld, auf dem die nachtridentinische Kirchenreform religiöse wie soziale Normen auf Dauer grundlegend veränderte, ohne den Raum für Formen eines eher traditionell-vortridentinischen Katholizismus ganz zu verdrängen.

    Damit ist allerdings auch eine Schwäche des Buches angesprochen: Zu wenig wird auf einen grundlegenden, sich über zwei bis drei Generationen erstreckenden Mentalitätswandel eingegangen, der religiöse wie soziale Handlungsräume verschob. Dass dies geschah, ist, wie die Autorin selbst andeutet, auch Folge des Wirkens der Jesuiten und der franziskanischen Reformorden in der Stadt, sowie von Männern, die von ersteren erzogen und geprägt worden waren. Sie stellt auch fest, dass der Durchbruch der von diesen Gruppen getragenen Vorstellungen erst unter Bischof Christoph Bernhard von Galen (1650–1672) zu verzeichnen ist, ohne sich aber mit dieser Periode genauer zu beschäftigen. Dennoch hat die Verfasserin ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, dass nicht nur quellennah die (Früh-)Geschichte der Katholischen Reform in der Stadt Münster in geschlechtergeschichtlicher Perspektive behandelt und Frauen als relevante Akteure im Kräftefeld kirchlicher Reformbestrebungen darstellt. Darüber hinaus liefert sie mit ihrer Darstellung zum Konkubinat eine überzeugende Deutung des Wandels sozialer Rollen, die auch für die überregionale Forschung zur Implementation der tridentinischen Reform sehr anregend ist.

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    PSJ Metadata
    Hillard von Thiessen
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Women and the Counter-Reformation in Early Modern Münster
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Geschlechtergeschichte, Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh., 17. Jh.
    1600-1700
    Münster (Westf) (4040608-8), Frau (4018202-2), Sozialer Wandel (4077587-2), Gegenreformation (4019710-4), Religiöser Wandel (4761239-3)
    PDF document laqua-o-donnell_thiessen.doc.pdf — PDF document, 258 KB
    S. Laqua-O’Donnell, Women and the Counter-Reformation in Early Modern Münster (Hillard von Thiessen)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/laqua-o-donnell_thiessen
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:20
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:29
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