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    S. Horowitz, Friendship and Politics in Post-Revolutionary France (Friedemann Pestel)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)


    Sarah Horowitz, Friendship and Politics in Post-Revolutionary France, Pennsylvania, PA (Pennsylvania State University Press) 2013, XII–227 p., 8 ill., ISBN 978-0-271-06192-4, USD 79,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Friedemann Pestel, Freiburg im Breisgau

    Mit ihrem schlanken Buch bereichert die amerikanische Historikerin Sarah Horowitz die Kulturgeschichte des Politischen zum postrevolutionären Frankreich um eine neue Facette, indem sie die aktuelle Forschungskonjunktur zur Restaurationszeit und Julimonarchie um eine dezidiert emotionsgeschichtliche Perspektive ergänzt. Freundschaft, so lautet das Hauptargument, bildete unter den konstitutionell-monarchischen Regimen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die kompensatorische Antwort auf die durch die Revolution von 1789 entstandene und im Empire ungelöst gebliebene Vertrauenskrise innerhalb Frankreichs politischer Eliten.

    Emotionsbasierte Karrierenetzwerke versprachen den Zeitgenossen eine nachhaltige Eindämmung von Misstrauen, Individualismus und sozialer Unordnung, die als politische Grundübel im langen Schatten der Revolution wahrgenommen wurden. Durch Freundschaftsappelle und Vertrauensbeweise bereiteten führende Politiker aller Lager zwischen 1814 und 1848 vor allem in Phasen ministerieller Krisen und Neuorientierungen politische Bündnisse vor, vergewisserten sich bestehender Allianzen oder vollzogen opportun erscheinende Richtungswechsel. Folglich geht es Sarah Horowitz in ihrer Studie nicht primär um den kaum valide rekonstruierbaren affektiven Gehalt von Freundschaft, sondern sie richtet ihr Augenmerk auf Praktiken, auf die Performanz von Freundschaft, wie sie in Korrespondenzen oder Memoiren fassbar werden – nämlich dann, wenn Freunde infolge räumlicher Entfernung ihre sozial-politischen Beziehungen schriftlich verhandelten bzw. wenn die überlebenden Parteien auf ihre einstigen Weggefährten zurückblickten.

    Anhand dreier Fallstudien aus verschiedenen Richtungen des politischen Spektrums, gruppiert um die persönlichen Netzwerke von Pierre Jean de Béranger, François Guizot und François René de Chateaubriand, zeichnet Horowitz in den zentralen Kapiteln ihres Buches ein vielschichtiges Bild von politischem Sprachhandeln durch Freundschaftsbeschwörungen. Erstens konturiert sie Freundschaft als ein lagerübergreifendes Phänomen, das für die Interaktion unter Republikanern ebenso konstitutiv war wie für die doctrinaires oder Ultraroyalisten. Dank ihrer Polysemie subsummierte die Kategorie der Freundschaft von rein strategischen Allianzen bis zu homoerotischen Dispositionen ein denkbar breites Spektrum zwischenmenschlicher Beziehungen, wodurch sich aus dem Privaten heraus Spielräume für die performative Gestaltung des politischen Lebens ergaben. Obwohl die zweifelsohne faszinierende Frage nach dem tatsächlichen affektiven Kern der Beziehungen in den einzelnen Kapiteln immer wieder aufscheint, macht die Arbeit insgesamt gerade den Konstruktcharakter von Freundschaft jenseits anthropologischer Substrate deutlich: Im Mittelpunkt der politisch-sozialen Freundschaftsvergewisserungen stand die Herstellung oder Absicherung von Vertrauen als Basis für das politische Tagesgeschäft.

    Zweitens betrachtet Horowitz Politikerbeziehungen nicht nur bilateral, sondern auch netzwerkanalytisch, wodurch sie anhand des aus Korrespondenzen und Memoiren aggregierten Datenmaterials zeigen kann, dass Freundschaften in der Regel multipolar organisiert waren. Innerhalb des Buches stehen diese in Kapitel 4 ausgebreiteten computergestützten Auswertungen gleichwohl etwas isoliert, einerseits weil sie mit dem sonst verwendeten diskursanalytisch-semantischen Zugang zu Freundschaft eher unverbunden bleiben, andererseits weil die öffentliche Inszenierung von Freundschaft – etwa im Parlament oder bei politischen Begräbnissen – nicht Gegenstand der Betrachtung ist. Umso eindrücklicher belegen die Netzwerk-Schaubilder, wie Freundschaften primär politische Allianzen im eigenen Lager befestigten, aber auch darüber hinaus reichten.

    Drittens erweitert Horowitz den traditionellen historiografischen Blick auf entweder die männlichen Eliten der konstitutionellen Monarchien oder weibliche Handlungsmuster im engeren Sinne durch einen konsequenten Fokus auf die Geschlechterbeziehungen. Gerade Freundschaften zwischen Männern und Frauen, die Liebesbeziehungen ausdrücklich einschlossen, hätten den männlichen Emotionshaushalt entscheidend reguliert und dadurch konkrete politische Spielräume eröffnet.

    In diesen Punkten unterschied sich Horowitz zufolge postrevolutionäre Freundschaft fundamental von älteren Modellen, sowohl ständisch-hierarchischen Freundschaftsbeziehungen des Ancien Régime, revolutionärer fraternité und radikalen Tugenddiskursen als auch napoleonischen Kontrollversuchen sozialer Beziehungen. Gelten diese Befunde für die Restaurationszeit und Julimonarchie gleichermaßen, so markiert 1830 eine Trennlinie zwischen einer Periode starker politischer Polarisierung der Beziehungskonstellationen und einer Phase breiterer Vernetzung.

    Gleichwohl bleibt hier innerhalb des Buches ein Spannungsverhältnis bestehen: Indem Horowitz die Restaurationszeit in Anlehnung an eine modernisierungsgeschichtliche Lesart der monarchies censitaires als Laboratorium des französischen Parlamentarismus versteht, zeichnet sie für die Jahre nach 1814 zunächst ein Bild der »Deux France« voller Antagonismen: rechts vs. links, Ultraroyalisten vs. Liberale, Emigranten vs. Revolutionäre, Adel vs. Bürgertum. Bei der Lektüre der Fallstudien fällt demgegenüber auf, dass solche Dichotomien durch Freundschaftsbekundungen immer wieder konterkariert wurden. Die zur Illustration der postrevolutionären »Anomie« herangezogenen Deutungsangebote im erzählerischen Werk Honoré de Balzacs, so pointiert sie auch die utopische Qualität von Freundschaft gegenüber einem Alltagsleben voller Egoismus, Gier und Verdächtigungen herausstellen, sind somit nicht frei von einer gewissen Logik der Retrospektive in Bezug auf den ursprünglichen Ausgleichsanspruch der Restauration. Bezeichnenderweise konzediert Horowitz selbst, dass im postrevolutionären Frankreich eben kein Zweiparteiensystem wie in Großbritannien existierte, sondern deutlich komplexere Konstellationen von factions (S. 142). Wie die Beispiele belegen, bemühten sich führende Politiker zwischen 1814 und 1830 vielmehr immer wieder von zentristischen Positionen aus, extremere Kräfte auch über soziale Beziehungen an sich zu binden.

    Insgesamt betrachtet die Untersuchung, nicht zuletzt durch die Auswahl der Fallstudien sowie aufgrund ihres kompakten Umfangs, die Kategorie des »Postrevolutionären« im politischen Leben stark vom Aspekt der Diskontinuität her. Mit dem Ende des Empires begannen die Versuche, den revolutionsbedingten politischen Vertrauensverlust zu bewältigen. Als mögliche Korrektive zu keineswegs neutralen zeitgenössischen Deutungsmustern wie dem girouettisme würden hier die generationsspezifische Verhaftung politischer Erfahrungsräume oder die Wirkung längerfristiger Kontinuitäten in den Beziehungsnetzwerken über wechselnde Regime hinweg eine ausführlichere Betrachtung lohnen. Immerhin zielt Horowitz jenseits ihrer Fallstudien durchaus auf einen größeren Erklärungshorizont des Freundschaftsparadigmas für Frankreichs politische Kultur im 19. Jahrhundert. Im Epilog dient ihr die Dreyfus-Affäre als Beleg für die langfristige Wirkmächtigkeit der Verschmelzung von persönlichen Beziehungen und dem politischen Raum entlang ideologischer Polarisierungen. Auch wenn dieser Vorgriff eher das Terrain für zukünftige Forschungen absteckt, werden so die Kosten postrevolutionärer Freundschaftspraktiken auch in der longue durée sichtbar: Korruptionsanfälligkeit, politisch-soziale Exklusivität innerhalb einer weitgehend geschlossenen Notabelngesellschaft – vor allem aber mit Blick auf 1830, 1848 und 1871 die Unfähigkeit zur »postrevolutionären« Revolutionsprävention.

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    PSJ Metadata
    Friedemann Pestel
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Friendship and Politics in Post-Revolutionary France
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte, Geschlechtergeschichte
    19. Jh.
    1800-1900
    Frankreich (4018145-5), Politiker (4046517-2), Soziales Netzwerk (4055762-5), Freundschaft (4018480-8), Frau (4018202-2), Politisches Handeln (4128597-9)
    PDF document horowitz-pestel.doc.pdf — PDF document, 330 KB
    S. Horowitz, Friendship and Politics in Post-Revolutionary France (Friedemann Pestel)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/horowitz_pestel
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:20
    Zugriff vom: 28.03.2017 17:53
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