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    C. Handschuh, Die wahre Aufklärung durch Jesum Christum (Silvia Richter)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Christian Handschuh, Die wahre Aufklärung durch Jesum Christum. Religiöse Welt- und Gegenwartskonstruktion in der Katholischen Spätaufklärung, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2014, 262 S. (Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 81), ISBN 978-3-515-10604-7, EUR 52,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Silvia Richter, Berlin

    Der Begriff »katholische Aufklärung« mag einigen Lesern auf den ersten Blick ein wenig wie eine contradictio in adiecto erscheinen – »Aufklärung«und »Katholizismus«, geht das überhaupt zusammen? Nach der Lektüre der Dissertation von Christian Handschuh, weiß man mehr: In detaillierter Kleinarbeit fügt der Autor durch die Rezeption zahlreicher Quellen dem Leser das Bild eines Diskurses vor Augen, der sich die Konstruktion einer zeitgemäßen katholischen Weltauffassung zum Ziel gesetzt hatte. Der Arbeit geht es darum, den Diskurs herauszuarbeiten, den die katholische Volksaufklärung im süddeutschen Raum, speziell in Württemberg und im Bistum Konstanz, um 1800 und zu Beginn des 19. Jahrhunderts unternahm, um eine neue katholische »Konstruktion von Mensch, Gott, Welt, Geschichte, Alltag, Staat, Gesellschaft und Kirche« (S. 15) hervorzubringen, die religiös kompatibel mit den durch die Aufklärung herbeigeführten Veränderungen sein sollte. Es ging dabei um nichts Geringeres als um eine »neue Art Katholizismus zu denken« (S. 14). Eine Aktualisierung der katholischen Frömmigkeit, die alle Bereiche des Lebens umfassen und einen katholischen Mentalitätswandel mit sich bringen sollte. Der Begriff »katholische Aufklärung« ist dabei als solcher in der Forschung nicht unumstritten – nicht einmal die Periodisierung ist sicher, wie Christian Handschuh anmerkt (S. 221).

    Der untersuchte Quellenkorpus, den der Verfasser für seine Analyse heranzieht, umfasst insbesondere zwei Zeitschriften: Die »Linzer Monathsschrift« sowie das »Archiv für Pastoralkonferenzen«. Alle Kleriker im Königreich Württemberg waren per Gesetz verpflichtet, diese beiden Zeitschriften zu beziehen. Beide Zeitschriften gemeinsam decken den Zeitraum zwischen 1801 und 1827 ab und waren von Priestern für Priester in der Seelsorge geschrieben, so dass es sich anbietet, anhand ihrer eine Interpretation des katholischen Diskursraums herauszuarbeiten (S. 26–28). Darüber hinaus hatten sich alle katholischen Priester zwangsweise in Lesegesellschaften einzufinden, um die theologische Fortbildung zu gewährleisten und den intellektuellen Austausch zu stimulieren. Die Listen der angeschafften Literatur in den Dekanatsbibliotheken haben sich zum Teil (z. B. im Bistum Rottenburg) vollständig erhalten, so dass sich hieraus interessante Anhaltspunkte ergeben, um die Schwerpunkte der intellektuellen Auseinandersetzung herauszulesen. Diese lagen vorrangig in den Disziplinen der biblischen und historischen Theologie sowie der Pastoraltheologie und der systematischen Theologie (S. 28–30).

    Methodisch bedient sich der Autor einer spezifischen Lesart der Quellen: Durch eine wissenssoziologische Diskursanalyse, die besonderes Augenmerk auf die sozialen Umstände der einzelnen Diskursteilnehmer legt, versucht er in sieben Kapiteln sein Thema inhaltlich einzukreisen. Diese Art der historischen Analyse bietet sich m. E. in der Tat sehr gut an, um die aufgeklärt-katholische Weltkonstruktion darzustellen, da die religiöse Aufklärung als eine Variante des öffentlich geführten, allgemeinen Aufklärungsdiskurses jener Zeit angesehen werden kann. Denn man begriff sich auf katholischer Seite um 1800 als festen Bestandteil einer Aufklärungsbewegung, die beabsichtigte, durch einen freien, öffentlichen Gebrauch der Vernunft, Vorurteile religiöser Art zu beseitigen (S. 37–39). Ein wichtiges Element spielte in diesem Prozess die Volksaufklärung. Sie wendete sich nicht an eine intellektuelle Elite, sondern an den durchschnittlichen, katholischen Gläubigen, der neue religiöse Antworten auf alte Fragen suchte. Insofern ging es der von Christian Handschuh in seinem Buch vorgestellten katholischen Aufklärung um »mehr als nurAufklärung […]. Letztlich intendiert war ein neues Verständnis von Aufklärung« (S. 42), das katholische Frömmigkeit und aufgeklärten Alltag miteinander in Einklang zu bringen vermochte. Dabei wurde implizit »wahre« Aufklärung gleichgesetzt mit katholischer Religion und zwar selbstredend in Form der aufgeklärt-katholischen Art, für die sich eben »die wahre Aufklärung durch Jesum Christum« vollzog (vgl. S. 212–214). Eine wichtige Rolle in diesem Kontext spielte Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774–1860). Als aufgeklärter katholischer Theologe übte er, als Generalvikar des Bistums Konstanz (ab 1801), einen entscheidenden Einfluss auf den aufgeklärten Klerus im süddeutschen Raum nach 1800 aus.

    Aber war das von Christian Handschuh in seiner Studie skizzierte pastorale Seelsorgekonzept letztendlich von Erfolg gekrönt? Wie stark war die Rezeption dieser religiösen Welt- und Gegenwartskonstruktionen wirklich? Hierzu zieht der Autor leider ein offenes Fazit am Ende seines Buches und verweist lediglich auf mögliche Indizien, die auf »eine zumindest partielle Rezeption auch in Laienkreisen« (S. 225–226) hinweisen. Die Stärke seiner Analyse liegt hingegen vielmehr in einer ausführlichen und systematischen, auf die Quellen basierten Rekonstruktion eines Systems katholisch-theologischer Wirklichkeitsinterpretation. Es ist in diesem Sinne eine für die Forschung gewinnbringende Arbeit, die der Autor hier vorlegt und die der katholischen Aufklärung zu neuem Interesse zu helfen vermag. Dennoch wird das Zielpublikum wohl ein vorrangig akademisches sein, da man dem Buch den Umstand, ursprünglich als Dissertation verfasst worden zu sein, leider in weiten Teilen anmerkt. So wird z. B. im ersten Kapitel dem Leser Vorgehen sowie der methodische Ansatz der Arbeit minutiös dargelegt. Dies mag für eine Dissertation relevant sein, das Lesevergnügen eines an der Thematik interessierten Lesers wird es jedoch eher trüben. Einige entsprechende Kürzungen, u. a. im Hinblick auf die teilweise sehr kleinschrittig gesetzten Fußnoten (vgl. u. a. S. 45, Anm. 134–141; S. 143, Anm. 126–141 und S. 144, Anm. 143ff.), wären in dieser Hinsicht hilfreich gewesen, um die Thesen des Autors pointierter zu formulieren und dabei gleichzeitig das Interesse des Lesers nicht aus den Augen zu verlieren.

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    PSJ Metadata
    Silvia Richter
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Die wahre Aufklärung durch Jesum Christum
    Religiöse Welt- und Gegenwartskonstruktion in der Katholischen Spätaufklärung
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Ideen- und Geistesgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte, Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    19. Jh.
    1800-1900
    Württemberg (4067029-6), Volksaufklärung (4401717-0), Weltbild (4065352-3), Priester (4047233-4), Seelsorge (4054151-4), Kirche (4030702-5), Sinnkonstitution (4226105-3)
    PDF document handschuh_richter-1.doc.pdf — PDF document, 327 KB
    C. Handschuh, Die wahre Aufklärung durch Jesum Christum (Silvia Richter)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/handschuh_richter
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 30.05.2017 05:30
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