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E. Chaney, T. Wilks, The Jacobean Grand Tour (Mathis Leibetseder)

Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Edward Chaney, Timothy Wilks, The Jacobean Grand Tour. Early Stuart Travellers in Europe, London, New York (I. B. Tauris) 2013, XVIII–318 p., 107 b/w fig., 11 col. pl., ISBN 978-1-78076-783-3, GBP 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Mathis Leibetseder, Berlin

Der anzuzeigende Band – das Gemeinschaftswerk zweier an der Universität von Southampton lehrender Professoren – behandelt den Grand Tour zwischen 1605 und 1623. Ausgangspunkt für die Diskussion der Bildungsreisen englischer Aristokraten in diesem Zeitraum ist eine Fallstudie, nämlich über jenen Grand Tour, der den jungen William Cecil (damals Viscount Cranborne, später 2nd Earl of Salisbury) zwischen 1609 und 1611 zur Vollendung seiner Erziehung durch Frankreich, Italien, Deutschland und die Niederlande führte. Williams Vater war der englische Schatzmeister (Lord Treasurer), in jenen Jahren betraut mit der Überwachung zahlreicher königlicher (und privater) Bauaufgaben. Deshalb hegte er ein lebhaftes Interesse an den künstlerischen (d. h. in erster Linie architektonischen) Erträgen der Erziehungs- und Studienreise seines Sohnes. Daneben gehen die Autoren aber auch immer wieder auf eine ganze Reihe weiterer Reisen ein, wodurch letztlich der Anspruch, den »Jacobean Grand Tour« darzustellen, als erfüllt gelten kann. Konzeptionell verfolgen die Autoren den Ansatz, den Grand Tour ihres Protagonisten in ereignisgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen.

Am Beginn der Untersuchung steht die Darstellung der anglo-spanischen Beziehungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Wie die Autoren darlegen, hatte nämlich 1605 ein Friedensschluss zwischen den Monarchen beider Länder Englands Abschottung gegen das katholische Europa beendet. Erst danach konnten sich Engländer in den spanisch dominierten Teilen Italiens wieder sicher bewegen, wurden bestehende Reiserestriktionen seitens der Krone gelockert. Englische Gesandtschaften und Reisen von Mitgliedern der königlichen Familie taten das ihre, um den Engländern den Weg auf den Kontinent zu bahnen und gekappte Beziehungen wiederzubeleben.

Große Aufmerksamkeit widmen die Autoren in den folgenden Kapiteln der illustren Entourage, die Cecil begleitete. Intensiv ausgeleuchtet wird einerseits die Person Sir John Finets, eines Gelehrten, der, selbst von einem italienischen Einwanderer abstammend, durch die Reise in das Patronagenetzwerk des Schatzmeisters eintrat und später unter dessen Ägide am englischen Königshof Karriere machte. Deutlicher noch wird das Potential von Cecils Grand Tour jedoch durch eine zweite Person, die den jungen Viscount wahrscheinlich begleitete, nämlich durch den Architekten Inigo Jones, mit dessen Namen die britische Palladio-Rezeption eng verknüpft ist. Wie die Autoren in einer rasanten Spurensuche durch unterschiedliche Quellengattungen glaubhaft machen können, zählte Jones zumindest während des ersten, nach Südfrankreich führenden Reiseabschnitts zu Cecils Entourage. Deshalb werden jene ersten Reisemonate unter Einbeziehung der Kommentare, die Jones in seinem Exemplar von Palladios »Quattro Libri« notierte, besonders eingehend nachgezeichnet und auch die Bezüge zu Jones’ späteren Arbeiten in England überzeugend dargelegt.

Nach einem ausgedehnten Winterlager in Paris war es dem reisemüden Cecil vergönnt, für kurze Zeit nach London zurückzukehren, aber nur um wenig später nochmals nach Italien aufzubrechen. Venedig lautete sein Ziel. Zwar musste der junge Reisende dieses Mal auf die Begleitung des Architekten Inigo Jones verzichten, Finet war jedoch weiterhin an seiner Seite, wie nicht zuletzt ein Porträt des Gelehrten beweist. Wiederum begeben sich die Autoren auf eine Spurensuche, die nun über die personalen Verflechtungen Sir Henry Wottons, des englischen Botschafters in Venedig, in die Werkstatt Tintorettos führt, um so letztlich »[the] first flurry of English interest in the studios of the Venetian painter-dealers« (S. 186) zu dokumentieren.

Zwar war eine Fortsetzung der Reise in die südlicheren Gefilde Italiens vorgesehen, doch Cecil, kränklich und erneut reisemüde, sträubte sich gegen derartige Pläne mit Erfolg. Die Rückreise über Deutschland und die Niederlande kann zwar nicht mit weiteren spektakulären Entdeckungen aufwarten, wird aber von den Autoren dennoch pflichtschuldig nachgezeichnet. Den Abschluss des Buches bildet schließlich eine minutiöse Rekonstruktion der weiteren Besitzgeschichte von Finets Porträt, das lange Zeit als verschollen galt, bis es 1999 in einer Auktion auftauchte. Ohne diese hier im Einzelnen nachzeichnen zu wollen, wirft sie ein bezeichnendes Licht auf die britische Oberschichtenkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch auf die diesbezügliche kulturelle Prägekraft des Grand Tour. So bildet die Wiederentdeckung des Gemäldes das heimliche Zentrum der Studie.

Das vorgelegte Buch ist ein Zeichen für die Lebendigkeit der Grand-Tour-Studien in Großbritannien. Zu bedauern ist nach wie vor generell, dass ein Dialog mit der kontinentaleuropäischen Forschung so gut wie nicht stattfindet. Offenbar ist diese Reisetradition für das britische Geschichts- bzw. Selbstbild zu wichtig, als dass darüber hinaus auch die gesamteuropäische Dimension des Phänomens in Betracht gezogen werden könnte. Dies gilt auch für das vorliegende Buch. Davon abgesehen, ließe sich das mangelnde Interesse an den Strukturmerkmalen des »Jacobean Grand Tour« als einziger ernsthafter Einwand gegen die Studie des Autorenduos formulieren, was sich nicht zuletzt im Fehlen eines die Forschungserträge zusammenfassenden Kapitels niederschlägt. Dies hätte der eher ereignis- und wirkungsgeschichtlichen Perspektive, der es letztlich um die Rekonstruktion von Kontingenzen geht, eine weitere Interpretationsschicht hinzugefügt. Alles in allem bietet das spannend geschriebene und reich bebilderte Buch aber eine anregende Lektüre, die dem an der Thematik interessierten Kollegenkreis nachdrücklich empfohlen werden kann.

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PSJ Metadata
Deutsches Historisches Institut Paris
The Jacobean Grand Tour
Early Stuart Travellers in Europe
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Großbritannien, Europa
Sozial- und Kulturgeschichte, Historische Geographie
16. Jh., 17. Jh.
1570-1630
Bildungsreise (4069466-5), Kulturaustausch (4165964-8), Cecil Familie (124634877), Howard Familie : 13. Jh.- (138162018), Europa (4015701-5), Engländer (4236068-7)
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E. Chaney, T. Wilks, The Jacobean Grand Tour (Mathis Leibetseder)
In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/chaney-wilks_leibetseder
Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
Zugriff vom: 25.04.2017 01:00
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