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    L. Bourquin, P. Harmon, A. Hugon (dir.), La politique par les armes (Sven Externbrink)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Laurent Bourquin, Philippe Harmon, Alain Hugon (dir.), La politique par les armes. Conflits internationaux et politisation (XVe–XIXe siècle), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2013, 324 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-2877-2, EUR 20,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Sven Externbrink, Heidelberg

    Der anzuzeigende Band geht auf eine Tagung in Rennes 2010 zurück, die im Rahmen eines Forschungsprojekts über »Conflits et construction du politique (XIIIe–XIXe siécle)« konzipiert wurde. Während das Gesamtprojekt sich grundsätzlich mit Phänomenen der »Politisierung« beschäftigte, ist die Intention des Bandes, an Fallbeispielen aufzuzeigen, wie internationale Krisen und Konflikte zur Entstehung einer öffentlichen und autonomen Sphäre des Politischen beitragen. Unter »politisation« verstehen die Herausgeber des Bandes Formen und Prozesse der Verhandlung, Aushandlung und Vermittlung mit dem Ziel Entscheidungen innerhalb und außerhalb von Gruppen bzw. zwischen Akteuren zu treffen und durchzusetzen. Es handelt sich dabei um die Umwandlung individueller Leidenschaften in soziale und kollektive Aktionen, die neue Strukturen in spezifischen Kommunikationszusammenhängen erkennen lassen (S. 11f.).

    Die Beiträge des Sammelbandes sollten dieses Phänomen entlang dreier Achsen verfolgen: Erstens handelt es sich um die Politisierung durch Konflikte – wobei über die schon klassisch zu nennende Frage nach der Rolle des Krieges im Prozess der frühneuzeitlichen Staatsbildung – nach den Entwicklungsschüben einer »Kultur« und einer politischen Praxis im Angesicht des Krieges gefragt wird. Zweitens soll der Politisierung von Konflikten, z. B. der Emanzipation der Politik von der Religion, nachgegangen werden. Und drittens soll die Aufmerksamkeit auf Prozesse der Politisierung vor dem eigentlichen Konflikt gelenkt werden.

    Diesem Programm sind die vorliegenden Beiträge, die nicht in ihrer Gesamtheit vorgestellt werden können, in vorbildlicher Weise nachgekommen (vgl. die zusammenfassenden Bemerkungen von Laurent Bourquin, S. 315–321), wobei die genannten Problemfelder immer in sich verflochten sind. Die Beiträge nehmen ganz Europa und den atlantischen Raum in den Blick. Géraud Poumarède betrachtet Politisierungsprozesse im Kontexte der venezianischen Türkenkriege im 16. Jahrhundert, Olivier Chaline erläutert die Politisierung der Böhmen 1618–1621, Martin Wrede, wie mit Übertragung des Attributes des »Erbfeindes der Christenheit« von den Osmanen auf Ludwig XIV. ein religiös aufgeladenes Feindbild desakralisiert wird.

    Christoph Cérino und Gérard Le Bouëdec demonstrieren die Politisierung einer Region in einer Perspektive der longue duréeam Beispiel der Bretagne (»Rapport à l’État, conflits et politisation des sociétés littorales du Ponant (XVIIe–XIXe siècles)«, S. 139–165). Die westlichste Provinz Frankreichs wurde seit dem 17. Jahrhundert immer stärker in die europäischen Konflikte hineingezogen. Der Wille Ludwigs XIV., eine schlagkräftige Marine aufzubauen bzw. durch eine Handelskompanie am lukrativen Asienhandel teilzuhaben, führte zu »Infrastrukturmaßmaßnahmen« wie dem Ausbau von Brest zu einem Kriegshafen und von Lorient zum Ausgangs- und Endpunkt des französischen Ostindienhandels. Vauban befestigte die Küste, um sie vor englischen Überfällen zu schützen. Diese Maßnahmen bewirkten eine zunehmende Integration der bretonischen Bevölkerung – deren Lebensgrundlage entweder die Landwirtschaft oder die Seefahrt war – in die Strukturen und Logiken des (früh)modernen Staates. Hieraus entwickelten sich zahlreiche Konflikte von unterschiedlicher Intensität, in denen lokale Interessen mit denen der Metropole kollidierten. Dieses Muster verfolgen die Autoren bis in das frühe 20. Jahrhundert, denn immer wieder ist es der Staat – ob Monarchie oder Dritte Republik –, der mit massiven Interventionen die wirtschaftliche Entwicklung der Bretagne zu lenken versucht. So ist der Staat durch seine Marinestützpunkte zeitweise der größte Arbeitgeber in der Provinz.

    Einen anderen Weg schlägt Jean-Marie Le Gall ein (»Pavie 1525. Une année de politisation urbaine«, S. 221–244). Er zeigt, dass – entgegen der verbreiteten Auffassung – die Niederlage von Pavia 1525 und die anschließende Gefangenschaft Franz I. in Madrid sehr wohl das Königreich in Unruhe versetzt haben. Vor allem in den großen Städten ist eine »Politisierung« zu beobachten, die sich in Maßnahmen zur Instandsetzung von Befestigungen – man befürchtete eine Invasion der Armeen Karls V. – oder Mobilisierung von Milizen äußerte. In dieser Situation hielt sich die Regentin Louise von Savoyen klug zurück und verzichte z. B. auf neue Steuerforderungen zur Finanzierung eines neuen Feldzuges. Als Franz I. nach Abschluss des demütigenden Friedens von Madrid nach Frankreich zurückkehrte, musste er erst mühsam seine Autorität wiederherstellen. Zugleich aber profitierte er vom hohen Grad der Politisierung etwa der parlements – diese verweigerten nämlich die Anerkennung des Friedens wegen der darin vorgesehen Abtretung Burgunds als unvereinbar mit den Fundamentalgesetzen der Krone und zwangen so Franz I., den Frieden zu brechen. Le Gall formuliert die Hypothese, dass dies vielleicht von Karl V. beim Friedensschluss vorausgesehen worden sei. Er sei sich bewusst gewesen, dass eine Abtretung Burgunds unmöglich sei, jedoch habe sich so die Möglichkeit ergeben, Franz I. als vertragsbrüchig hinzustellen.

    Hervé Drévillons Beitrag (»Guerre ›totale‹/›limitée‹: une lecture politique«, S. 107–126) setzt sich mit der im Begriff des »totalen Krieges« enthaltenen impliziten Politisierung der Gesellschaft auseinander. Ausgangspunkt ist David Bells kontrovers diskutierte Studie »The First Total War. Napoleon’s Europe and the Birth of Warfare as we know it« (2007). Ein wichtiger Faktor für die Totalität des Krieges ist bei Bell in Anlehnung an Clausewitz die Mobilisierung der Bevölkerung seit 1792 und die Schaffung einer »Volksarmee«, die Napoleon dann als Instrument seiner Eroberungspolitik eingesetzt habe. Dem setzt Drévillon mehrere Überlegungen entgegen. Zu einem weist er darauf hin, dass die Unterscheidung »totaler Krieg« – begrenzter »Kabinettskrieg« zu schematisch sei. Die frühneuzeitlichen Kriege waren in ihrer Art auch »total« und ähnlich mörderisch. Schon vor der Revolution setzt ein Nachdenken über die Beziehung zwischen Militär und Gesellschaft ein. Wo ist der Ort der Armee in der Gesellschaft? Die Prinzipien einer erfolgreichen Armee, die vor allem auf Disziplin und strengem Gehorsam beruhen, seien, so Guibert, unvereinbar mit den Prinzipien einer Gesellschaftsordnung, die beginnt, sich an den Ideen der politischen Theorie der Aufklärung zu orientieren. Von einer »Nation unter Waffen« erhoffte sich Guibert letztlich eine Pazifizierung, eine Zivilisierung der Kriegführung. Erst durch die »Einführung« des Ehrbegriffes in die Diskussion kann es möglich werden, dass der Bürger Soldat wird – um die Ehre des Vaterlandes zu verteidigen. Dies ist aber nicht der »totale Krieg«. Die Emigration der adligen Offiziere leitete letztlich einen Professionalisierungsprozess ein. Drévillon warnt vor vorschnellen Verallgemeinerungen und weist mit Clausewitz darauf hin, dass Kriege immer aus den Ideen, Leidenschaften und Entscheidungen des Moments entstehen.

    Drévillons Überlegungen schreibt Jean-Yves Guiomar (»Du roi de guerre au peuple de guerre«, S. 127–138) fort. Er fragt danach, ob im Verlaufe der Revolution und des Empire nicht eine Translation stattgefunden habe, aus dem roi de guerre (der schon Ludwig XV. nicht mehr war und Ludwig XVI. noch weniger) sei ein peuple de guerre geworden. Die zwei Körper des Königs, ein sterblicher und ein unsterblicher seien auf das französische Volk übertragen worden. Wie auch der roi de guerre ist auch das peuple de guerre darauf aus, Ruhm auf dem Schlachtfeld zu erringen – vorranging auch weiterhin im französisch-flandrischen Grenzraum. Und wie der roi de guerre ist das peuple de guerre im Wesentlichen ein Ergebnis hervorragender public relations: Nicht die Freiwilligen haben den Sieg von Valmy errungen und weitere Schlachten der Revolutionskriege geschlagen, sondern die Armee des Ancien Régime, deren Offiziere geflohen waren (S. 135f). Und anders als Michelet, einer der Begründer des Valmy-Mythos, behauptete, erweist sich der peuple de guerre nicht unbedingt als defensiv, sondern vollendete die Eroberungen, die den Bourbonen nie gelungen sind. Der Krieg ist daher seit 1792 nicht aus der Geschichte der Revolution auszuschließen – die Geschichte des Direktoriums ist die Geschichte einer Regierung im Kriege.

    Insgesamt liegt ein anregender und lesenswerter Band vor, der einen eindrucksvollen Einblick in den Diskussionsstand der französischen »neuen« politischen Geschichte gibt.

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    PSJ Metadata
    Sven Externbrink
    Deutsches Historisches Institut Paris
    La politique par les armes. Conflits internationaux et politisation (XVe–XIXe siècle)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Militär- und Kriegsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1500-1799
    Bewaffneter Konflikt (4137568-3), Politisierung (4046590-1)
    PDF document bourquin_externbrink.doc.pdf — PDF document, 340 KB
    L. Bourquin, P. Harmon, A. Hugon (dir.), La politique par les armes (Sven Externbrink)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/bourquin-harmon-hugon_externbrink
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:02
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