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    M.-N. Baudouin-Matuszek, La Vendée au temps des guerres de Religion (Fabian Schulze)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    La Vendée au temps des guerres de Religion. Trois témoins racontent. Édition critique établie et présentée par Marie-Noëlle Baudouin-Matuszek, La Roche-sur-Yon (Centre vendéen de recherches historiques) 2013, 473 p. (Mémoire de Vendée), ISBN 978-2-911253-59-1, EUR 24,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Fabian Schulze, Augsburg

    Die französischen Religionskriege des 16. Jahrhunderts stehen schon seit langem im Fokus der französischen und internationalen Frühneuzeitforschung. Dabei spielen in jüngster Zeit kulturgeschichtliche Ansätze und Fragestellungen nach zeitgenössischen Wahrnehmungsmustern eine immer größere Rolle, wie es zuletzt die Tagung »Médialité et interprétation contemporaine des premières guerres de Religion« von Lothar Schilling und Gabriele Haug-Moritz vor Augen führte.

    Memoiren und ausführlicheren chronikalen Überlieferungen kommt in diesem Zusammenhang ein herausgehobener Quellenwert zu.

    Das Centre vendéen de recherches historiques hat nun unter der Herausgeberschaft von Marie-Noëlle Baudouin-Matuszek eine kommentierte Edition dreier bedeutender Chroniken des späten 16. Jahrhunderts aus dem französischen Südwesten vorgelegt. Es handelt sich um die »Chronique du Langon«, die »Histoire et vray discours des guerres civilles ès pays de Poictou«, sowie die »Chronique de la guerre des trois Henri en Bas-Poitou«. Alle drei Texte wurden bereits im Jahr 1841 durch Armand-Désiré de La Fontenelle de Vaudoré herausgegeben, sie entsprechen jedoch aufgrund starker konjekturaler Eingriffe und sprachlicher Modernisierungen von Herausgeberseite nicht mehr den heutigen Anforderungen der Wissenschaft. Vor diesem Hintergrund scheint eine Neuausgabe nach modernen wissenschaftlichen Standards ein durchaus lohnenswertes Unterfangen zu sein, das sich Baudouin-Matuszek auch ausdrücklich vorgenommen hat.

    Doch leider kann sie ihren eigenen Anspruch auf eine »édition critique et scientifique« nicht erfüllen.

    Dies beginnt bereits im einführenden und zugleich als Kommentar zu verstehenden Kapitel »La Vendée au temps des guerres de Religion« (S. 1–99).

    Noch einleuchtend und sinnvoll ist die landesgeschichtliche Einführung zur historischen Provinz Bas-Poitou (im heutigen Departement Vendée) und dem darin liegenden Städtchen Le Langon als wichtigsten Handlungsort der »Chronique de Langon« und Lebensmittelpunkt ihres Hauptautors (S. 28–43, 49–63). Ebenso verdienstvoll sind detaillierte Informationen zur Provenienz der drei edierten Texte und ihren nachweisbaren oder mutmaßlichen Autoren (S. 16–28, 63–71). Die anschließende Darstellung der französischen Religionskriege zwischen 1562 und 1598 ist relativ umfangreich und tendiert mit ihren bisweilen sehr ausführlichen Schilderungen dynastischer Verwandtschaftsverhältnisse etwas zur Langatmigkeit (S. 71–99). Baudouin-Matuszek ist in diesem Abschnitt stets bemüht, die Rückwirkungen der »großen Politik« im Kampf der Konfessionsparteien um die Macht im Königreich auf die lokalen Geschehnisse in den Dörfern und Städten der Vendée zu verdeutlichen. Sie verweist dazu immer wieder auf entsprechende Äußerungen in den drei edierten Texten. Leider werden dabei nie Seitenangaben aufgeführt, sodass der interessierte Leser die jeweiligen Quellenzitate an ihrer Originalstelle im Editionsteil nur nach ausgiebiger Suche finden kann.

    Erstaunlicherweise scheint die aktuelle historische Forschung für die Herausgeberin und Kommentatorin keinerlei Erwähnung wert zu sein. Zwar geht Baudouin-Matuszek zu Beginn ihrer Ausführungen noch auf die Anfänge der regionalhistorischen Forschung in der Vendée im 19. Jahrhundert und die wissenschaftlichen Verdienste La Fontenelles ein (S. 7–16), versäumt es jedoch im Anschluss vollkommen, auch jüngere Forschungsarbeiten zur Geschichte Frankreichs bzw. des französischen Südwestens im Zeitalter der Religionskriege zu berücksichtigen. Einige neuere Studien wären zumindest erwähnenswert gewesen, man denke etwa an die Publikationen Lothar Schillings (2005) oder, mit regionalhistorischer Perspektive, Nicolas Danjaumes (2009). In Folge dessen überrascht es nicht einmal, dass die breite internationale Forschungsdebatte über das Konfessionalisierungsparadigma in keiner Weise rezipiert wird und selbst kleinste Hinweise auf entsprechende Literatur weder in den ohnehin spärlichen Anmerkungen (22 Fußnoten auf 99 Seiten) noch im Literaturverzeichnis zu finden sind. So bleibt letztlich unklar, wie Baudouin-Matuszek ihre Edition in der aktuellen Forschungslandschaft verortet sehen möchte. Dies alles sind eklatante Mankos für ein Werk, das einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt.

    Auch der Editionsteil kann nur bedingt überzeugen.

    Den mit Abstand meisten Raum nimmt die »Chronique du Langon« ein (S. 101–304). Sie wurde zum größten Teil von Antoine Bernard geschrieben, einem Notar aus dem kleinen Städtchen Le Langon in der Nähe der alten Provinzhauptstadt Fontenay-le-Comte. In späthumanistischer Gelehrsamkeit schildert Bernard nach einigen Ausführungen zur mythischen skythischen, dann römischen Vergangenheit seines Heimatortes ausführlich die Auswirkungen der Religionskriege auf Le Langon und andere Städte des Bas-Poitou von 1562 bis zu seinem Tod im Jahr 1581. Ein Nachfolger ergänzte die Ausführungen bis zum Jahr 1606. Der Text wird vor allem an den Stellen interessant, in denen der Notar mit sichtlicher Abneigung über die tatsächlichen oder vermeintlichen Untaten der Hugenotten berichtet, die für ihn nur Anhänger »de la Prétendue Religion« (S. 186) sind. Aus regionalhistorischer Perspektive dürfte die Chronik von erheblichem Quellenwert sein. Baudouin-Matuszek gibt den Text in zwei Versionen heraus: zur linken Seite den originalen Wortlaut des 16. Jahrhunderts, zur rechten Seite eine bisweilen etwas freie Übertragung in heutiges Französisch. Gegen dieses Vorgehen ist prinzipiell nichts einzuwenden, auch wenn auf die neufranzösische Version zugunsten eines stärker kommentierten Originaltextes hätte verzichtet werden können.

    Als zweiten Text ediert Baudouin-Matuszek die »Histoire et vray discours des guerres civilles ès pays de Poictou« (S. 305–396). Die ursprünglich anonym überlieferte Chronik wird seit napoleonischer Zeit Pierre Brisson zugeschrieben, einem königlichen Amtmann aus Fontenay-le-Comte (S. 71f.). Im Gegensatz zur »Chronique du Langon« behandelt der Text jedoch nur die Jahre des fünften Religionskrieges von 1574 bis 1576. Mit seinen reichen Details zu politischen wie militärischen Geschehnissen von Nantes bis La Rochelle erweist er sich dennoch als gute Ergänzung zu den Ausführungen des Notars aus dem benachbarten Le Langon. Gleichwohl ist in diesem Fall für die Fachwissenschaft nicht viel gewonnen: Aus schwer nachvollziehbaren Gründen gibt die Herausgeberin die Ausführungen Brissons nicht im Originallaut, sondern in einer teilmodernisierten Sprache wieder, wie sie schon La Fontenelle für seine Ausgabe im 19. Jahrhundert verwendete. Mit einer solchen Textwidergabe verletzt Baudouin-Matuszek jedoch grundlegende Prinzipien moderner, textkritischer Editionsarbeit. Um eine vollständige Übertragung in modernes Französisch handelt es sich dennoch nicht, weshalb die Herausgeberin auch ein Glossar zur Erläuterung heute ungebräuchlicher oder unverständlicher frühneuzeitlicher Wörter mitliefert (S. 443–453).

    Gänzlich unerwähnt bleiben die Editionsrichtlinien für den dritten Quellentext des Buches, die »Chronique de la guerre des trois Henri en Bas-Poitou« (S. 397–427). Baudouin-Matuszek gibt ihn nur in einer modernen französischen Version wieder, ein Hinweis auf die von der Herausgeberin benutzte Vorlage fehlt. Hier handelt es sich ebenfalls keineswegs mehr um eine heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Textwiedergabe. Aufgrund der Kürze dieser dritten Chronik wirkt ihre Aufnahme in die Edition eher als Beiwerk, zumal die Herausgeberin den Text weder ausführlich kommentiert noch in ihrer allgemeinen Einleitung eingehender thematisiert.

    Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundlegende Frage nach dem wissenschaftlichen Mehrwert der gesamten Arbeit – und dies umso deutlicher, nachdem die ältere Edition durch La Fontenelle mittlerweile als Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek weltweit jederzeit kostenlos zugänglich ist. Den Anforderungen einer modernen textkritischen Ausgabe genügen beide Editionen nicht. Davon unberührt sind die in ihnen enthaltenen Chroniken für eine regionalhistorisch interessierte Leserschaft durchaus zur Lektüre zu empfehlen. Indes wird die historische Forschung aus der neuen Edition nur wenig Nutzen ziehen können.

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    PSJ Metadata
    Fabian Schulze
    Deutsches Historisches Institut Paris
    La Vendée au temps des guerres de Religion.
    Trois témoins racontent
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Militär- und Kriegsgeschichte
    16. Jh.
    1562 - 1598
    Hugenottenkriege (4160768-5), Departement Vendée (4119390-8), Erlebnisbericht (4133254-4)
    PDF document baudouin-matuszek_schulze.doc.pdf — PDF document, 340 KB
    M.-N. Baudouin-Matuszek, La Vendée au temps des guerres de Religion (Fabian Schulze)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/baudouin-matuszek_schulze
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 23.07.2017 06:33
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