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    J. Balserak, John Calvin as Sixteenth-Century Prophet (Eberhard Busch)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jon Balserak, John Calvin as Sixteenth-Century Prophet, Oxford (Oxford University Press) 2014, XIV–208 p., ISBN 978-0-19-870325-9, GBP 55,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Eberhard Busch, Friedland

    Jon Balserak, Professor im englischen Birmingham, ist ein anerkannter Calvin-Forscher. Nun hat er ein neues Buch über den Genfer Reformator vorgelegt, das spannend zu lesen ist. Warum? Wir hören hier wohl auch einiges schon Bekanntes. Was gut und nützlich ist, es auch in seinen Worten zu hören: Nach dem Neuen Testament versteht Calvin das Propheten-Amt als das eines Auslegers der Heiligen Schrift, eines Dieners am Wort, »verbi Divini minister« (S. 69), wie Schweizer Pfarrer noch heute sich titulieren: v. d. m. Auch wenn Calvin zu Eph. 4,11 von einer zeitlichen Befristung dieses Amts spricht oder es auch einmal mit der Begabung zur Weissagung von Künftigem verbindet (S. 70f.), gilt es gleichwohl für ihn als eines der Ämter in der Kirchenleitung neben dem des Presbyters und des Diakonen. Diese Lehre hat er ja auch in seiner »Institutio« vorgetragen, abgeleitet vom dreifachen Amt Christi. Und sie war ihm wichtig in seiner Abgrenzung gegenüber dem Papstamt, das diese drei Ämter in sich vereint und dessen Inhaber sich deshalb als Stellvertreter Christi versteht.

    Doch das eigentlich Spannende ist die vom Autor vertretene Hauptthese, die in dem Buch nach mancherlei Seiten hin erläutert und verteidigt wird. Sie lautet dass Calvin jetzt jene schöne Lehre nachgerade über den Haufen wirft. Man kann sie folgendermaßen darstellen: Im Alten Testament sei eine andere Konzeption als im Neuen Testament von den Propheten zu finden. Dort stünden sie in einem kritischen Verhältnis zum Königtum und aktualisierten das Amt des Mose und seine Gesetzgebung. Sie stünden nun an der Stelle der versagenden Priester. Dabei seien sie unmittelbare Werkzeuge Gottes. Und Calvin verstehe sich selbst als direkte Wiedergeburt eines solchen Propheten. »He is not ambivalent or uncertain towards the Old Testament prophets. In fact, he identifies himself with them« (S. 68, 80, 90). Ist das, was ihn dabei beseelt, ein unbedingter Anspruch auf Gehör, wie ihn so manche Andere in der Kirchen- und Theologiegeschichte erhoben haben? Nach dem Forscher ist es bei Calvin mehr als das. Die alttestamentlichen Propheten hätten eine Autorität mit dem Anspruch, Gottes »Mund« zu sein (S. 79). Und Calvin habe denselben Anspruch erhoben: »He was God’s mouthpiece in Europe. He believed that he possessed an authority, therefore, which was unrivaled by king, pope, or fellow reformer. This authority verged on […] infallibility« (p. 180).

    Schon in seinem Buch »Establishing the Remnant Church in France. Calvin’s Lectures on the Minor Prophets, 1556–1559« hat der Verfasser diese Auffassung vorbereitet. Dort hieß es, dass der Reformator eine Übereinstimmung zwischen den Kleinen Propheten des Alten Testaments und der Genfer Gegenwart behaupte, weil die Zeitumstände damals wie jetzt deckungsgleich seien (ibid., S. 168). Nach Balserak waren es die gegenwärtigen Vorgänge in Frankreich, die Calvin veranlassten, »to read his own circumstances in terms of those of the Old Testament« (ibid., S. 212). Ja, seine Aussagen über die Gegenwart seien »consistently derived from a consideration of the situation into which the prophet is speaking« (Sp. 120).

    In seinem neuen Buch verschärft und konkretisiert J. Balserak seine These. Calvin nehme für sich in Anspruch, dass er als Prophet gegen die katholische Priesterkirche stehe (S. 149), so wie eben auch die alttestamentlichen Propheten gegen die Priester standen und für ein neues Ernstnehmen des mosaischen Gesetzes kämpften – das ist von dem Genfer Reformator natürlich speziell auf die Situation in Frankreich bezogen. Indem er offenbar auf derselben Stufe steht wie die biblischen Propheten, erneuere er wie sie das Mosaische Gesetz (S  68). Und der neutestamentlichen Auffassung vom Propheten, die er, wie gesagt, selbst wohl übernommen hat, stehe er nun doch zurückhaltend gegenüber (S. 90). Als Feinde des Evangeliums klagt er die Monarchen an, als »selfish, inhuman, and mad« (S. 157). Ja, nachdem er zunächst den französischen Protestanten nur das Leiden unter den Repressalien empfohlen hat, rufe er auf einmal sogar zum Heiligen Krieg gegen die dortigen Herrscher und ihre katholischen Helfershelfer auf (S. 175). In dem allem sei Calvin so selbstgewiss gewesen, dass er auch im Verhältnis zu den anderen Reformatoren beanspruche, wie keiner der anderen die rechte Lehre zu vertreten.

    Am Ende dieser Deutung fragt Jon Balserak zuletzt sich selbst, ob der so gesehene Genfer Reformator nicht einem egomanen Größenwahn verfallen war (S. 180). Er lässt die Frage im Grunde offen. Nachdem er zunächst erklärt hatte, dass Calvin sich keinem so nahe fühlte wie Jeremia (S. 99), heißt es dann aber, er sei so arrogant wie Jesaja gewesen und zugleich so selbstlos wie Ezechiel (S. 180). Arroganz und Selbstlosigkeit lässt sich in der Tat kombiniert denken. Aber stimmen diese Kennzeichnungen denn wirklich auch nur auf Jesaja und Ezechiel? Und immerhin müsste gefragt werden, in welchem Verhältnis die da vorgeführte Schreckensgestalt zu dem »anderen« Calvin steht, so wie er eben in seiner »Institutio« spricht. Dadurch vor allem ist er wirksam geworden: als Lehrer der Kirche, z. B. auch mit seiner Lehre von den drei Ämtern, an denen alle Christen teilhaben, indem sie in der Leitung miteinander fungieren. Wäre von da aus seine Auslegung der Propheten nicht noch einmal anders, nämlich als ein verzweifelter Schrei in Verbundenheit mit der tödlich von Ausrottung bedrohten hugenottischen Minderheit zu verstehen?

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    PSJ Metadata
    Eberhard Busch
    Deutsches Historisches Institut Paris
    John Calvin as Sixteenth-Century Prophet
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Ideen- und Geistesgeschichte
    16. Jh.
    1509-1564
    Calvin, Jean (118518534), Prophetie (4047487-2)
    PDF document balserak_busch.doc.pdf — PDF document, 325 KB
    J. Balserak, John Calvin as Sixteenth-Century Prophet (Eberhard Busch)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/balserak_busch
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 25.04.2017 00:59
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