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    O. Asbach, P. Schröder (ed.), The Ashgate Research Companion to the Thirty Years’ War (Anuschka Tischer)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Olaf Asbach, Peter Schröder (ed.), The Ashgate Research Companion to the Thirty Years’ War, Farnham, Surrey (Ashgate Publishing) 2014, XIV–347 p., (The Ashgate Research Companion), ISBN 978-1-4094-0629-7, GBP 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anuschka Tischer, Würzburg

    Das Heilige Römische Reich und der Dreißigjährige Krieg erfreuen sich in der englischsprachigen Forschung wachsender Beliebtheit, eine Tatsache, die angesichts der in den letzten Jahren herausgestellten europäischen Dimension dieses Krieges nur konsequent ist. In diesem Band sind Beiträge von 25 sachkundigen Historikerinnen und Historikern aus ganz Europa und den USA versammelt, die den aktuellen Forschungsstand aus unterschiedlichen Perspektiven auf den Punkt bringen. Das ist ein Gewinn für jeden, der an unterschiedlichen Problemlagen und nationalen Historiografien des Dreißigjährigen Krieges interessiert ist, wobei die Ausrichtung des Bandes sich primär an das englischsprachige Publikum richtet. Dem Anspruch gemäß sind die Beiträge größtenteils Forschungsüberblicke, nicht Forschungsartikel. Jeder schließt mit einer knappen Bibliografie zum jeweiligen Thema ab, die vor allem darauf ausgerichtet ist, dem englischsprachigen Leser Hinweise zur weiteren Lektüre zu bieten.

    Die Beiträge, die von den Herausgebern als Kapitel einer gemeinsamen, aber nicht unbedingt einheitlichen Darstellung verstanden werden, gliedern sich in fünf Abschnitte. Der erste befasst sich mit dem Heiligen Römischen Reich am Beispiel der kaiserlichen Politik von 1555 bis 1618 (Joachim Whaley) und der pfälzischen Netzwerke (Brennan Pursell). Der zweite widmet sich den großen Mächten im Krieg: den Kaisern (Christoph Kampmann), Spanien (Gabriel Guarino), Dänemark (Paul Douglas Lockhart), Schweden (Pärtel Piirimäe), Frankreich (Lucien Bély), den Päpsten (Guido Braun) und dem Osmanischen Reich (Maria Baramova). Der dritte unternimmt einen chronologischen Zugriff, in dem sukzessive die Phasen 1618–1629 (Ronald G. Asch.), 1629–1635 (Toby Osborne) und 1635–1648 (Tryntje Helfferich) in den Blick genommen werden, dann der spanisch-niederländische Krieg 1621–1648 (Olaf van Nimwegen) und der Krieg in Italien 1628–1659 (Sven Externbrink). Der vierte Abschnitt thematisiert Religion und Politik: den Augsburger Religionsfrieden von 1555 (Matthias Pohlig), das Restitutionsedikt von 1629 (Marc R. Forster), den Weg zum Normaljahr 1624 (Ralf-Peter Fuchs), die Frage, ob der Krieg ein Religionskrieg war (Cornel Zwierlein), die materiellen Kriegsvoraussetzungen (John Theibault), Kriegserfahrung (Sigrun Haude) und Strategie und Kriegführung (Peter H. Wilson). Abschließend werden unter Erfahrung und Praxis des Krieges (»Experience and Praxis of War«) der Prager Friede von 1635 sowie der Westfälische Friede als deutscher, europäischer und globaler Friede (Axel Gotthard, Heinz Duchhardt bzw. Susan Richter) analysiert.

    Die Gliederung und ihre Umsetzung überzeugen nur bedingt: Das Heilige Römische Reich wird auf die – mit insgesamt zwei Beiträgen stark positionierte – kaiserliche Politik und Kurpfalz reduziert. Der Antagonismus, der zum Kriegsgrund wurde, wird so überbetont und überlagert die vielfältigen Kriegsursachen. Wichtige reichsständische Akteure wie Bayern oder Sachsen fehlen ebenso wie eine Analyse des Reiches als eines ständischen Gebildes. Böhmen taucht nur in der kaiserlichen bzw. pfälzischen Perspektive auf. Der monarchisch-ständische Antagonismus, der eine wichtige Struktur des Krieges war, wird auch für Böhmen vernachlässigt. Auf der europäischen Ebene sind ebenfalls gewisse Missverhältnisse zu konstatieren: Dass das Osmanische Reich – insbesondere Siebenbürgen als der innerhalb dieser Herrschaftsstruktur im Dreißigjährigen Krieg vor allem aktive Teil – angemessen thematisiert wird, ist außerordentlich zu begrüßen. Ein einschlägigerer Akteur wie England fehlt allerdings. In der Systematik irritiert die Zuordnung zu den beiden letzten Abschnitten: Wieso umfasst der Abschnitt »Experience and Praxis of War« durchweg Kapitel zu Friedensschlüssen, während Kapitel zur Kriegserfahrung und -praxis Religion und Politik zugeordnet werden?

    Der komplementäre Zugriff über Akteure, Themen und Chronologie vermag Lücken ein Stück weit auszugleichen. Die Herausgeber betonen die Multiperspektivität, die eine Vielfalt, aber auch mitunter Divergenz von Forschungspositionen einschließt. Das Ergebnis ist keine leicht zu konsumierende, geglättete Einführung, sondern eine Abbildung der Komplexität des Forschungsdiskurses. Einzelne Autoren blenden allerdings den internationalen Forschungsstand zu stark aus: So fehlt in Guarinos Beitrag die umfassende deutschsprachige Literatur zu Spanien im Dreißigjährigen Krieg, wodurch sich letztlich ein verzerrtes Bild ergibt. Überraschend ist insgesamt gerade auch angesichts der internationalen Perspektive die starke Fixierung auf 1648. Die Herausgeber betonen eingangs selbst, wie sehr die Verflechtung mit anderen Konflikten den Begriff des Dreißigjährigen Krieges mitunter in Frage gestellt hat. Die Vorgeschichte des Krieges wird denn auch zurückreichend bis 1555 in verschiedenen Beiträgen analysiert. Die Nachwehen eines Krieges, dessen Frieden erst mit dem Nürnberger Exekutionstag, dem Regensburger Reichstag mit dem Jüngsten Reichsabschied, dem Rheinbund und schließlich dem Pyrenäenfrieden als stabil und gesichert galt, werden dagegen nicht systematisch thematisiert.

    Im Ergebnis bietet das Buch eine Fülle von hochkarätigen Überblicken über diverse Aspekte des Dreißigjährigen Krieges. Von einem »Research Companion« würde man vielleicht einen systematischeren Überblick erwarten. Die Summe der Beiträge aber ergibt einen Forschungsüberblick, der zwar nicht vollständig, aber zweifellos nützlich und einschlägig ist und die Forschung zum Dreißigjährigen Krieg international positioniert.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Anuschka Tischer
    Deutsches Historisches Institut Paris
    The Ashgate Research Companion to the Thirty Years’ War
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Militär- und Kriegsgeschichte
    17. Jh.
    1618 - 1648
    Dreißigjähriger Krieg (4012985-8)
    PDF document asbach_tischer.doc.pdf — PDF document, 256 KB
    O. Asbach, P. Schröder (ed.), The Ashgate Research Companion to the Thirty Years’ War (Anuschka Tischer)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/asbach-schroeder_tischer
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:02
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