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    A. Ananieva, A. Bauer, D. Leis (Hg.), Räume der Macht (Eva-Maria Seng)

    Francia-Recensio 2015/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Anna Ananieva, Alexander Bauer, Daniel Leis (Hg.), Räume der Macht. Metamorphosen von Stadt und Garten im Europa der Frühen Neuzeit, Bielefeld (transcript) 2013, 402 S., zahlr. z. T. farb. Abb. (Mainzer Historische Kulturwissenschaften, 13), ISBN 978-3-8376-2221-8, EUR 39,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Eva-Maria Seng, Paderborn

    Der Band repräsentiert im Kern die Forschungen einer interdisziplinären Doktorandengruppe aus osteuropäischer Geschichte, Kunstgeschichte und Geschichte der Naturwissenschaften, die im Rahmen der Initiative Pro Geistes- und Sozialwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz über drei Jahre hinweg gefördert wurde. Vier Doktoranden und eine Postdoktorandin haben dabei zum Thema »Raum und Herrschaft: Stadt- und Garten als Kommunikations-, Disziplinierungs- und Wissensraum in der europäischen Vormoderne« gearbeitet.

    Ausgangspunkt der versammelten Aufsätze war, dass Stadt und Garten als zwei komplexen Raumgefügen insbesondere in den Aushandlungsprozessen konkurrierender gesellschaftlicher Gruppen um divergierende Repräsentationsansprüche eine zentrale Rolle in der Frühen Neuzeit zukommt. Neben dem Wechselverhältnis bzw. der gegenseitigen Bezugnahme von Stadt und Raum wurden Stadt und Garten als soziale Handlungsräume untersucht, in denen Transformationsprozesse auf dem Gebiet der Architektur und Landschaftsplanung materiell ablesbar sind, die auch ihre Entsprechung im Bereich sozialer Funktionen und symbolischer Handlungen hatten und damit zum Aufführungsort performativer Handlungen wurden. Versucht werden sollte also nichts weniger, als die materielle bauliche Substanz von Stadt, Garten, Palast und Plätzen mit deren immateriellen Elementen wie politischen und sozialen Funktionen und den performativen dynamischen Prozessen von Aneignung, Tradierung, Überschreibung, Neukonstituierung zu erfassen. Die Fallbeispiele nehmen dabei nicht nur die für Garten- und Stadtbaukunst bekannten Länder wie Italien und Frankreich und Orte ins Visier, sondern erstrecken sich insbesondere auch auf osteuropäische Länder und Städte. Hier nun liegt gerade die besondere Stärke und der Gewinn des Bandes.

    Unter vier Überschriften wurden die 13 Aufsätze gruppiert: Besetzen und Ordnen, Stiften und Stabilisieren, Umformen und Integrieren, Erinnern und Monumentalisieren. Der Gruppierung haftet etwas Gewolltes an, da die Beiträge auch jeweils leicht unter einem anderen Etikett hätten firmieren können.

    Neben weithin bekannten Stadträumen und deren Transformationsprozessen in Florenz, Marburg und Dresden, wobei im Falle Dresdens die Literaturverarbeitung nicht überzeugend ist (Matthias Müller), sowie der Medici-Villa Poggio Imperiale in Florenz, die sowohl hinsichtlich ihrer Lage, Architektur, Ausstattung und Herrschaftsfunktion als Schwelle zwischen zwei Zuständen beschrieben und analysiert werden (Ilaria Hoppe), finden sich hier auch die Piazzetta in Venedig und deren feste ordnungspolitische Funktionszuweisungen (Daniel Leis) sowie die Transformation des Palastes der Familie Durazzo in Genua zur königlichen Residenz der sayoyischen Könige unter den Aspekten von Aneignung, Bewahrung und Überschreibung und damit Neukonstituierung insbesondere der Innenausstattung des Palastes vor dem Hintergrund der politischen Transformation der Republik Genua zum Königreich Sardinien-Piemont (Bettina Morlang-Schardon). Allesamt handelt es sich bei diesen Beiträgen um Zweitverwertungen schon publizierter Gedanken der Autorinnen und Autoren.

    Zwei Aufsätze sind dann der wohl innovativsten Residenzstadt des 18. Jahrhunderts in Deutschland gewidmet, nämlich Kassel. Hier wird die Umgestaltung der Kasseler Wilhelmshöhe unter Beibehaltung herausragender Bauwerke als Mittel dynastischer und damit historischer Kontinuität aufgezeigt, ein Vorgehen, das uns im Stadtumbau von Paris im 19. Jahrhundert unter dem Präfekten Haussmann, im 20. Jahrhundert im Plan Voisin von Le Corbusier, dem geplanten erneuten Umbau von Paris, oder den zahlreichen Wiederaufbaukonzepten von Städten nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbegegnen sollte. Es wird die Freilegung und Bewahrung weniger als Denkmäler identifizierter Relikte des barocken Parks und dessen Schöpfers Landgraf Karl beschrieben, die als Bildzeichen oder gleichsam Museumsstücke in die Neukonzeption des Landschaftsparks integriert wurden (Kristina Steyer). Besondere Bedeutung kommt auf der Kasseler Wilhelmshöhe neben einzelnen Bauten insbesondere dem Wasser und den Wasserspielen zu, die aufgrund ihres performativen Charakters die immaterielle Seite der Aufführungspraxis dieses Schauspiels und technischen Wunderwerkes bis heute ausmachen. Völlig zu Recht und nachvollziehbar arbeitet die Autorin gerade nicht nur die malerischen Qualitäten der Grotten und Bassins und deren Materialien heraus, sondern auch die technische Finesse und die damit zusammenhängenden hohen Kosten, die gerade nicht zur Aufgabe dieses Elements, sondern zur Bewahrung des Alleinstellungsmerkmals der Kasseler Anlage führten. Diese wurde nun von der Naturbeherrschung und Ausweis der Modernisierungsstrategien seines Schöpfers zum Sinnbild der Vereinigung von Natur und Kultur, zur dynastischen Legitimation und wohl nicht zuletzt erneut zum Ausweis technischer und wirtschaftlicher Potenz der Landgrafschaft und dessen Motors, des Landgrafen selbst. Mit weiteren herrschaftsstabilisierenden Akten und Strategien befasst sich ein origineller Beitrag zu den musik-theatralischen Aufführungen nach Krankheit und Genesung des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz anhand von Mannheimer und Schwetzinger Inszenierungen (Helena Langewitz). Demgegenüber bleibt der Beitrag über das Dessau-Wörlitzer Gartenreich (Ina Mittelstädt) nicht nur weitgehend konventionell, sondern in der zu kurz gegriffenen und nicht wirklich auf der neueren Literaturbasis argumentierenden Einschätzung der unterschiedlichen Phasen der Aufklärung sowie der nicht verstandenen zeitgenössischen Architekturtheorie hinter den anderen Beiträgen zurück.

    Die innovative Seite des Bandes stellen jedoch die vier Beiträge zu osteuropäischen Fallbeispielen bzw. zur Integration Osteuropas im Falle der russischen Gartenpartien in Potsdam dar (Anna Ananieva). Ein Beitrag widmet sich den Maßnahmen Augusts des Starken in Warschau im Zuge einer engeren politischen Anbindung des neuen polnischen Königtums von August und der damit einhergehenden Transformation Warschaus in Verbindung mit den Dresdener baulichen Maßnahmen des Kurfürsten als Orte unterschiedlicher Formen von Öffentlichkeit und der damit einhergehenden Strategien zeremonieller Repräsentation (Paul Friedl). Zwei weitere Aufsätze zu Moskau und St. Petersburg zeichnen die Metamorphosen bzw. die Konkurrenz und Übergangssituation der beiden russischen Machtzentren und Kapitalen nach. Hier wird zunächst in einer Makrostudie die eingangs formulierte materielle Seite der Transformationsprozesse von Stadt und Raum, von Stadt und Garten – besser Landschaft – vorgeführt, um diese gleichsam als Bühnen mit der immateriellen Seite der Funktionen und Raumnutzungsstrategien durch soziale und symbolische Handlungen zu korrelieren (Jan Kusber). Die Mikrostudie zum St. Petersburger Heumarkt zeichnet den Wandel dieses Platzes nach – zunächst im 18. Jahrhundert eingeleitet durch Stadtumbaumaßnahmen Katharinas II. – und zwar von einem Aushandlungsort der Interessen des Staates (bauliche Regulierung der Stadt und deren Plätze sowie Absenkung der Brotpreise, Beschränkung des Zwischenhandels und damit Senkung der Preissteigerungen), der Interessen der Kaufmannschaft (Bindung des Warenhandels an bestimmte Orte zur besseren Überwachung des Handels und der Preise) und der Interessen der Bauern (Handel möglichst überall treiben zu dürfen, wobei hinter ihren Bedürfnissen die Macht des Adels stand). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war er ein Platz wilden Handels und der Spekulation von Händlern und Zwischenhändlern und Wohnort der ärmsten Zuwanderer, bis sich sein Charakter im Verlaufe des Jahrhunderts zum Ort sozialer Proteste gegen obrigkeitliche Maßnahmen in sein ursprüngliches Gegenteil verkehrte (Alexander Bauer).

    Der Sammelband zeichnet sich neben vielem Bekannten durch eine Reihe innovativer neuer Aspekte und Fallstudien aus, die mit Gewinn gelesen werden und auch die eingangs formulierten Ziele des interdisziplinären Projektes einlösen können.

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    PSJ Metadata
    Eva-Maria Seng
    Deutsches Historisches Institut Paris
    Räume der Macht.
    Metamorphosen von Stadt und Garten im Europa der Frühen Neuzeit
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1500-1830
    Stadt (4056723-0), Öffentlicher Raum (4172385-5), Macht (4036824-5), Repräsentation (4137492-7), Gartenkunst (4125179-9), Architektur (4002851-3), Stadtgestaltung (4077804-6)
    PDF document ananieva_seng.doc.pdf — PDF document, 262 KB
    A. Ananieva, A. Bauer, D. Leis (Hg.), Räume der Macht (Eva-Maria Seng)
    In: Francia-Recensio 2015/2 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-2/FN/ananieva-bauer-leis_seng
    Veröffentlicht am: 19.06.2015 12:19
    Zugriff vom: 28.03.2017 12:02
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