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C. Winkel, Im Netz des Königs (Simon Karstens)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Carmen Winkel, Im Netz des Königs. Netzwerke und Patronage in der preußischen Armee 1713–1786, Paderborn, München, Wien, Zürich (Ferdinand Schöningh) 2013, 364 S., zahlr. Graf., 1 Karte (Krieg in der Geschichte, 79), ISBN 978-3-506-77733-1, EUR 44,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Simon Karstens, Trier

Die preußischen Könige und »ihre« Offiziere sind ein häufig thematisierter Aspekt der neueren Geschichte, dem sich Carmen Winkel in ihrer 2011 an der Universität Potsdam als Dissertation eingereichten Studie auf ebenso neue wie gewinnbringende Weise widmet.

In einem einleitenden Forschungsbericht stellt die Autorin heraus, dass in der älteren Historiografie die These vorherrschte, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. hätten im Zuge einer absolutistischen Staatsbildung den Adel durch Militärdienst gewissermaßen diszipliniert und vereinnahmt. Diese Position sei allerdings durch neuere Studien in Frage gestellt, welche die Diskrepanz von zeitgenössischen und historiographischen Idealvorstellungen einerseits und historischen Praktiken andererseits hervorheben.

Winkel knüpft mit ihrem eigenen methodischen Zugang hieran an. Sie versteht Herrschaft, entsprechend der neueren Politikgeschichte, als das verhandelte Ergebnis von Interaktionen. Dementsprechend hätten nicht nur Interessen der Herrscher, sondern ebenso Interessen Adeliger an sozialem und symbolischem Kapital, das durch Dienst für den König erworben werden konnte, auf die soziale Praxis in der Armee eingewirkt. Der Dienst im Militär könne daher laut Winkel als ein persönliches Klientelverhältnis der adeligen Offiziere zum Herrscher verstanden werden, das im 18. Jahrhundert nicht auf eine abstrakte Größe wie den »Staat« bezogen gewesen sei. Um ihre These zu prüfen, fokussiert Winkel in Anlehnung an Wolfgang Reinhardts Arbeiten die soziale Verflechtung der adeligen Offiziere unter besonderer Berücksichtigung von Verwandtschafts- und Patronageverhältnissen. Sie kehrt den Blick auf das preußische Militär somit um und geht nicht von einer Institution aus, die Akteure prägte, sondern von Akteuren – hier dem König, seinem Kabinett und den Offizieren – deren Interaktion eine Institution formte.

Die Quellen für Winkels Untersuchung stammen einerseits aus Adelsarchiven, in denen Regimentschefs erhebliche Teile des dienstlichen Schriftverkehrs als ihr Eigentum verwahrt haben, und andererseits aus dem königlichen Zivilkabinett, an das Mitglieder des Offizierskorps Eingaben richteten. Die zusätzliche Nutzung der Archive adeliger Regimentsinhaber aus anderen deutschen Staaten rundet eine angesichts der Aktenverluste zur preußischen Militärgeschichte im Jahr 1945 beindruckende Forschungsleistung Winkels ab.

Die Untersuchung erfolgt in fünf Schritten, wobei die Autorin auf allgemeine Anmerkungen zur Herrschaftszeit beider Monarchen oder eine chronologische Ereignisfolge zugunsten einer stringenten Orientierung an der Fragestellung verzichtet. Am Beginn steht eine Einführung in die hierarchische Organisation »Militär«, die auch Wege ins Offizierskorps und dort verfügbare Ressourcen umfasst. Die hierarchische Ordnung der Regimenter, die das symbolische Kapital der jeweils zugehörigen Offiziere genau akzentuierte, und auch individuelle und kollektive Ehrenzeichen wie Orden oder die persönliche Begutachtung eines Regiments durch den König, erfüllten eine Distinktionsfunktion und visualisierten die für Adelige zentrale Ehre. Sie wurden von Seiten der Offiziere gezielt nachgefragt, wobei sie meist Mittel zum Zweck des Aufstiegs innerhalb der Armee waren. Hieran bestand besonderes Interesse, da einerseits das symbolische Kapital mit der Höhe des Ranges stieg und andererseits nur ab einer bestimmten Hierarchieebene ein finanzieller Gewinn aus dem Dienst gezogen werden konnte.

Der zweite Abschnitt behandelt die Kommunikation zwischen den Offizieren und dem Monarchen. Hier fokussiert Winkel zunächst eine bürokratisch/schriftliche Ebene, in der sie eine grundlegende Erwartungshaltung der Offiziere nachweist, für ihre Dienste über den üblichen militärischen Geschäftsgang hinaus durch den König belohnt zu werden. Das Recht aller Soldaten zur direkten Supplik an den Souverän bestärkte dabei diese Tendenz. Diese brachten in den Gesuchen neben ihrer persönlichen Leistung oder Treue häufig ihre Familienzugehörigkeit als Argument vor und erhielten aus dem Kabinett sprachlich nuancierte Antworten, die als Indiz für die Stellung des Supplikanten gedeutet werden konnten. Von der schriftlichen unterscheidet Winkel eine materielle und symbolische Ebene der Kommunikation. Hierzu zählt sie Auszeichnung durch Nobilitierungen, Zivilbedienungen im Ruhestand, vestimentäre Privilegierungen, aber auch Ehrenzeichen oder inszenierte Nähe zum Souverän und deren jeweilige Verweigerung als Sanktionsmaßnahme.

Winkel interpretiert die kommunikativen Praktiken als klassische Elemente einer Patronagebeziehung, die darauf hindeuten, dass es nicht zu einer Neuausrichtung adeligen Verhaltens durch ein abstraktes System »Militär« kam. Vielmehr standen Erwartungen und Ehrvorstellungen der Adeligen einer Führung der Armee nach rationalen Kriterien, die in Verordnungen formuliert wurden, entgegen. So erwarteten die Offiziere aufgrund familiärer Bindungen Beförderungen, die weder durch Leistung noch das offiziell geltende Prinzip der Anciennität berechtigt waren oder bestanden darauf, sich bei empfunden Ehrverletzungen mit Vorgesetzten zu duellieren.

Dies wird besonders in einem Kapitel deutlich, in dem Winkel die Ausdehnung des Patronagesystems über die Landesgrenzen hinaus untersucht. Mit zunehmendem Prestige der preußischen Armee strebten Angehörige reichsfürstlicher Familien nach Spitzenpositionen. Dies war problematisch, da einerseits die begehrten Ressourcen, wie hierarchisch höherwertige Regimenter, begrenzt waren und andererseits Adelsfamilien im Reich oft nicht nur eine, sondern multiple, eventuell widersprüchliche Allianzen suchten. Die Akteure mussten daher reichspolitische Ziele und militärische Notwendigkeiten abwägen.

Im vorletzten Abschnitt nimmt Winkel einzelne Regimenter in den Blick und ergänzt ihren methodischen Ansatz pointiert mit Elementen der sozialen Netzwerkanalyse, um zu verdeutlichen, wie einzelne Akteure als Makler sozialer Beziehungen dort Einfluss ausüben konnten. So zeigt sie, dass auch auf Regimentsebene soziale Beziehungen wie Verwandtschaft häufig den Handlungsspielraum des einzelnen Offiziers im Militär prägten.

Am Ende stehen Konflikte zwischen dem königlichen Patron und seinen Klienten im Fokus, wobei Winkel ihre These durch die Beobachtung stützt, dass von Seiten der Offiziere explizit enttäuschte Erwartungen auf eine besondere Berücksichtigung ihrer individuellen Ansprüche Widerspruch oder eine Bitte um Entlassung begründeten.

Insgesamt zeichnet Winkel das Bild einer Armee, in der moderne Vorstellungen von Kontrolle und staatsbezogenem Dienst wenig Wirkung entfalteten. Gerade auf der Ebene der ranghohen Offiziere wirkten eher standesspezifische Ehrvorstellungen und familiäre Verpflichtungen prägend. Man mag anmerken, dass es nicht neu ist, auf die nicht-absolutistischen Züge im preußischen Absolutismus hinzuweisen, doch Winkels hervorragende Arbeit gewinnt dadurch Bedeutung, dass ihr dies für das auf Hand- und Schulbuchebene in Bezug auf Otto Büsch traditionell als herrschaftliches Macht- und Disziplinierungsinstrument gedeutete stehende Heer so detailliert gelingt.

Hier könnte nun der Eindruck entstehen, Carmen Winkel überspitze diskursive Vorstellungen von Herrschaft und hinterfrage gewissermaßen Gehorsam und Disziplin der preußischen Offiziere, doch das ist nicht der Fall. Sie zeigt vielmehr, warum moderne Vorstellungen von soldatischem Ethos, die sich – obgleich schon früher als Idealbild formuliert – erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Praxis verfestigten, nicht zur Erklärung für die Funktion der preußischen Armee des 18. Jahrhundert herangezogen werden sollten. Stattdessen schlägt sie überzeugend vor, eine eher traditionelle, persönliche und auf Interaktion basierende Bindung der Offiziere an ihren Souverän als das Fundament der in Krieg und Frieden geleisteten Dienste anzusehen. Somit betont sie die immense Leistung der Monarchen, eine Vielzahl individueller Treueverhältnisse zu einem funktionsfähigen Ganzen zu bündeln.

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PSJ Metadata
Simon Karstens
C. Winkel, Im Netz des Königs (Simon Karstens)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Preußen bis 1947
Militär- und Kriegsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
18. Jh.
4047194-9 4143024-4 4043375-4 4044925-7 4055762-5
1713-1789
Preußen (4047194-9), Armee (4143024-4), Offizier (4043375-4), Patronage (4044925-7), Soziales Netzwerk (4055762-5)
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C. Winkel, Im Netz des Königs (Simon Karstens)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/winkel_karstens
Veröffentlicht am: 11.03.2015 15:50
Zugriff vom: 25.06.2017 09:01
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