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    H. J. Selderhuis; M. Leiner; V. Leppin, Calvinismus in den Auseinandersetzungen des frühen konfessionellen Zeitalters (Susanne Häcker)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Herman J. Selderhuis, Martin Leiner, Volker Leppin (Hg.), Calvinismus in den Auseinandersetzungen des frühen konfessionellen Zeitalters, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2013, 196 S. (Reformed Historical Theology, 23), ISBN 978-3-525-55050-2, EUR 74,99.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Susanne Häcker, Tübingen
    Im Jahr 2009 wurde anlässlich seines 500. Geburtstags dem Genfer Reformator Johannes Calvin eine Vielzahl von Veranstaltungen gewidmet. Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis einer zu diesem Jahrestag organisierten Tagung an der Theologischen Fakultät Jena. Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und den USA bieten in acht deutsch- und zwei englischsprachigen Aufsätzen eine Zusammenschau zu den innerprotestantischen theologischen Streitigkeiten und der daraus resultierenden Herausbildung der protestantischen Konfessionen.

    Den Einstieg in den Sammelband macht Volker Leppin, der am Beispiel Samuel Hubers (1547–1624), der sich im Laufe seines Lebens vom Calvinisten zum Calvinismusfeind entwickelte, verdeutlicht, wie stark die Entwicklung und Selbstdefinition des Luthertums durch seine Abgrenzung gegenüber aufkommenden reformierten Traditionen geprägt war. Am Beispiel des Jenaer Theologen Johann Franz Buddeus (1667–1729) zeigt Friederike Nüssel, inwieweit die konfessionellen Grenzen mit der beginnenden Aufklärung durchlässiger wurden und welche Bereitschaft bei ihm vorhanden war, von reformierten Traditionen zu lernen. Martin Leiner widmet sich in seiner Arbeit dem Vergleich der Theologie Melanchthons und Calvins und der Frage, ob ihre Lehrgegensätze tatsächlich kirchentrennenden Charakter hatten. Irene Dingel stellt in ihrem Aufsatz dar, warum der Versuch des in erster Linie als lutherischer Streittheologe bekannten Lucas Osiander 1580 mit seiner Schrift »Pia et fidelis admonitio« als ernsthafter Versuch zur Werbung um Einheit in der protestantischen Welt gewertet werden kann, und warum dieser Versuch scheiterte. Dingel verweist darauf, dass angesichts der Person Osianders und seines gesamten sonstigen kirchenpolitischen Auftretens der vermittelnde Ton der »Pia et fidelis admonitio«, der auf einen Rückführungsversuch der Irregeleiteten auf den Weg der Wahrheit abzielte, von reformierter Seite als Anmaßung und perfide Täuschung empfunden werden musste. Herman Selderhuis gibt mit dem plakativen Titel »Wem gehört die Reformation?« einen Rückblick auf das Reformationsjubiläum 1617 an den Universitäten Heidelberg und Tübingen. Über der Frage, wer Luthers Lehren am besten bewahrt habe und weshalb der Reformator Luther von Seiten lutherischer Theologen als »Eigentum« angesehen wurde, an dem keine Kritik geübt werden durfte, dividierten sich Lutheraner und Reformierte laut Selderhuis angesichts dieses Jubiläums weiter auseinander. Am Beispiel des Melanchthonschülers Viktorin Strigel (1524–1569) zeigt Robert Kolb die Spaltung von Luthers und Melanchthons Studenten in Bezug auf die Abendmahlslehre. Strigel wurde von Seiten vieler Lutheraner aufgrund der Tatsache, dass er in Heidelberg lehrte, als »Kryptocalvinist« angefeindet. Strigel selbst sah sich hingegen nie als Calvinist, sondern als ein Vertreter der Auffassungen Melanchthons. Kolb siedelt Strigel am äußeren Rand eines breiten Spektrums an Interpretationsmöglichkeiten der Abendmahlstheologie Melanchthons an. Matthias Freudenberg setzt sich mit Calvins Verständnis von christlicher Freiheit und der Rezeption seiner Lehren durch seine Nachfolger auseinander. Hier sieht er eine größere Nähe zu Luther und Zwingli als zu den späteren Transformationen des Begriffs im Calvinismus. Er zeigt auf, dass Calvin sowohl Luthers als auch Zwinglis Freiheitsbegriff aufnimmt und weiterentwickelt bis hin zum Begriff der Gewissensfreiheit, den er im Genfer Katechismus 1545 einführt. Wim Janse sieht in den Lehren Melanchthons und Ebers die Basis der reformierten Kirche. Anhand des Bremer Abendmahlstreits 1555–1561 macht er deutlich, dass die Wittenberger Abendmahlslehre durchaus differenziert war. Melanchthons Lehren etwa siedelt er zwischen denen von Luther und Calvin an. Ebenso sieht er sowohl in Bucers als auch in Ebers Abendmahlslehre eine starke Anlehnung an die Lehren Calvins. Walter Sparn erläutert in seinem Aufsatz, inwiefern sich der theologische Dissens zwischen Lutheranern und Reformierten im Verlauf des 16. bis hinein ins 17. Jahrhundert ausweitet und verschiebt. Er zeigt auf, wie die Prädestinationslehre bis ins 18. Jahrhundert hinein zum großen innerprotestantischen Streitthema wurde und welche Rolle dieser Dissens in der Entwicklung und Festigung beider Konfessionen hatte. Den Schlusspunkt des Sammelbandes setzt Robert Kolb mit seinem Aufsatz »Dynamics of Party Conflict in the Saxon Late Reformation«. Die Arbeit wurde hier der leichteren Zugänglichkeit halber nochmals abgedruckt, nachdem sie bereits 1977 im »Journal of Modern History« und 1996 mit kleinen Änderungen in Robert Kolbs »Luther’s Heirs Define His Legacy. Studies on Lutheran Confessionalization« Eingang gefunden hatte.

    Der Sammelband liefert ein aufschlussreiches und breites Spektrum an innerprotestantischen Streitthemen und Gemeinsamkeiten, die weit über das im Titel angekündigte frühe konfessionelle Zeitalter hinausgehen. Auffallend ist, dass die meisten Arbeiten von der lutherischen Wahrnehmung des Calvinismus ausgehen bzw. die calvinistische und reformierte Theologie in erster Linie ausgehend von den Lehren Luthers und Melanchthons sowie den Hochschulen im Reich aus definiert wird. Weiterführend wären hier sicherlich auch Beispiele von Schülern Calvins oder auch der Blick auf die theologischen Fakultäten in Basel und Genf bzw. die Höhere Schule für Theologie in Zürich oder der Blick in die Niederlande und nach Frankreich gewesen.

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    PSJ Metadata
    Susanne Häcker
    H. J. Selderhuis; M. Leiner; V. Leppin, Calvinismus in den Auseinandersetzungen des frühen konfessionellen Zeitalters (Susanne Häcker)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    16. Jh., 17. Jh.
    4011882-4 4136802-2 4136343-7 4128337-5 4036718-6
    1555-1648
    Deutschland (4011882-4), Calvinismus (4136802-2), Konfessionalisierung (4136343-7), Kontroverse (4128337-5), Luthertum (4036718-6)
    PDF document selderhuis_haecker.doc.pdf — PDF document, 86 KB
    H. J. Selderhuis; M. Leiner; V. Leppin, Calvinismus in den Auseinandersetzungen des frühen konfessionellen Zeitalters (Susanne Häcker)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/selderhuis-leiner_haecker
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 15:30
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:08
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