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C. Schröer, Republik im Experiment (Klaus Deinet)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Christina Schröer, Republik im Experiment. Symbolische Politik im revolutionären Frankreich (1792–1799), Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2014,
XII–763 S. (Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), ISBN 978-3-412-20783-0, EUR 79,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Klaus Deinet, Wuppertal

»Die Tracht der fünf Glieder des Direktoriums ist ohnstreitig sehr reich, aber in einem Geschmack, der meinem Bedünken nach der Wichtigkeit dessen, was ihr Charakter vorstellen soll, nicht angemessen ist. Ihre Kleidung ist zu theatralisch, zu vergoldet, zu zusammengesetzt und zugeschnitten. […]. Sie ist, wenn ich mich so ausdrücken kann, nicht im Sinne der Sache. Man musste ein Costume haben; das ist wahr, aber es hätte einfach und doch edel, ernst und ohne Zieraten sein sollen.« An diese kluge Beobachtung, die Andreas Georg Friedrich Rebmann 1797 seinen »Zeichnungen zu einem Gemälde des jetzigen Zustandes von Paris« anvertraute, muss man denken, wenn man das umfangreiche Buch von Christina Schröer über die Kulturpolitik der ersten französischen Republik liest. Welcher Ehrgeiz wurde hier auf die angemessene Repräsentation eines Regimes verwandt, das angetreten war, die Turbulenzen der Umbruchsjahre für immer zu beenden und das doch kaum länger währen sollte als dieser Umbruch selbst? Stimmt es, was Rebmann über die Unausgewogenheit von Inhalt und Form bei der Selbstdarstellung der späten Republikaner konstatierte? Und empfanden es die einheimischen Augenzeugen ebenso? Eine angemessene Antwort auf solche Fragen zu finden ist wohl unmöglich. Aber nach der Lektüre der vorliegenden Studie und angesichts der enormen Materialfülle, die die Autorin ausbreitet, stellen sie sich sozusagen mit verdoppelter Schärfe.

Die Dissertation von Christina Schröer ist aus dem überaus produktiven Sonderforschungsbereich 496 »Symbolische Kommunikation vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution« an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hervorgegangen, in dem Hans-Ulrich Thamer bis vor wenigen Jahren diejenige Sektion, die bis ins 19. Jahrhundert reichte, leitete. Das Frankreich der Umbruchsepoche von 1789 bis 1848 bot ein besonders dankbares Objekt für die Frage danach, wie nach einer Revolution ein neues Regime mittels einer spezifischen Symbolpolitik seinem politischen Status aufzuhelfen und ihm den Anspruch von Legitimität und Kontinuität zu verleihen suchte. Dass dieser Kunstgriff auch in umgekehrter Richtung funktionieren konnte, hat vor einiger Zeit Natalie Scholz in ihrem Buch über die Symbolpolitik der späten Bourbonen gezeigt. Schröer unternimmt nun einen entsprechenden Versuch für die Zeit des französischen Direktoriums, jenes schmale Jahrfünft, das von der Revolutionshistorie allzu lange stiefmütterlich behandelt wurde, weil man in ihm nur ein Scharnier zwischen Robespierre und Bonaparte zu sehen meinte. Dass auch diesem Regime, wie im übrigen allen ihm nachfolgenden in dem turbulenten französischen »siècle insurrectionnel et romantique« (Daniel Halévy), von seinen Gründern bestimmt war zu dauern, sei am Rande bemerkt.

Und eine weitere Vorbemerkung soll nicht vergessen werden: Wer sich die zweite Hälfte der Französischen Revolution zu seinem Untersuchungsgebiet erwählt, der hat sich – rein technisch gesprochen – so ziemlich das Schwierigste ausgesucht, was in der durch und durch zerforschten Revolutionshistorie noch als lohnendes Objekt zu finden ist. Denn eine eingehende Untersuchung der Kulturpolitik der Direktorialperiode – eine solche ist die Arbeit, auch wenn sie in den jakobinischen Konvent zurückgreift – setzt die intime Kenntnis der vorausgegangenen Phasen der Revolution voraus; schließlich haben die handelnden Akteure diese ja nicht nur erlebt, sondern zumeist auch erlitten und wollten nun ihre Erfahrungen in unmittelbare Politik umsetzen. Wer über die Zeit nach 1794 schreibt, der könnte also ebenso gut mit dem Jahre 1789 anfangen, was Christina Schröer in den zahlreichen Unterkapiteln ihrer Studie denn auch gelegentlich tut.

Umso erstaunlicher ist, was bei der detaillierten Durchmusterung der Erscheinungen, der sich Schröer mit geduldiger und nie nachlassender Akribie widmet, herauskommt. Die Autorin durchmustert die verschiedenen Facetten der offiziellen Kulturpolitik, von den materiellen Symbolen wie der Flagge, den Freiheitsbäumen oder der Amtstracht der Hoheitsträger, über die Festumzüge und Staatsakte bis hin zu der Architektur der offiziellen Gebäude, die in den Jahren zwischen 1795 und 1799 zu amtlichen Stätten umgewidmet wurden und dies teilweise – wie im Falle des Palais Bourbon – bis heute geblieben sind. In einem weiteren, ebenfalls sehr umfangreichen Teil geht sie den Erziehungsvorhaben nach, durch die die späten Revolutionäre die republikanischen Errungenschaften in den Gebräuchen der Franzosen zu verankern suchten. Sie untersucht zu diesem Zweck die verschiedenen Konzepte der sog. »institutions républicaines«, die Geschichtspolitik, die Dekadenfeiern, den Kult der Theophilantropie bis hin zu der von den Direktoren hartnäckig weiterbetriebenen Durchsetzung der Kalenderreform. Alle diese Teilaspekte werden in ihrer Entwicklungsgeschichte im Verlauf der Revolution dargestellt, Kontroversen werden nachgezeichnet, es wird danach gefragt, wieweit sich die Absichten der Urheber durchsetzen konnten. Dazu kommt eine reiche Bebilderung der Arbeit aus den Schätzen der zeitgenössischen Druckgrafik.

Natürlich fragt sich der Leser nicht erst am Ende seiner Lektüre, ob all die Anstrengungen, die die offizielle Kulturpolitik unternahm, nicht von Anfang an vergebliche Liebesmühe bleiben mussten angesichts einer desolaten Ausgangslage am Ende einer Revolution, in deren Verlauf die Gesellschaft sich gleich in mehrfacher Hinsicht in Freunde und Feinde atomisiert hatte. Wer so denkt, läuft allerdings Gefahr, in das eben erwähnte alte Vorurteil über die Direktorialperiode einzustimmen. Die Wahrheit ist komplexer, denn – auch das zeigt die Arbeit – es gibt nicht »die« Direktorialperiode. Wenn man die Arbeit entgegen der Konzeption ihrer Autorin doch als eine diachrone Kulturgeschichte der Jahre 1795 bis 1799 liest, dann zeigt sich, dass die fünf Jahre nach dem Sturz Robespierres deutlich in zwei Hälften zerfallen, und zumindest in der ersten Hälfte war der Erfolg der wiedererlangten Konsensbildung noch offen. Erst nach 1797 und unter dem trügerischen Schutz der Fructidorgesetze, die eine Art milde terreur einführten, gingen Anspruch und Wirklichkeit endgültig auseinander, konnten sich jene Sumpfblüten einer staatlich verordneten politischen Kultur entfalten, durch die die Machthaber den Kontakt zu den Massen definitiv verloren und nur noch die Interessen und Idiosynkrasien von Minderheiten bedienten. Erst für diese letzten Jahre gilt dann wohl nach wie vor jenes Fazit, das Tocqueville in einem der schönsten Kapitel des unvollendeten zweiten Bandes von »L’Ancien Régime et la Révolution« unter dem suggestiven Titel »Comment la République était prête à recevoir un maître« beschrieben hat.

Nur wer zu viel von einer solchen Studie erwartet, wird am Ende enttäuscht sein. Die Frage, ob und, wenn nein, warum und ab wann genau das Direktorium den Kampf um die öffentliche Meinung verlor, kann auch Christina Schröer nicht beantworten. Die Arbeit bietet eine Analyse der offiziellen Kulturpolitik der Direktorialzeit und eine partielle Darstellung der Resonanz, die diese in der Öffentlichkeit fand; eine endgültige Bewertung der Politik des Direktoriums will und kann sie nicht leisten, auch wenn die Autorin in ihrem Fazit sich sowohl von der alten These der Kritiker des Direktoriums wie von der seiner neuerlichen Wiederentdecker, die in ihm bereits den Vorläufer der modernen Demokratie sehen, absetzt und einen »dritten Weg« vorschlägt: Das Direktorium – so lautet ihre Diagnose – war ein Experiment der Moderne, der wenn auch verfrüht unternommener Versuch, eine republikanische Identität in den Boden des alten Frankreich einzupflanzen, ähnlich dem, den fast ein Jahrhundert später mit mehr Geduld und Erfolg die Dritte Republik unternahm. Dass dieser Versuch im Keim stecken blieb, lag ebenso an den ungünstigen Außenbedingungen – der Zerklüftung der Gesellschaft durch Krieg und Bürgerkrieg – wie auch an der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit. Es war also ein Probelauf auf eine Republik, für die die Mehrheit der Franzosen noch nicht reif war.

Soweit möchte man der Autorin zustimmen. Und doch bleiben Fragen. Waren die »republikanischen Institutionen«, vor allem in ihrer von La Révellière-Lépeaux ausgebrüteten Version einer Trennung des »neuen Menschen« in eine privat-religiöse Innen- und eine staatsbürgerlich-republikanische Außenhälfte, wirklich mehr als ein der Wirklichkeit abgetrotztes abstraktes Postulat? Konnten solche Konstruktionen auf Resonanz bei zumindest einem Teil der neuen Gesellschaft rechnen? Und wie weit reichten die per Gesetz verordneten neuen Sitten und Gebräuche – die nach dem Dezimalsystem geordnete Zeit, der Revolutionskalender, die Dekadenfeiern, die mit geradezu barockem Pomp begangenen Feste und Prozessionen –, wirklich bereits in den Alltag der Franzosen hinein? Drangen sie überhaupt in den Raum des ländlichen Frankreich, der France profonde , vor?

Die Autorin hat in dem dritten Teil ihrer Arbeit auf diese Fragen eine Antwort zu geben versucht. Sie ist nicht bei einer systematischen Darstellung der Kulturpolitik stehen geblieben, sondern hat aus den zahlreichen und nun wieder aufmüpfiger werdenden Artikeln der Journalisten und Pamphletschreiber auf die Reaktion der Öffentlichkeit geschlossen. Aber daraus ergibt sich noch kein einheitliches Gesamtbild, denn natürlich blieb auch die veröffentlichte Meinung ein Diskurs unter Eliten mit dem Gravitationszentrum Paris. Die große Mehrheit der ländlichen Wähler, so scheint es, blieb stumm, verschloss sich der aktiven Teilnahme, richtete sich so gut es ging in der Revolution ein und verschrieb sich einem Attentismus, der demjenigen nicht unähnlich war, der das Jahrzehnt nach 1871 kennzeichnete.

Die Arbeit liest sich mit großem Gewinn, sie setzt aber einen durchgehend aufmerksamen und geduldigen Leser voraus. Dass die Autorin bei der Anlage ihrer Untersuchung der systematischen Gliederung den Vorzug vor der Chronologie gegeben hat, ist nachvollziehbar und richtig. Freilich hat diese Vorgehensweise auch Nachteile. Da jeder der verschiedenen Teilaspekte einzeln abgehandelt und in sich chronologisch durchlaufen wird, sind Redundanzen kaum zu vermeiden. So bleibt aber auch die diachronische Dynamik des Jahrfünfts unterbelichtet. Dass z. B. das Direktorium des Fructidor nochmals ganz neu ansetzt und einen letzten Anlauf zur Verankerung der revolutionären Errungenschaften in der Mentalität der Menschen unternimmt, wird zwar an vielen Stellen der Arbeit erwähnt, aber nie im Zusammenhang dargestellt. Auch gönnt die Autorin dem Leser selten das Vergnügen, bei einer markanten Persönlichkeit oder einem herausragenden Ereignis erzählerisch ein wenig zu verweilen; dabei hätten so unterschiedliche Charaktere wie Barras, Carnot, Reubell oder der schon erwähnte La Révellière ein dankbares Objekt für solche Studien abgegeben, ebenso ein »Event« wie der Empfang des osmanischen Botschafters im Juli 1797, der eine wahre turcomanie im nachrevolutionären Paris ausgelöst haben soll.

Aber das sind letztlich nachrangige Erwägungen, die den Wert der Arbeit nicht mindern. Wer immer in Zukunft es unternimmt, die zweite Hälfte der Französischen Revolution etwas genauer in Augenschein zu nehmen, wird in der vorliegenden Arbeit einen unerschöpflichen Begleiter finden. Es ist nur zu hoffen, dass die französische und angloamerikanische Forschung, die nun einmal den Ton in der Revolutionshistoriographie vorgeben, dies auch in gebührender Weise zur Kenntnis nehmen werden.

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PSJ Metadata
Klaus Deinet
C. Schröer, Republik im Experiment (Klaus Deinet)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Ideen- und Geistesgeschichte, Politikgeschichte
Neuzeit bis 1900
4015701-5 4018183-2 4031883-7 4277311-8 4184197-9
1500-1900
Europa (4015701-5), Französische Revolution (4018183-2), Kommunikation (4031883-7), Symbolische Politik (4277311-8), Symbolischer Interaktionismus (4184197-9)
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C. Schröer, Republik im Experiment (Klaus Deinet)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/schroeer_deinet
Veröffentlicht am: 11.03.2015 15:20
Zugriff vom: 21.11.2017 11:04
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