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V. Reinhardt, De Sade oder Die Vermessung des Bösen (A. Gmelch)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Volker Reinhardt, De Sade oder Die Vermessung des Bösen. Eine Biographie, München (C. H. Beck) 2014, 464 S., 60 Abb., ISBN 978-3-406-66515-8, EUR 26,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Adrian Gmelch, München


Wer war der Marquis de Sade? Ein Krimineller, Libertin, Philosoph, Schriftsteller oder Revolutionär? Nach der Lektüre von Volker Reinhardts Biografie wird klar, er war von alldem ein bisschen – ein Zwitter, ein Hybrid, ein fabulierendes Mischwesen. Als Libertin war er ein unerbittlicher Liebhaber, göttlicher Offizier und Frauenschwarm, als Krimineller mehrmals Gefangener und Frauenalbtraum. Philosoph und Menschenforscher wurde er im Laufe seiner Erlebnisse und Taten, Schriftsteller im Gefängnis in Vincennes und schließlich in der Bastille. Aus letzterer entkam er als opportuner Revolutionär und konnte politisch eine Weile das postrevolutionäre Paris mitgestalten. Am Ende seiner Tage wurde er zum Dramatiker in einer Irrenanstalt. Was den Marquis auszeichnete, war seine persönliche Vielfalt, sein ständiger Drang nach mehr und anderem – das macht diese Biografie eindrucksvoll deutlich.

Der Historiker Volker Reinhardt erweckt de Sade zum Leben. Dies gelingt ihm durch seine präzise, angenehme Sprache und einer Spannung, die er konstant aufrechterhalten kann. So liest sich die Biografie phasenweise wie ein Kriminalroman: De Sade als perverser Blasphemier hastet von einer »kranken Affäre« zur nächsten und wird dabei ständig von den Behörden beziehungsweise der »Sittenpolizei« um den Inspektor Marais herum verfolgt. Ihm gelingt dabei mehrmals die Flucht. Dieser Kriminalromanaspekt entsteht auch dadurch, dass der Autor Polizeiberichte zitiert, die eine recht düster-anschauliche Atmosphäre heraufbeschwören. Im Oktober 1763 kommt es zur »Affäre Jeanne Testard«: de Sade »beweist« mittels antichristlicher Sexualriten mit einer Prostituierten die Nicht-Existenz Gottes. Nach einer Anzeige wird er zwei Wochen lang eingesperrt. Es folgen weitere Affären in den Jahren 1768, 1772, 1773 und 1776. Dabei kommt es zu sadistischen und masochistischen Taten, Verletzungen, Vergiftungen und (homo-)sexuellen Ausschweifungen ungewöhnlichen Ausmaßes. De Sade kann mehrere Male entkommen, wird aber genauso oft festgenommen. Ein endgültiges Ende hat dieser Kriminalromanabschnitt 1777 als der Marquis im Alter von 36 Jahren für zwölf Jahre ins Gefängnis muss.

Dort entstehen bis 1790 die ersten literarischen Entwürfe und Werke: der »Dialog eines Priesters und eines Sterbenden« sowie die »120 Tage von Sodom«. Später auch der Briefroman »Aline et Valcour« und die erste Fassung des monumentalen Romans »Justine«. De Sade erweist sich in seinen Texten als umfassender Atheist und Kritiker des Christentums à la Nietzsche, stellt sich in die Tradition der materialistischen Philosophie und legt dar, dass der Mensch von der Natur aus prädestiniert ist und seine (bösartigen) Neigungen nicht ändern kann. Alle Moral also wäre wider die Natur selbst! Diese philosophischen Bekenntnisse und Überlegungen sind in den Romanen und Schriften des Marquis enthalten und werden in der Biografie ausführlich dargestellt. Dabei wird stellenweise so sehr auf einige Werke eingegangen, dass de Sade als Person in den Hintergrund rückt, was für den passionierten, geduldigen Leser aber kein Problem darstellen sollte. Beleuchtet werden so ausführlich etwa »Justine« und »Juliette«.

Als Zwischenfazit kann an dieser Stelle gesagt werden, dass dem Autor eine gut lesbare und umfassende Biografie gelungen ist. Wohltuend für den Lesefluss ist dabei die Entscheidung, auf einen Fußnotenapparat (außer für Zitate de Sades) zu verzichten. Kritisch angemerkt werden kann jedoch, dass zuweilen versucht wird, das Leben zu sehr mit dem Werk in Beziehung zu setzen, so dass das Gefühl einer zu engen Beeinflussung entsteht. Dies ist etwa der Fall bei dem Aufenthalt de Sades bei seinem Onkel, dem Abbé de Sade. Hier wird das spätere Werk mit Erlebtem verglichen. Der fünfjährige de Sade sei hier erstmals mit Literatur, Prostitution und Voyeurismus in Verbindung gekommen. Das mag stimmen, aber ob der Marquis später bei der Redaktion von »Justine« auch noch an seinen Onkel gedacht hat, ist zumindest zweifelhaft. Immerhin gesteht der Autor hier auch ein, dass folgender Abschnitt »unsicher« sei. Nichtsdestotrotz gelingt dem Verfasser die meiste Zeit über der Spagat zwischen Leben und Werk de Sades.

Besonders bereichernd und abrundend wirkt das letzte Kapitel über die Nachwirkung de Sades im künstlerisch-intellektuellen Milieu Europas. Sei es bei Poeten und Schriftstellern wie Baudelaire, Apollinaire und Bataille oder bei Denkern wie Nietzsche, Freud und Camus. Besonders interessant gestaltet sich dabei die Interpretation Horkheimers und Adornos: De Sade habe die dunkle Seite der Aufklärung gezeigt. Eine von Bevormundung befreite Vernunft kann gefährlich werden und den Prozess der »Lumières« umkehren – Selbstzerstörung und Nihilismus sind das Ergebnis. Wenn diese in eine Staatsideologie eingebettet werden, dann hat man den Weg in Richtung eines totalitären Systems eingeschlagen.

Der Marquis war schon immer provokativ, polemisch und herausfordernd – seine Rezeption war es die meiste Zeit über mindestens genauso. Doch diese habe sich – laut dem Verfasser – in den letzten Jahrzehnten »verharmlost« und de Sade sei ein Autor »frei schwebender Humanfiction-Texte« geworden, der somit den Weg in die breite Öffentlichkeit gefunden habe. Deshalb schließt die Biografie auch mit eindringlichen, nachhallenden Worten: »Als leicht konsumierbare Sommerfestival-Kost [hat de Sade] seine Texte jedoch nicht gesehen, sondern als fortwährende Provokation über die Abgründe des Menschen und seiner Existenz nachzudenken. Diese Anstößigkeit ist heute von allen Seiten bedroht. Sie wiederherzustellen war ein Ziel dieser Biographie.« Dieses Ziel hat Volker Reinhardt erreicht.

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PSJ Metadata
Adrian Gmelch
V. Reinhardt, De Sade oder Die Vermessung des Bösen (A. Gmelch)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
18. Jh., 19. Jh.
4018145-5 118604759 4006804-3
1740-1814
Frankreich (4018145-5), Sade, Donatien Alphonse François de (118604759), Biografie (4006804-3)
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V. Reinhardt, De Sade oder Die Vermessung des Bösen (A. Gmelch)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/reinhardt_gmelch
Veröffentlicht am: 11.03.2015 16:30
Zugriff vom: 25.06.2017 09:04
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