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J. Racine St-Jacques, L’honneur et la foi (Mona Garloff)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jules Racine St-Jacques, L’honneur et la foi. Le droit de la résistance chez les réformés français (1536–1581), Genève (Librairie Droz) 2012, 218 p. (Cahiers d’Humanismet et Renaissance, 107), ISBN 978-2-600-01587-5, CHF 48,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Mona Garloff, Stuttgart

Die knappe Studie von Jules Racine St-Jacques thematisiert die Entwicklung des reformierten Widerstandsrechts im Kontext der französischen Religionskriege. Die Arbeit ist in drei chronologisch angelegte Teile gegliedert: 1) Zunächst untersucht der Autor Calvins ambivalente Haltung zum gewaltsamen Widerstand gegen den Herrscher, der zwar in der »Institutio Christianae Religionis« prinzipiell abgelehnt wurde, im 20. Kapitel des Werks und in späteren Schriften jedoch eingeschränkte Befürwortung fand. 2) Die Berufung auf den Genfer Reformator bildete in den 1560er Jahren eine wichtige Legitimationsgrundlage des bewaffneten Widerstandes adeliger Kreise um Louis de Condé, der sich unter anderem gegen die Einflussnahme der Guise auf den jungen König Karl IX. richtete. Bei der genaueren Analyse dieser Schriften wird jedoch deutlich, dass sich die Kritik am beobachteten Machtmissbrauch der Krone aus einer Vielzahl von Einflüssen wie etwa xenophobischen Motiven (Antiitalianismus) speiste, die nicht ausreichend als Erklärungsfaktoren einbezogen werden. Im abschließenden Teil 3) orientiert sich Racine St-Jacques an einem Kanon von zehn Schriften, deren Autoren den Monarchomachen zugeordnet werden. Im Verlauf der 1560er Jahre ist eine zunehmende Radikalisierung des Widerstandsdenkens zu konstatieren, wie etwa das Beispiel der bislang seltener untersuchten »Question politique« von Jean de Coras (ca. 1568) zeigt. Das gewaltsame Vorgehen gegen den Monarchen, der sich als Tyrann offenbart hatte, musste, wie es in den »Vindiciae contra tyrannos« formuliert wurde, nicht mehr institutionell etwa durch die Zustimmung der Generalstände abgesichert sein. Dieser Befund stützt auch ein zentrales Argument der Studie, nämlich dass die blutigen Ereignisse der Bartholomäusnacht 1572 nicht als primärer Auslöser dieser Radikalisierung zu sehen sind. Diese These ist jedoch keinesfalls neu, vielmehr fußt sie auf den grundlegenden Arbeiten u. a. von Ralph E. Giesey, Donald Kelley, Denis Crouzet und Paul-Alexis Mellet 1 .

Racine St-Jacques zeigt, dass die unterschiedliche argumentative Schwerpunktsetzung und Diversität der ausgewählten Texte Gruppenidentitäten wie die der Monarchomachen, eine polemische Bezeichnung, die 1600 von dem schottischen Juristen William Barclay geprägt wurde, aufweichen. Es ist jedoch fraglich, ob der (anachronistische) alternative Vorschlag einer »théorie alter-monarchiste de la résistance« tragfähig ist. Der Autor möchte unter diese Theorie alle Texte fassen, die von den Protestanten in der Zeit der Religionskriege verfasst wurden, um die durch sie hervorgerufene Gewalt zu rechtfertigen (»tous les textes produits par les protestants lors des guerres de Religion pour justifier la violence politique par eux provoquée«, S. 197). Als Sammelbegriff erscheint jedoch die Fokussierung auf den theoretischen Gehalt der reformierten Widerstandsschriften des 16. Jahrhunderts irreführend, zeichnet sich doch gerade das Schrifttum der 1560er Jahre durch einen engen handlungsorientierten Bezug auf die aktuelle politische Konfliktsituation aus. Dies zeigt bereits ein kursorischer Durchgang durch die thematisch gegliederte Bibliografie unter der Rubrik »textes justificatifs des réformés« (S. 199–210). Racine St-Jacques beansprucht, die Schriften aus ihrem politischen Entstehungskontext heraus zu analysieren, der jedoch ausschließlich auf die französische Konfliktsituation beschränkt bleibt und prägende Einflüsse aus den europäischen Nachbarländern wie etwa die niederländischen Aufstände völlig ausblendet 2 .

Die Verbindung zwischen theologischen und politischen Argumentationsmustern hätte über das erste Kapitel hinaus stärker herausgearbeitet werden können, finden sich gerade bei Theodor Beza oder in den »Vindiciae« häufig biblizistische Legitimationsweisen. Der Titel der vorliegenden Studie »L’honneur et la foi« erscheint in diesem Zusammenhang kaum dem Gesamtanspruch der Arbeit gerecht zu werden, werden doch hauptsächlich in den im Teil 2) besprochenen Texten adelige Ehrvorstellungen aus dem Umfeld der sogenannten malcontents deutlich (diese Gruppenidentifikation wird im Übrigen vom Autor nicht problematisiert).

Angesichts der vertieften Vorstudien zur Thematik kommt der Autor nicht umhin, die dort vertretenen Thesen einzubeziehen, doch wird durchgängig eine stärkere Abgrenzung vermisst. Die Studie von Racine St-Jacques wäre überzeugender ausgefallen, wäre etwa im Falle von François Hotman, Theodor Beza oder Philippe Duplessis-Mornay (seine Autorschaft der »Vindiciae« bleibt strittig!) eine stärkere Rückbeziehung der Werke auf die Autoren und die individuellen Bedingungen der Textproduktion vorgenommen worden. Der in der vorliegenden Arbeit gewählte Fokus bleibt hingegen textimmanent, weder die Auswahl des Textcorpus noch die zeitliche Rahmensetzung der untersuchten Texte bis 1581 werden überzeugend erklärt. Es erscheint sinnvoll, Kritik an Labels anzubringen, mit denen die Forschung in Adaption polemischer Fremdbezeichnungen Gruppenidentitäten zu schaffen sucht, die in dieser Form etwa für die Monarchomachen nicht bestanden. Der Ansatz, die theologisch-politisch geprägten Kernelemente des calvinistischen Widerstandsdenkens in ihrer Entstehung und Wechselwirkung bis zum frühen 16. Jahrhundert zurück zu verfolgen, könnte durchaus neue Forschungsakzente setzen. Zweifelsohne wurden diese Vorstellungen durch die Lehre Calvins stark geprägt, jedoch erscheinen die vorgenommene Auswahl und Analyse der insgesamt 18 Schriften zu eng, um die verschiedenen Denktraditionen des reformierten Widerstandsdenkens überzeugend herauszuarbeiten. Anstelle einer weiteren Studie zum protestantischen Widerstandsrecht innerhalb des französischen Kontextes wäre es an der Zeit, diese Denktraditionen für das 16. Jahrhundert innerhalb eines europäisch vergleichenden Projekts zu untersuchen.

1 Vgl. exemplarisch Ralph E. Giesey, When and Why Hotman wrote the » Francogallia « , in: Bibliothèque d’Humanisme et Renaissance XXIX (1967), S. 581–611.

2 Paul-Alexis Mellet, Nouveaux espaces et autres temps. Le problème de la Saint-Barthélemy et l’horizon européen des monarchomaques, in: ders. (Hg.), Et de sa bouche sortait un glaive. Les monarchomaques au XVI e siècle. Actes de la Journée d’étude tenue à Tours en mai 2003, Genf 2006 , S. 79–99.

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PSJ Metadata
Mona Garloff
J. Racine St-Jacques, L’honneur et la foi (Mona Garloff)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
16. Jh.
4018145-5 4136802-2 4153260-0 4046562-7 4048946-2 4221524-9
1536-1581
Frankreich (4018145-5), Calvinismus (4136802-2), Evangelische Publizistik (4153260-0), Politische Theologie (4046562-7), Reformation (4048946-2), Religiöse Verfolgung (4221524-9)
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J. Racine St-Jacques, L’honneur et la foi (Mona Garloff)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/racine-st-jacques_garloff
Veröffentlicht am: 11.03.2015 14:40
Zugriff vom: 25.06.2017 09:04
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