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    A. M. Plane; L. Tuttle, Dreams, Dreamers, and Visions (Marion Kintzinger)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Ann Marie Plane, Leslie Tuttle (ed.), Dreams, Dreamers, and Visions. The Early Modern Atlantic World, Philadelphia, Pennsylvania (University of Pennsylvania Press) 2013, XIV–316 p., ISBN 978-0-8122-4504-2, USD 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Marion Kintzinger, Münster

    Einleitend skizzieren die Herausgeberinnen das Programm des Bandes, das einen Diskurs über Träume zwischen der europäischen und der transatlantischen Welt im Zeitraum von 1450 bis 1800 exemplarisch erschließen möchte.

    Ähnliche Auffassungen, Muster und Inhalte birgt eine europäische Traum-Geschichte, sodass der Traum universale Konstanten zu haben scheint. Antike Philosophie und christliche Lehre formten ein Bild von Entstehung und Bedeutung der Träume, wonach diese als göttliche Offenbarung sowie als Versuchung und Bedrängnis durch dämonische Geister verstanden wurden. Darüber berichtet in dem vorliegenden Sammelband Janine Rivière in ihrem Beitrag »Demons of Desire or Symptoms of Disease? Medical Theories and Popular Experiences of the ›Nightmare‹ in Premodern England« (S. 49–71), indem sie einen breiten Überblick über die Geschichte der Träume im frühneuzeitlichen England bietet. Natürliche Ursachen der Träume wie schweres Essen, Schlafverhalten oder Krankheit waren lange bekannt und verfeinerten sich durch humoralpathologische Theorien über die Säfte im Körper, die sich ihrerseits auf die Imagination und den Geist auswirkten. Nach medizinischen Theorien verstärkte sich im 18. Jahrhundert ein Zusammenhang von Nervenerregung und psychischen Erkrankungen wie Hysterie als Erklärung für Albträume, ohne dass man sich auf dem Buchmarkt von religiösen Deutungsangeboten verabschiedet hätte. Insgesamt werden Zeichen einer Verinnerlichung des Traumes rekonstruiert.

    Neu und besonders faszinierend erscheint ein erweiterter Blick auf Europa, die transatlantische Welt und ihre Veränderung durch die koloniale Expansion. Aus Sicht europäischer Missionare wird geschildert, welche Relevanz der Traum für die indigene Bevölkerung hatte. Hier wurden Narrative konstruiert, die der europäischen Kultur fremd sind. Auch ihre Wirkung bezieht sich weniger auf die Deutungsmacht der Träume, die auf Politik und Religion zurückwirkten, sondern es wird gezeigt, dass diese Träume für eine Gemeinschaft handlungsauslösend waren. Der Diskurs über Träume der indigenen Bevölkerung und Träume europäischer Frauen und Männer, Laien und Kleriker steht damit nicht nur in einem religiösen Kontext, sondern in einem Machtdiskurs, in dem die Eroberer der Neuen Welt ihr Handeln legitimieren und Wege zur Konversion der indigenen Bevölkerung erschließen und erzwingen wollten.

    Programmatisch setzen die Herausgeber deshalb voraus, dass es wenig sinnvoll sei, im Zeitraum von 1450–1800 zwischen der Welt der Träume und der Welt der Politik zu unterscheiden. Zugleich bereiteten Träume als Narrative einen Zugang zum öffentlichen Bewusstsein, durch das wir Ängste und Wünsche, Sozialkritik und Legitimation und schließlich sogar Inspiration für den Rationalismus und medizinische Theorien finden, wie Ann Marie Plane und Leslie Tuttle in ihrer Einführung (»Introduction: The Literatures of Dreaming«, S. 1–30) bemerken. Sie heben hervor, dass es sich hierbei um soziale Konstruktionen von Wahrheit und Bedeutung handelt, und binden diese zurück an eine historische Konstellation von Kulturen, die durch die koloniale Expansion nach Asien, Afrika und Amerika entstanden seien. Erste Verbindungslinien zwischen diesen einander fremden Kulturen seien durch die Berichte der Missionare hergestellt worden. Gerade in einer Zeit bahnbrechender Veränderungen hätten Träume eine wichtige Rolle gespielt, um diesen Prozess zu strukturieren und als sinnvoll interpretieren zu können.

    Mary Baine Campbell untersucht in ihrem Beitrag »The Inner Eye: Early Modern Dreaming and Disembodied Sight« (S. 33–48) aus philosophischer Perspektive Traumkulturen in England und Frankreich. Sie akzentuiert deren Nähe zur Rationalität, um den Kontrast zu den Träumen der Neuen Welt hervortreten zu lassen, die demgegenüber als wild und unzivilisiert erschienen. Sie zeigt, wie sich der Jesuit Paul Ragueneau über kollektive Traumvisionen in den »Jesuit Relations« äußerte. Danach habe eine lokale Gottheit der Gemeinschaft den guten Rat gegeben, sich nicht durch die Höllen-Vorstellungen der Missionare verängstigen zu lassen. Einen Traumwunsch tatsächlich zu erfüllen, habe zu den Aufgaben der Gemeinschaft gehört.

    Träume als historische Quelle im frühneuzeitlichen Spanien beschreibt María V. Jordán in ihrem Aufsatz »Competition and Confirmation in the Iberian Prophetic Community: The 1589 Invasion of Portugal in the Dreams of Lucrecia de León« (S. 72–87). Sie berichtet von den Träumen der jungen Lucrecia de León, die 1589 die Invasion der englischen Flotte unter Sir Francis Drake vorhergesagt hatte. Jenseits der Frage, ob diese Träume authentisch oder historisch korrekt waren, führen die Traumerzählungen in die Geschichte politischer Diskurse in Spanien ein. Sie geben preis, welche Ängste, Hoffnungen und utopischen Visionen gesellschaftlich virulent waren und wie politische Kritik, religiöse Warnung und Bestrafung gegenüber Philipp II. von Spanien enthüllt wurden. Lucretias Träume ähneln einem politischen Kommentar, wenn auch in einer imaginären Landschaft mit unglaublichen Gesprächen der Hauptfiguren über aktuelle politische Ereignisse. Politik, Ethik und Religion standen im Traum der Frühen Neuzeit nah beieinander, so wie Träume zugleich religiöse Ankündigung, politische Legitimation, Formung einer öffentlichen Meinung (zum Beispiel hinsichtlich der Verteidigungsstrategie gegenüber dem britischen Angriff) und schließlich auch Aufruf zu einem friedlicheren politischen Kurs sein konnten. Damit gelingt es der Autorin, die historische Bedeutung von Traumüberlieferungen konzise und überzeugend darzustellen.

    Wie unmöglich es ist festzustellen, ob Träume als authentisch und real oder als fiktive politische Satire aufgefasst wurden, zeigt Luís R. Corteguera in seinem Beitrag »The Peasant Who Went to Hell: Dreams and Visions in Early Modern Spain« (S. 88–103) anhand einer in Spanien anonym veröffentlichten Erzählung des Bauern Pere Porter, der in die Hölle reiste.

    Politisch und zukunftsweisend sind auch die Träume, über die der portugiesische Jesuit Antonio Vieira berichtete. Als Missionar und als Gesandter zwischen Brasilien und Portugal war es sein Anliegen, die katholische Missionierung Brasiliens in Verbindung mit einer Herrschaft unter der Führung der portugiesischen Dynastie Bragança als Beginn eines Fünften Imperiums vorherzusagen. Zugrunde legt er seine Auslegung biblischer wie auch zeitgenössischer Überlieferungen wie die Prophetien des Schusters Gonçalo Anes Bandarra, der messianische Hoffnungen auf einen portugiesischen König entstehen ließ. Der Artikel befragt die Geschichte daraufhin, welcher Kampf um Autorität zwischen Kirche, Krone und öffentlicher Meinung ausgetragen wurde, um nationale Zukunftshoffnungen in Zeiten der Krise zu kontrollieren.

    Durch Berichte der spanischen Franziskaner sind auch Träume der indigenen Bevölkerung überliefert, welche Kontaktzonen zwischen beiden sichtbar machen. In der Texasmission waren die Missionare beauftragt, die Caddos zu disziplinieren. Dennoch, so stellt Carla Gerona in ihrem Beitrag »Flying Like an Eagle: Franciscan and Caddo Dreams and Visions« (S. 125–146) fest, gelang es diesen, ihre Praktiken und Zeremonien zu bewahren, in denen Träume in Lieder umgewandelt wurden, und dies, obwohl christliche Vorstellungen bereits aufgenommen worden waren. Reglementiert war hingegen der Zugang zu Träumen auf der Seite der katholischen Kirche, die entweder durch die Inquisition oder durch klerikale Befürworter die Autorität einer Träumerin anerkannte oder infrage stellte.

    Noch stärker unterstreicht Andrew Redden in seinem Text »Dream-Visions and Divine Truth in Early Modern Hispanic America« (S. 147–165), dass Träume möglicherweise universale Phänomene sein könnten, tatsächlich aber sehr unterschiedlich erinnert und erzählt wurden – und genau hier liege ihr Wert für die Geschichte. Nicht immer sind sie kritisch und subversiv; häufig sind sie auch ein Medium der Annäherung. Dies erläutert Redden anhand der Erzählung eines jungen Mapuche über seinen Traum, den sein jesuitischer Zuhörer erläutert und kommentiert.

    Ein Traum-Ballett wurde 1671 in Paris vom Jesuiten-Kolleg aufgeführt, das unterhaltsam Traumlehren und belustigende Auswüchse bäuerlicher Traumauffassungen zum Besten gab. So beschreibt Leslie Tuttle in ihrem Beitrag »French Jesuits and Indian Dreams in Seventeenth-Century New France« (S. 166–184) auch die Entwicklung eines Traumdiskurses, innerhalb dessen jesuitische Missionare in Neu-Frankreich ihre neugewonnenen kulturellen Erfahrungen reflektierten und dann in Europa über die Träume der indianischen Kulturen berichteten.

    Differenziert stellt Phyllis Mack in ihrem Aufsatz »The Unbounded Self: Dreaming and Identity in the British Enlightenment« (S. 207–225) den Wechsel zum 18. Jahrhundert dar, den sie nicht als Säkularisierungsprozess beschreibt. Sie untersucht Träume von Quäkern, Methodisten und Calvinisten und stellt heraus, dass die überindividuelle, politische Botschaft des Traumes gegenüber dem »Selbst« des Träumers an Bedeutung verloren hat. Introspektion auf das »Selbst«, die eigene Identität und Entwicklungsmöglichkeit, die Frage nach einer Integration zwischen Wünschen und natürlichen Anlagen und einer moralisch verantworteten Existenz kennzeichnen nun die Textur der Träume. Kontrollinstanzen, etwa bei den Quäkern, sind weiterhin gebräuchlich. Hervorstechend ist aber die Unterscheidung von öffentlicher, skeptischer Reflexion und privater, interessierter Interpretation in Tagebüchern und privatem Austausch über Träume. Der Traum bildet nun den Gegenstand eigener, individueller Wahrnehmung und ist eine Quelle der Inspiration für die Autobiografie.

    Die Stärke des Bandes besteht zum einen darin, dass der enge europäische Horizont für eine transatlantische Geschichte des Traumes verlassen wird; zum anderen gelingt es den Verfassern hervorragend und sprachlich konzise, den Zusammenhang von Traum und Geschichte immer wieder neu zu fassen.

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    PSJ Metadata
    Marion Kintzinger
    A. M. Plane; L. Tuttle, Dreams, Dreamers, and Visions (Marion Kintzinger)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa, Nordamerika
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    4206638-4 4060750-1 4063618-5
    1290-1800
    Atlantischer Raum (4206638-4), Traumdeutung (4060750-1), Vision (4063618-5)
    PDF document plane_kintzinger.doc.pdf — PDF document, 96 KB
    A. M. Plane; L. Tuttle, Dreams, Dreamers, and Visions (Marion Kintzinger)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/plane_kintzinger
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 12:45
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:01
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