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M. Ott, Salzhandel in der Mitte Europas (Frank Göttmann)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Martin Ott, Salzhandel in der Mitte Europas. Raumorganisation und wirtschaftliche Außenbeziehungen zwischen Bayern, Schwaben und der Schweiz, 1750–1815, München (C. H. Beck) 2013, CIV–664 S., Reg. (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, 165), ISBN 978-3-406-10780-1, EUR 68,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Frank Göttmann, Paderborn

Die Verfügbarkeit von Salz prägt die Menschheitsgeschichte und sichert die Ernährungsgrundlagen, physiologisch, als Konservierungsstoff und in der Tierhaltung. Wir Heutigen haben angesichts der ubiquitären Verfügbarkeit diese schlichte Tatsache aus den Augen verloren, welche etwa Jean-François Bergier in seiner Kulturgeschichte »Die Geschichte vom Salz« (1989) so eindrücklich vor Augen geführt hat. In der Tat: »Salz macht Geschichte«, wie eine Ausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte (1985) formulierte, wo die vielfältigen politischen, wirtschaftlichen, siedlungsgeografischen, kulturellen und geologischen Bezüge gerade Bayerns zu dem lebensnotwendigen Mineral thematisiert wurden. Auch wenn Eckart Schremmer schon vor Jahren in den »Deutschen Handelsakten« den süddeutschen Salzmarkt unter bayerischer Perspektive dokumentiert und Rudolf Palme in einer Vielzahl von Arbeiten das Tiroler Salzwesen behandelt hat, ist das Thema noch lange nicht erschöpft. Daher erscheint es gerechtfertigt, dass die vorliegende Münchner landesgeschichtliche Habilitationsschrift (2011) unter der übergeordneten Frage der politischen und wirtschaftlichen Raumbeziehungen vor dem Hintergrund der Umbruchzeit vom 18. zum 19. Jahrhundert den bayerischen Salzhandel erneut aufgreift. Es gelingt dem Verfasser, die schier endlose Spezialforschung zu rezipieren, auf eine wesentlich erweiterte archivalische Materialbasis zu stellen (deutsche, schweizerische, österreichische und französische Stadt- und Staatsarchive) und in die staatlichen Selbstvergewisserungs- und Formierungsprozesse im Großraum Bayern – Schwaben – Schweiz und deren Beziehungen zueinander einzubetten. Dabei scheint als impliziter Bestimmungsfaktor der unterschiedliche politische Entwicklungsstand der beteiligten Akteure auf: des Kurfürstentums Bayern als relativ fortgeschrittenen Verwaltungsstaats, Oberschwabens als »offener« politischer Landschaft mit dem Schwäbischen Reichskreis als institutionellem Bezugsrahmen, schließlich der Eidgenossenschaft als Bund autonomer Stände mit dem Führungsstand Bern.

Jener Wandel des erfassten politischen Raumes, der zugleich einen Wandel der räumlichen Salzhandelsstrukturen bedeutete, spiegelt sich chronologisch in der Abfolge zweier Teile des Buches: Der Salzhandel in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Teil III) und derjenige in der Zeit der Koalitionskriege und Napoleons (Teil IV). Im Teil davor (II) werden die gesetzlichen, administrativen, regionalen und lokalen sowie technischen und betriebsorganisatorischen Grundlagen der Salzgewinnung und des Salzhandels mit einer schier unendlichen Fülle lokalgeschichtlicher Details ausgebreitet. Deren Binnengliederung folgt zunächst der Beschreibung territorialer Lagerstätten und Standorte der Erzeugung in einem weiten, an den Rändern ausdünnenden Rundumschlag vom Zentrum Bayern aus über Tirol in den südwestdeutschen Kernraum und von da nach Franken und Mitteldeutschland. Vor der Betrachtung der Schweiz als Empfängerraum – richtiger der autonom agierenden eidgenössischen Orte – schließlich werden dessen westliche Lieferregionen in Augenschein genommen: Lothringen, die Franche-Comté, Savoyen und die Mittelmeerküste. Mit der Nennung letzterer Regionen deutet sich schon das raumpolitische und -wirtschaftliche Spannungsfeld an, in dem die Eidgenossenschaft zwischen dem Reich einerseits und Frankreich andererseits agiert und das die Verhandlungen über Salzlieferverträge und die räumliche und administrative Infrastruktur des Salzhandels bestimmen musste. Und um diese beiden Aspekte geht es vornehmlich auch in der Arbeit. Zugespitzt: Das Salz ist das Medium, durch das sich bayerische Außen- und Territorial- sowie Wirtschaftspolitik konstituiert. Die Berichte auswärtiger Gesandter in Bayern nach Hause – ein gutes Stück Diplomatiegeschichte – sind für die Arbeit besonders hinsichtlich der Wirtschaftsverhältnisse und der Finanzlage Bayerns und deren Einschätzung seitens Dritter von Interesse, sie vernachlässigten insgesamt aber das Salzwesen, auch wenn sie den ökonomischen Sektor zunehmend beachteten.

Insgesamt betrachtet gründet die Untersuchung auf dem vielschichtigen Komplex von vernetzten Ereignissen, Verhandlungen, Verfahren, Kommunikationsbeziehungen, Strukturen, handelnden Personen, aber auch der Symbolhaftigkeit bayerischer Diplomatie an den Höfen und gegenüber den Regierungen in Frankreich, Österreich, Großbritannien und den eidgenössischen Ständen, zu großen Teilen erstmals zusammenhängend erarbeitet aus umfangreichem Archivmaterial und der überreichen, sachlich höchst disparaten Forschungsliteratur. Deren Auswertung und Zusammenschau fördert in der Verdichtung manche interessanten Detaileinsichten zutage, hinter denen sich indessen die großen Linien der Entwicklung dem weniger mit den Verhältnissen vertrauten Leser nicht sofort erschließen. Möglicherweise wäre eine strikter systematische anstatt der chronologisch-strukturgeschichtlichen Anordnung des Stoffes günstiger gewesen. Beispielsweise werden zwar an den verschiedensten Stellen des Textes Informationen zu vertraglichen Lieferquantitäten geboten, mögliche konjunkturelle Schwankungen oder auch die tatsächlich gehandelten Mengen sind jedoch nur schwer nachzuvollziehen, weil der Autor konsequent auf Statistiken, Grafiken und Karten verzichtet – immerhin leistet insofern ein langes Orts-, Personen- und Sachregister eine gewisse Abhilfe. Doch ist man nach wie vor auf Schremmers o. e. Dokumentation angewiesen.

Für die Schrift ist »Raumorganisation«, wie im Untertitel ausgewiesen und an vielen Stellen als »Handlungsraum« wiederholt, offenbar ein entscheidender Begriff sowohl der Analyse als auch Erkenntnisziel. Dass sich der Autor in dieser wichtigen theoretisch-methodischen Frage mehr oder weniger mit dem Hinweis auf Benno Werlen begnügt, enttäuscht (dieser Name fehlt im Register, ebenso wie die Stichwörter »Raum«, »spatial turn« o. ä.), auch wenn in der Arbeit Raum vornehmlich politisch-territorial und nicht als System aufgefasst wird. Damit wird leider auch die Chance verschenkt, das mehrfach konstatierte Preisgefälle zwischen konkurrierenden Erzeugerstandorten und unterschiedliche Salzqualitäten bei der Interpretation der Lieferverträge raumtheoretisch als Bedingungsfaktor zu würdigen.

Zweifellos aber leistet die Arbeit für die Durchdringung des überregionalen Salzhandelsgeschehens und die Relevanz des Salzes für alle Sparten der bayerischen Politik einen gewichtigen Beitrag, wenn auch das historische Kapitel »bayerisches Salz« damit noch nicht abgeschlossen sein dürfte.



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PSJ Metadata
Frank Göttmann
M. Ott, Salzhandel in der Mitte Europas (Frank Göttmann)
CC-BY 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Bayern, Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Schweiz
Wirtschaftsgeschichte
18. Jh., 19. Jh.
4005044-0 4053668-3 4053881-3 4134262-8 4051437-7 4454848-5 4066508-2
1800-1900
Bayern (4005044-0), Schwaben (4053668-3), Schweiz (4053881-3), Politische Kommunikation (4134262-8), Salzhandel (4051437-7), Territorialpolitik (4454848-5), Wirtschaftsraum (4066508-2)
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M. Ott, Salzhandel in der Mitte Europas (Frank Göttmann)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/ott_goettmann
Veröffentlicht am: 11.03.2015 12:45
Zugriff vom: 21.11.2017 11:07
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