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W. G. Monahan, Let God Arise (Dominic Schumann)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

W. Gregory Monahan, Let God Arise. The War and Rebellion of the Camisards, Oxford (Oxford University Press) 2014, XII–297 p., 11 fig., 2 tabl. , ISBN 978-0-19-968844-9, USD 75,00.

rezensiert von/ compte rendu rédigé par

Dominic Schumann, Paris

Nun liegt endlich die erste englischsprachige Monografie zum Kamisardenaufstand (1702–17010) – dem Krieg in den Cevennen – vor, der bis dato weder in der englischen noch in der deutschen Geschichtsschreibung angemessen berücksichtigt wurde.

W. Gregory Monahan, emeritierter Professor der Eastern Oregon University, stützt sich bei seiner gut lesbaren und bestens dokumentierten Darstellung neben der Forschungsliteratur auch auf eine große Anzahl von Archivquellen, vor allem auf Dokumente des französischen Nationalarchivs und des Archivs des französischen Verteidigungsministeriums. Der Titel » Let God Arise « ist eine Anspielung auf Psalm 68, den die aufständischen Kamisarden zu Beginn der Schlachten sangen.

In 13 Kapiteln zeichnet der Historiker ein recht genaues Bild der Vorgeschichte, des Hintergrundes und des Verlaufs des Kamisardenaufstandes nach. Er lässt den Krieg mit den letzten Hinrichtungen der Kamisardenführer im Oktober 1710 enden.

Seine Darstellung setzt erfreulicherweise bereits im Jahr 1683 mit dem sogenannten » Toulouse-Projekt « ein. Es handelt sich dabei um ein friedliches Widerstandsprojekt der religiösen Minderheit gegen die Schließung und Zerstörung der reformierten Kirchen ( temples ) und der Einschränkung der Religionsfreiheit. Die Niederschlagung dieses Widerstandes ist ein Vorgeschmack auf den Kamisarden-Aufstand.

Durch den Widerruf des Edikts von Nantes im Oktober 1685 wurde der Protestantismus in Frankreich verboten. Alle Pastoren wurden ausgewiesen oder traten zum Katholizismus über. Die noch vorhanden temples wurden zerstört. Laienprediger und sogenannte Propheten traten in die Lücke, die die Pastoren hinterließen. Das religiöse Leben verschob sich auf Grund des Versammlungsverbotes mehr und mehr in den Kreis der Familie. Monahan spricht von einer » family culture of resistance « (S. 20) und weist immer wieder auch auf die besondere Rolle der Frauen und Mütter hin, die einen nicht zu vernachlässigenden Platz in der Rebellion einnahmen.

Im dritten Kaptiel ( » I will pour out my spirit « ) wird das nicht einfach zu erklärende Phänomen des Prophetismus angeschnitten. Es handelt sich um ein wichtiges Kapitel, unverzichtbar um den Hintergrund des Aufstands zu verstehen, denn fast alle Kamisarden-Führer waren gleichzeitig Laienprediger und Propheten.

Ab 1688 begannen die sogenannten » Propheten « , die Protestanten zur Buße aufzurufen. Sie sollten trotz des Konfessionszwangs weder zur Messe gehen, noch in der katholischen Kirche heiraten, noch ihre Kinder dort taufen lassen.

Monahan stellt die verschiedenen Erklärungsversuche für den Prophetismus in diesem Kapitel zunächst aus heutiger Sicht vor, bevor er sich dann der zeitgenössischen Interpretation zuwendet.

Vertreter der katholischen Kirche (z. B. Esprit Fléchier, Bischof von Nîmes) sprachen von einem Werk des Teufels – Satan bediene sich der Propheten. Ähnlich kritisch standen dem Phänomen die Protestanten des Refuge gegenüber. Basville, der Intendant des Languedoc, vermutete hinter dem Prophetismus eine Genfer Verschwörung, die darauf aus war, einen Aufstand anzuzetteln. Für die Anhänger der Propheten gab es jedoch nichts zu erklären. Sie glaubten einfach der Botschaft der Propheten. Alles war sehr verständlich, da diese – Monahan zufolge – biblisch war (S. 39). Im Folgenden wählt der Autor die Perspektive der Propheten und späteren Kamisarden.

Der Aufstand brach mit der Ermordung des Erzpriester Du Chaila in Pont-de-Montvert am 24. Juli 1702 aus. Er wurde vor allem von jungen Männern angeführt: Handwerker, Dorflehrer und Wollkämmerer boten den königlichen Truppen die Stirn und begannen, ihre ärgsten Verfolger zu ermorden und katholische Kirchen in Brand zu stecken.

Die Rebellen wurden » camisards « genannt, der Begriff geht wohl auf das Wort » camisol « (frz. für kurzärmliges Hemd) zurück, in dem die Aufständischen zu kämpfen pflegten.

Die Forderungen der Kamisarden waren rein religiöser Natur: Sie traten für Religionsfreiheit ein. Im Mittelpunkt der Religionsausübung der Kamisarden standen Predigt, Gebet, Psalmensingen und Prophetie; sonntags ruhten die Kampfhandlungen zumeist.

Auf beiden Seiten kam es im Laufe des Krieges zu Gewaltexzessen, einer der vielen traurigen Höhepunkte war der von Monahan so genannte » tempest of fire « im Herbst 1703. In 500 Pfarrbezirken der Cevennen wurden Dörfer und Weiler niedergebrannt; 13 000 Bewohner wurden obdachlos.

Durch seine fundierte Quellenkenntnis kann Monahan den Aufstand immer wieder auch in den größeren Kontext des Spanischen Erbfolgekrieges stellen. Er unterstreicht, dass der Krieg in den Cevennen für Ludwig XIV. nicht die oberste Priorität hatte. Deshalb zögerte der Sonnenkönig auch lange Zeit mit einer Truppenverstärkung im Languedoc. Basville und dem jeweiligen Oberbefehlshaber der Truppen (Comte de Broglie, Maréchal de Montrevel und Maréchal de Villars) fiel somit die Hauptlast des Krieges zu.

Lange Zeit ging die Guerilla-Taktik der Kamisarden auf und weder Broglie noch Montrevel vermochten der Lage Herr zu werden. Am 15. April 1704 kam es jedoch zu der verheerenden Schlacht von Nages ‑ über 1000 Aufständische ließen dort ihr Leben. Im Mai 1704 begannen daraufhin Verhandlungen.

Da das Ziel der Religionsfreiheit in den Verhandlungen durch den Kamisardenführer Jean Cavalier nicht erreicht wurde, setzten einige Aufständische den Kampf fort. Als mehrere Kamisardenführer im März und April 1705 getötet wurden, schien der Krieg endgültig beendet zu sein.

Allerdings gelang es dem Kamisarden Abraham Mazel am 24. Juli 1705 aus dem Gefängnisturm, der » tour de Constance « in Aigues-Mortes zu flüchten. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im Juni 1709 mit einigen Kamisarden kam es zu mehreren Schlachten; ein Landungsversuch von englischen Truppen in Agde scheiterte einen Monat später. Schließlich wurden die letzten Kamisardenführer im Oktober 1710 hingerichtet. Der Aufstand kam nun endgültig zum Erliegen.

In seiner Darstellung des Kamisardenaufstandes zeichnet Monahan in beeindruckender Art und Weise die Ereignisse jenes Religionskrieges nach. Trotz des begrenzten Raumes geht er auf alle wichtigen Ereignisse der Rebellion ein, ohne die Vorgeschichte und den Hintergrund außer Acht zu lassen. Bei Schlüsselereignissen wie dem Kriegsausbruch am 24. Juli 1702 und den Waffenstillstandsverhandlungen im Mai 1704 zeigt sich die ausgezeichnete Quellenkenntnis Monahans ganz besonders. Die staatlich-katholischen und die protestantischen Dokumente widersprechen sich oft in wichtigen Punkten. Monahan gleicht die gesammelten Informationen miteinander ab; ihm gelingt es, auf kürzestem Raum Lösungsvorschlage für Widersprüche zu präsentieren und so einen wissenschaftlich fundierten Abriss des Kamisardenaufstandes vorzulegen, der gleichzeitig noch gut lesbar ist. Besonders ertragreich war dabei auch die Hinzunahme der Korrespondenz zwischen dem Intendanten Basville und Versailles.

Einziger Wermutstropfen ist der hohe Verkaufspreis. In jedem Fall gilt: Zur Lektüre wärmstens empfohlen! Es wäre zu wünschen, dass das Buch auch eine deutsche Übersetzung findet.

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PSJ Metadata
Dominic Schumann
W. G. Monahan, Let God Arise (Dominic Schumann)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte
18. Jh.
4018145-5 4003554-2 4163151-1
1702-1710
Frankreich (4018145-5), Aufstand (4003554-2), Kamisarden (4163151-1)
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W. G. Monahan, Let God Arise (Dominic Schumann)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/monahan_schumann
Veröffentlicht am: 11.03.2015 12:05
Zugriff vom: 25.03.2017 03:01
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