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    B. Jörgensen, Konfessionelle Selbst- und Fremdbezeichnungen (Marc Mudrak)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Bent Jörgensen, Konfessionelle Selbst- und Fremdbezeichnungen. Zur Terminologie der Religionsparteien im 16. Jahrhundert, Berlin, New York (De Gruyter) 2014, 512 S. (Colloquia Augustana, 32), ISBN-978-3-05-006489-5, EUR 99,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Marc Mudrak, Heidelberg/Paris

    Es ist im Grunde erstaunlich, dass sich bisher kaum ein Historiker für die taxonomischen Prozesse des 16. und frühen 17. Jahrhunderts interessiert hat 1 . Dabei sagt ein Wort manchmal mehr über das Eigene und die Wahrnehmung des Anderen als viele Gesten und lange Reden. Bent Jörgensen hat sich in seiner Augsburger Dissertation der Namensbildung der Konfessionsgruppen zwischen 1517 und 1648 angenommen. Er zeigt, wie konfliktreich und heterogen die taxonomischen Entwicklungen verliefen und dass die Gruppenbezeichnungen selbst zu einem Konfliktmoment in den religiösen Auseinandersetzungen wurden. Der Autor dekonstruiert dadurch sprachliche Kategorien, die in der Forschung zu häufig als gegeben angesehen und unreflektiert übernommen werden.

    Jörgensen legt seiner Studie ein vielfältiges Quellenkorpus zugrunde, entlang dessen er die Arbeit gliedert. Nach der Einführung und einer methodisch-theoretischen Diskussion untersucht er im dritten Kapitel repräsentative Flugschriften wichtiger Kontroverstheologen. In deren Polemiken kommen die Selbst- und Fremdbezeichnungen offen und zugespitzt zum Vorschein. Martin Luther rechnet sich ganz selbstverständlich zur allgemeinen, katholischen Kirche und sieht sich und die Seinen als Teil des Christentums. Mit derlei Bezeichnungen wird ein Universalitätsanspruch ausgedrückt, den – meist sogar mit denselben Begrifflichkeiten – auch die Altgläubigen und die Reformierten für sich reklamieren. Universalbegriffe werden somit zu exklusiven Parteibegriffen, allen voran das Wort »catholisch« (aber erst spät im 16. Jahrhundert). Die Bezeichnung »lutherisch« lehnt der Wittenberger Reformator ab, da der Begriff von seinen Gegnern in die Welt gesetzt worden sei und den Vorwurf impliziere, seine Lehren seien eine Erfindung und nicht christlich. Früh bezeichneten die Luthergegner die Reformation als Neuerung und deren Anhänger als »Newchristen«, was die Protestanten wiederum auf die Katholiken und deren angebliche Abänderungen des wahren alten Christentums ummünzen. Die Zuordnung des Begriffs »Evangelische« erweist sich als schwierig, da auch Altgläubige und Reformierte für sich in Anspruch nehmen, »wahrhaft evangelisch« zu sein.

    Im vierten Kapitel analysiert Bent Jörgensen den Sprachgebrauch in normativen Dokumenten der Kirche, den päpstlichen Bullen gegen Luther, den Dekreten des Konzils von Trient sowie den evangelischen Kirchenordnungen. In den Bullen bezeichnet der Papst die römische Kirche als »alt und universell« und schließt Ketzer sowie vermeintliche Erneuerer alter Häresien aus dem corpus christianum aus. Sehr ähnlich lautet es in den tridentinischen Dekreten. Die Terminologie ändert sich nur geringfügig in den protestantischen Kirchenordnungen – nur sind eben die Bezugsgrößen umgekehrt. Die Verwendung der Namen Luthers oder Calvins als Selbstbezeichnung wird von manchen evangelischen Obrigkeiten in den Einführungsmandaten der Kirchenordnungen hingegen verboten.

    In einem weiteren Abschnitt untersucht der Autor die Begriffskonstruktion im Kontext der Reichstage. Nach einem kurzen Überblick über deren Abläufe folgt im sechsten Kapitel eine ausführliche Analyse der Rahmentexte der Reichstagsverhandlungen (Ausschreiben, Propositionen, Abschiede und Mandate). Dabei und auch in den folgenden Kapiteln zu den Reichstagen geht Jörgensen chronologisch vor. Dadurch werden seine Ausführungen teilweise zu einer Nacherzählung der Verlaufsgeschichte in der zitierten Sprache der Zeitgenossen. Hier wären eine stärker problematisierende Herangehensweise wünschenswert und eine thematische Gliederung eine Option gewesen.

    Die terminologischen Veränderungen in den öffentlichen Reichstagsdokumenten sind eng mit den politischen Bedürfnissen des Kaisers und den aktuellen Spannungen zwischen den konfessionellen Kräften verbunden. Dissimulierende und mehrdeutige Kompromissformeln kaschieren Differenzen und ermöglichen die Fortsetzung der Kommunikation zwischen den Ständen. So kann die Bezeichnung »Christ« sowohl integrativ als auch exkludierend eingesetzt werden. Anti-evangelisch ausgerichtete Reichstage bringen Ketzerterminologien in den Rahmentexten mit sich. Dabei gibt es Nuancen im Umgang mit den verschiedenen reformatorischen Strömungen. Reformierte werden als »Sekten« bezeichnet, sofern sie nicht zumindest formell Anschluss an die Confessio Augustana finden. Schließlich zeigt Jörgensen, dass der zeitgenössische Begriff »Protestanten« vorsichtig zu verwenden ist und nur allmählich Eingang in das offizielle Vokabular fand, nicht zuletzt da zahlreiche Protestationen auf dem Reichstag eingereicht wurden. Immer wieder wird auch die Einstellung der jeweiligen Reichsstände etwa zum Wormser Edikt und bezüglich der protestantischen Stände zur Confessio Augustana zum begrifflichen Kristallisationspunkt. Die »Augsburger Konfessionsverwandten« setzen sich ab 1542 als offizielle reichsrechtliche Bezeichnung für die (lutherischen) Evangelischen durch. Katholische Stände wiederum werden als Anhänger der »alten Religion« bezeichnet. Oft bleibt die altgläubige Seite ganz ohne expliziten Namen, da sie sich ja als »Normalfall« sieht.

    Der Exkurs im siebten Kapitel des Bandes befasst sich mit den Begrifflichkeiten, die überkonfessionell gegen Täufer und Türken eingesetzt wurden. Im achten und letzten Kapitel analysiert Jörgensen die nicht-öffentlichen Reichstagsakten, darunter Instruktionen und Berichte sowie die Kommunikation innerhalb der konfessionellen Gruppen. Bei Kaiser und Papst lässt sich zu Beginn der Reformation »kein bedeutender terminologischer Unterschied zwischen öffentlichen und internen Schriften feststellen« (S. 346). Andererseits finden sich die harten Worte gegen Luther im Wormser Edikt in den Verhandlungstexten der Stände nicht wieder. In der Folge zeigen sich sowohl Übereinstimmungen als auch teils große Unterschiede hinsichtlich der jeweiligen Selbst- und Fremdbezeichnungen. Auch fallen manche Begriffe in der nicht-öffentlichen Kommunikation früher (z. B. »Protestanten«) oder später als in den offiziell-normativen Quellen.

    Bent Jörgensen hat mit seiner Dissertation einen wichtigen Stein ins Rollen gebracht. Leider thematisiert er nicht, welche Auswirkungen seine Ergebnisse auf den Wortschatz der Wissenschaft haben müssten. Wie und nach welchen Kriterien sollen nun Historiker die Gruppen benennen, die ihnen vor Augen stehen? Wie muss sich die heterogene und widersprüchliche Quellensprache auf die Wissenschaftssprache auswirken 2 ? So schreibt der Autor unentwegt und schon für die frühen 1520er Jahre von »Katholiken« und »katholischer Kirche« und verwendet damit einen Begriff, der mit seiner spezifisch distinktiven Bedeutung erst viele Jahrzehnte später zweifelsfrei zuzuordnen ist. Besser hätte er – nah an den Quellen – von »Altgläubigen« gesprochen.

    1 Eine der wenigen Ausnahmen ist Johannes Burkhardt, Alt und Neu. Ursprung und Überwindung der Asymmetrie in der reformatorischen Erinnerungskultur und Konfessionsgeschichte, in: Peter Burschel , Mark Häberlein, Volker Reinhardt u. a. (Hg.), Historische Anstöße. Festschrift für Wolfgang Reinhard zum 65. Geburtstag am 10. April 2002, Berlin 2002, S.  152–171.

    2 Zu diesem Problem vgl. insbesondere , Jean-Pierre Cavaillé, Pour un usage critique des catégories en histoire, in: Pacale Haag, Cyril Lemieux Faire des sciences sociales. Bd. 1 :Critiquer, Paris 2012, 121-147.

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    PSJ Metadata
    Marc Mudrak
    B. Jörgensen, Konfessionelle Selbst- und Fremdbezeichnungen (Marc Mudrak)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte, Sprache
    17. Jh.
    4011882-4 4136343-7 4174997-2 4191506-9
    1600-1700
    Deutschland (4011882-4), Konfessionalisierung (4136343-7), Polemik (4174997-2), Sprachgebrauch (4191506-9)
    PDF document joergensen_mudrak.doc.pdf — PDF document, 115 KB
    B. Jörgensen, Konfessionelle Selbst- und Fremdbezeichnungen (Marc Mudrak)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/joergensen_mudrak
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 11:40
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:01
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