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    J. Feuchter, J. Helmrath, Parlamentarische Kulturen vom Mittelalter bis in die Moderne (Klaus Deinet)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jörg Feuchter, Johannes Helmrath, Parlamentarische Kulturen vom Mittelalter bis in die Moderne. Reden – Räume – Bilder, Düsseldorf (Droste) 2013, 436 S. (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, 164; Parlamente in Europa, 2), ISBN 978-3-7700-5317-9, EUR 59,80.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Deinet, Wuppertal

    Wer den Titel des vorliegenden Sammelbandes liest, der mag sich fragen, wie ein so breit angelegtes und unspezifisch formuliertes Thema in den Griff zu bekommen sei. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis ist geeignet, die Zweifel hinsichtlich der Konzeption noch zu verstärken. In der zeitlichen Dimension spannen sich die Beiträge vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, räumlich reichen sie über die europäischen Zentralländer England, Frankreich und Deutschland hinaus bis in die europäische Peripherie (die zaristische Duma und die portugiesischen Cortes sind mit je einem Aufsatz vertreten), ja darüber hinaus bis in den Mittleren Orient. Damit nicht genug, zerfällt der Band in zwei Teile: In der ersten Hälfte werden Parlamente unter dem Oberthema »Kontinuitäten – Brüche – Anfänge« gruppiert; im zweiten Teil geht es um »Vormoderne Versammlungen: Reden – Räume – Bilder«. Der Band dokumentiert die Ergebnisse einer Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahre 2010, die ihrerseits die Folgetagung eines vorausgehenden Kongresses von 2006 war, der sich der »Oratorik« der Parlamente widmete.

    Dabei hätte es an leitenden Aspekten sicher nicht gefehlt, aus denen sich eine vergleichende Geschichte der »Parlamentskulturen« hätte entwickeln lassen. Den Rahmen dazu hat Thomas Mergel (Humboldt-Universität zu Berlin) in seinem Eröffnungsbeitrag abgesteckt. Waren die Parlamente Ausdruck eines als unteilbar postulierten Volkswillens, wie es das französische Modell nahelegte, oder dienten sie als institutionelles Diskussionsforum zwischen einer Mehrheit und einer Minderheit, die bei den nächsten Wahlen durchaus zu einer neuen Mehrheit werden konnte, bildeten sie also, wie John Locke es mit Blick auf das englische Parliament formulierte, eine Art institutionell eingehegten Bürgerkrieg? Hatten die Parlamentarier bei ihren Reden die Mitabgeordneten im Auge oder die Öffentlichkeit, die ihren Darbietungen qua Medien (Zeitungen, später Rundfunk und Fernsehen) folgte? Das hatte enorme Rückwirkungen auf die Rhetorik der Parlamente, verwandelte es doch die Abgeordneten aus Sachwaltern einer Diskussion unter Gleichgestellten in Akteure eines öffentlichen Theaters. Und wie stand es schließlich um die Fähigkeit der Parlamente, dieser per definitionem auf das Wort gestellten Institutionen, sich selbst vor Übergriffen einer Gewalt zu schützen, die entweder von der (königlichen) Exekutive oder von einer aufrührerischen Volksmenge ausging?

    Wenn man diesen letzten Ansatz weiterdenkt, fallen einem Beispiele solcher Erpressungen des Parlaments in der frühneuzeitlichen und neueren Geschichte ein, von der Verhaftung von Abgeordneten durch den englischen König Karl I., die den unmittelbaren Anlass für den Ausbruch des Bürgerkrieges bildete, bis zu den nahezu rituellen Besetzungen des Konvents durch die Pariser Sansculotten in den Jahren zwischen 1792 und 1795. Doch dieser Ansatz war den Veranstaltern zu eng, hätte er doch die Auswahl der Beispiele sowohl in geografischer wie auch in zeitlicher Perspektive auf die europäisch-neuzeitliche Perspektive festgelegt. Den Tagungsorganisatoren war vielmehr daran gelegen, die traditionellen Grenzen der historischen Forschungsdisziplinen zu sprengen, und zwar in beiden Richtungen. Das von ihnen gewählte Unterthema »Kontinuitäten – Brüche – Anfänge« verrät die deutliche Absicht, die von Habermas geprägte Vorstellung eines »Strukturwandels der Öffentlichkeit«, dessen Durchbruch zeitlich und räumlich auf die enigmatische Zahl »1789« fixiert ist, aufzubrechen. Das zeigt auch die heftige Polemik der Herausgeber gegen Habermas in dem Einleitungsaufsatz. Man will von der axiomatischen Ineinssetzung von Parlament und Moderne wegkommen, will Kontinuitäten im Selbstverständnis und der Selbstinszenierung von Versammlungen jenseits der Wegmarke von 1789 aufzeigen und den auf den westeuropäisch-atlantischen Raum verengten Blick weiten.

    Ob diese Absicht immer überzeugend eingelöst wurde, mag der Leser selbst entscheiden. Geografisch bleiben Frankreich und England als Paradebeispiele für den thematischen Bezug im Fokus des Interesses. England ist mit fünf, Frankreich immerhin mit drei Aufsätzen vertreten, gefolgt von jeweils einem Beitrag über Deutschland, Portugal, Russland und den skandinavischen Raum. Hinsichtlich der Scheidung von 1789 herrscht Gleichgewicht: sechs Beiträger beschäftigen sich explizit mit der Vormoderne, in den ersten neun Aufsätzen stehen dagegen zeitlich übergreifende Themen im Vordergrund.

    Interessanter ist, wie der im Titel erhobene Kontinuitätsanspruch in den einzelnen Texten inhaltlich eingelöst wird. Bleibt es bei einem unverbindlichen Sowohl-als-auch, oder leuchtet die Kontinuitätsthese ein? Genauer gefragt: Fördert die Tiefenbohrung zurück ins Spätmittelalter Beispiele dafür zutage, dass auch schon die Versammlungen der Vormoderne in sich selber mehr als nur ein ständisches Korrektiv des Königs erblickten? Und lassen sich umgekehrt in der Selbstinszenierung moderner Parlamente noch Spuren einer vormodernen Tradition finden? Schließlich, das Eckdatum »1789« übergreifend: Wie wird der König, sofern er nicht »abgeschafft« wurde, in das sich emanzipierende Parlament integriert?

    Die Spurensuche in der Rückschau überzeugt nicht durchweg. Immerhin gelingt es an zwei akribisch aufgearbeiteten Beispielen – dem Good Parliament von 1376 und den États généraux in Blois von 1576/77 (Benjamin Wiese/Jörg Feuchter, beide Humboldt-Universität) – nachzuweisen, dass auch in vormodernen Ständeversammlungen schon Fundamentalopposition möglich war, dass also, um es mit den Worten des Beitrags zu sagen, aus parlamentarischem Reden »Tat« werden konnte (S. 310), auch wenn, wie im Fall von 1376, der König nach dem Auseinandertreten des Parliament dessen Hauptredner Peter de la Mare, der seinen Ratgeber angeklagt hatte, verhaften und für Monate ins Gefängnis werfen ließ – eine Art missglückter Vorlauf zu den Ereignissen von 1641 sozusagen. Dass in der Selbstauffassung der Eliten König und Parliament bereits früh zu einem »body politic of England« zusammengewachsen waren, zeigt Anna-Maria Blank (ebenfalls Humboldt-Universität) in einer ausführlichen Studie über die Herolde im englischen Parlament des 16. Jahrhunderts.

    Überzeugender erscheinen die Beispiele, die der Kontinuitätsthese in der umgekehrten Richtung nachgehen. So zeigt der Beitrag von Andreas Biefang (Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Berlin), dass zwar seit der Wegmarke von »1789« durch die sukzessive Einführung des allgemeinen Wahlrechts ein Funktionswandel in der Selbstauffassung der Parlamente eingetreten ist, dass aber auch in der Vormoderne schon ein Bewusstsein der Ständevertreter, für das Volk bzw. die Nation zu sprechen, vorhanden war. Philip Manow (Universität Bremen) betont demgegenüber die Fortdauer quasi-sakraler Formen in der architektonischen Selbstinszenierung der modernen Parlamente und belegt diese Kontinuität, indem er sehr schön veranschaulicht, wie drei zentrale Elemente des vorparlamentarischen Raumes im Übergang zur Moderne eine charakteristische Funktionsumwidmung erfuhren: die Kuppel mit dem Glasdach als Ersatz für den über dem Königsthron ausgespannten Sternenhimmel; die aus der Antike stammende Rostra, die zum Rednerpult plus Präsidentensitz mutierte; und die Sitzanordnung des Saales, die in dem charakteristischen Wandel von der rechteckigen zur halbkreisförmigen Anlage die neugewonnene Gleichheit der Abgeordneten untereinander und ihre Zentrierung auf den Präsidentensitz als Verkörperung dieser Einheit zum Ausdruck brachte.

    Die über den westeuropäischen Bereich hinausführenden Beiträge bereichern die Ausgangsfragestellung und fächern die Aspekte noch weiter auf. Dilyara Usmanova (Universität Kasan) durchmustert in einem ebenfalls glänzend belegten Beitrag die Revolutionsrhetorik der russischen Staatsduma von 1905–1907, die im Taurischen Palais in St. Petersburg eine in räumlicher und institutioneller Hinsicht prekäre Existenz zwischen gewähltem Beratergremium und moderner Volksvertretung fristete; und Benjamin Buchholz (Humboldt-Universität zu Berlin) interessiert sich für die Abläufe »zwischen Konsens und Dissens« in der Loya Jirga im Afghanistan der 1920er Jahre, wo sogar die Übergänge zu einer bloßen Audienzversammlung fließend waren.

    Der trotz der nicht immer durchgehaltenen konzeptionellen Stringenz durchaus positive Gesamteindruck wird noch erhöht durch die Anschaulichkeit der Bebilderung. Besonders die genannten Beiträge zeichnen sich durch einen opulenten Fototeil aus, der seltene historische Aufnahmen aus dem Inneren berühmter europäischer Parlamentsgebäude sowie Entwürfe zu konzipierten, aber nie errichteten Bauten bietet. Dies allein, zusammen mit der hohen Qualität des Drucks und der Ausstattung, macht diesen Band zu einem kostbaren Exempel dafür, was Printmedien nach wie vor zu leisten vermögen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Klaus Deinet
    J. Feuchter, J. Helmrath, Parlamentarische Kulturen vom Mittelalter bis in die Moderne (Klaus Deinet)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Politikgeschichte
    1900 - 1919, Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4044696-7
    1300-1907
    Europa (4015701-5), Parlamentarismus (4044696-7)
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    J. Feuchter, J. Helmrath, Parlamentarische Kulturen vom Mittelalter bis in die Moderne (Klaus Deinet)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/feuchter-helmrath_deinet
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 11:20
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:05
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