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    F. Catherine, La pratique et les réseaux savants d’Albrecht von Haller (1708–1777) (Martin Stuber)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Florence Catherine, La pratique et les réseaux savants d’Albrecht von Haller (1708–1777). Vecteurs du transfert culturel entre les espaces français et germaniques au XVIII e siècle, Paris (Honoré Champion) 2012, 720 p. (Les Dix-huitièmes siècles, 161), ISBN 978-2-7453-2257-9, EUR 155,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Martin Stuber, Bern

    Die vorliegende Publikation ist eine überarbeitete Fassung der Dissertation, die Florence Catherine 2007 bei Simone Mazauric an der Universität Nancy eingereicht hat. Untersuchungsgegenstand ist das Netzwerk des Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708–1777), das als Vektor des Kulturtransfers zwischen dem französischen und dem deutschen Kulturraum betrachtet wird. Dabei geht die Verfasserin auf der einen Seite von der dominierenden französischen Aufklärung aus, auf der anderen Seite von einer Schweiz, die nicht nur in der klassischen Vermittlerrolle agierte (Helvetia mediatrix), sondern darüber hinaus in der Welt der Aufklärung Spuren hinterließ. In diesem Zusammenhang sieht sie Hallers ambivalente Haltung gegenüber Frankreich in doppeltem Sinn als exemplarisch an, zum einen für das republikanische Bern gegenüber dem monarchischen Frankreich, zum anderen für die zwischen Misstrauen und Bewunderung schwankenden Gefühle, welche die intellektuelle Produktion aus Frankreich allgemein bei den deutschsprachigen Intellektuellen hervorrief.

    Als konzeptionelle Grundlage dienen zudem neuere wissenschaftshistorische Zugänge, so das Verständnis der Wissenschaft als soziale Praxis (Latour), das Gewicht der politischen Bedingungen der Wissenschaftsproduktion (Shapin) und der Paradigmabegriff (Kuhn), den die Autorin in Wissenschaftsgruppen lokalisiert sieht. Die Zugehörigkeit zu einer Wissenschaftsgruppe ergibt sich für Florence Catherine dabei vielmehr aus einer sozialen Zugehörigkeit zu einem Netzwerk als aus der Homogenität von Fragestellungen und Forschungsmethoden Schließlich orientiert sich die Untersuchung stark an den wegweisenden Studien von François Waquet und Hans Bots zur république des lettres .

    Das eigentliche Rückgrat der Untersuchung bildet Hallers ausgedehntes Korrespondenznetz und davon in erster Linie seine 108 französischen Briefwechsel mit insgesamt 804 an ihn gerichteten Briefen. Beigezogen werden auch einige von Hallers umfangreichen Korrespondenzen mit Italien, wie diejenigen mit Giambattista Morgagni, Marc Antonio Caldani und Ignazio Somis, die eng mit der französischen Gelehrtenwelt verflochten sind. Hinzukommen zentrale Korrespondenzen aus der französischsprachigen Schweiz wie diejenigen mit Charles Bonnet, Samuel-Auguste Tissot und Horace-Bénedict de Saussure. Ausgeschlossen werden hingegen diejenigen Korrespondenten, die als reisende Ausländer von Frankreich aus Briefe an Haller verfassten, was unter dem Gesichtspunkt des Kulturtransfers nicht ganz einsichtig erscheint, auch wenn es aus forschungspragmatischen Gründen nachvollziehbar ist.

    Die Struktur von Hallers französischen Korrespondenzen wird von der Verfasserin äußerst differenziert analysiert, indem sie beispielsweise eine Typologie der Erstbriefe erstellt, die Korrespondenzen nach Dauer und Rhythmus unterscheidet und Beziehungskategorien wie »Patronage« und »Freundschaft« zugrundelegt. 80% der französischen Briefwechsel begannen erst nach Hallers Rückkehr aus Göttingen, was der Phase des reifen Gelehrten entspricht, der bereits von einer gut etablierten Anerkennung profitierte. Viele der häufig jüngeren französischen Korrespondenten versuchten von der europäischen Ausstrahlung ihres Patrons zu profitieren.

    Florence Catherine erkennt in ihrer Untersuchung verschiedene Kreise der Freundschaft und des intellektuellen Austauschs rund um gemeinsame Anliegen und Ideen. Solche inhaltlichen Kristallisationspunkte sind zum einen die auf das Experiment gegründete Forschungsmethode, zum anderen ein auf gesellschaftliche Nützlichkeit ausgerichtetes Wissenschaftsverständnis, wie es sich besonders in den Themen Inokulation, Salzgewinnung und Veterinärmedizin manifestiert. In diesem Bereich ist eine interessante Verzahnung der französischen Hallerkorrespondenz mit der 1759 gegründeten und zeitweilig von Haller präsidierten Oekonomischen Gesellschaft Bern festzustellen, deren Ruf sich in Frankreich rasch verbreitete, so besonders in den Regionen um Besançon und Lyon. Haller verschaffte der jungen Sozietät die einschlägigen Publikationen aus Frankreich, umgekehrt versuchten verschiedene Korrespondenten über Haller die Mitgliedschaft der Oekonomischen Gesellschaft zu erlangen. Solche Asymetrien sind in Hallers Beziehung zu seinen französischen Korrespondenten allgemein zu beobachten: diese erwarteten von Haller meist Patronage, während er vor allem anderen an den Neuerscheinungen aus Frankreich interessiert war und sich über die dortigen Wissenschaftskontroversen zu informieren suchte.

    Es macht eine große Qualität der vorliegenden Studie aus, dass ergänzend zum umfangreichen Briefwechsel auch andere Quellenarten systematisch ausgewertet und zu diesem in Bezug gesetzt werden, so Hallers Beiträge in französischen Wissenschaftszeitschriften (»La Correspondance littéraire de Grimm«, »Journal de Médecine«, »Chirurgie et Pharmacie«, »L’Année Littéraire«, »Mémoires de Trévoux«), Übersetzungen von Hallers Werken ins Französische, Hallers Rezensionen französischer Werke in den »Göttingischen Gelehrten Anzeigen« sowie Hallers Mitgliedschaften in französischen Wissenschaftsakademien. Dabei wird sichtbar, dass sich der deutsch-französische Dialog zwar durchaus aus dem Bewusstsein des Andersseins nährte, in den Briefen aber kaum je die Form einer Konfrontation annahm. Die Bestandteile, welche die religiöse und patriotische Identität Hallers formten, waren nur selten das Thema der brieflichen Kommunikation, die er mit seinen französischen Zeitgenossen unterhielt. Hier ging es Haller in erster Linie um Herstellung und Verbreitung seines wissenschaftlichen Werks und weniger um eine weltanschauliche Positionierung. Haller trug die Streitigkeiten mit den philosophes vor allem in seinen Rezensionen in den »Göttingischen Gelehrten Anzeigen« aus; pointiert kritisch zu den philosophes äußerte er sich zudem in ausgewählten Briefwechseln wie demjenigen mit Vertrauten wie Bonnet, der von Offenheit und Freiheit im Ton geprägt war. Die Variabilität der rhetorischen Register, die Haller gegenüber der heterogenen französischen Aufklärung einsetzte, ist augenscheinlich und relativiert die bisherige Hallerforschung, die in diesem Punkt eher von einer monolithischen Position ausgegangen war.

    Innovativ ist zudem, dass die Transfervorgänge immer in beide Richtungen betrachtet werden. Gefragt wird nicht nur, welchen Platz Frankreich im Denken Hallers einnahm und in wie er in seinem Urteil von seiner helvetischen Identität geprägt war, sondern eben auch, welche Eigenschaften seine französischen Briefpartner der Schweiz zuschrieben und in welchem Ausmaß sich ihr idealisierendes Bild in den Briefen spiegelte. Dies macht die vorliegende Untersuchung auch zu einem wertvollen Beitrag zur räumlichen Differenzierung der Aufklärung, die in jüngster Zeit vermehrt in ihrem dialektischen Verhältnis zwischen Kosmopolismus und Patriotismus in den Blick genommen wurde. Die Verfasserin nimmt diese europäische Perspektive auch insofern ein, als sie sich an vielen Stellen darum bemüht, ihre Ergebnisse in Verbindung zu bringen mit der in den letzten Jahren intensivierten internationalen Hallerforschung (siehe die Zusammenstellung der seit 2005 erschienenen Forschungsliteratur www.albrecht-von-haller.ch ). Es ist Florence Catherine umgekehrt zu wünschen, dass sie mit ihrem beeindruckenden Werk ebenfalls international rezipiert wird. Ihre vielfältigen Ergebnisse bereichern über den engeren Untersuchungsgegenstand hinaus gerade auch die allgemeine Kulturtransferforschung, die sich seit einiger Zeit zunehmend entnationalisiert und stärker den Netzwerkcharakter interkultureller Wechselbeziehungen betont.

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    PSJ Metadata
    Martin Stuber
    F. Catherine, La pratique et les réseaux savants d’Albrecht von Haller (1708–1777) (Martin Stuber)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    18. Jh.
    4011882-4 4018145-5 4033569-0
    1700-1800
    Deutschland (4011882-4), Frankreich (4018145-5), Kulturkontakt (4033569-0)
    PDF document catherine_stuber.doc.pdf — PDF document, 101 KB
    F. Catherine, La pratique et les réseaux savants d’Albrecht von Haller (1708–1777) (Martin Stuber)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/catherine_stuber
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 10:45
    Zugriff vom: 25.03.2017 03:01
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