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S. Benz, Frauenklöster Mitteleuropas (Christine Schneider)

Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Stefan Benz, Frauenklöster Mitteleuropas. Verzeichnis und Beschreibung ihrer Geschichtskultur 1550–1800, Münster (Aschendorff) 2014, 751 S. (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, 160), ISBN 978-3-402-11584-8, EUR 78,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christine Schneider, Wien

Die Zielsetzung des vorliegenden Bandes ist die Erforschung der Geschichtskultur mitteleuropäischer Frauenklöster von der Reformation bis zur Säkularisation. Geschichtskultur meint »die Art und Weise, wie die Menschen einer Gesellschaft ihre vielfältigen Vergangenheitsperspektiven als Geschichte wahrnehmen, wie sie sich selbst in den angenommenen Verlauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einordnen, welche Assoziationen und Gefühle sie mit diesen Annahmen verbinden und wie sie diese gestaltend umsetzen« 1 . Die wichtigsten Quellen für die Frage nach dem Geschichtsbewusstsein von Nonnenkonventen sind Chroniken und allgemeine Historiografie. Die Bandbreite reicht von retrospektiven Chroniken, die von den Nonnen selbst oder von Priestern aus dem sozialen Umfeld der Konvente verfasst wurden, bis hin zu kurzen Anmerkungen auf Rechnungen und Kalendern. Auch Bilder können Zeugnisse von Geschichtskultur sein. Im Gegensatz zu Mönchen hatten Nonnen keinen Zugang zu akademischer Bildung, reflektierten jedoch in ihren Schriften die Geschichte ihres eigenen Konvents bzw. Ordens und der Region, in der sie lebten.

In der Einleitung erläutert der Autor seine Arbeitsweise, einschließlich der damit verbundenen Probleme und Unschärfen. Das Quellen- und Literaturverzeichnis nennt auch die Internetadressen von häufig verwendeten Datenbanken. Am Ende des Bandes findet sich ein Register von wichtigen Eigennamen, Klosterorten und Ordensgemeinschaften.

Der Hauptteil des Buches besteht aus einem beinahe 650 Seiten starken alphabetischen Verzeichnis von rund 1200 Frauenklöstern, die zwischen 1550 und 1800 zumindest drei Generationen lang bestanden und in diesem großen Zeitraum Historiografie produzierten oder zumindest produzieren hätten können. Berücksichtigt werden Belgien, Deutschland, die Tschechische Republik, Österreich, Luxemburg, Südtirol, große Teile der Schweiz, den Westen Polens, das Elsass sowie den kleinen katholischen Teil der Niederlande. Der inhaltliche und geografische Schwerpunkt liegt jedoch auf dem süddeutschen Raum. Das alphabetische Verzeichnis ist nach Klosterorten angelegt. Innerhalb eines Ortes werden die Konvente in alphabetischer Reihenfolge angeführt. Nach der Nennung des Standortes, des Namens und der Regel bzw. des Ordens folgt eine stichworthafte historische Beschreibung. In jedem Fall werden Gründung und Ende des Klosters als Eckdaten genannt. Naturgemäß sind Materialübersichten zur Geschichtskultur, sowie Literatur- und Quellenangaben zu den einzelnen Konventen sehr unterschiedlich in ihrer Ausführlichkeit. Genannt werden historiografische Quellen, die sich in den Klöstern selbst oder weitaus häufiger in kirchlichen oder staatlichen Archiven erhalten haben. Auch nicht mehr existente Quellen werden berücksichtigt.

Stefan Benz legt mit seiner Monografie eine akribisch durchgeführte und innovative Studie zur Geschichtskultur frühneuzeitlicher Frauenklöster in Mitteleuropa vor, die gleichzeitig ein wertvolles Nachschlagewerk und Handbuch darstellt. Das große Verdienst des Autors besteht auch darin, dass er auf einen Forschungsgegenstand und eine Fülle von Quellen aufmerksam macht, die bislang von der universitären Geschichtswissenschaft nur sehr geringe Aufmerksamkeit erfahren haben. So unterschiedliche Fachrichtungen, wie Genderforschung, vergleichende Landesgeschichte, Theologie, Geschichtstheorie und Kirchen- und Ordensgeschichte werden davon profitieren Es steht zu hoffen, dass der erleichterte Zugang zu bislang unbekannten Quellen sowohl vergleichende Forschungen zur weiblichen Ordenslandschaft als auch Einzelstudien zu Frauenklöstern anstoßen wird. Die im Vorwort aufgeworfene Frage, ob eine so umfangreiche Datensammlung besser digital oder in Papierform veröffentlicht werden muss, soll oder kann, muss an dieser Stelle nicht endgültig beantwortet werden.

1 Daniel R. Woolf, The Social Circulation of the Past. English Historical Culture 1500–1730, Oxford 2003.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Christine Schneider
S. Benz, Frauenklöster Mitteleuropas (Christine Schneider)
CC-BY 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte
Neuzeit bis 1900
4039677-0 4071432-9
1550-1800
Mitteleuropa (4039677-0), Frauenkloster (4071432-9)
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S. Benz, Frauenklöster Mitteleuropas (Christine Schneider)
In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/benz_schneider
Veröffentlicht am: 11.03.2015 16:30
Zugriff vom: 21.11.2017 11:06
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