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    P. Benedict, H. Daussy, P.-O. Léchot, L’Identité huguenote (Christian Wenzel)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Philip Benedict, Hugues Daussy, Pierre-Olivier Léchot (éd.), L’Identité huguenote. Faire mémoire et écrire l’histoire (XVI e –XXI e siècle), Genève (Librairie Droz) 2014, 660 p., 13 ill. (Publications de l’Association suisse pour l’histoire du Refuge huguenot. Publikationen der Schweizerischen Gesellschaft für Hugenottengeschichte, 9), ISBN 978-2-600-01752-7, CHF 40,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christian Wenzel, Marburg

    Der von Philip Benedict, Hugues Daussy und Pierre-Olivier Léchot herausgegebene Sammelband vereint die Beiträge einer 2010 in Ascona veranstalteten Tagung, die sich mit dem Zusammenhang von Geschichte und Erinnerung im Kontext der Herausbildung und Entwicklung hugenottischer Identität vom 16. bis zum 20. Jahrhundert beschäftigt hat. In ihrer Einleitung zur Thematik setzen die Herausgeber an zwei Beobachtungen zur jüngeren Forschungsentwicklung an, die für sich genommen zunächst banal erscheinen mögen, in Kombination aber deutlich machen, welch innovative und erkenntnisfördernde Perspektive dem hier vorgestellten Sammelband zu Grunde gelegt wurde.

    Zunächst konstatieren die Herausgeber eine zunehmende Popularität von Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang von Geschichte, Erinnerung und Identität beschäftigen; eine Feststellung, die zweifelsohne richtig ist. Ebenso zutreffend ist die zweite Feststellung der Herausgeber, die auf die bereits seit längerem populäre Migrationsgeschichte – nicht nur von Minoritäten – verweist, die sich nicht zuletzt durch die hohe Aktualität der Thematik im modernen Kontext erklären lässt. Die Kombination dieser beiden Forschungsrichtungen entfaltet im Folgenden eine spannende, neue und aktuelle Perspektive auf die hugenottische Geschichte, denn der Exodus der Hugenotten im 17. Jahrhundert und die ihm folgende Herausbildung der weltweiten hugenottischen Diaspora machen die Geschichte hugenottischer Identität zu einem »laboratoire exceptionnel pour l’étude comparative du maintien, de la disparition ou des transformations des différents composants d’une identité sociale« (S. 16). Es ist das erkenntnisleitende Interesse und die folglich sämtlichen Beiträgen zugrunde liegende Fragestellung des Sammelbandes, diesem Zusammenhang von Geschichte und Erinnerung bei der Entstehung und Entwicklung hugenottischer Identität nachzuspüren. Dabei ist der Fokus der Untersuchung, der die Komposition der Beiträge bedingt, ein denkbar breiter: Zeitlich decken die einzelnen Betrachtungen den gesamten Zeitraum hugenottischer Identität von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart ab, geografisch wird neben Frankreich und den europäischen Ländern hugenottischer Zuwanderung auch das außereuropäische »refuge«, namentlich Südafrika, in den Blick genommen.

    Es ist eine inhaltliche Dreiteilung, die dem Band zugrunde liegt, und ihn thematisch binnendifferenziert: Der das Forschungsfeld umreißenden Einleitung von Benedict, Daussy und Léchot folgt der erste Teil, der sich mit hugenottischem Geschichtsbewusstsein und hugenottischer Identität im 16. und 17. Jahrhundert befasst. Im zweiten Teil stehen Geschichtsbewusstsein und Identität in der Diaspora zwischen 1685 und der Gegenwart im Mittelpunkt, während im dritten Teil die Frage von Geschichtsbewusstsein und Identität im Frankreich zwischen 1685 und der Gegenwart thematisiert wird. Es trägt dem naturgemäß begrenzten Raum einer Rezension Rechnung, dass an dieser Stelle nicht sämtliche Beiträge ausführlich gewürdigt werden können. Im Folgenden soll daher jeweils auf einen Beitrag jeder Sektion etwas detaillierter eingegangen werden – ein Vorgehen, dem der Hinweis vorangestellt werden muss, dass sämtliche Beiträge eine im hohen Maße gewinnbringende Lektüre darstellen.

    An eine der Grundfragen hugenottischer Identität im Kontext der Religionskriege rührt Raymond A. Mentzer mit seinem Beitrag »The Social Construction of Early Huguenot Identity« (S. 49–65) im ersten Teil. Ihm geht es um die Frage, wie sich die hugenottische Identität in ihrer Frühphase herausbildete und welche Mechanismen dieser Genese hugenottischer Identität zu Grunde lagen. Mentzer nähert sich dem Problem, was hugenottische Identität zu jener Zeit formte und ausmachte, in dem er der Frage nachgeht, was die Hugenotten zu jener Zeit nicht waren, und, was noch entscheidender ist, nicht sein wollten. In seiner sehr schlüssigen Argumentation fügt er vor allem die Abgrenzungstendenzen zu dem, was von den Hugenotten als katholisch – und damit falsch – wahrgenommen wurde, zum Kernpunkt hugenottischer Identität im mittleren und späten 16. Jahrhundert zusammen. Mentzer zufolge entstand vor allem aus der Abgrenzung zu katholischen Riten und Zeremonien, die durch eigene, modifizierte Riten und Zeremonien ersetzt wurden, so etwas wie eine soziale Identität der Hugenotten. Detailliert stellt sein Argumentationsweg dar, wie sich diese Identität im Sozialen entfaltete, das wiederum vor allem durch die dem Zusammenleben zugrunde liegenden Rituale bestimmt wurde.

    Den engen Zusammenhang von hugenottischer Identität und hugenottischer Historiografie beleuchtet Luc Daireaux im zweiten Teil mit seinem Beitrag »Écrire l’histoire de la révocation de l’édit de Nantes«, dem es um Élie Benoists Geschichte des Edikts von Nantes geht (S. 311–327). Ausgehend von der Intention Benoists, mit seinem Werk der katholischen Darstellung der Revokation eine hugenottische Perspektive gegenüberzustellen, die sich durch »l’implacable vérité des faits« (S. 318) als Maßstab der Darstellung auszeichnen sollte, zeichnet Daireaux das Bild eines hugenottischen Geschichtsschreibers in seiner Methodik und seinen Absichten. Dabei wird die identitätsstiftende Bedeutung von Benoists Werk für die hugenottische Identität deutlich: Einerseits sammelte er Aspekte und Fragmente bestehender hugenottischer Erinnerung, andererseits schuf er durch sein Werk auch so etwas wie eine neue, verschriftlichte Erinnerung als Fluchtpunkt, der dann seinerseits wieder auf die hugenottische Identität einwirkte. Anhand dieses Wechselspiels lässt sich erkennen, inwiefern Erinnerung in Form von Geschichtsschreibung die Herausbildung hugenottischer Identität beeinflusste und welche korrespondierenden Effekte sich hier ausmachen lassen.

    Der protestantischen Erinnerungskultur in Frankreich trägt der dritte Abschnitt Rechnung, in dem sich der Aufsatz von Sarah Scholl zu »Mémoires d’un lieu d’histoire. La SHPF vu au travers de ses commémorations (1877–2002) « verortet. (S. 487–500). Scholl beschreibt die doppelte Rolle der Société de l’histoire du protestantisme français, die ihrer Lesart nach sowohl » lieu de mémoire « als auch » lieu d’histoire « (S. 487) ist. Seit ihrer Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts, im Kontext einer sich professionalisierenden französischen Geschichtswissenschaft, fungiert die SHPF in eben dieser Doppelrolle als Ort der Geschichte und gleichermaßen Ort der Erinnerung, an dem sie aufgrund ihrer reichen Archivbestände hugenottische Erinnerung verwahrt, bereitstellt und ermöglicht, und durch diese Bereitstellung und eigene Publikationstätigkeit wiederum prägend und formend auf den Blick auf die protestantische Geschichte Frankreichs einwirkt.

    Alles in allem bietet »L’Identité huguenote« einen multiperspektivischen Zugang auf den Zusammenhang von Geschichte und Erinnerung im Kontext hugenottischer Identität und erweist sich als ein Gewinn für diese Facette hugenottischer Geschichte. Insbesondere die zeitlich und geografisch breite Verteilung der einzelnen Beiträge führt sowohl diachron als auch synchron zu erhellenden Einblicken in unterschiedliche Probleme hugenottischer Identität und Identitätskonstruktion.

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    PSJ Metadata
    Christian Wenzel
    P. Benedict, H. Daussy, P.-O. Léchot, L’Identité huguenote (Christian Wenzel)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Sozial- und Kulturgeschichte
    20. Jh., 21. Jh., Neuzeit bis 1900
    4018145-5 4026112-8
    1500-2010
    Frankreich (4018145-5), Hugenotten (4026112-8)
    PDF document benedict_wenzel.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    P. Benedict, H. Daussy, P.-O. Léchot, L’Identité huguenote (Christian Wenzel)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/benedict-daussy-lechot_wenzel
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 10:20
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:05
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