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    A. Bellavitis; L. Casella; D. Raines, Construire des liens de famille dans l‘Europe moderne (Pascal Firges)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Anna Bellavitis, Laura Casella, Dorit Raines (dir.), Construire des liens de famille dans l'Europe moderne, Mont-Saint-Aignan (Publications des universités de Rouen et du Havre) 2013, 206 p. (Changer d’époque, 26),
    ISBN 978-2-87775-566-5, EUR 18,00.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Pascal Firges, Paris

    Der Sammelband entstand im Zuge von zwei Studientagen, die 2008 an der Universität Paris-Ouest-Nanterre und 2010 an der Universität Rouen in Kooperation mit der École française de Rome und den Universitäten Udine und Venedig veranstaltet wurden. Die übergreifende Thematik des in sich kohärenten Sammelbandes sind Familienbeziehungen im Europa der Frühen Neuzeit, wobei der italienische Raum besonders stark vertreten ist.

    Das Buch ist in zwei Teile unterteilt. Die vier Beiträge des ersten Teils beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der Eheschließung und mit den dazugehörigen interfamiliären Verhandlungen. Der zweite Teil ist thematisch weiter gefasst, und dessen fünf Beiträge beschäftigen sich mit intergenerationellen Beziehungen und Strategien von Familiennetzwerken.

    Der erste Aufsatz, »L’éphémère voix vivante. Les contrats de mariage dans le sud de l’Allemagne (XIV e –XV e siècles)« (S. 15–33), stammt von Gabriela Signori. Der interessant geschriebene und sorgfältig recherchierte Beitrag untersucht Eheverträge im süddeutschen Raum des 14. und 15. Jahrhunderts. Eheverträge waren damals sehr üblich, allerdings wurden sie nur in rund einem Sechstel der Fälle schriftlich fixiert, weswegen Zeugenaussagen eine wichtige Rolle bei der Rekonstruktion der Eheverabredungen spielten.

    Der Beitrag von Anna Bellavitis (»Mariage, témoins et contrats dans les milieux populaires vénitiens à l’époque moderne«, S. 35–48) konzentriert sich auf die Eheverträge im Handwerksmilieu Venedigs und vor allem mit der sozialen Absicherungsfunktion dieser Verträge. So bestand beispielsweise die Institution der Gegenmitgift ( incontro ) von Seiten des Ehemannes, die zusätzlich zur Mitgift die Ehefrau im Falle ihrer Witwenschaft absichern sollte (S. 39). Dabei ist die Mitgift als ein Kredit anzusehen, »den die Tochter von ihrem Vater fordern kann, der Schwiegersohn vom Schwiegervater und die Witwe von der Familie ihres Ehemannes. Dabei kam es vor […], dass die Mitgift niemals oder nicht vollständig ausgezahlt wurde« (S. 40). Die Mitgift hatte dabei ebenso einen symbolischen wie materiellen Wert. Mitte des 16. Jahrhunderts belief sich die durchschnittliche Mitgift auf das zwanzigfache Jahresgehalt eines Dienstboten, weswegen ärmere Menschen auf Patronage oder die Hilfe wohltätiger Einrichtungen angewiesen waren, um eine Ehe eingehen zu können (S. 41). Schließlich konnten selbst in Gebieten, in denen das römische Recht vorherrschte, Sondervereinbarungen bzw. Eheverträge dazu dienen, Witwen eine bessere soziale Absicherung zu verschaffen als dies rechtlich vorgesehen war. Dies bezieht sich insbesondere auf die Möglichkeit der Restitution der Mitgift (S. 48).

    Élie Haddad präsentiert in seinem Beitrag (»Mariages, coutumes et échanges dans la noblesse française à l’époque moderne«, S. 49–68) das Ergebnis einer Analyse von ca. 130 Eheverträgen aus dem mittleren und höheren französischen Adel zwischen dem zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts und dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts, die sich zum Großteil auf das Gewohnheitsrecht ( coutume ) von Paris beziehen. Dabei wählten einige Ehepaare die coutume de Paris , selbst wenn beide Partner nicht in deren Geltungsbereich lebten (S. 54). Die Beliebtheit des Pariser Gewohnheitsrechts erklärt Haddad u. a. damit, dass es den Ehepartnern einen sehr großen Gestaltungsspielraum in der Ausarbeitung ihrer Eheverträge ermöglichte (S. 62). Darüber hinaus bezweifelt Haddad, dass man im Falle der durch Ehe geschlossenen Familienallianzen im französischen Adel von einem »Austausch von Frauen« im Sinne der klassischen Ethnologie sprechen kann. Gegenstände der Austauschprozesse waren vielmehr symbolische und materielle Güter, Geld und Macht, die über beide Ehepartner, Mann und Frau, im Rahmen einer Familienallianz ausgetauscht wurden (S. 68).

    Der letzte Artikel zum Thema Ehe von Margarith Lanzinger (»Mariages entre parents, l’économie de mariage et le ›bien commun‹. La politique de dispense de l’État dans l’Autriche de l’Ancien Régime finissant«, S. 69–83), setzt sich mit Ehedispensen in der Habsburgermonarchie zur Zeit Josefs II. auseinander. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Österreich deutlich mehr Verwandtenheiraten als in den Jahrhunderten zuvor. Das Ehepatent Josephs II. erlaubte die Ehe zwischen Verwandten ab dem dritten Grad. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit des Dispenses. Die Neuregelung des Eherechts führte zu einer Konkurrenz zwischen Staat und Kirche in Eheangelegenheiten.

    Teil zwei des Sammelbandes beginnt mit einem Beitrag von Eleonora Canepari über die Beziehungen zwischen den Generationen im Handwerksmilieu des frühneuzeitlichen Roms, mit besonderer Berücksichtigung von Erbvorgängen zwischen Menschen, die nicht »in gerader Linie« miteinander verwandt waren (»›In signum amoris et benevolentiae‹. Liens entre générations dans les milieux artisanaux [Rome, 1595–1650]«, S. 87–108). In den von Canepari untersuchten Testamenten aus den Jahren 1595–1650 finden sich in einem Viertel der Nachlässe auch nicht verwandte Erben (S. 88). In der Regel war dies der Fall, wenn die Erblasser keine eigenen Kinder hatten (S. 90). Die Erblasser wollten sehr häufig ihre Erben in konkreten Lebenslagen unterstützen, zum Beispiel indem sie ihnen eine dauerhafte Unterkunft sicherten, ihnen Mittel zur Verfügung stellten, um sich verheiraten zu können, oder indem sie ihnen eine berufliche Ausbildung ermöglichten (S. 99).

    Beatrice Zucca Micheletto (»Femmes, transmission du métier et accès aux corporations dans l’Italie moderne [Turin, XVIII e siècle]. Lumières et ombres des ›liens forts‹«, S. 109–124) untersucht die Frage, welche Rolle »starke Beziehungen« (vor allem Verwandtschaft) für die Ausbildung und den beruflichen Werdegang von Taftweberinnen in Turin im 18. Jahrhundert hatten. Frauen beantragten in der Regel erst dann als Meisterinnen anerkannt zu werden, wenn sie die Leitung des Familienbetriebs übernehmen sollten, d. h. wenn die Eltern oder der Mann gestorben waren oder sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatten (S. 120–122).

    Dorit Raines Beitrag mit dem Titel »Entre rameau et branche. Deux modèles du comportement familial du patriciat vénitien« (S. 125–152) ist eine quantitative Untersuchung über den Erfolg und Misserfolg verschiedener Familienstrategien im venezianischen Patriziat. Dabei erstreckt sich der Untersuchungszeitraum über fünf Jahrhunderte, von der Abschließung des venezianischen Patriziats im späten 13. bis zum Ende der Republik im 18. Jahrhundert.

    José María Imízcoz Beunza beschäftigt sich in einer interessanten Fallstudie mit den Patronagenetzwerken von nordspanischen Provinzadeligen im 18. Jahrhundert, die über Familien- und Freundschaftsbeziehungen erfolgreich jüngere Familienmitglieder aus der Provinz in karriereträchtige Positionen in Spanien und Spanisch-Amerika vermittelten (»D’une génération à l’autre. Réseaux et pratiques familiales de reproduction dans les carrières de la monarchie hispanique au XVIII e siècle«, S. 153–180). Dabei wurden die Söhne der Familie bereits im Kindesalter an Verwandte übergeben, die gute Positionen in Wirtschaft, Verwaltung oder Kirche innehatten. Diese sorgten dann für die Ausbildung und Karriere der Jungen (S. 164). Sollte sich herausstellen, dass einer der jungen Männer der Familie nicht für die ihm zugedachte Karriere geeignet war, suchte man in der Familie eine andere Position für ihn – beispielsweise, indem man ihn auf die Ländereien der Familie zurückholte (S. 167–168). Die Gegenleistungen, die man selbstverständlich von den jungen Männern verlangte, waren zum einen Gehorsam und »gutes Benehmen« und zum anderen die Solidarität mit jüngeren Familienmitgliedern, sobald die ersteren in einflussreiche Positionen gekommen waren (S. 169). Sozialer Druck konnte unter anderem über die älteren Familienmitglieder ausgeübt werden, die in der Regel die Kontrolle über das Kapital der Familie innehatten (S. 171). In extremen Fällen von Ungehorsam konnte ein Familienmitglied verjagt und aus dem Solidaritätsnetzwerk der Familie ausgeschlossen werden (S. 175).

    Der Schlussbeitrag dieses Sammelbands ist eine weitere Fallstudie, diesmal zu dem in Rouen und Paris angesiedelten Bank- und Handelshaus Le Couteulx (»Une aporie de l’historiographie: mobilités et identités sociales bourgeoises. Trois réseaux de l’ascension sociale des Le Couteulx, XVII e –XIX e siècle«, S. 181–202). Richard Flamein zeigt darin, wie über mehrere Generationen hinweg, vom frühen 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Kontrolle über den Betrieb von jeweils den Brüdern einer Generation ausgeübt wurde. Das Familienkapital wurde durch Endogamie zwischen Cousins und Cousinen, die verschiedene Zweige der Familie wieder zusammenführten, zusammengehalten. Auf diese Weise wurden die Le Couteulx zum langlebigsten Pariser Bankhaus des Ancien Régime, welches bis in die Zeit des Empire Bestand hatte (S. 190).

    Zusammenfassend kann der Sammelband als gelungenes Gemeinschaftswerk bezeichnet werden, da die angesprochenen Thematiken zueinander passen und sich ergänzen. Die forschungsnahen Beiträge des Sammelbandes zeichnen sich durchgehend durch ein hohes wissenschaftliches Niveau aus, wie man es sich von vielen vergleichbaren Publikationen mitunter oft vergeblich wünscht.

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    PSJ Metadata
    Pascal Firges
    A. Bellavitis; L. Casella; D. Raines, Construire des liens de famille dans l‘Europe moderne (Pascal Firges)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Hohes Mittelalter (1050-1350), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte
    14. Jh., 15. Jh., Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4013657-7 4133734-7
    1300-1900
    Europa (4015701-5), Eheschließung (4013657-7), Familienbeziehung (4133734-7)
    PDF document bellavitis_firges.doc.pdf — PDF document, 104 KB
    A. Bellavitis; L. Casella; D. Raines, Construire des liens de famille dans l‘Europe moderne (Pascal Firges)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/bellavitis-casella-raines_firges
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 16:30
    Zugriff vom: 21.11.2017 11:06
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