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    A. Becchia, Modernités de l’Ancien Régime (1750–1789) (Johan Lange)

    Francia-Recensio 2015/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Alain Becchia, Modernités de l’Ancien Régime (1750–1789), Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2012, 502 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-2037-0, EUR 22,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Johan Lange, Paris

    Alles neu macht die Französische Revolution? Oder war sie kein so eindeutiger Bruch mit einer alten Ordnung? War sie vielleicht »nur« ein Ereignis, das sich erfolgreich als Chiffre zur Beschreibung von Wandlungsprozessen längerer Dauer etabliert hat, obwohl diese Veränderungen weit früher einsetzten als eine prorevolutionäre Geschichtsschreibung es bisher anerkennen wollte?

    Alain Becchia ist Professor an der Université Savoie Mont Blanc in Chambery und ein Spezialist für die französische Wirtschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund seiner Lehrerfahrung und noch mehr angesichts der von ihm untersuchten Veränderungsprozesse in der Textilwirtschaft des Ancien Régime hat Becchia eine umfangreiche Monografie vorgelegt, die mit dem Vorurteil einer verkrusteten französischen Gesellschaft vor 1789 aufräumen möchte. Zwar nimmt Becchia nicht für sich in Anspruch, eine radikal neue Darstellung vorzulegen, aber so kämpferisch wie der Titel es ankündigt gibt er sich dann doch auf den eng bedruckten 462 Seiten: Weder die Akteure in der Wirtschaft, noch die Schriftsteller und Journalisten und erst recht nicht die königlichen Regierungen mit ihrem Beamtenapparat seien traditionsverhaftet und innovationsfeindlich gewesen. Besonders der sich in seinen Aufgaben ausdifferenzierende Staatsapparat habe im Gegenteil in fast allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv Veränderungen angestoßen. Diese seien in der Mehrzahl am Widerstand der privilegierten Stände und vor allem der parlements gescheitert oder eben nur regional und nicht national umgesetzt worden. Fälschlicherweise seien diese Reformen dann später der Französischen Revolution zugerechnet geworden, nachdem diese den Mut und die (finanzielle) Durchsetzungskraft hatte, die bereits erarbeiteten Pläne landesweit zu realisieren.

    Um die Fülle der Fragestellungen zu ordnen, gliedert Becchia sein Buch in drei Teile. Unter der Überschrift »Les données fondamentales de la démographie et de l’économie« behandelt er in französischer Tradition die Erkenntnisse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Teil zwei bietet unter dem Titel »Effervescences intellectuelles« eine Ideen- und Intellektuellengeschichte des Untersuchungszeitraums. Teil drei mit der Überschrift »Échecs des tentatives de réformes« untersucht dann die staatlicherseits angestoßenen Reformen in den Bereichen der Armee und Marine, des Umgangs mit religiösen Minderheiten, der Gesundheits- und Sozialfürsorge, der Bildung, der politischen Mitsprache der regionalen parlements sowie der Steuern und Staatsfinanzen.

    Das Buch nähert sich dabei deutlich der französischen Gattung des »manuel«, des Lehrbuchs für Studierende, das dem Faktenwissen viel Raum gibt. Unter der Fülle der Beispiele droht die Argumentation unterzugehen. Dem Leser werden so viele Bäume gezeigt, dass er zuweilen die Orientierung im Wald verliert. Dabei unternimmt der Autor eine Neuzusammenstellung bestehender Forschungsergebnisse, was eine Konzentration auf die Argumentationsebene eigentlich favorisiert hätte. Becchia argumentiert nicht direkt anhand von Quellenmaterial, und nicht alle Beispiele unterstützen ohne Ambiguität seine Modernitäts-These: Dass die später zu Berühmtheit gekommene Champagner-Kelterei Piper-Heidsieck bereits 1786 gegründet wurde und sich die Flasche Champagner in Paris für Preise bis zu 8 livres verkaufte, kann als ein Beleg für eine »moderne« Kommerzialisierung des 18. Jahrhunderts interpretiert werden – oder als ein Beispiel für die Luxusproduktion alten Typs im Rahmen der Ständegesellschaft.

    Leider wurde für das Buch auf Anmerkungen verzichtet. Verweise auf die Forschungsliteratur gibt Becchia zuweilen im Text durch namentliche Nennung des Historikers, der die jeweilige These vertreten oder einen Untersuchungsgegenstand besonders gut aufbereitet hat. Die Bibliografie und das Register sind nützlich, wer aber konkret einem Thema nachgehen möchte, ist gezwungen, zunächst eigene Recherchen anzustellen, auf welcher Quellengrundlage der von Becchia benutzte Historiker seine Aussagen erarbeitet hat.

    Doch noch einmal zurück zur fundamentalen These Becchias und seiner Argumentation: Die Akteure der Mobilisierung und ihre geistigen Fürsprecher bilden den Untersuchungsgegenstand des Buches. Für konservative Positionen interessiert sich der Autor nicht. Ein eindringliches Beispiel für diese besondere Perspektivierung bildet die im 18. Jahrhundert mit Vehemenz und europaweit debattierte Frage, ob materieller Wohlstand zu mehr oder weniger Freiheit der Bevölkerung führe. Becchia zeichnet in dieser Auseinandersetzung einseitig die frühen wirtschaftsliberalen Stimmen nach, beginnend mit Voltaires »Lettres anglaises« von 1734. Die französischen Physiokraten, die zwar für den Freihandel, aber gegen die Kolonialwirtschaft waren, werden als einzige Gegner genannt. Die breite Strömung eines republikanischen Denkens, das in übermäßigem Wohlstand grundsätzlich den Keim des Luxus und damit das Ende von Tugend und Moral als Fundament jeder Form von guter Herrschaft sah, wird dagegen nicht erwähnt.

    Ebenfalls absent ist in Becchias Darstellung der Monarch. Wie es zur königlichen Willensbildung kam, bleibt ausgeblendet, wie auch der Hof als Ort der Politik. Ein Kern dessen, was das Ancien Régime ausmacht, bleibt somit unbenannt. Dabei setzt Becchia Regierung und Monarch oftmals gleich. Das Scheitern einer von der Regierung ab 1768 forcierten liberalen Wirtschaftsordnung wird beispielsweise damit erklärt, dass eine ängstliche öffentliche Meinung, die eher nach mehr Regeln und Staatsintervention als nach weniger verlangt habe, bereits ausreichend gewesen sei, »pour contrer le pouvoir royale et empêcher toute évolution« (S. 134). Und so habe das Königtum – trotz zahlreicher Anhänger sowohl einer absolutistischen wie auch einer konstitutionellen Ausrichtung – es nicht verstanden, die eigenen Modernisierungserfolge der Öffentlichkeit als solche zu präsentieren. Die Mängel der nominell monarchischen Ordnung seien eifrig thematisiert, ihre Erfolge aber verschwiegen worden.

    Erst ganz zum Schluss eröffnet Becchia dem Leser en passant sein eigenes wertendes historisches Urteil: Nicht der république der Jahre 1792–1794 und nicht Robespierre dürfen die Modernisierungserfolge zugerechnet werden, die vom Königtum gemeinsam mit einem aufgeklärten Teil des Adels und des Bürgertums realisiert wurden. Das Ancien Régime habe eine Veränderung aller Strukturen erdacht und erprobt, diese aber nicht auf nationaler Ebene umsetzen können. Dies sei erst der Revolution gelungen. Deren Reformen in den Jahren 1789–1791 könne man daher – wenn dies auch paradox klinge – als Erfolge des Ancien Régime und als seine Erfüllung betrachten. Folgt man diesem Argumentationsgang, die von staatlichen Funktionsträgern erdachten und oftmals weitreichend umgesetzten Reformen vor 1789 zu untersuchen, um sie dem Ereignis »Französische Revolution« zu entziehen und dem Ancien Régime zuzuschreiben, so darf man die gewonnenen Erkenntnisse aber nicht für alle Gesellschaftsbereiche verallgemeinern. In Wirtschaft, Wissenschaft und Staatsverwaltung lassen sich zwischen 1750–1789 vielleicht erhebliche Innovationsleistungen feststellen, die den neuen wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wie auch der gewachsenen Steuerungsfähigkeit von gesellschaftlichem Handeln entsprachen. Gleiches gilt aber nicht für die Strukturen der Entscheidungsfindung und -durchsetzung. Die politischen Spielregeln änderten sich erst ab 1789 und das in einem revolutionären Prozess. Im Rahmen des politischen Ancien Régime war es nicht möglich, die massiv gestiegenen finanziellen Kosten eines ausgeweiteten staatlichen Handelns neu zu verteilen. Die akute Finanzierungskrise des Staates ab 1787 war ein Ergebnis der Erstarrung einer Privilegiengesellschaft, die in den Augen einer Bevölkerungsmehrheit ihre traditionale Legitimität verloren hatte, ohne eine neue funktionale Legitimität vorweisen zu können. Für ein ausgewogenes Verständnis der französischen Geschichte 1750–1789 wäre somit ein zweiter Band nötig, der den Titel »Immobilité de l’Ancien Régime« tragen könnte.

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    PSJ Metadata
    Johan Lange
    A. Becchia, Modernités de l’Ancien Régime (1750–1789) (Johan Lange)
    CC-BY 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    18. Jh.
    4018145-5 4274490-8 4129320-4 4077587-2 4059252-2 4066438-7
    1750-1789
    Frankreich (4018145-5), Geistesleben (4274490-8), Politische Reform (4129320-4), Sozialer Wandel (4077587-2), Technischer Fortschritt (4059252-2), Wirtschaftsentwicklung (4066438-7)
    PDF document becchia_lange.doc.pdf — PDF document, 100 KB
    A. Becchia, Modernités de l’Ancien Régime (1750–1789) (Johan Lange)
    In: Francia-Recensio 2015/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: http://www.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2015-1/FN/becchia_lange
    Veröffentlicht am: 11.03.2015 09:00
    Zugriff vom: 25.06.2017 09:02
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